Veröffentlicht von Susanne Stehr-Murmann am Mo., 28. Mär. 2022 09:42 Uhr


Liebe Gemeinde,

 


draußen hält der Frühling Einzug. Das winterliche Nieselregenwetter hat ein Ende gefunden, die ersten Osterglocken blühen schon und die Vögel zwitschern. Manchmal möchte ich einfach nur mein Gesicht in die Sonne halten und glücklich sein. Mich selbst vergessen und alle Sorgen, die mich und viele andere auch umtreiben: den Krieg in der Ukraine, das Leid der Menschen. Doch ich fühle mit ihnen, ich kann die Gedanken nicht beiseiteschieben. Dann bete ich für die Flüchtlinge, für die Zurückgebliebenen in Mariupol und anderen umkämpften Städten, für die Alten, die Familien mit Kindern, die Männer, die nicht ausreisen können. Und dann schließe ich noch Freunde in mein Gebet ein, die an Corona erkrankt sind. Auch die Pandemie ist noch lange nicht ausgestanden, leider.

Wenn die Frühlingssonne auf mein Gesicht fällt, fühle ich mich nicht so leicht, wie früher, zum Beispiel als Kind. Da bin ich einfach losgerannt, nach draußen, über den Rasen und habe Luftsprünge gemacht. Sollte ich einmal hinfallen, wusste ich, ich würde zu meinen Eltern laufen. Ihr Schoß war immer frei, wenn ich Nähe und Trost brauchte. Es tat so gut, getröstet zu werden!

Unser Predigttext verspricht auch uns Trost. Trost haben viele von uns nötig, als Erwachsene noch immer, in belastenden Zeiten besonders. Trost kommt von Gott, der für uns sorgt wie eine gute Mutter oder wie ein guter Vater. Ich lese aus 2 Korinther 1,3-7: (Einheitsübersetzung)

 

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater des Erbarmens und Gott allen Trostes. 4 Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden. 5 Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteilgeworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil. 6 Sind wir aber in Not, so werdet Ihr Trost und Heil empfangen. Werden wir getröstet, so ist es zu eurem Trost; er wird wirksam durch Geduld in den gleichen Leiden, die auch wir erleiden. 7 Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich, denn wir wissen, dass ihr nicht nur an den Leiden teilhabt, sondern auch am Trost.

 

Liebe Gemeinde,

die frühen Christen, an die Paulus schreibt, hatten Trost nötig. Ihre Entscheidung für den christlichen Glauben brachte Konsequenzen mit sich. Gesellschaftlich waren Christ*innen in der Kritik. Dass sich eine neue schnell wachsende Glaubensrichtung formierte, wurde als bedrohlich wahrgenommen, als Angriff auf die bestehenden geistigen, kulturellen Werte und Traditionen. Denn die Christen grenzten sich ab, erklärten die heidnischen Kulte und die damit verbundenen vertrauten Lebensformen für nichtig. Wie Menschen in einem Gekreuzigten den Sohn Gottes sehen konnten, verstanden vielen Zeitgenossen nicht. Manchmal tolerierten Verwandte und Freunde die Entscheidung für den christlichen Glauben nicht. Einige Christen erlitten schlimme Gewalt. In seinen Korintherbriefen schreibt Paulus von einer brenzligen Situation in der Provinz Asien, als sie schon geglaubt hatten, zum Tode verurteilt zu sein (2 Korinther1,8-11). Einmal gesteht Paulus sogar seine Todessehnsucht nach der himmlischen Heimat angesichts der Bedrohungen, die er erlebt. Zugleich erfährt er Kraft und Trost aus dem Glauben. (2 Korinther 5).

 

Auch vielen von uns täte Trost gut, aber für die meisten von uns ist die Situation eine andere. Nicht weil wir Christ*innen sind, erleben wir Leid mit. Meist sind es andere Gründe: individuelle Sorgen, eine Krankheit, ein Krieg. Von der Gewalt des Krieges sind wir in Deutschland nicht unmittelbar betroffen, jedenfalls nicht so wie die Menschen in der Ukraine. Trotzdem haben viele von uns die Bilder aus den Nachrichten noch abends beim Einschlafen vor Augen. Da bringen Menschen andere Menschen um. Kaum fassbar.

 

Paulus schreibt, die Leiden Christi seien ihnen überreich zuteil geworden. Jesus wusste, was es heißt, wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht. Elend und Leid waren ihm nicht fremd. Er selbst wurde unschuldig hingerichtet. Doch Jesus Christus lebt. Ich glaube fest, er leidet und fühlt mit denen mit, die heute Gewalt erfahren. Paulus schreibt, durch ihn sollen wir Menschen getröstet werden. Das wird kein billiger Trost sein. Sondern Trost, der von den Abgründen menschlicher Schicksale weiß. Trost, der mit aushält, nicht allein lässt.

 

Während des zweiten Weltkriegs gab es einen Song, der Soldatenmüttern in den USA Trost gab: You´ll never walk alone. Heute ist das Lied vor allem als Stadionhymne des Fußballclubs FC Liverpool bekannt, in der Coverversion der Beatgruppe Gerry and the Peacemakers. Doch ursprünglich stammt das Lied aus einem Musical mit dem Titel „Carousel“, das 1945 am Ney Yorker Broadway Premiere feierte. Unter den Zuschauern saßen Frauen, deren Söhne, Ehemänner und Brüder in Europa gegen das NS- Regime kämpften. Die Frauen wussten nicht, ob sie ihre Lieben wieder lebendig in die Arme würden schließen können. In ihrer Verzweiflung ließen sie sich berühren von der Story, die das Musical erzählt, vom Silberstreif am Horizont, der dort vor Augen gemalt wird, auch angesichts großer Schicksalsschläge: Das Broadway-Musical handelt von Julie, einer jungen Frau. Sie trauert um ihren Freund Billy. Der hat sich nach einem missglückten Raubüberfall das Leben genommen. Doch Julie ist schwanger. Sie verzweifelt. Um sie zu trösten und zu ermutigen, singt ihr Cousin ihr das Lied vor mit dem Titel You´ll never walk alone – Du wirst nie allein gehen. Im Verlauf der Handlung wird der Song noch ein zweites Mal gespielt. Julies Kind, eine Tochter, Louise, ist hier schon Jugendliche. Verfolgt vom schlechten Ruf ihres verstorbenen Vaters als Verbrecher ist sie einsam und ohne Freunde. Der verstorbene Vater Billy erhält die Chance, ein einziges Mal auf die Erde zurückzukehren. Mit Hilfe eines himmlischen Beistands gelingt es ihm, seiner Tochter wieder Mut zu machen. So geht sie wieder zur Schule und schafft den Abschluss. Bei der Graduation-Feier erklingt noch einmal das Lied You´ll never walk alone – Du wirst nie allein gehen!“

Im Publikum des Musicals kamen den Frauen die Tränen. Als wäre der Text auch für sie und ihre Söhne an der Front geschrieben, so sprachen die Worte ihnen aus dem Herzen.

Liebe Gemeinde, auch wir wollen nun einen Moment innehalten und der Melodie des Songs lauschen. Auf dem Gottesdienstblatt können Sie den Text auf Englisch und in deutscher Übersetzung mitlesen.

 

  • Wenn Sie diese Predigt zu Hause lesen, haben Sie vielleicht die Möglichkeit, an dieser Stelle You´ll never walk alone bei You Tube zu hören? -

 

Wenn du durch einen Sturm gehst,

dann halte deinen Kopf hoch erhoben

und hab keine Angst vor der Dunkelheit. (…)

Geh weiter durch den Wind.

Geh weiter durch den Regen. (…)

Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen

und du wirst nie alleine gehen

 

Wer geht mit?

Wenn dieses Lied im Liverpooler Fußballstadion gesungen wird, denken die Fußballfans an den Zusammenhalt für ihren Club oder den Teamgeist der Mannschaft.

Für die junge schwangere Frau Julie aus dem Musical „Carousel“ ist es ihr Cousin, der sie nach dem Tod ihres Freundes tröstet.

Ihre Tochter Louise wird von ihrem verstorbenen Vater begleitet, der sie liebt, auch wenn er nur einen Tag für sie sichtbar wird.

 

Wenn du im Leben durch einen Sturm gehst, wer geht mit dir oder geht mit Ihnen? Ein guter Freund, die Nachbarin, der Patenonkel, der Partner oder jemand aus der Gemeinde? Wer begleitet Sie in Gedanken, vielleicht ohne dass Sie es merken? Wer kann Ihnen das Gefühl von Trost geben?

Wenige Tage nach Kriegsbeginn in der Ukraine empfand ich es als sehr bewegend und tröstlich, gemeinsam mit vielen anderen beim Weltgebetstagsgottesdienst für den Frieden zu beten. Überall auf der Welt haben Frauen und Männer mit den gleichen Worten zu Gott gerufen, auch in der Ukraine, in Kirchen, Wohnungen und Luftschutzbunkern. Übrigens auch in Russland haben Menschen mitgesprochen. Während wir beteten, spürte ich eine tiefe Zuversicht.

 

Wer geht mit durch den Sturm? Paulus schreibt von Gott: Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden. Anders gesagt: You´ll never walk alone. Du wirst nie allein gehen. Gott geht mit. Weil er dir Trost und Kraft schenkt, kannst du auch trösten, denen es nicht gut geht.

Der Song You´ll never walk alone erinnert an einen modernen Psalm. Wer derjenige ist, der mitgeht durch den Sturm des Lebens, wird aber offengelassen. Es ist jedem selbst überlassen, den Platzhalter zu füllen, an einen anderen Menschen zu denken oder an Gott.

 

Der Song ist das Lied derer, die wissen, wie Schicksalsschläge schmecken und die mit Niederlagen rechnen. Dabei denke ich an Schwerwiegenderes als ein verlorenes Fußballspiel des FC Liverpool. Vielleicht bin ich schlicht zu wenig fußballbegeistert, um die Tragödie eines verpatzten Spiels in seiner Tiefe nachfühlen zu können. Auch mit pseudoreligiös aufgeladenen Gesängen im Fußballstadion kann ich wenig anfangen. Doch bei dem Song schwingt mehr mit als Fußballeuphorie und Mannschaftsgeist: You´ll never walk alone - Das Lied hat das Potential in echten Krisen Trost zu spenden. Im April 1989 kam es in Sheffield zum schlimmsten Stadionunglück Europas. Fast 100 Anhänger der Liverpooler „Reds“ verloren bei einer Massenpanik ihr Leben. Menschen waren tief erschüttert. Das Lied You´ll never walk alone verlieh ihrer Trauer Worte. Es wurde ihnen zum Gebet.

 

Bis heute spricht die Botschaft des Songs Menschen an, auch in der Coronapandemie. Als im März 2020 viele Menschen aus Angst vor dem neuartigen Virus zu Hause saßen, Kitas und Schulen geschlossen waren und keiner wusste, wie es weitergehen sollte, spielten zahlreiche europäische Radiostationen das Stück gleichzeitig in ihren Programmen. Im Sommer 2021 startete rund um den Song ein NDR Gesangsprojekt. Schüler*innen, Pflegekräfte eines Krankenhauses, Postboten, Straßenbahnschaffner waren beteiligt und sangen gemeinsam You´ll never walk alone. Mit der Musik verarbeiteten sie ihre belastenden Erfahrungen der Pandemie und machten sich gegenseitig Mut. Auch Paulus weiß: Wer sich selbst getröstet fühlt, hat die Kraft, auch andere zu trösten. Eine große Quelle des Trostes ist uns Gott. Aus diesem Trost erwachsen wieder Mut und Hoffnung.

 

Oft staune ich über den Mut der Menschen in der Ukraine, wie sie zusammenhalten, füreinander eintreten, füreinander beten, an den Frieden glauben, nach dem sie sich sehnen. Und auch in Russland wünschen sich Menschen den Frieden. Hier wie dort sorgen sich Familien um das Leben ihrer Liebsten. Schon habe ich wieder die Verse des Songs im Kopf:

 

„Hab keine Angst vor der Dunkelheit

Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel.“

 

Das werden wir zu Ostern wieder feiern, hier in dieser Kirche, wie das Licht des anbrechenden Morgens die Nacht ablöst. Wir werden uns an das Osterwunder erinnern, wie Gott den Tod besiegt hat durch das Leben. Die Kraft der Auferstehung ist stärker als alles Lebensfeindliche. Genauso kann auch die Kraft des Gebets nicht mit Panzern oder Raketen zerstört werden.

 

„Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen

und du wirst nie alleine gehen“, so endet der Song.

 

Irgendwie muss es weiter gehen. Und ich denke, wie gut ich es eigentlich habe. Aktuell muss ich nicht um mein Leben fürchten. Ich bin nicht auf der Flucht, sondern sitze beim Nachdenken über die Predigt zu Hause im Garten. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Der Frühling bricht an. Von Corona bin ich verschont geblieben bis jetzt. Wer bin ich, dass ich klagen sollte?

 

Wenn ich Nachrichten schaue, jammert es mich um die Menschen, denen es wirklich schlecht geht, die geflohen sind oder die unmittelbar unter der Kriegsgewalt leiden. Dann tut es gut zu wissen: Gott schenkt Trost. Mir. Und ganz gewiss denen, die den Trost noch dringender brauchen. Gott ist wie eine fürsorgliche Mutter oder ein liebevoller Vater im Himmel. Er streicht mit der Frühlingssonne übers Gesicht. Er schenkt Menschen das Gefühl, wie ein Kind zu sein, für das der Schoß frei ist, frei um tröstende Nähe zu schenken. Amen.

 

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

 

 

Kategorien Neues aus der Gemeinde