Veröffentlicht am Mo., 21. Mär. 2022 09:15 Uhr

Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf. Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land. 

Lukas 7, 11-17

Liebe Gemeinde,

habt Ihr, haben Sie die Geschichte noch vor Augen, im Ohr, wie sich vor der Stadt Nain, vor dem Stadttor zwei Gruppen begegnen – aufeinander zugehen? Der eine Zug folgt einer Bahre mit einem toten Jungen – ganz nahe ihm die Mutter – und dann die anderen – aus welchen Motiven auch immer begleiten sie die Mutter– ein Trauerzug, der den Tod im Leben anerkennen muss.

Diesem Zug tritt Jesus entgegen. Warum? Es heißt, die Witwe jammerte Jesus. Heutige Übersetzungen sagen: er hatte Mitleid mit ihr. Das griechische Wort kann auch mit: „ er hatte Erbarmen mit ihr“ übersetzt werden, so wie der Samariter sich erbarmte über den unter die Räuber gefallenen Mann auf dem Weg nach Jericho. Erbarmen heißt: sich bis ins Innere ergreifen lassen und das Leid der anderen wenden helfen.

So unterbricht Jesus seinen Weg, bleibt stehen, sagt: „weine nicht“, zu der Mutter und zu dem Jungen „steh auf“.

Ich will es ehrlich sagen: ich verstehe diese Geschichte als Symbolgeschichte. Unter dieser für unsere Augen sichtbaren Geschichte gibt es andere Ebenen des inneren Erlebens. Da mag es doch wohl auch um die Beziehung zwischen Mutter und Sohn gegangen sein. Er war ihr einziger. Wie viel Liebe und Einengung war da wohl, was der Sohn zu erfüllen hatte? Und es mag ja auch für eine Tochter gelten.

Schlussendlich hatten sie sich verloren – zerbrochen. Ihre Beziehung war an ein Ende gekommen. Tot. Sprachlos. Getrennt. Vom Leben abgeschnitten der Junge.

Jesus sieht, und hat Erbarmen. Ein Wunder, ein großes Wunder, dass er den Jungen so berühren kann, dass er ins Leben zurückfindet, so berühren  kann - zunächst außen, den Sarg, dann das  innere des Jungen, zu seinem Herzen findet, dass er aufstehen kann – seiner Mutter gegenüber treten kann – und reden kann. Ich denke mir: viele Gespräche haben sie fortan geführt. Und es wurde eine lebendige, lebensspendende Beziehung. Sie ist sicher auch in Zukunft nicht vollkommen, aber ausreichend und gut genug.

Denn das denke ich mir auch und stelle es mir vor: dass sie sehr verändert aus dieser Krise hervorgegangen sind. Dass sie behutsamer miteinander umgegangen sind, verständnisvoller füreinander, dass sie aufeinander gehört und zueinander gesprochen haben.

Und dass sie verständnisvoller für andere und ihre Lebensgeschichten und Erlebnisse geworden sind. Dass diese Wunde in ihrem Leben zu einer Narbe geworden ist, die sie fürs Leben reich an Verstehen, Demut und Erbarmen; die sie in diesem Sinne schön gemacht hat im Leben.

Diese Geschichte aus Nain ist für mich eine biblische Beispielgeschichte für die Karte geworden, die wir nun gemeinsam anschauen wollen. - Wir sehen ein Gefäß, das zersprungen war, und aus den Einzelteilen wieder zusammengefügt worden ist. 

Was mag mit diesem Gefäß geschehen sein? Ist es in die Brüche gegangen – aus Unachtsamkeit, aus Versehen, aus Wut auf die Erde geschmissen, von Bomben getroffen, von der Flut zerstört...viele, viele Ursachen kann es geben.

Und dann war da jemand, der oder die, hat die Einzelteile gesammelt, gesucht und wieder zusammengefügt – so gut es ging.

Und wenn wir die Karte umdrehen, sehen wir eine japanische Weise, zerbrochenes Porzellan so zusammenzufügen, dass die Risse durch Goldstaub hervorgehoben werden und nicht versucht wird, sie unsichtbar zu machen.

Kintsugi – heißt diese Technik, die den Verlust, die Beschädigung, die Erinnerung sichtbar macht. So wird dieses Gefäß in besonderer Weise kostbar. Mich hat diese japanische Weise sehr berührt. Wir sind ja eher so geprägt, dass wir Risse und Brüche möglichst so reparieren, dass wir möglichst wenig noch von diesen Rissen sehen.

So ist es mit Gegenständen – so ist es mehr oder weniger auch in unserem Leben. Unsere Brüche im Leben – Enttäuschungen, Schuld, Scham, Verletzungen – all diese Erlebnisse und Gefühle – diese Wunden möchten wir eher verbergen, unsichtbar machen, als wären sie nicht geschehen.

Aber ich glaube – wenn wir uns in rechter Weise – in geschützten Räumen und Begegnungen uns unsere Wunden zeigen, sie sichtbar machen, dann entsteht Leben – sich gegenseitig verstehen, Erbarmen geben und erfahren.

Ich glaube: das gilt für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, und für die Beziehungen zwischen den Völkern. Jede Völkerverständigung beginnt mit der Erzählung der eigenen Verwundungen. 

Bei einem katholischen Theologen habe ich den Satz gelesen: Unsere Wunden sind das Wertvollste, was wir zu schenken haben. Amen



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