Veröffentlicht von Susanne Stehr-Murmann am Mo., 14. Mär. 2022 09:16 Uhr

Predigt zum Mitnehmen vom 13. März 2022 – zu „Der Garten Gethsemane“ (Matthäus-Evangelium, 26. Kapitel, die Verse 36-46)

 

„Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.

Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!

Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;

doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!

Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus:

Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!

Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.

Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen:

Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.“

 

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister

 

Es ist Nacht. Nicht die Nacht der Ruhe. Es ist die Nacht der Entscheidung, ein Mensch ringt mit sich. Nicht irgendetwas entscheiden. Die Nacht, in der sich ein Leben entscheidet. Nichts weniger. Ein Mensch fragt sich: bleibe ich? Gehe ich? Was wird passieren, wenn ich mich so oder so entscheide? Entscheiden heißt scheiden, es gibt keinen Mittelweg, keinen Kompromiss, den wir oft im Leben finden. In dieser Nacht geht es um Leben und Tod.

Der Mensch ist Jesus von Nazareth. Heiler, Tröster, Segnender, Prophet, vor allem: zutiefst Liebenden. Die Liebe Gottes, den er zärtlich „Mein Vater“ nennt, teilt er aus. Ein in der Fülle Gottes Lebender und Gebender.

Jetzt wird ihm die größte Entscheidung seines Lebens abverlangt. Er hat sie nicht gesucht. Der nahende Verrat spitzt sie zu. Wir hören Stimmen in ihm:

„Bleibe ich auf meinem Weg, dann gehe ich in den nahen Tod. Ich ahne es nicht nur. Ich weiß es. Gehe ich, dann entgehe ich dem Sterben und verlasse den Weg, der mir bestimmt ist.“

Was soll er tun? Nach den Jahren, die er unterwegs war? Unterwegs mit Frauen und Männern, die ihm folgen und vertrauen, die Gottes Liebe so vielfältig durch ihn und miteinander erfahren haben.

Ihnen und vielen hat er zugerufen: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erfreuen. Euch Liebe schenken, die ich selbst empfangen habe.

Doch jetzt ist Nacht. Jetzt kann er niemanden erfreuen. Er sucht Gottes Nähe und will nicht allein sein. Nicht ganz allein. Petrus, Johannes, Jakobus, sie nimmt er im Garten mit. Er zeigt ihnen sein schweres Herz, so haben sie ihn noch nie erlebt, ihren Meister. Er, der so ganz für andere da ist. Er sagt „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ Seid in meiner Nähe, bleibt mit mir wach.

Was soll er tun? Im Gebet spricht er sich aus. Er will den bitteren Kelch nicht trinken, den Kelch - das weiß er - der Qual und Sterben bedeuten wird. Zugleich erinnert sich Jesus an die Gebetsworte, die er anderen ans Herz gelegt hat. „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe.“

Qualvolle Stunden durchlebt er. Immer wieder spricht er aus: Ich will nicht, doch Deinen Willen bin ich bereit zu tun.

Vielleicht zeichnet sich für Jesus allmählich ab, was dieser Wille Gottes für ihn ist. „Dein Reich komme.“ Das war, das ist seine Botschaft, die er empfangen hat.

Gottes Wille für Jesus, den wir Sohn Gottes nennen, ist es, dem Weg der Liebe, der Hingabe zu folgen.

Jesus bleibt dabei, dass Gottes Reich nicht mit dem Schwert, sondern durch die Liebe wächst. Er entscheidet sich, verletzlich zu bleiben, sich nicht zu wehren. In seinem Prozess schweigt er. Drei Worte von ihm reichen, ihn zu verurteilen „Du sagst es.“

Er weicht nicht vor denen, die Gott und Menschen in Gesetzen, in Vorschriften festhalten. Die meinen, so klar zu wissen, was Gottes Wille ist. Die meinen, dass Nächstenliebe nicht allen gelte, schon gar nicht Feinden. Für die Macht wichtiger ist als Recht und Gerechtigkeit.

Im Garten Gethsemane zeigt sich uns die tiefe Menschlichkeit Jesu, unseres Bruders. Der ängstliche, der verlassene, der einsame Jesus. Doch zugleich erwächst genau daraus im Gebet der große Mut, den Jesus für seinen Weg braucht.

Vielleicht erging es Jesus im Garten so, wie wir es mit Worten Dietrich Bonhoeffers vorhin bekannt haben: „Gott will so viel Widerstandskraft geben, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Darauf dürfen wir bis heute vertrauen. Jesu Vater ist auch unser Gott.

 

Wir ahnen nur, wie viele Menschen derzeit wie Jesus vor gleichen Fragen stehen:

bleiben, aushalten, in großer Gefahr sein, kämpfen?

Oder fliehen, alles zurücklassen, in großer Gefahr sein, weg von der Heimat?

Wie grausam, zu solchen Entscheidungen gezwungen zu sein. Nicht zu wissen, was richtig, was weniger schlimm ist. Niemand will in so etwas geraten. So etwas entscheiden zu müssen, was im Zweifel über Leben und Tod geht.

 

Liebe Geschwister,

Dieser Krieg zwingt auch unser Land dazu, uns zu entscheiden. Manche wurden von der Regierung bereits getroffen. Andere werden folgen. Mit großen Auswirkungen auf uns, von denen wir manche nur erahnen. Ob alles, was entschieden ist und werden wird, am Ende gut ist? Das weiß man nie im Augenblick der Beschlüsse. Was wir von denen, die wir gewählt haben, erwarten dürfen, ist, dass es verantwortliche und abwägende Entscheidungen sind.

Diese Krise des Kriegs, die Krise der Klimaveränderungen, die Krise, in die uns unsere Lebensmodelle des stetigen Wachstums führen:

Wir kommen nicht darum herum, etwas zu verändern, wenn wir da herauskommen möchten. Für uns und kommende Generationen.

Beim Blick auf mich, auf uns denke ich zugleich: sind wir nicht die Jünger, die schlafen, wo sie wach und wachsam sein sollten? Sind wir nicht die, deren Geist willig, deren Fleisch schwach ist? Wollen wir weiter schlafen und ruhen?

 

Auf keinen Fall sollten wir leichtsinnig sagen: natürlich sind wir zum Verzicht bereit, sind wir bereit für weniger Komfort, geringeren Wohlstand, weniger nehmen, mehr geben. Sind wir bereit, unsere demokratischen Überzeugungen zu verteidigen. Sind wir bereit für Humanität zu kämpfen.

Wirklicher Verzicht wird uns weh tun und niemand kann uns sagen, dass es dadurch besser wird. Die Entscheidungen liegen immer wieder bei uns. Nicht allein bei uns als Einzelne, auch als Mitglieder von Familien, Gruppen, Gemeinschaften, Städten, Ländern, von Gesellschaften sind wir gefragt.

Ich spreche deshalb heute bewusst von Opfer, ein umstrittener Begriff, zurecht umstritten. Doch Jesus war bereit für seine Überzeugungen, für das Reich der Liebe, Opfer zu bringen, sogar das größte, das man geben kann: das eigene Leben. Mir scheint es passend, wenn wir uns durch Jesu Weg der Hingabe hinterfragen lassen, uns nicht verschließen vor der Passion, dem Leiden und zugleich der Leidenschaft.

 

Opfer zu bringen ist keine Qualität an sich. Viel zu viele Opfer wurden und werden von Menschen gebracht oder verlangt für Falsches. Wir sollten uns prüfen: Wofür bin ich bereit, etwas zu opfern? Für etwas, das dem Leben dient? Dessen Quelle letztlich die Liebe ist?

Opfer zu bringen ist etwas völlig anderes als Opfer zu sein. Wenn ich zum Verzicht oder zu Taten bereit bin, die wirklich etwas von mir verlangen; die mich mehr kosten als ich will. Dann macht mich das nicht zum Opfer. Im Gegenteil. Ich entscheide selbstbestimmt, ich folge meinem Gewissen, meinen Werten, meinem Gott. Ist meine Entscheidung nicht freiwillig, dann ist sie kein Opfer.

Und das macht uns als Evangelische, als Protestantinnen und Protestanten an dieser Stelle aus: das es im Glauben und in der Nachfolge Jesu nicht um Mehrheits-, sondern um Gewissensentscheidungen geht.

Sie reifen im guten Gespräch miteinander, im gewissenhaften Abwägen, im Hören auf das Evangelium, durch Glaubenserfahrung, durch selbstkritisches Denken und Tun, im Gebet.

Am Ende befreit uns niemand davon, selbst zu entscheiden, was wir zu geben und zu lassen bereit sind. Ob wir den Mut finden, Opfer mit offenem Ausgang zu bringen, wenn wir erkennen, was von uns verlangt ist.

Ob unser Bekenntnis mehr ist als ein Lippenbekenntnis, ob „Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ (D. Bonhoeffer) Amen

 

                                                                                                                                                                                                                                    

                                 Pastor Claus Nungesser

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