Veröffentlicht von Susanne Stehr-Murmann am Mo., 7. Mär. 2022 09:44 Uhr

 

 

 


Liebe Gemeinde,

 

vorn auf dem Icon sehen Sie ein Foto von einer Bronzeskulptur: Ein Mann, gebeugt vor Trauer, wischt sich mit einem Taschentuch Tränen von der Wange. Er wirkt auf mich, als hätte er schon viel gesehen in seinem Leben, als sei er ein gestandener älterer Herr. 60 oder 70 Jahre mag er alt sein. Er sieht aus wie jemand, der eigentlich nicht nahe am Wasser gebaut ist. Doch nun weint er. Seine Gefühle übermannen ihn und er lässt es zu. Er erlebt eine Ausnahmesituation.

 

Was ist es, das ihn umtreibt? Die Skulptur des Mannes von Sigfried Neuhausen befindet sich am Eingang des Osterholzer Friedhofs bei der Ludwig-Roselius-Allee. Der Standort legt nahe, dass der Mann um einen lieben Menschen trauert. Um ihn herum sind noch andere versammelt, die ebenfalls von dem zu ihren Füßen liegenden Verstorbenen Abschied nehmen. Der Tote hat dem Mann viel bedeutet. War er ein alter Freund aus Kindertagen, mit dem er zusammen die Schulbank drückte? Ein Kamerad aus dem Verein, ein Mitstreiter aus der Kirchengemeinde oder ein eng vertrauter Nachbar? Womöglich war dem Todesfall eine Zeit der Krankheit vorausgegangen. Ob der trauernde Mann den Verstorbenen in seinen letzten Monaten und Wochen noch hatte sehen können? Der Mann hat für seinen Freund gehofft und gebetet. Am Grab steht unausgesprochen die Frage im Raum: War alles vergeblich?

 

Dass Gottes Gnade nicht vergeblich sein möge, darum geht es in unserem heutigen Predigttext. Paulus spricht zu Menschen, die ebenfalls die Sorge um das Leben ihrer Mitbrüder kennen, von denen manche vermutlich auch Abschiede erleben mussten. Ich lese aus dem 2. Korintherbrief aus Kapitel 6 die Verse 1-10:

 

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

 

Paulus schreibt an die griechischsprachigen Christgläubigen in Korinth. Obwohl manche noch Zeitzeugen von Jesus waren, waren sie ihm nicht selbst begegnet. Aber vielleicht hatten sie in ihrer Stadt Menschen getroffen, die Jesus noch selbst gekannt hatten. Mit Sicherheit hatten sie von seinen Jüngern gehört, wie sie zunächst unter dem Kreuz um Jesus getrauert hatten, bis sie wenige Tage später dem Auferstandenen begegneten. Der Osterjubel hatte die Trauer abgelöst. Sie seien „die Traurigen, aber allezeit fröhlich“, schreibt Paulus. Ja, dass Trauer und Freude eng beieinander liegen, das erfahren sie im Glauben immer noch. Paulus schreibt vom „Dienst“. Paulus gründete als Missionar in griechischen Städten am Mittelmeer erste christliche Gemeinden. Er hatte viele Begegnungen mit Menschen, die ihn bereicherten, aber es gab auch Streit. Manchmal wurde es für Paulus und seine Mitstreiter gefährlich, denn die frühen Christgläubigen hatten starke Gegner. An anderen Stellen in seinen Korintherbriefen schreibt Paulus von einer brenzligen Situation in der Provinz Asien, als sie schon glaubten, zum Tode verurteilt zu sein (2 Korinther1,8-11). Einmal gesteht er sogar seine Todessehnsucht nach der himmlischen Heimat angesichts der vielen Mühen und Beschwernisse, die er erlebt. Zugleich erfährt er Kraft aus dem Glauben an eine mit Gott versöhnte Welt. (2 Korinther 5) Diese Zeit, schreibt er, bricht jetzt an. „Jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ heißt es in unserem Predigttext. Jetzt ist nicht die Zeit aufzugeben. Paulus´ Leben ist noch nicht zu Ende. Sein Weg mit Gott geht weiter.

 

Auch der Weg des trauernden Mannes von unserem Gottesdienstblatt geht weiter. Er befindet sich an der Schwelle des Friedhofs. Nach der Beerdigung, so suggeriert der Ort, wird er seine Schritte wieder zur Ludwig- Roselius-Allee und auf den Heimweg in seinen Alltag bewegen. Dann werden die Tränen vorerst getrocknet sein, auch wenn ihn die Trauer noch länger begleiten wird. Je länger ich den Mann betrachte, wirkt er auf mich zwar gebeugt, aber nicht verzweifelt. Er ist nicht allein, so als umgäbe ihn ein unsichtbarer Tröster. Dicht vor ihm stehen noch zwei andere Männer in enger Umarmung, vielleicht seine Freunde. Sein Mantel hüllt ihn warm ein, er hält das Taschentuch für die Tränen. Das Licht des Himmels streichelt sanft seinen Kopf, als werde er unsichtbar berührt. Ob er an Gott denkt in diesem Moment? Vielleicht tröstet ihn der Gedanke an das ewige Leben und an ein mögliches Wiedersehen in Gottes Ewigkeit. Paulus schreibt, so erweisen wir uns als Diener Gottes:

 

„…als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“

 

Ich stelle mir vor: Der trauernde Mann steckt sein Taschentuch in die Manteltasche. Sein Leben geht weiter. Ohne seinen Freund wird es anders sein. Ihre Gespräche von früher, er wird sie vermissen. Weißt du noch? Sie sind damals durch Dick und Dünn gegangen. Ihre Freundschaft hielt ein ganzes Leben. Im Verein und in der Gemeinde haben sie sich gemeinsam bemüht, etwas Sinnvolles zu tun, anderen ein Stück ihrer Zeit zu schenken. Gute Jahre haben sie zusammen erlebt, denkt der Mann dankbar. Ihre tragfähige Verbindung lehrte ihn auch den wahren Wert von Freundschaft. Diese Erfahrung bleibt, auch wenn der Freund jetzt nicht mehr da ist.

 

Manches davon, was eine gute Freundschaft ausmacht, kennzeichnet für Paulus auch ein christliches Leben, z.B. „große Geduld“, „Mühen“, „Lauterkeit“, „Langmut“, „Freundlichkeit“, „Liebe“, „ Wort(e) der Wahrheit“, also Ehrlichkeit. In der christlichen Gemeinde sind wir nicht alle untereinander befreundet. Aber wir sind Schwestern und Brüder im Glauben. Da gibt es durchaus Parallelen zu einer Freundschaft, zum Beispiel, wenn jemand Anteil nimmt, wenn jemand Hilfe anbietet, wenn jemand einen Kranken besucht oder anruft, wenn gemeinsam an Verstorbene gedacht wird. Lasten tragen zu helfen und sich mitzufreuen, wenn es jemandem wieder besser geht… Da kommt mir die Formulierung von Paulus in den Sinn: wir „als die Traurigen, aber allezeit fröhlich.“ Freude und Schmerz durchdringen sich.

 

Ich stelle mir weiter vor: Der Mann im Lodenmantel schnäuzt noch ein letztes Mal die Nase. Er blickt auf die Uhr. Schon so spät! Er muss los. Er hat der Tochter versprochen, auf seinen Enkel aufzupassen. Gleich muss er gedanklich umschalten: von Trauer auf Trubel. Vielleicht wird der Kleine merken, dass der Opa heute nachdenklicher ist als sonst. Dann wird er ihm erzählen, dass sein Freund gestorben ist und dass er hofft, dass der jetzt bei Gott ist. Auch wie er auf dem Friedhof für ihn gebetet hat, soviel versteht der Kleine schon. Er könnte ihm dabei gleich ein paar positive Werte vermitteln. Das gehört für den Mann auch zu seinem christlichen Glauben dazu.

Hoffentlich wird der Kleine später auch einmal gute Freunde haben, hoffentlich wird er in einer Welt alt werden, in der er Friede und Freiheit erfährt! Wie wünscht er sich für seinen Enkel, dass er später mit Gottvertrauen in sein Leben geht, dass er auch in schwierigen Zeiten Halt findet.

 

Paulus schreibt von „Bedrängnissen, Nöten und Ängsten“. Ja, die gibt es leider auch im Leben. Dieser Tage erfahren Menschen durch den Kriegsausbruch in der Ukraine unsägliches Leid. Die Auswirkungen werden wir alle spüren. In der Krise werden auch wir als Kirche gefragt sein. Ob wir als Kirche Menschen Halt bieten können, danach werden wir in der Gesellschaft beurteilt werden. Vieles können wir tun: Beten für den Frieden, wie wir es nachher bei den Fürbitten gemeinsam tun werden. Wir können Geld spenden, uns an Hilfspaketen beteiligen und sehr bald könnte es an uns sein, viele Flüchtlinge auch in der Neuen Vahr willkommen zu heißen.

 

Angesichts der schrecklichen Bilder aus dem Kriegsgebiet fühlen sich viele Menschen ohnmächtig, unendlich traurig und niedergedrückt. Gefühle, wie sie auch durch die Körperhaltung des trauernden Bronzemannes ausgedrückt werden. „Werden unsere Anstrengungen nicht doch vergeblich sein?“ fragen manche Menschen. „Was kann ich allein schon ausrichten? Wird es nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein angesichts unvorstellbaren Leids?“ Ich glaube, Paulus würde mit Worten unseres Predigttextes sagen: Nein, ihr werdet Gottes Gnade nicht vergeblich empfangen haben. Wenn ihr euch einsetzt, wenn Ihr betet, dann tut ihr diesen Dienst in Gottes Namen. Wenn ihr Lasten mittragt, Freundschaften lebt, Nächstenliebe übt oder euren Glauben an die kommende Generation weitergebt, dann schenkt Gott euch dazu die Kraft. Dann wird auch durch euch Gottes heilvolle Kraft in dieser Welt erfahrbar.

 

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

 

 

Kategorien Neues aus der Gemeinde