Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 3. Jan. 2022 06:24 Uhr

Liebe Gemeinde,

heute lese ich einen Brief vor. Geschrieben hat ihn zur Zeit Jesus einer der Weisen, die mit Geschenken zum Stall von Bethlehem kamen.

Lieber Jesus von Nazareth,

Ich hoffe, mein Brief hat Dich erreicht, denn eine genaue Adresse habe ich nicht. Ich bete, dass, selbst wenn Du unterwegs bist, Post bei Dir ankommt.

Du kennst mich nicht. Als wir uns, ein einziges Mal, gesehen haben, bist Du gerade geboren worden. Damals vor 30 Jahren, da stand ich neben Dir. Du warst frisch gestillt und schliefst in dieser kleinen Futterkrippe.

Du warst damals selbstverständlich nicht allein in diesem Stall. Deine Eltern neben Dir, dazu einige Tiere. Wir kamen zu Dritt und haben uns an dieser Himmelserscheinung orientiert, um Dich zu finden. Allein das war ein Wunder. Gott hat uns durch die Sterne den Weg zu Dir gezeigt. Wochenlang waren wir unterwegs. Obwohl wir Lasttiere dabei hatten, war es eine beschwerliche und gefährliche Reise. Wir Drei waren jung, da ging das alles. Heute kann ich das unmöglich schaffen. Dabei hätte ich Dich so gerne noch einmal gesehen. Dich hören, vor allem, Dich zu befragen.

Vielleicht überlegst Du, weshalb ich überhaupt interessiert bin an Dir. Schließlich bin ich kein Jude, komme aus einem fernen Land, einer anderen Kultur. Führe ein ganz anderes Leben. Bin wohlhabend und geachtet; bin ein Berater unserer Regierung. Besonders bei wichtigen Entscheidungen werde ich hinzugezogen. Seit einiger Zeit spüre ich, wie meine Kräfte schwinden. Viel Zeit bleibt wohl nicht mehr, deshalb dieser Brief an Dich.

seitdem ich Dir so wundersam, so einmalig begegnet bin, hat sich mein Leben verändert. Ich ging als ein anderer zurück als der, der ich war. Nicht plötzlich geschah Veränderung, es war ein langer Weg, der mit der Rückreise begann. Heute und immer wieder im Blick zurück war die Krippe, warst Du ein Schlüsselmoment meines Lebens. Damals begann es für mich – und für Dich. Als Erwachsener bist Du in Israel mit Deinen Botschaften bekannt geworden. Du sprachst von Gottes Reich der Liebe, von Deinem Auftrag, von der Nähe Gottes im Hier und Jetzt, in Freude und im Leid. Vor allem hast Du durch Gottestaten Deine Worte wahr werden lassen.

Hast Menschen die Liebe Gottes durch Heilungen, durch Trost, durch Wunder, durch Gleichnisse, eröffnet. Hast unermüdlich für ein anderes Leben in der Kraft des Geistes Gottes geworben. So habe ich wieder von Dir gehört – Gott sei Dank!

Nun, ich kenne einige Menschen in Israel, deshalb weiß ich von Dir. Den Worten und Taten. Den Auseinandersetzungen, die Du hast. Wie sich Dir Herzen öffnen und verschließen. Ich weiß nicht, ob das alles wahr ist, was ich höre. Dennoch vertraue ich meinen Quellen. Vor allem vertraue ich Dir und dem Bild von Gott, das Du uns nahe bringst. Das Du mir zeigst, obwohl ich Dir nicht direkt zuhören kann.

Lieber Jesus,

Ein Satz von Dir hat mich besonders tief berührt. Weshalb? Ich denke, weil er mich so an den Stall, an Dich als Baby und an all‘ das, was damals geschah zurückgeführt hat.

Dieses Wort von Dir heißt: „Wer zu mir kommt, den weise ich nicht ab.“ Wer zu Dir kommt, den weißt Du nicht ab. So ist es. So lässt sich am besten sagen, was mir damals im Stall widerfahren ist; zu Dir bin ich gekommen und Du hast mich nicht abgewiesen.

Natürlich ist mir klar, dass ein Neugeborenes niemanden abweisen kann. Es kann sich gegen nichts wehren, nicht „nein“ rufen. Etwas Schutzloseres gibt es nicht als ganz frisches Leben. In der Tiefe meiner Seele wurde es still in dieser für mich so einzigartigen Nacht. Ich war angenommen. In meinem Herzen trug ich zurück, was ich erlebte, mit Dir, mit Gott.

Blicke ich zurück in die Jahre nach meinem Krippenerlebnis mit Dir, ich sehe manche Abweisung, die ich erleiden musste.Meine Eltern haben meinen Glaubensweg mit Gott und Dir nie verstanden. Sie sind tot, doch schmerzt ihre Abweisung bis heute. Sie sagten immer wieder: „Wieso ich jemandem im Glauben folge, über den ich fast nichts wisse, der so weit weg sei. Die Götter unseres Landes seien doch auch gut.“

Ich erklärte, dass Du ganz anders von Gott sprichst und Gott in Dir wirkt. Kein Gott, der uns zum Glauben zwingt, keiner der noch Opfer zur Besänftigung will. Keiner, der seine Macht missbraucht.Jesus, Du zeigst mir einen Gott der Liebe, der mich nicht abweist, wenn ich komme. Komme mit all‘ meiner Schuld, meiner Wut, meinen Fehlern, meinen Ängsten, meiner Verlogen- und Verlorenheit.

Sie haben es nicht verstanden. Wie andere aus meiner Familie, von meinen Freunden.

Viele verspotten mich, wieso ich an so einen - in ihren Augen schwachen Gott - wieso ich an Dich glaube. So werde ich abgewiesen.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber leider auch: ich bin selbst abweisend. Weise die ab, die mich abweisen. Ich kann oft nicht anders. Manchmal weise ich innerlich Menschen ab, die einfach anders sind als ich, nicht meine Werte teilen. Manche muss ich abweisen, weil es zu meinen Aufgaben als Regierungsberater gehört.

Jesus, bei Dir ist das anders.

Ich muss nichts vorgeben, was ich nicht bin, ich muss nichts leisten, was mir nicht gelingt. Ich muss mich nicht erst bessern. Ich komme, wie ich bin, vor Dich.

Vielleicht ist das eines Deiner Geheimnisse: Du hast Dir das Schutzlose des Neugeborenen durch all‘ die Jahre bewahrt. Vielleicht kannst Du niemand abweisen, die oder der zu Dir kommt.

Mich jedenfalls weißt Du nicht ab, bei Dir spüre ich, wie ich von Gott ganz angenommen bin. Ich werde heil, in winzigen Schritten. Ich komme immer wieder zu Dir. Obwohl ich hier bin, Du in Israel. Ich bete zu Gott, wie Du es gesagt hast. Einfache Worte, manchmal mache ich gar keine, schweige vor Dir. Da bin ich  vor Gott, da werde ich nicht abgewiesen. Wie damals im Stall nicht.

Jesus, ich weiß nicht, wie Dein Weg weitergehen wird. Ob ich noch einmal von Dir höre? Ach, mir genügt, dass ich kommen darf und jedes Mal erfahre: Du weißt mich nicht ab. Gott sei es gedankt. Adieu.

Amen

                                 Pastor Claus Nungesser

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