Veröffentlicht am Di., 7. Dez. 2021 21:01 Uhr

Predigt vom 2. Advent (5.12.21) – von Pastorin Annette Niebuhr. 

Jesaja erzählt davon, wie Gott ihn zum Propheten gemacht hat:

„Im Tempel in Jerusalem sah ich Gott auf einem großen und hohen Thron sitzen. Gott war so groß, dass schon der untere Saum seines Gewandes die Tempelhalle ganz ausfüllte. Engel standen über ihm. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel. Zwei bedeckten das Gesicht, zwei bedeckten die Beine und mit zweien flogen sie. Sie riefen einander zu: „Heilig! Heilig! Heilig ist der Herr der himmlischen Heere! Die ganze Erde erzählt von der Macht und Größe Gottes.

Von ihrem Rufen bebten  die Schwellen des Tempels und der ganze Raum war voll von Rauch. Da sagte ich: „Nun muss ich sterben. Ich selbst habe unreine Lippen und ich leben in einem Volk,, das unreine Lippen hat. Und jetzt habe ich den König gesehen, den Herrn der himmlischen Heere, mit meinen eigenen Augen“.

Einer der Engel nahm mit einer Zange eine glühende Kohle vom Altar. Er flog auf mich zu, berührte mit der Kohle meinen Mund und sprach: „Du siehst, nun sind deine Lippen berührt. Damit ist deine Schuld von dir genommen. Du bist nicht länger unrein“.

Da rief die Stimme des Herrn: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein“? Ich antwortete: „Hier bin ich – sende mich“.

Und Gott sprach: „Geh und sage dem Volk: Hört nur und versteht es nicht! Seht nur und erkennt es nicht! Lass ihre Herzen unverschlossen sein, ihre Ohren taub, ihre Augen blind. Damit sie verstehen und nicht erkennen. Damit sie umkehren von ihren bösen Wegen und nicht wieder gesund werden von ihrer Verdorbenheit“.

Da fragte ich: „Herr, wie lange soll es dauern, dass sie nicht sehen und nicht hören“? Er antwortete: „So lange, bis die Städte verwüstet sind, die Häuser ohne Bewohner sind und die Felder zerstört sind. Aber es wird sein wie bei einem gefällten Baum: Aus dem Baumstumpf wächst ein neuer Trieb für eine neue Zukunft“.  Jesaja 6, 1 - 10

Liebe Gemeinde, ein großartiger – und verstörender biblischer Text. Jesaja, der Prophet, sieht ein Zipfelchen von Gottes Glanz, von Gottes kosmischer Unermesslichkeit: Jesaja ist von diesem Erlebnis so ergriffen, dass er gar nicht anders kann, als sich in den Dienst dieses Gottes zu stellen. Auf die Frage: wen sollen wir senden? Wer soll unser Bote sein? sagt Jesaja: Hier bin ich, sende mich!

Hier bin ich –  sind die Worte in den großen Umbrüchen, die die Bibel im Leben  einzelner Menschen und des Volkes Israel überliefert Abraham und Mose haben sie gesprochen. Nun auch Jesaja: 

Hier bin ich – hineini auf hebräisch – diesen Worten spüre ich nach.

Hier bin ich – das kann ich zu mir selbst sagen: „Wo bin ich denn jetzt? Was glaube, worauf vertraue ich denn jetzt in diesen Zeiten?“ Bin ich mit meinem Vertrauen heute da, wo ich gestern war? Hat sich in meinem Denken etwas oder Entscheidendes verändert? „- in diesen Zeiten – in meiner Lebenszeit?“

Hier bin ich – ja – wo bin ich mit meinem Vertrauen zu Gott – zu anderen Menschen – heute?

Hier bin ich – heißt:  Ehrlichkeit zu mir selbst, - heißt: genau, in gewisser Weise schonungslos in mich hineinzuschauen: warum denke ich so und nicht anders; warum entscheide ich so und nicht anders; warum höre ich auf die einen und auf die anderen nicht? – heißt: Ehrlichkeit, auch wenn es weh tut – kann aber auch zum Beginn eines neuen Anfangs führen.

Hier bin ich – dieses biblische Wort kennt keine Ausflüchte, Beschwichtigungen und Beschönigungen. 

Hier bin ich – heißt im biblischen Gebrauch: ich übernehme Verantwortung für mein Denken und Glauben und Handeln – für mich selbst und die Gemeinschaft. 

Hier bin ich – wo bin ich – in diesem Advent 2021 mit meinem Vertrauen und mit meiner Verantwortung für mich selbst und für die Gemeinschaft? Fragen für die innere Einkehr, die eine Zeit der Umkehr, der Buße sein kann – in meinem eigenen Leben und in meiner Mitwelt.

Jesaja hat diese Einkehr, diese Umkehr im innersten seines Tempels als sehr schmerzhaft erlebt. Er hat dafür ein Bild gefunden, um es für uns nachvollziehbar zu machen.

Da nahm der Engel eine glühende Kohle und berührte meine Lippen, sagt Jesaja. Stellt euch das mal vor, wie weh das tut, sagt Jesaja. Stellt euch das mal vor, wie das brennt – die Erkenntnis von Scham und Schuld, unreinen, gemeinen, egoistischen Gedanken und Handlungen – ja, das brennt wie Feuer – aber dieses Feuer reinigt auch, es ermöglicht Heilung, das Zerstörende wird verbrannt. Es hat sich aufgelöst, ist in Rauch aufgegangen, ist erlöst, zu Gott gestiegen, durch Gott bedeckt – ein neuer Weg ist möglich.

Hier bin ich – sende mich, sagt Jesaja auf die Frage Gottes: Wer will unser Bote sein – wer will unser Engel auf der Erde sein?

Jesajas Antwort: "sende mich". Jesaja stellt sich Gott zur Verfügung, obwohl er wohl schon ahnt, wie schwer sein Auftrag ist. Jesajas Sendung geht zu allen Menschen im Volk: zu politisch Handelnden, Wirtschaftsleuten, Religionsvertretern, denen, die sich bereichern und denen, die durch wirtschaftliche, politische Maßnahmen immer weniger haben.

Er wird sagen müssen: verlasst euch nicht auf Waffen, wenn ihr sicher leben wollt, sondern schafft gerechte Bedingungen für das Leben aller. 

Betrügt nicht, nutzt eure Stärke nicht aus, um reicher zu werden – und macht damit Arme noch ärmer. 

Redet nicht den Mächtigen und Einflussreichen nach dem Mund, um selbst anerkannt und angesehen zu sein.

Nein, Jesajas Botschaft wird nicht gern gehört, sie wird abgelehnt. Er erlebt, dass das Volk in seiner Gänze nicht hören und nicht einkehren will. Trotz dieser Erfahrung der Vergeblichkeit muss Jesaja weiter reden.

Liebe Gemeinde – Mühe habe ich mit Jesajas Worten, dass sein Auftrag auch ist, dass er das Herz des Volkes verstocknen soll, dass sie hören und nicht verstehen sollen, sehen und nicht erkennen sollen. Jesaja deutet diese Erfahrung der Vergeblichkeit als von Gott kommend – irgendwie.

Mein Versuch des Verstehens ist: Jesaja versteht auch die Uneinsichtigkeit des Volkes als ein in Gottes Handeln und Aufgehobenes. Gott mit seinem Willen zum Heil umschließt auch die Verstockungen, und das sich Verschließen der Menschen vor dem Weg des Heils. Das Dunkle ist vom Licht umhüllt. Deswegen macht Jesaja weiter und spricht unermüdlich vom Licht für die Menschen in der Dunkelheit, vom Friedefürst, der kommen wird, vom gefälltem Baum, aus dessen Wurzel ein neuer Zweig hervorbrechen wird.

Jesaja mit seinem Wort: Hier bin ich – sende mich, ist Gottes Bote für eine gerechte Welt, ist ein Verbündeter Gottes, der festhält an der Erneuerung und des Heils im Leben der Menschen.

Hier bin ich – sende mich – kann ich das heute Morgen sagen – kann sich dieser Satz in mir bilden – in dieser Adventszeit?

Hier bin ich – sende mich – kannst Du das sagen? Können Sie so antworten? Diese biblische Frage ist so alt wie aktuell. Wollen wir mit unserem Leben Boten und Botinnen Gottes sein? – dass wir treu zu Gottes Heil und seiner Gerechtigkeit leben.

Wollen wir an Gottes Ewigkeit und Gottes Glanz teilhaben, indem wir Gottes Engel sind auf Erden?

Können wir auf diese Fragen mit Amen – so sei es – antworten?

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