Veröffentlicht von Susanne Stehr-Murmann am Mo., 22. Nov. 2021 10:01 Uhr

Predigt zum Mitnehmen vom Ewigkeitssonntag, 21.11.2021

von Pastorin Angela Walther

 Einfach aufgelegt! Joachim entfährt ein Seufzer, als er das Telefon auf die Couch sinken lässt. Nach Tante Traudes Tod sollten sie doch eigentlich ihre Trauer teilen. Doch nun geht es in den Gesprächen mit seiner Schwester Sybille um lauter Bürokratie und die Bestattungsfrage: eine Urnenbegleitung oder lieber eine Erdbeisetzung so richtig schön mit Feier? Letztlich geht es dabei auch ums Geld. Daran soll es doch nicht scheitern, findet Joachim, er will die Erdbestattung. Ganz anders sieht das seine Schwester Sybille: Sie beide hätten doch schon genug finanzielle Probleme. Da hat sie leider Recht, denkt Joachim. Aber für Tante Traude würde er glatt noch einen Kredit aufnehmen. Sie hat er wirklich geliebt. Was hat sie nicht früher alles mit ihnen unternommen, als sie noch Kinder waren…

 Mist, dieses Telefonat ging in die Hose, denkt Sybille schon 5 Minuten später. Sie atmet durch. Sie weiß ja, was Tante Traude ihrem Bruder bedeutet hat. Ihr ja auch!  Zugleich hat sie wirklich kaum Geld auf der hohen Kante, die Kinder noch in Ausbildung. Abgesehen davon haben ihr so klassische Trauerfeiern noch nie viel bedeutet. Einfach mit der Urne mitgehen, ein Gebet am Grab und an Tante Traude denken, so schlicht fände sie den Abschied viel schöner. Wäre doch auch feierlich und würdevoll!

 Dennoch. Sybille blickt auf das Telefon. Sie hätte nicht auflegen sollen. Sie hätte ihren Bruder Joachim auch nicht so anfahren sollen. Einen Streit brauchen sie jetzt am allerwenigsten. Doch sie kennt Joachim, der ist jetzt mindestens einen Tag beleidigt. Schon in einer Stunde möchte der Bestatter wissen, wie sich die Familie entschieden hat. Was soll sie ihm denn jetzt sagen?

 Wenn sie dieses Telefonat doch nochmal neu beginnen könnte! Einfach die Zeit zurückdrehen. Alles auf Anfang! Das wäre schön!

 Liebe Gemeinde,

auch ich kenne Situationen, wo ich gern an der Uhr drehen würde. Etwas, das schiefgelaufen ist, nochmal ganz neu probieren. Alles auf Anfang stellen. Entweder um eigene Fehler rückgängig zu machen oder schlechte Erlebnisse ungeschehen sein zu lassen.

 Wie geht es Ihnen? Gibt es etwas, dass Sie ungeschehen machen würden, wenn das möglich wäre? Vielleicht dass ein lieber Mensch noch am Leben wäre? Dass jemand nicht krank geworden wäre? Ein Unfall nicht geschehen? Ein Streit nicht stattgefunden hätte? Dass Corona nicht entstanden wäre und wir uns frei begegnen könnten?

 Nun mögen manche unter ihnen einwenden: Sind das nicht Träumereien? Was geschehen ist, ist geschehen. Die Vergangenheit bestimmt unser Jetzt. Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Geschichte lässt sich nicht neu schreiben.

 Von einem, der verspricht, alles neu zu machen, erzählt unser heutiger Predigttext. In Offenbarung 21,5-6 heißt es von Gott:

 Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Wie eine rätselhafte Prophezeiung muten diese Worte an. Gott, A und O, Anfang und Ende der Zeiten, kennt unsere menschliche Sehnsucht. Er kennt auch manches Wunschdenken, das sich viele nicht zugestehen mögen: Wie wäre es, wenn Tante Traude noch am Leben wäre? Gleich meldet sich die Vernunft: Sie war schon alt, sie war krank, sie hatte ein erfülltes Leben. Doch auch das Herz will mitreden: Trotzdem mag ich sie nicht gehen lassen. Seit meiner Kindheit begleitet sie mich. Sie war einfach immer für mich da. Ich fühle mich ihr so liebevoll verbunden seit ich ein Kind war.

 Gott kennt diese Sehnsucht. Er spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Er sorgt für uns.

 Siehe, ich mache alles neu! Als das Neue Testament geschrieben wurde, dachten viele Menschen über das Ende dieser Weltzeit nach. Alles Schwere, Schlechte und Traurige würde mit dieser Welt ausgelöscht und Gott würde einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, Tränen trocknen und selbst den Tod werde es nicht mehr geben.

 Auch das Ewige Leben bei Gott nach dem Tod stellen wir uns so vor. Ein heilvoller Zustand ohne Last. Ewiges Licht. Frieden, Sorglosigkeit. Freiheit. So ist es uns für unsere Verstorbenen zugesagt. Nicht, dass es Gott egal wäre, wie sie gelebt haben; sicher schaut er mit ihnen nochmal gemeinsam auf ihr Leben zurück. Lebensgeschichte, sei sie gut oder schlecht, lässt sich nicht zurückdrehen. Doch bei Gott ist viel Vergebung. Trotz allem ist mit ihm ein neuer Anfang möglich im ewigen Leben. Er spricht: Siehe, ich mache alles neu!

 Was ist zu unseren Lebzeiten mit unseren Sehnsüchten, unseren Wunschträumen? Corona ist Realität. Krankheit, Tod und Unfrieden auch. Doch glaube ich fest: Gelegentlich scheint schon jetzt ein Funke von Gottes verwandelnder Wirklichkeit in unsere Welt hinein. Dann kann es sein, als hätte vielleicht er an der Uhr gedreht.

 Es klingelt. Sybille ist überrascht, als sie die Nummer ihres Bruders Joachim auf dem Display aufleuchten sieht. Normalerweise ist der doch mindestens einen Tag beleidigt nach einem Geschwisterstreit. Dann seine Stimme. Ungewöhnlich sanft. Mensch, Sybille, ich hab nachgedacht, sagt er. Ich weiß ja, du sorgst dich mehr um´s Geld als ich. Ich will ja nur, dass wir Tante Traude eine richtig feierliche Beisetzung bereiten, wie sie es verdient hat. Aber nun habe ich gerade beim Pastor nachgefragt. Der meint, er könne auch eine Urnenbegleitung sehr würdevoll gestalten mit schönen Gebeten und Texten.

 Du, Joachim, meint Sybille, eigentlich wollte ich gerade DIR nachgeben. Ich weiß ja, dass dir so eine richtige Trauerfeier mit Sarg mehr bedeutet als mir.

 Weißt du was? Lass uns dieses Gespräch noch einmal ganz neu beginnen.

 Gute Idee! Lass uns eine gemeinsame Lösung finden und dabei im Blick haben, was der andere braucht.

 Machen wir so, sagt Joachim. Schwamm drüber und alles auf Anfang.

Und siehe Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Darauf dürfen wir alle hoffen. Amen.

 Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

 

 

 

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