Veröffentlicht von Rüdiger Kunstmann am So., 14. Nov. 2021 12:22 Uhr

Predigttext: Matthäus-Evangelium 25, 31-46

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan. 41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Liebe Gemeinde,
Jesus spricht hier über das Weltgericht in einer seiner Reden über die Endzeit. Er malt uns dabei das Bild eines Gerichtsaals, in dem uns Gott als königlicher Richter begegnet. Da mögen wir zunächst an ein Gottesbild erinnert werden, in dem Gott mehr als der zornige und strafende Gott erscheint, denn als einer, der Gnade und Barmherzigkeit kennt. Jedenfalls klingt das bei Matthäus schon sehr gerichtsmäßig an: Gott hält am Ende aller Zeiten Gericht über die Völker und trennt dabei die Schafe von den Böcken, also die Guten von den Bösen, die Gerechten für das ewige Leben, die Ungerechten zur ewigen Strafe.

Sicher ist das so kein Bild von einer Zeit, in der alle in einem harmonischen Frieden zusammenleben, wie wir es uns wünschen würden. Und doch lässt sich hier ein Szenario von Frieden finden, von einem Frieden nämlich, um den - gewissermaßen wie in einem Prozess – gerungen und verhandelt wird, einem Frieden, der einher geht mit einer Gerechtigkeit, die uns Menschen zugesprochen wird, einer Gerechtigkeit, die wir brauchen, um Frieden schaffen zu können, und vielleicht dann auch mit einer  Gerechtigkeit, die Gnade in sich trägt und zur Versöhnung bringt, ohne die oft auch kein Friede zu finden ist.

Und so geht es in dieser Gerichtsszene nicht zentral um einen strafenden Gott, sondern um den Prozess der Gerechtigkeit, und um Gott als einem solchen, der Recht unter uns Menschen spricht und schafft und damit für Bedingungen von Frieden sorgen will. Jesu Rede über das endzeitliche Weltgericht gibt uns ein Signal, uns im Hier und Jetzt unsere Gedanken zu machen und unsere Entscheidungen zu treffen, wie der Frieden zu finden und zu schaffen ist. Manchmal wird ein solches Endzeitgerede missverstanden als Vision über den Weltuntergang, bei dem wir uns dann besorgt fragen, wie wir am Ende der Zeiten zu retten sind. Tatsächlich zielt die Rede von der Endzeit aber vor allem auf unsere Aufmerksamkeit jetzt, welchen Kurs wir heute im Leben nehmen, welche Entscheidungen wir in dieser Welt treffen. Weil es noch nicht zu spät ist, nicht für uns, nicht für diese Welt, mit all unserem Glauben und all unserem Zweifeln die Wege des Friedens zu finden, oder auch wo nötig sie neu zu bauen, nicht zu spät Entscheidungen zu treffen zwischen gut und böse zu unterscheiden, was denn dem Frieden dienen kann, was denn Recht und Unrecht ist, was denn Gerechtigkeit schafft und damit auch einen nachhaltigen Frieden. Und dabei können wir in diesem endzeitlichen Gerichtssaal einiges entdecken, können uns daran orientieren, wie Gott hier Recht spricht und urteilt, was dem Frieden dient.

Und dabei ist hier über alles Urteilen und Strafen hinaus viel Raum auch für Gnade, Barmherzigkeit und Hoffnung auf Frieden. Diese Gerichtsrede beginnt mit einer großen Vision, dass alle Völker versammelt werden. Wir erleben hier gewissermaßen eine Vollversammlung der Vereinten Nationen, bei der niemand ausgeschlossen ist. Grenzen der ethnischen Herkunft, des Geschlechtes oder der Religion spielen keine Rolle. Hier werden die Konflikte nicht mit Waffen ausgekämpft im Namen einer Religion oder Ideologie. Hier üben Menschen keine Rache oder Lynchjustiz. Hier wird verhandelt und Recht gesprochen und alle Völker werden mit dem gleichen Maß gemessen. Das Wort „Frieden“ taucht im Text zwar nicht auf. Jedoch geht es eigentlich die ganze Zeit genau darum, was zum Frieden dazugehört, und wie Frieden geschaffen werden kann. Ja, es geht um Maßstäbe, wie den Menschen Gerechtigkeit widerfahren kann und wie der Frieden zu erreichen ist.

Wer schon einmal an einer Gerichtsverhandlung teilgenommen hat, wird sofort merken, dass Matthäus nur auf einen bestimmten Punkt hinauswill. Er erzählt nichts über Ankläger, Verteidiger und Richter, über Verfahrensfragen, Zeugenbefragungen oder Plädoyers, die gehalten werden. Es geht hier um die Maßstäbe für eine Urteilsfindung, also die Entscheidung, die der göttliche Richter trifft, bzw. die wir in unseren Tagen treffen, im Hinblick darauf, was Gerechtigkeit und Frieden schafft. Und zu dieser Urteilsfindung werden hier keine Gesetzestexte und Paragraphen herangezogen, sondern bestimmte Taten von Menschen aufgezählt, die als gerecht gelten:

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“

Seit den frühen Christengemeinden werden diese Taten auch als „Werke der Barmherzigkeit“ bezeichnet. Und zu jenen sechsen wurde später als siebtes Werk die Bestattung der Toten hinzugezählt. Diese „Werke der Barmherzigkeit“ also rückt Matthaus als Maßstäbe in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Es sind einerseits die Maßstäbe Gottes, mit denen er in der Gestalt des wiederkehrenden Christus als himmlischer Richter urteilt und die Schafe von den Böcken trennt. Und auch wir sollen sie als Maßstäbe erkennen und beherzigen, hier und jetzt, aber nicht, um andere zu verurteilen, sondern um sie für uns als Orientierung und Wertmaßstab für die eigene Lebensweise und Lebensentscheidungen zu nutzen. So kann unsere Hoffnung auf mehr Frieden unter uns und in der Welt ihre Richtung finden.

In den Werken der Barmherzigkeit spiegelt sich die Lebenserfahrung der frühen Christen. Sie litten als religiöse Minderheit selbst unter Verfolgung und erlebten Krieg unter römischer Herrschaft. Aber wir machen solche Erfahrungen auch in unserer Zeit – bei uns selbst oder im Leben unserer Mitmenschen: Menschen können keinen Frieden finden, solange sie hungern und dürsten, solange sie zu Heimatlosen und Flüchtlingen gemacht werden, solange ihnen Haus, Arbeit und Brot fehlt. Es kann auch kein Frieden werden, wenn man Menschen einfach ins Gefängnis wirft und sie sich selbst überlässt, die Unschuldigen ebenso wie die Schuldigen. Und schon gar nicht wenn man Menschen entführt, tötet und verschwinden lässt, und den Trauernden verbietet, ihre Toten zu begraben. Wir werden auch keinen Frieden finden, wenn Unrecht gesprochen wird, sei es bei einer Gerichtsverhandlung, oder sei es auch nur zwischen den Menschen, wenn Gerüchte, Lügen oder Hassbotschaften verbreitet werden, wie es heute so leicht und vielfach auch über die Medien gemacht werden kann.

Und wir rufen uns heute am Volkstrauertag auch ins Bewusstsein, dass unsere Trauer nicht nur die deutschen oder die persönlichen Opfer der Kriege umfasst, die wir zu beklagen haben. Wir trauern um Menschen aus allen Völkern, besonders auch denen, deren Leid und Tod durch Deutsche verursacht wurde. Wir bitten um Frieden nicht nur für uns, sondern in aller Welt, ganz im Sinne dieses endzeitlichen Gerichtes, vor dem alle Völker vereint sind. Und wir erinnern dabei immer wieder auch an das Unrecht und den Schrecken des Nationalsozialismus und erheben unsere Stimme gegen alle aktuellen Tendenzen des Hasses, des Rassismus und des Terrorismus, sei es gegenüber Juden, Moslems, Flüchtlingen, Andersdenkenden, und für ein friedliches Miteinander in all unseren Lebensbezügen. Die Werke der Barmherzigkeit werden traditionsgemäß mit den diakonischen Diensten der Nächstenliebe in der Kirche in Verbindung gebracht, also der konkreten Fürsorge für Arme, Kranke, ja überhaupt Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Die Werke der Barmherzigkeit sind aber auch ein sozialpolitischer Wegweiser zu einem tragfähigen und nachhaltigen Frieden. Sie sind Vision einer friedlicheren Welt und Kompass zugleich, um den Kurs auf Frieden zu halten. Frieden ist ja nicht einfach die Abwesenheit von Krieg, oder das Schweigen der Waffen zwischen aufgerüsteten Ländern, die sich im Gleichgewicht des Schreckens halten. Frieden bedeutet auch nicht einfach einen Zustand von Ordnung und Sicherheit, der auf Kosten der Freiheit geht, und in dem die Ungleichheit unter Menschen festgeschrieben wird. Frieden ist ein Prozess, ein Weg, der uns zu innerem wie äußeren Wohlsein führt. Die Würde der Menschen wird respektiert, ihre grundlegenden Bedürfnisse und Rechte. Wirtschaftliche, ethnische und religiöse Unterschiede finden ihrem fairen Ausgleich und die Zusammenarbeit bildet die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Auch das Gebot der Feindesliebe, wie wir es vorhin in der Schriftlesung gehört haben, liegt auf dieser Linie. Feindesliebe bedeutet, sich nicht von Hass und Rache leiten lassen, sondern von der Maxime „das Böse mit Gutem zu überwinden“. Sich nicht in eine Spirale der steigernden Gewalt hinein zu begeben, sondern zu verhandeln, zu vermitteln, zu de- eskalieren, und eben so dem Bösen das Gute gegenüber zu stellen.

Die Feindesliebe gilt seit den Anfängen der Kirche Christen als Orientierung ihrer persönlichen Entscheidung die Konflikte nicht mit militärischer Gewalt zu lösen. Und das ist durchaus nicht so naiv zu verstehen, dass ob man einfach wehrlos die andere Wange hinzuhalten hätte. Es ist als aktives Handeln der Verständigung zu verstehen, einen Interessenausgleich herbeizuführen, das Gemeinsame zu finden und so die Feindschaft zu überwinden und selbst alte Wunden durch Versöhnung zu heilen.

Das Gebot der Feindesliebe kann auch und gerade als Maßstab einer politischen Ethik und Strategie verstanden werden, nicht nur einer individuellen. Auf dieser politischen Ebene bedeutet es, jede erdenkliche Möglichkeit auszuschöpfen, um für die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen von Frieden zu sorgen – statt einfach mit militärischer Gewalt zu handeln: Mit den Mitteln des Rechtes und des Verhandelns.

Auch zwischen den Religionen lässt sich eine Verständigungsbasis finden: Denn auch im Islam zum Beispiel gibt es, wie in vielen Religionen, Maßstäbe der Barmherzigkeit: Einer der wichtigsten Namen Gottes im Islam ist „Allbarmherziger“ – und eine der fünf Säulen des Glaubens für einem Moslem ist das Almosengeben. „Diejenigen, die nicht barmherzig sind, werden keine Barmherzigkeit erlangen.“ – heißt es im Koran.

Als Christen in Deutschland sollten wir kritisch mit religiösen Rechtfertigungen von Gewalt und Kriegen umgehen. Von Deutschland sind zwei Weltkriege ausgegangen. Für deren Rechtfertigung tragen auch die christlichen Kirchen ihre Mitschuld. Lange Zeit wurde von „gerechten“ Kriegen gesprochen und damit versucht militärische Gewalt und das Töten von Menschen unter bestimmten Kriterien einerseits einzuschränken, gleichzeitig aber doch auch zu rechtfertigen. Aber ein Krieg verläuft nicht sauber oder gerecht, er zerstört in erster Linie, auch das Recht. Seine ersten Begleiterinnen sind die Propaganda und die Lüge, schon bevor ein Krieg überhaupt erklärt wird. Ein Krieg bricht nicht plötzlich aus wie ein Vulkan. Er wird vorbereitet und provoziert, die Gewalt steigert sich. Ein Krieg eskaliert und er beraubt immer mehr Menschen ihrer Rechte und ihres Lebens. Niemals sterben nur Soldaten, immer mehr auch Menschen aus der Zivilbevölkerung. Schließlich gnadenlos und wahllos bis hin zur Vernichtung ganzer Völker und der Natur unseres Planeten. Darum kann es nach den Maßstäben Gottes keine gerechten oder heiligen Kriege geben. Denn das Leben der Menschen ist ihm heilig, und er sucht die Umkehr der Menschen zum Leben, selbst der Sünder, und nicht ihre Vernichtung. Ein gerechter Krieg ist ein Widersinn in sich und das wird auch unserer Gerichtsrede erkennbar, wenn der wiederkehrende Christus sagt:

Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. ... Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, und Schwestern, das habt ihr mir getan.

Im Mittelpunkt steht hier der Mensch, der ganz unten ist, der Geringste. Wir können das selbst sein, die der Barmherzigkeit bedürfen. Es kann der nahe oder ferne Nächste sein, der uns braucht. Aber wo wir oder andere ihr Handeln nach diesen Maßstäben der Barmherzigkeit ausrichten, da werden wir Gott selbst begegnen.

Und wenn Gott sich selbst unter die Geringsten begibt, mit ihnen lebt und leidet, und die Barmherzigkeit und Feindesliebe zum Maßstab seines Weges zum Frieden macht, dann kann nicht von heiligen oder gerechten Kriegen gesprochen werden. Dann kann nur davon die Rede sein, für einen gerechten Frieden einzutreten, die Mittel des Rechtes und der Versöhnung einzusetzen und so zu einer Verständigung unter Menschen und Völkern zu gelangen.

So werden wir werden Gottes Frieden und Gottes Gerechtigkeit finden: Im Miteinander von Menschen, die sich von ihrer barmherzigen Seite zeigen. So werden wir Gott an unserer Seite finden:  In den Schritten der Versöhnung, im Überwinden der Grenzen und der Gewalt.

Pastor Rüdiger Kunstmann

Kategorien Neues aus der Gemeinde