Veröffentlicht am Mi., 27. Okt. 2021 11:48 Uhr

Predigt vom 24.10.2021 von Pastorin Annette Niebuhr

 

Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen sondern das Schwert.

 Matthäus 10, 34-39

 

Liebe Gemeinde,

verstörend ist diese Rede Jesu. Warum spricht er so? Der so viel vom Frieden erzählt. Meine erste Reaktion: darüber will ich nicht predigen. Das will ich mir und Ihnen/Euch nicht zumuten. Aber andererseits will ich auch, dass wir uns diesen verstörenden Texten in der Heiligen Schrift stellen. Wir können und dürfen es auch nicht, uns nur die Rosinen rauspicken und das Schwarzbrot liegen lassen. Rosinen alleine erhalten uns nicht am Leben.

Nun also die Einladung, an diesem Schwarzbrot – diesem Wort Jesu – herum zu kauen, bruchstückhaft und unvollkommen. In dem gesamten 10. Kapitel des Matthäus-Evangeliums geht es darum, wie Jesus seine Jünger in die Städte und Dörfer ausschickt. Sie sollen von Jesus und seiner Botschaft erzählen. Als erstes sollen sie sagen, dass sie in Frieden kommen. Und dann sollen sie ihre Botschaft vom Himmelreich erzählen, dass die Herrschaft des Himmels über die Erde kommen wird, und dass die Herrschaft des Geldes, der Besitzenden, der Mächtigen ein Ende haben soll. Dass die Weisungen und Gebote Gottes wieder in Kraft treten sollen. Dass dadurch Menschen und ihre Gemeinschaft heil werden wird. Sie sollen von Jesus, seinem Wirken des Heilens und seiner Botschaft erzählen. Und wie werden die Menschen, die das hören, reagieren? – Unterschiedlich – Wie wir das aus unserem Leben auch kennen: die einen sind überzeugt, sind erreicht, übernehmen das Gesagte; andere sind unentschlossen; und andere sagen: das ist Unsinn! Das lehne ich ab.

Von unserer Gegenwart unterschiedlich ist die Gegenwart Jesu. Aus allem, was wir erkennen können, war Jesus selbst davon überzeugt, dass das Himmelreich mit seiner Gerechtigkeit bald anbrechen wird. Mit äußerstem Ernst hat er die Menschen darauf vorbereiten wollen. Mit seinem Leben wollte er sich dafür einsetzen. Dafür wollte er sein Kreuz auf sich nehmen. Er tat es – In aller Anfechtung und Verzweiflung – als er dann so weit war in Gethsemane  und am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Härte dieser Botschaft – so sagt Jesus – wird die Menschen – so unterschiedlich wie sie darauf reagieren – entzweien. Die Risse und Brüche gehen mitten durch Familien und Freundschaften. Das Schwert ist das Symbol für die Folgen dieser Entscheidungen: Von im Sinne Jesu notwendigen, lebensnotwendigen Umkehrungen, Richtungsänderungen im Herzen und im Handeln. Jesus spricht hier den Schmerz solcher Entscheidungen und der entstehenden Trennungen unter sich nahe stehenden Menschen an. Aber er spricht auch die Verheißung aus: wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.

Und nun, liebe Gemeinde, den Sprung in unsere Gegenwart: in 2 Lebenszusammenhänge will ich unseren Blick lenken.

Zunächst in den, sag ich mal schlicht, menschlichen, privaten Bereich. Unser Leben braucht Entscheidungen. Ohne sie könnten wir gar nicht leben. Schon ein kleines Kind muss sich für ein Spielzeug entscheiden, wenn es denn spielen will. Und so geht es immer weiter: wir entscheiden uns für oder gegen Menschen, für Freundschaften, für Berufe – und immer bedeutet das ein sich trennen von den vielen anderen Menschen und Möglichkeiten. Das kann ein schneidender Schmerz sein – ist aber nötig für ein erfüllendes, heilsames Leben.

Auch in der Medizin kennen wir die heilsamen und schmerzhaften Schnitte für eine notwendige Operation.

 Es kann auch notwendig sein, sich von Familie zu trennen, wenn Gewalt in körperlicher und pschychischer Gewalt herrscht. Oder wenn Eltern ihre Kinder nicht akzeptieren z.B. in ihrer sexuellen Orientierung. Manchmal ist es notwendig und führt zur Heilung, sich zu trennen. Das Schwert steht für solche schmerzhaften Entscheidungen und gleichzeitig für einen heilsamen Neuanfang. Es ist zum Leben notwendig, wenn in uns die Kräfte wachsen könnten, diese Schmerzen des Schwertes auszuhalten und überwinden zu können.

Und nun zu dem 2. Bereich. Im Text spricht Jesus davon, ihm nachzufolgen. Wir würden das heute vielleicht so ausdrücken – es geht um die Folgen, wenn wir uns klar zum christlichen Glauben bekennen. Die allermeisten von uns mussten keine schwerwiegenden  Konsequenzen fürchten. Aber ich habe viele Geschichten von Ihnen und Ihren Eltern und Verwandten, die Sie in der Sowjetunion groß geworden sind, im Sinn. Es sind viele in den 20iger Jahren und zur Stalinzeit abgeholt und ermordet worden, weil sie Deutsche waren, aber auch weil sie gläubig waren und Christen waren und an Christus festgehalten haben. Wie furchtbar schmerzhaft waren und sind die Folgen dieser Trennungen, die Ihnen zugefügt worden sind, die Folgen von Kreuz und Schwert.

Und dann sind Menschen unter uns aus dem Iran,z.B. Sie können uns doch auch erzählen von Ihren Entscheidungen für den christlichen Glauben – der Sie gleichzeitig getrennt hat von Ihrer Familie, Freundschaften, Ihrem Land. Sie haben Ihr Kreuz auf sich genommen, um mit Christus, in christlicher Freiheit ein neues Leben zu führen. Trennung – so scharf wie ein Schwert – für eine heilvolle Zukunft.

Und wir anderen, die wir eher ein gemütliches Leben hatten und haben, was das Leben unseres Glaubens betrifft? Dass das Leben unseres Glaubens uns entzweit in der Familie oder sonstigen Bezügen, das gibt es doch eher weniger. Allenfalls geht es um kleine Auseinandersetzungen und Konflikte.

Zwei Beispiele will ich in unseren Kirchraum stellen: Ist mir der Sonntag – dem wöchentlichen Auferstehungstag – eigentlich heilig in seiner Ruhe? Ohne Arbeit und auch an verkaufsoffenen Sonntagen, wie sie vom Staat freigegeben sind, für mich ein Tabu zum Einkaufen? Wir leben ja inzwischen in einer Gesellschaft, in denen die christlichen Feiertage keine religiöse Bedeutung mehr haben. Also wird es sich dahin entwickeln, dass die christlichen Feiertage nicht mehr geschützt werden vor Kommerz und Festen und Veranstaltungen. Also müssen wir uns eigenverantwortlich in unserem Christsein entscheiden, etwas um meiner Überzeugung, meines Glaubens, nicht zu tun. Oder ein anderes Beispiel: wie oft habe ich gehört: An Heiligabend gehe ich nicht in die Kirche, weil die Familie da zusammen isst. Wie ist es, sich entscheiden zu müssen zwischen Familie und Kirche?

Kleine, harmlose, diskussionswürdige Beispiele aus unserem Leben. Die Frage bleibt: mit welchem Auftrag würde Jesus uns senden – in die Städte und Dörfer, in die Familien und Betriebe und Schulen. Wie machen wir Jesus und seine Botschaft kenntlich, wie geben wir uns zu erkennen, auch wenn es weh tut und zu Spott und Verächtlichmachung führt?

Wir gehen jetzt in die dunkle Jahreszeit – gerade auch mit den immer wieder einkehrenden Fragen: was führt zum Leben, das vom Grund her selig macht? Wie finde ich das Leben, in der Nähe zu Christus, dem Licht der Welt?

Möge das Licht uns leuchten auf unserem gemeinsamen Weg des Suchens. Amen.

Kategorien Neues aus der Gemeinde