Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 11. Okt. 2021 12:00 Uhr

Predigt zum Mitnehmen aus dem Festgottesdienst zur Goldenen Konfirmation am 10.10.2021

 Liebe Goldkonfirmand*innen, liebe Angehörige, liebe Gemeinde, 

unsere Goldkonfirmand*innen haben heute Morgen einen kleinen Anstecker bekommen. Ein Schiff mit zwei weißen Segeln. Sie, liebe Gemeinde, können es auf der Innenseite Ihres Liedblattes sehen. Das Schiff ist unterwegs. Wohin geht die Reise? Quer zum waagerechten Streifen, durch den das Wasser dargestellt ist, zieht sich senkrecht von oben nach unten ein weiterer wasserfarbener Streifen. Es scheint, als führe er unter dem Boot hindurch, als kreuze er den Weg des Schiffes. Das Wasser beschreibt ein Kreuz. Scheinbar in alle vier Himmelsrichtungen tun sich Wege auf.

Sie, liebe Jubilar*innen, tragen heute den Anstecker mit dem Schiff. Vor rund 50 Jahren haben Sie Ihre Konfirmation gefeiert, in den Jahren 69, 70 und 71. Damals lag der größte Teil Ihres Lebensweges noch vor Ihnen. Viele Ihrer Lebensentscheidungen waren am Tag Ihrer Konfirmation noch nicht getroffen. In welche Richtung sollte es gehen? Noch ein paar Jahre Schule oder schon der Einstieg in den Beruf? Waren die meisten Optionen damals noch offen? Irgendwann ausziehen von daheim. Glücklich werden, vielleicht mit einem lieben Menschen an der Seite. Welche Wege sind Sie in den letzten 50 Jahren gesegelt mit Ihrem Lebensschiffchen? Viele Ihrer Mitkonfirmand*innen von damals haben sie vermutlich aus den Augen verloren. Ihre Wege in die Erwachsenenwelt führten oft in verschiedene Richtungen. Auch heute haben nur einige wenige von damals wieder zusammengefunden. Sie sind heute aus unterschiedlichen Konfirmandengruppen zusammengewürfelt. Doch Sie, die Sie hier sind, verbindet eines: Sie haben sich hier eingefunden, um nach über 50 Jahren innezuhalten, zurückzublicken und sich noch einmal Gottes Segen zusprechen zu lassen. Ihr Weg geht ja noch weiter. Heute an diesem Tag aber kreuzen sich Ihre Wege hier in der Christuskirche unter unserem Altarkreuz.

Heute wird in besonderer Weise spürbar: Wir sitzen nicht allein in einem Boot. Und ich hoffe, Sie sind auch in Ihrem Leben sonst nicht ganz allein unterwegs. Vielleicht haben Sie Familie, PartnerIn, oder gute Freunde, Bekannte, Nachbarn, Wegbegleiter. Von mehreren von Ihnen weiß ich, dass Sie auch in der Kirchengemeinde eine Gemeinschaft gefunden haben, die Sie trägt.

Für eine solche Gemeinschaft, für die Gemeinde, ist das Schiff ein Symbol. Es erinnert daran, wie Jesus einst mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth in einem Boot saß. In dem Sturm hat er sie mit göttlicher Hilfe bewahrt. Auch daran erinnern wir uns heute, dass wir auf all unseren Lebenswegen nicht allein sind. Gott begleitet uns unsichtbar, manchmal so leise, dass er in den lauten Stürmen des Lebens, nicht sofort zu spüren ist. „Schläfst du?“ haben die Jünger damals Jesus gefragt. Aber er war ja da. Wie gut!

Aufgewühltes Wasser kann gefährlich sein. Aber auch herrlich. Das weiß, wer schon einmal einen schönen Spaziergang am Meeresstrand genossen hat und den Wellen zugesehen hat. Wasser ist etwas, das Sie heute auch miteinander verbindet: Mit Wasser sind Sie einmal getauft worden. Bei der Goldenen Konfirmation erinnern wir uns nicht nur an Ihre Konfirmation, sondern auch an Ihre Taufe zurück. Für viele stand sie am Beginn Ihres Lebensweges. In der Taufe hat Gott zugesagt, dass er Sie mit seinem Segen immer begleiten werde, egal was passiert. Mit der Taufe haben Sie einen persönlichen Segensspruch bekommen, den Taufspruch. Dann später bei der Konfirmation folgte ein weiterer biblischer Segen. Konfirmationssprüche werden manchmal zu Wegbegleitern, ein Leben lang. Auch heute möchte ich Ihnen ein Segenswort zusprechen. In 5 Mose 31,6 heißt es: „Dein Gott zieht mit dir. Der wird die Hand nicht von dir abziehen und dich nicht verlassen.“

Vor über 50 Jahren hatten Sie als Konfirmandin oder Konfirmand vermutlich Träume für Ihr Leben. Sind manche davon wahr geworden? Wurde es so, wie Sie es sich damals vorgestellt hatten? Geradlinig sind nur die wenigsten Lebenswege. Vielleicht waren auch Umwege zu gehen, manche Wegstrecke war länger oder steiniger als gedacht, manchmal mussten Klippen umschifft werden und dann mag es wieder leichter und mit frohem Mut vorangegangen sein. Einiges hat sich vielleicht so ergeben. Manches ist anders als geplant schön geworden. Oder das Glück kam unverhofft und ungeplant.

Auf Ihrem Sitzplatz haben Sie eine Karte gefunden mit einem Werk des Künstlers Friedensreich Hundertwasser.[1] Der Titel: Der große Weg. Eine dünne, lange Spirale, rot, blau, grün, gelb, schwarz, golden - Farben, die das Leben schreibt. Ist der große Weg ein Strudel? Oder sind vielmehr sanfte Wellen angedeutet, die auf den Strandsaum zulaufen? Zugleich meine ich, Jahresringe eines kräftigen Baumes erahnen zu können. Der große Weg ist weder rund noch eckig. Er vollzieht seine Bahnen unsymmetrisch und dynamisch um eine Mitte herum, blau wie der Himmel. Friedensreich Hundertwasser orientierte sich in seiner Kunst an Natur und Ökologie. Wie alles, was der Natur entspringt, lässt sich auch das Leben nicht in eine feste Form pressen. Alles bleibt im Fluss. „Der große Weg“ ist dem Frühwerk Hundertwassers zuzurechnen, dem 2013 in der Kunsthalle Bremen die Ausstellung „Gegen den Strich“ gewidmet gewesen war. Manche von Ihnen haben sie damals vielleicht gesehen. Die Spirale ist ein typisches Motiv in Hundertwassers Kunst. Darüber schreibt er 1974 selbst: „Die Spirale liegt genau dort, wo die leblose Materie sich in Leben umwandelt. Es ist meine Überzeugung, und ich glaube, es ist auch religiös verankert, und auch Wissenschaftler können es bestätigen, dass das Leben irgendwie einmal beginnen muss und man sich aus der leblosen Masse entwickelt hat, und das geschieht in Form einer Spirale.“[2] Für Hundertwasser stand wohl eher die Ökologie und nicht die Religion im Vordergrund seines Schaffens. Und doch fühle ich mich in meinem Inneren und auch in meinem religiösen Empfinden angesprochen von diesem Werk. Ich denke an die lebensbejahende Kraft Gottes. Die Spirale erinnert mich an den Weg durchs Labyrinth hin zur Mitte, hin zu Christus. Als begehbares Symbol finden wir es draußen auf unserem Kirchplatz. Manchmal verweilen hier Menschen, die vorbeikommen, nehmen sich einige Minuten Zeit, das Labyrinth zu beschreiten. Das Gehen im Labyrinth hat für Viele etwas von Konzentration, von Nachsinnen, ja von Gebet. Mit Gott auf dem Weg sein, auf dem eigenen Lebensweg!

Der Weg geht weiter. Zwei Frauen stapfen durch den feuchten Strandsaum, neben ihnen das Meer. Spaziergänge auf einer Kur sind eine gute Gelegenheit, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Für wenige Wochen lernt man jemanden kennen, manchmal ganz intensiv, bevor sich die Wege nach der Reha wieder trennen. Nach einigen gemeinsamen Therapieeinheiten und Anwendungen haben sich die beiden Frauen angefreundet. Hier, weit weg von zu Hause und von ihrem Alltag, tut es gut, jemandem zu erzählen und den eigenen Weg Revue passieren zu lassen.

Was sie alles im Leben schon gestemmt hat: Die Scheidung, dann der Umzug in die kleinere Wohnung. Später dann die Krebserkrankung. Einige schwierige Singlejahre. Sie sagt: Es ist sinnlos zu spekulieren, was wäre gewesen, wenn ich damals mit 20 einen anderen Partner gesucht und bewusster gelebt hätte. Ihr Weg wäre ein anderer geworden. Doch wenn sie zurückblickt, mag sie ihr Leben. Sie ist glücklich mit ihrem zweiten Ehemann. Dessen Kinder und Enkel sind ihr fast wie die eigenen ans Herz gewachsen. Daheim hat sie das Haus mit dem kleinen Grundstück, hier hat sie ihre Gärtnerleidenschaft entdeckt. Die Kirche steht um die Ecke. Freunde wohnen nahebei. Tief im Innern hat sie Zuversicht in das Leben entwickelt. Gottvertrauen. Irgendwie ist es für sie immer weitergegangen. So wird es auch wieder sein. Damals hat sie den Krebs besiegt. Nun wird sie mit Folgen der Hüft-OP auch umzugehen lernen, hoffentlich! Manchmal betet sie im Stillen. Ihr Leben verläuft jetzt in ruhigen Bahnen. Aber langweilig ist es nicht. Es gibt Pläne. Jetzt erstmal die Reha. Und dann nächsten Winter drei Monate bei den Kindern in Spanien verbringen, das hat sie mit ihrem Mann vor.

Liebe Goldkonfirmand*innen: Wie ist Ihre eigene Geschichte? Wohin hat Sie Ihr Lebensschiffchen getragen? Wohin wird die Fahrt weitergehen? Wo genau wir uns auf dem großen Weg unseres Lebens befinden, wissen wir nicht. Noch nicht einmal die Richtung, in die es geht, wird auf Hundertwassers Gemälde deutlich. Von innen nach außen? Oder von außen nach innen? Die wenigsten Lebenswege sind geradlinig. Manche verlaufen verschlungen, andere in Kreisen, ähnlich wie Hundertwasser den großen Weg gemalt hat.

Unten links in der Ecke fällt mir ein schwarzer runder Fleck auf. Er ist nicht Teil des Weges. Der dunkle Fleck muss umschifft werden wie ein Felsen oder ein schwerer Stein. Das Schwarze ist wie ein Fremdkörper innerhalb der Spirale. Ich denke an das Dunkle auf menschlichen Lebenswegen. Nicht alles lässt sich gut in das eigene Leben integrieren. Manches ist tief vergraben: Verletzungen, die nicht verheilt sind. Enttäuschungen über unerfüllte Träume. Trauer um einen lieben Menschen, der schon gestorben ist. Doch ganz im Zentrum des schwarzen Flecks auf Hundertwassers großem Weg findet sich wieder das strahlende Himmelblau.

Erst auf den zweiten Blick entdecke ich links oben noch ein weiteres Farbfeld, nämlich ein goldenes Quadrat. Die fast symmetrische Form korrespondiert mit der himmelblauen Mitte im Zentrum des großen Weges. Für mich steht das goldene Viereck für Christus. Es erinnert mich daran, dass Gott da ist, mag es auch leise und unscheinbar sein. Gott vermag dem Lebensweg einen goldenen Schimmer zu verleihen. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt auch im Hintergrund eine in den großen Weg eingeflochtene Kreuzform.

Möge auch auf Ihrem Weg viel Segen liegen. Mögen Sie, wenn Sie mit Ihrem Lebensschiffchen weitersegeln, immer Gottes Nähe spüren. Mögen Sie erfahren, was mit dem Satz aus 5 Mose 31,6 gemeint ist: „Dein Gott zieht mit dir. Der wird die Hand nicht von dir abziehen und dich nicht verlassen.“ 

Amen.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther


[1] https://shop.gottesdienstinstitut.org/konfirmationsjubilaum-2016-zur-karte-der-grosse-weg-hundertwasser.html

[2] Hundertwasser: „Die Spirale“. Publiziert in : Katalog zur Ausstellung im Haus der Kunst. München 1975. Grunder Janura AG: Glarus/Schweiz 1975, S. 132-143. 

Fotos: Ulrike Kothe

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