Veröffentlicht am Di., 5. Okt. 2021 13:26 Uhr

Liebe Gemeinde,

heute schauen wir besonders auf die Gaben und Früchte von Feldern, Bäumen und Wiesen. Wir schauen und staunen über die Vielfalt und die Fülle, eine Fülle, die uns dankbar werden lässt. Erntedank gilt es zu feiern – obwohl wir uns viele Fragen stellen sollten. Fragen an den Umgang der Menschheit mit Gottes Schöpfung. Diesen Fragen möchte ich heute nicht nachgehen.

Ich folge lieber der Spur unseres Predigttextes. Auch durch ihn komme ich ins fragen, dazu gleich. Denn bevor ich den Predigttext lese, kurz zum Hintergrund dieses Briefausschnitts von Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Wir befinden uns in der Frühzeit der christlichen Bewegung, erste Gemeinden in Städten sind entstanden. Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem spielt eine besondere Rolle. Wir nennen sie die Urgemeinde, dort wirkten die ersten Jünger und Jüngerinnen Jesu. Sie war eine kommunitäre Gemeinschaft ohne eigenen Besitz der Einzelnen. Sie wandten sich Armen und Leidenden zu, so wie Jesus es ihnen aufgab. Sie lebten ganz im Heute, weil sie im baldigen Morgen ihren Messias, Jesus Christus wieder erwarteten. Doch Jesus kam nicht vom Himmel zurück. Die Urgemeinde verarmte allmählich, sie brauchte Hilfe. Paulus organisierte eine Geldsammlung, die er persönlich nach Jerusalem bringen wollte. Für diese Kollekte warb er in Korinth so [2. Brief des Paulus an die Korinther Kapitel 9, Verse 6-11]:

Das aber sage ich euch: »Wer spärlich sät, wird spärlich ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.« Jeder soll so viel geben, wie er sich selbst vorgenommen hat. Er soll es nicht widerwillig tun und auch nicht, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Denn wer fröhlich gibt, den liebt Gott.

Gott aber hat die Macht, euch jede Gabe im Überfluss zu schenken. So habt ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles, was ihr zum Leben braucht. Und ihr habt immer noch mehr als genug, anderen reichlich Gutes zu tun.

So heißt es ja in der Heiligen Schrift: »Er verteilt Spenden unter den Armen. Seine Gerechtigkeit steht fest für immer.«

Gott gibt den Samen zum Säen und das Brot zum Essen. So wird er auch euch den Samen geben und eure Saat aufgehen lassen. Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen.

Er wird euch so reich machen, dass ihr jederzeit freigebig sein könnt. Und aus eurer Freigebigkeit entsteht Dankbarkeit gegenüber Gott, wenn wir eure Gaben überbringen.

 

Liebe Geschwister,

die Leitfragen der biblischen Worte an uns sind heute für mich: Was bedeutet es, großzügig zu sein? Was ist das überhaupt „Großzügigkeit“? Wie könnte sich unsere Großzügigkeit zeigen?

Paulus sagt zunächst: wer spärlich sät, erntet auch so, wer großzügig sät, erntet reichlich. Es ist wohl so: reichlich zu säen garantiert keine reiche Ernte, doch sie macht sie wahrscheinlicher, wir wissen alle: nicht jeder Same geht auf, hält durch und bringt Frucht. Paulus wirbt dafür, dass die Gemeinde in Korinth großzügig sät. Damit meint er: gebt lieber viel als wenig nach Jerusalem, ihr werdet reichen Dank ernten. Gott segnet, wenn ihr großzügig seid, denn Gott selbst ist es auch. Er schenkt euch Gaben im Überfluss.

Genauso wichtig ist, dass kein Zwang oder Gruppendruck entsteht. Alle sollen frei entscheiden dürfen, ob sie etwas geben wollen und wie viel. Für mich ist das entscheidend: eine fröhliche Geberin hat Gott lieb, es kommt nicht auf die Höhe der Gabe an, sondern gerne zu geben. Lieber weniger geben, das aber gerne. Lieber weniger geben und nicht mit schlechtem Gewissen. Diese Haltung: „niemand muss etwas geben“, sie selbst ist großzügig und weitherzig. Sie öffnet uns einen Raum, für uns zu bedenken, was wir geben möchten, was wir geben können – gerne geben. Vor zwei Wochen entdeckte ich beim Radeln bei Borgfeld am Straßenrand eine große Kürbisausstellung, sehr schön präsentiert.

So kam mir die Idee für diese Gabenschau heute in der Kirche. Am Freitag noch mal mit dem Auto hin, zu schwer für’ s Rad, die ganzen Kürbisse. Am Stand kamen wir mit der Schwester des Bauern ins Gespräch. Ich erzählte, was ich vorhatte. Das hieße auch: großzügig einkaufen, denn es sollte ja sichtbar sein, wie vielfältig Gottes Kürbisgeschöpfe sind. Da fuhr ihr Bruder an, einen Anhänger voll mit frischen Kürbissen. Er freute sich über unser Interesse an „seinen“ Kürbissen und gab uns noch welche dazu, die er gerade brachte. Er suchte schöne aus. Wir sprachen über seine Kürbisleidenschaft und wo er anbaute. Was man aus Kürbis alles machen kann. Als es an’ s zahlen ging, überraschte er uns. Die Summe der Einzelpreise der Kürbisse lag über deutlich über dem, was er haben wollte. Wie großzügig von ihm dachte ich. Ein schönes Beispiel, großzügig zu sein: Ich nehme weniger als mir zustünde.

Das ist der Kern von Großzügigkeit: ich gebe mehr als man von mir erwarten kann oder sogar darf. Wenn ich großzügig bin, dann überschreite ich sozusagen die „Normalität“, dann verhalte ich mich so, dass ich mehr gebe, als ich „müsste“. Wir merken schon, es gibt keinen festen Maßstab, ab wann jemand großzügig ist. Oder wir jemanden großzügig finden. Was die eine schon großzügig findet, ist für den anderen im Rahmen von „normal“.

Wenn wir reichlich säen und geben, dann ahmen wir damit nach, wie Menschen Gott erlebt haben und erleben. Gottes reiche Gaben, wie häufig werden sie in Heiligen Schriften, nicht nur der Bibel, beschrieben. Eines, was wir mit Göttlichem verbinden ist doch der Reichtum, die Vielfalt der geschaffenen Welt. Die Größe und Schönheit des Universums, die wir nur erahnen. Allein die Fülle an Leben, das dieser winzige Planet, den wir Erde nennen, hervorbringen durfte. Sogar immer noch darf, trotz uns Menschen.

Zeigt all‘ das nicht, wie großzügig, wie regelrecht verschwenderisch Gott handelt? „Gott kann machen, euch jede Gabe im Überfluss zu schenken. So habt ihr jederzeit alles, was ihr zum Leben braucht.“ So beschreibt Paulus diese Großzügigkeit Gottes. Hm, lässt sich da nicht einiges einwenden?

Heute sehen wir doch auf unsere ganze Welt, blicken nicht allein auf einen Teilausschnitt der Erde. Wir sehen Menschen, bei denen wir nicht auf die Idee kämen, zu sagen: die sind im Überfluss beschenkt. Das kam in einem Gespräch auf: Wir saßen in der Heilig-Geist-Kirche, die auch ein Sozialkaufhaus ist. Um uns herum Überfluss. Kleidung, Kleidung, Kleidung, alles in Container gesteckt, nicht mehr getragen von denen, die sie gekauft haben. Was für ein Gegensatz, hier Überfluss, in vielen Gegenden Mangel, echter Mangel.

Wir stießen im Predigttext auf zwei Sätze: „Seine Gerechtigkeit steht fest für immer.“ Und „Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen.“ Gerechtigkeit in Gottes Augen, das hören wir von den alten Propheten Israels, ist vor allem Verteilungsgerechtigkeit. Nicht der Reichtum ist das Problem, sondern die Armut. Nicht allen muss das Gleiche zukommen, doch alle sollten genug haben - weltweit. So sollen wir in Gottes Namen handeln. Wir, denen viel geschenkt ist, dürfen fröhlich abgeben und damit reicher im Herzen werden. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Bei Paulus damals ging es um eine Geldgabe für andere. Es gibt noch ein anderes, sehr wertvolles Gut. Ein Gut, mit dem wir anderen Gutes tun können. Ein Gut, von dem wir alle gleich viel haben - unsere Zeit! Dazu ein Erlebnis, das mir vor einigen Wochen geschenkt wurde:

Eine kleine Veranstaltung in Horn. In der Pause komme ich mit einem Menschen in meinem Alter ins Gespräch. Er erzählt, dass er seit März noch mal was ganz anderes macht. Er arbeitet jetzt in einer Grundschule. Respekt, denke ich, noch mal Lehrer werden mit über 50. Nach der Pause erzählt er allen etwas mehr. Er hat bei Airbus als Abteilungsleiter gearbeitet. Airbus, das wissen wir, baut Personal ab. Er nimmt eine Abfindung an und geht. Überlegt, was er mit seiner Zeit anfängt, sucht, fragt nach und findet schließlich seine Aufgabe. Nicht Lehrer, sondern Schulhelfer. Hier in der Vahr, da, wo es viele Kinder gibt, die Hilfe brauchen. Mehr als die Lehrerinnen leisten können. Er unterstützt einzelne Kinder im Unterricht. Er sagt: das, was ich hier tun darf, erfüllt mich mehr, als Flugzeuge zu konstruieren. Wir sind tief berührt, ich freue mich mit und für ihn. Dr. S in der Grundschule, er bekommt kein Geld dafür. Er gibt seine Zeit. Viele Stunden in der Woche. Er sät großzügig den Samen, den Gott ihm schenkt. Er erntet reichlich und ist gesegnet, gesegnet von Gott durch Kinder. Eine fröhliche Geber:in hat Gott lieb. AMEN

                                 Pastor Claus Nungesser

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