Veröffentlicht von Ulrike Kothe am Mi., 22. Sep. 2021 09:37 Uhr

Predigt zum Nachlesen vom 19.09.2021 von Pastorin

Annette Niebuhr

 

Herzlich lieb habe ich

Dich, Ewiger,

meine Stärke

Du bist mein Fels,

meine Burg, mein Schutz

Ja, du machst hell

meine Leuchte

Mit Dir, meinem Gott

kann ich über Mauern

springen

(aus Psalm 18)

 

Liebe Gemeinde,  

wenn wir die Bibel lesen und studieren, dann begegnet uns ein Wort auf Schritt und Tritt. Das ist das Wort „Gerechtigkeit“. Gerechtigkeit ist die Mitte, die innere Klammer aller Gedanken und Gebete; alle Handlungen, alles Verhalten des Menschen wird geprüft daraufhin – ob Gerechtigkeit das Ziel ist; ob das Wohl und die Lebensmöglichkeit aller Menschen gewährleistet wird.  

In der Gründungszeit hat Israel Gott erfahren als persönliche Macht und Kraft, die da ist in der Not. Als die Supermacht Ägypten die Israeliten geknechtet, ausgebeutet hat, mit Vernichtung bedroht hat, da hat Mose im brennenden Dornbusch die Stimme gehört: ‚Ich bin da‘, ‚ich werde da sein‘, wenn du, Mose, herausführst das Volk aus der Sklaverei, aus den Zusammenhängen, die euer Leben kaputtmachen. „Geh, setz dich ein, sei mutig, riskier‘ etwas – und ich werde da sein bei dir.“

„Ich bin da“ wenn du das tust, sagt die Stimme, so ist der Name Gottes. „Ich bin da“ sagt die Stimme aus dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch.


Und so brennt er durch die Jahrtausende – und so spricht auch die Stimme durch die weitere Weltgeschichte. Zunächst zu diesem verstörten, misshandelten, kleinen Volk unter der Gewalt Ägyptens. Aber wie wunderbar, dass wir Mithörende sein dürfen, und die Verheißung allen Völkern gilt und zu allen Zeiten.

Als die kleine Gruppe der Israeliten in der Freiheit angekommen ist, findet sie sich in der Wüste wieder. Das Volk muss sich neu finden; als freie Gemeinschaft, die sich selber Regeln schaffen kann für ein neues Zusammenleben ohne Fremdherrschaft.

Und Gott- „ich bin da“ – ist da; der Himmel hilft der Erde. In der Begegnung oben auf dem Berg – dem Sinai – geschieht der erste Akt der Verbündung. Ein Vertrag wird geschlossen: Gott – ‚ich bin da‘ – verspricht da zu sein für die Wehrlosen, die Witwen und Waisen, die Trauernden, die Schwachen. Das Volk verspricht im zweiten Akt der Verbündung, Gott darin zu folgen. Es verspricht, in dem Halten der zehn Lebensworte, einander beizustehen, wie Gott es getan hatte. Nichts voneinander zu stehlen, einander nicht umzubringen, keine Lügen und Halbwahrheiten, Verleumdungen zu verbreiten, sich nicht den Besitz der anderen anzueignen.

Ja, das versprechen sich die Leute, sich selbst und Gott. Und im Lauf der Geschichte fleht Gott sie immer wieder an – durch die Propheten, die später auftreten – wählt dieses Leben, wählt diese Art zu leben. Wählt die Gerechtigkeit für euer gemeinschaftliches Leben. Wählt diesen Weg, der zu immer mehr Gerechtigkeit führt. Dann hat der Frieden auch eine Chance. Dann können die beiden eine innige Beziehung zueinander eingehen. Wie der Psalm es sagt: Frieden und Gerechtigkeit küssen einander.

Ja, liebe Gemeinde, es sind Geschichten aus fernen Zeiten. Aber – und Gott sei’s gedankt: Sie sind unsere Wurzeln. Aus ihnen können wir Kraft und Mut und Hoffnung ziehen. Diese Wurzeln können uns Halt geben in haltlosen und in unseren besorgniserregenden Zeiten. Diese Wurzeln wollen aber auch gehegt und gepflegt werden. Sie brauchen auch unsere Aufmerksamkeit.

Die Wurzeln des Bündnisses zum Leben zwischen Himmel und Erde, so wie die Bibel es versteht, ist die Aufgabe, Gerechtigkeit herzustellen unter den Menschen. Dann, so ist die Verheißung, werdet ihr leben; werdet ihr miteinander leben können auf der Erde; dann hat das menschliche Leben auf der Erde Zukunft.

Die Frage an jeden und jede von uns ist: stelle ich mein eigenes kleines Leben in diesen großen Zusammenhang? Ja – mühe ich mich darum, die Zusammenhänge zu verstehen, die zu politischen Entscheidungen führen? Ja, wir durchschauen das Meiste in der Politik nicht. Aber es kommt auf unser HERZ an. So steht es in einem der Sprüche: Gott erkennt unser Herz.  

Dein und mein kleines Herz in uns – das Organ, das für die Liebe, den Respekt, die Achtsamkeit, die Berührbarkeit steht. Schlägt es für die, die unter Unrecht und Ungerechtigkeit leiden – darum geht’s. Und kann ich daraus etwas tun für mehr Gerechtigkeit unter uns Menschen?

Das ist ja nun eine Gewissensentscheidung für jeden und jede von uns. Was kann ich tun? Was will ich tun? – für mehr Gerechtigkeit in unserem Land und in der Welt.

Dir, Ulrike – war diese Frage immer wichtig. Du hast unzählige Stunden für den Eine Welt Laden gearbeitet. Unzählige Male haben wir die Frage beantwortet: Warum ist der Kaffee im Eine Welt Laden so viel teurer als bei Aldi, Rewe oder Penny, Tchibo. Antwort: weil wir wollen, dass die Bauern in Nicaragua, Bolivien oder Äthiopien einen einigermaßen fairen Lohn für ihre Arbeit bekommen und ihre Kinder zur Schule gehen können. Deswegen muss der Kaffee deutlich teurer sein.

Die Ungerechtigkeit unter uns Menschen ist wie eine dicke, hohe Mauer. Einreißen können wir sie offenbar nicht. Aber vielleicht manchmal überspringen – mit anderen zusammen – und damit vielleicht wenigen das Leben leichter, heller machen. Gott verspricht, da zu sein und beim Sprung zu helfen. Das ist sein Bund mit uns.  

Amen.

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