Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 13. Sep. 2021 11:05 Uhr

Liebe Gemeinde,

Den engsten Kreis um Jesus nennt der Evangelist Lukas „die Apostel“, die 12. Sie hat Jesus intensiv gelehrt, ihr Leben verändert, immer wieder. Aus dem Lukasevangelium, dem 17. Kapitel, kommt heute unser kurzer Predigttext.

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn:

Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach:

Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn,

würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:

Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!,

und er würde euch gehorsam sein.

 

Liebe Geschwister,

wieder einmal spüren die 12 Apostel, dass sie Jesu Ansprüchen kaum genügen können. Jesus fordert sie zum Beispiel auf, immer und immer wieder auf, zu vergeben, von Herzen zu sagen: ich verzeihe Dir. Selbst, wenn uns jemand wirklich Böses angetan hat. Selbst wenn diese Person Einsicht in ihr falsches Handeln zeigt, fällt es uns schwer, zu vergeben, vor allem, wenn es immer wieder passiert und weh tut.

Das ist der Zusammenhang der Bitte, die die Apostel vorbringen: „Stärke unseren Glauben“, stärke unser Gottvertrauen, damit wir fähig sind, zu vergeben. Jesus geht auf die Bitte „Stärke unseren Glauben“ ein, er antwortet – mal wieder – rätselhaft: Schon ein „Senfkornglaube“ reicht aus, damit Euch Großes gelingen kann. Jesu Beispiel: ein Maulbeerbaum mit tiefen Wurzeln hält dem Senfkornglauben nicht stand.

„Stärke unseren Glauben!“ Für die Apostel ist das nicht zuerst die Fähigkeit, Maulbeerbäume auzureißen. Nicht die Fähigkeit große „Naturwunder“ zu vollbringen. Nicht für Maulbeerbäume brauchen die Apostel und wir einen Senfkornglauben. Wir brauchen die Kraft des Glaubens, wenn wir uns hilflos, ohnmächtig, wütend, sogar hassend erleben. Wenn Sorgen uns überwältigen, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Wenn das Leben uns ständig überfordert.  Dann brauchen wir, dass unser Glaube gestärkt wird. Der Glaube daran, dass Gott uns trägt, wenn wir nicht mehr können.

Ich bin gewiss, uns allen fallen Situationen unseres Lebens ein, wo wir Stärkung durch Gott erfahren haben.

So wie die beiden, von denen ich jetzt erzählen will. Es ist eine Geschichte über die Kraft des Glaubens, die sich in der Vergebung zeigt.

Zwei Menschen, Mary  und OShea Israel. Sie eine schwarze Amerikanerin, heute ist sie 69. Er ein schwarzer Amerikaner, heute ist er 44. Sie Christin, er Christ. Heute sind sie einander tief vertraut, wie Mutter und Sohn, was sie nicht sind. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt mit einem Mord. Am 12. Februar 1993 erschießt Marlon Green als 16jähriger Laranium, den Sohn von Mary, er wurde nur 20 Jahre alt. Marlon und Laranium bekommen Streit auf einer Party, beide betrunken, beide hochaggressiv. Marlon zieht eine Waffe, schießt viermal aus der Nähe, ein junger Mensch, Laranium, stirbt. Marlon flieht, doch am nächsten Tag wird er verhaftet, verhört, gesteht.

Beim Prozess sieht Mary Marlon. Den Menschen, der ihr ihr einziges, geliebtes Kind genommen hat. Sie wünscht ihm den Tod. In Minnesota gibt es keine Todesstrafe. Dann wenigstens lebenslänglich. Am Ende des Prozesses bittet er die Mutter „Bitte vergeben sie mir trotz ihres Schmerzes.“ Marlon, 16 Jahre, wird zu 25 Jahren Haft verurteilt. Ein Jugendlicher, ins Gefängnis gesteckt zu erwachsenen Schwerverbrechern und Mördern.

Weggesperrt, weg vom Leben draußen. Doch nicht weg aus Kopf und Herz von Mary. Denkt sie an ihn, kommt Hass in ihr hoch. Marlon würde irgendwann entlassen, ihr Sohn kommt nicht wieder.

Mary zieht um, sie wird Gemeindesekretärin einer Kirchengemeinde. Trotz allen Zorns und aller Wut in ihr, ihren letzten Halt findet sie in Gott. Doch ganz gleich wie oft sie die Vater-Unser-Bitte „… wie auch wir unseren Schuldigern vergeben“ betet: sie kann es nicht. 10 Jahre nach der Tat möchte sie den Hass auf Marlon loswerden. Sie spürt, dass der Hass ihr schadet. Sie möchte lernen, zu vergeben. Doch wie soll das gehen? Immer wenn sie sich sagte: „Ich vergebe ihm“ spürte sie: das sind leere Worte.

Vielleicht hilft es ihr, wenn sie sich dem Mörder ihres Sohnes stellt, ihn im Gefängnis besucht? Zwei Jahre bereitet sie sich vor. Sie spricht mit Müttern, die wie sie Kinder verloren hat. Sie spricht mit Müttern, deren Söhne zu Mördern wurden. Sie erkennt: alle leiden unter den Taten, die oft im Affekt geschehen sind.

Mehrfach lehnt Marlon aus Angst ein Treffen mit Mary ab. Schließlich gibt er nach. Inzwischen hat er seinen Namen geändert, er heißt jetzt OShea Israel, übersetzt „Erlösung“ Israels. In seinem Namen drückt er sein Sehnen aus: ich will erlöst werden.

Mary und OShea, sie treffen sich 12 Jahre nach der Tat, die ihr beider Leben verändert hat. Sie treffen sich im Gefängnis. Sitzen an einem Holztisch, karger Raum, Wärter und Sozialarbeiterinnen um sie herum. „Ich kenne Dich nicht“, sagt Mary zu ihm. „Aber wir müssen uns kennenlernen.“ Sie fragt ihn nach seiner Kindheit, er erzählt vom trinkenden Vater;  von rassistischen Beleidigungen in der Schule; von Umzügen. Erzählt, wie er zu einer Gang fand, jetzt lachte ihn niemand mehr aus. Er dealte mit Drogen, das Geld machte ihn beliebt. Mit 14 Jahren schlief er mit Pistole unterm Kopf, verlor die ersten Freunde bei Schießereien.

Mary hört zu, erkennt, dass ihr Sohn und OShea beide in ein Leben gerutscht waren, dass niemand wollte. Stundenlang ist sie aufmerksam, fragt nach.

Am Ende sagt OShea Israel zu ihr: „Ich werde Dir nie wieder weh tun.“ Und Mary sagt: „Ich vergebe Dir.“

Bei der Verabschiedung fragt er, ob er sie umarmen dürfe. Es ist gegen die Vorschriften, niemand schreitet ein. Mary lässt es zu. Als ihr die Tränen kommen, streichelt er ihr zärtlich über den Rücken. In diesem Moment spürt sie, wie etwas ihren Körper verlassen hat. Der Hass auf den Mörder ihres Sohnes ist weg.

Mary kommt danach mehrfach zu Besuch ins Gefängnis, irgendwann spricht OShea über die Tat im Februar 1993. 16 Jahre nach der Tat wird OShea auf Bewährung entlassen. Mary organisiert eine Willkommensfeier für ihn. Sie hilft ihm, irgendwann nennt sie ihn „Sohn“. Bis heute sind sie miteinander verbunden. Bis heute kommt OShea immer wieder in Schwierigkeiten. Es ist schwer für einen verurteilten Mörder wieder Fuß zu fassen, doch er ist auf dem richtigen Weg, sein Glaube stärkt ihn.

„Vergebung ist nicht leicht, es ist harte Arbeit.“, sagt Mary. Sie konnte vergeben durch die Kraft ihres Glaubens an Gott.

Liebe Geschwister,

die Kraft unseres Glaubens haben wir nicht in uns selbst, schon gar nicht auf Vorrat. Sie ist uns von Gott geschenkt. Wir haben keinen Grund mit der Stärke unseres Glaubens zu prahlen. Unser ganz kleiner Senfkornglaube lässt uns demütig sein. Wir erleben alle, dass unsere Glaubenskraft klein ist. Doch sie ist eine Kraft, die uns ausdauernd sein lässt. Deshalb bitten wir bis heute „Stärke uns den Glauben.“

AMEN

                                 Pastor Claus Nungesser

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