Veröffentlicht von Rüdiger Kunstmann am So., 15. Aug. 2021 15:52 Uhr

Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis am 15. August 2021

Predigttext: Epheser, Kapitel 2, 4-10

(Übersetzung: Gute Nachricht)

4 Aber Gott ist reich an Erbarmen. Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt.
5 Durch unseren Ungehorsam waren wir tot; aber er hat uns mit Christus zusammen lebendig gemacht. – Bedenkt: Aus reiner Gnade hat er euch gerettet!
6 Er hat uns mit Jesus Christus vom Tod auferweckt und zusammen mit ihm in die
himmlische Herrschaft eingesetzt.
7 In den kommenden Zeiten soll das enthüllt werden. Dann soll der unendliche Reichtum seiner Gnade sichtbar werden: die Liebe, die Gott uns durch Jesus Christus erwiesen hat.
8 Eure Rettung ist wirklich reine Gnade, und ihr empfangt sie allein durch den Glauben. Ihr selbst habt nichts dazu getan, sie ist Gottes Geschenk.
9 Ihr habt sie nicht durch irgendein Tun verdient; denn niemand soll sich mit irgendetwas Rühmen können.
10 Wir sind ganz und gar Gottes Werk. Durch Jesus Christus hat er uns so geschaffen, dass wir nun Gutes tun können. Er hat sogar unsere guten Taten im Voraus geschaffen, damit sie nun in unserem Leben Wirklichkeit werden.


Liebe Gemeinde,

was wir hier im Brief an die Gemeinde in Ephesus lesen, klingt wie eine kurze Geschichte des Glaubens:

Am Beginn dieser Geschichte steht Gott, der der Ursprung und die Fülle des Lebens ist. Ein Gott, der reich ist an Barmherzigkeit und Liebe. Ein Gott, der zu uns kommt, um aus diesem Reichtum zu schenken. Der sich lebendig zeigt in Jesus Christus, über das Kreuz des Leides und den Tod hinaus. Er nimmt uns mit auf in den himmlischen Herrschaftsbereich, wo der Mensch sein Leben von der Liebe und der Gnade Gottes bestimmt sein lässt.  Und wir sind in der Gemeinde in diesem Glauben verbunden: Dass all unser Leben im Geschenk der Liebe Gottes verwurzelt ist und wir daraus die Kraft gewinnen gemeinsam ein Leben in Frieden aufzubauen und einander Gutes zu tun. 

Und so grundsätzlich es im Brief auch formuliert ist, so ist es doch in eine bestimmte Situation hineingeschrieben. An die Gemeinde in Ephesus, in einer der größten und bedeutendsten Städte Kleinasiens. Ephesus war eine Hafenstadt mit bis zu 250.000 Einwohnern an der Westküste auf dem heutigen Gebiet der Türkei. Eine bedeutende Handelsstadt, in der Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen lebten. Der berühmte Tempel der griechischen Göttin Artemis war dort, zu dem viele pilgerten. Der Apostel Paulus wirkte drei Jahre in Ephesus und gründete eine christliche Gemeinde, an die eben dieser Brief gerichtet ist. Einer jungen, wachsenden Gemeinde, in der Menschen aus dem Judentum wie aus den anderen Völkern zusammen fanden, Judenchristen und Heidenchristen, die durch ihren Glauben an Jesus Christus Zugang zu Gott finden, als Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes verbunden sind, wie es im Epheserbrief heißt.

Und wie auch bei uns in der Gemeinde trafen in Ephesus Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und religiöser Praxis zusammen: Wohlhabende Händler und Gebildete ebenso wie einfache Arbeiter und Sklaven, ehrenwerte und Recht schaffende Leute, die stolz auf ihre Leistungen waren und sich als fromme gläubige Menschen in der Gemeinde engagierten, ebenso wie Menschen weiter unten auf der Leiter der Gesellschaft, die keine edle Herkunft, Bildung oder große Leistungen vorweisen konnten, für wenig Lohn arbeiteten, sich weniger fromm und rechtschaffen durchs Leben schlagen mussten. Bei all dieser Unterschiedlichkeit, und auch trotz bestehender Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten gab es doch einen verbindenden Grund des Glaubens, der hier im Epheserbrief thematisiert wird.

Wir kennen das gewiss bei uns selbst, wie das ist mit den guten Taten und Werken, die wir uns bemühen zu tun, mit unseren Leistungen und unserem Engagement in Beruf und Familie, in der Gemeinde, gegenüber unseren Mitmenschen: Auf manches was wir tun können wir durchaus stolz sein. Es tut gut für etwas gelobt zu werden. Und man klopft sich vielleicht gerne auch einmal selbst dafür auf die Schulter. Es kann aber auch des Guten zu viel werdem. Der eigene Erfolg und die guten Leistungen können einem auch zu Kopf steigen. Irgendwann beginnt solch ein Eigenlob dann auch zu stinken. Man wird sich selbst zum Gerechten mit den eigenen Leistungen und Erfolgen als Maßstab, sich eben selbst zu bewerten. Und vielleicht auch in religiöser Hinsicht, wenn man das dann als Beweis dafür versteht, von Gott gesegnet und geliebt zu sein, für das was man leistet und tut. Und als solch ein Selbstgerechter beginnt man vielleicht nun auch noch sich mit den anderen Menschen zu vergleichen, bei denen es nicht so zu sein scheint Und man urteilt nun über sie, je verurteilt sie, weil sie weniger zu leisten und gute Taten vorzuweisen haben. Wird man nun auf diese herabblicken, sie gering schätzten, sie gar ausgrenzen, sei es im gesellschaftlichen Leben -sei es in der religiösen Gemeinschaft in der Gemeinde?

Darum geht es im Epheserbrief, auf welchem Glaubensgrund unser Zusammenleben gründet, was uns im Glauben in der Gemeinde verbindet, bei allem was wir zu tun und zu leisten vermögen, und wo immer wir auch herkommen. Dieser Glaubensgrund sind jedenfalls nicht unser guten Taten, unsere eigene Leistungsfähigkeit, oder ein frommes gottesfürchtiges Leben, sondern die Gnade und die Liebe, die Gott uns schenkt und ein gutes, gottesfürchtiges und leistungsfähiges Leben erst ermöglicht.

Das wird auch gut auf den Punkt gebracht in Jesu Gleichnis, das wir vorhin als Schriftlesung gehört haben (Lukas 18, 9-14): Ein Pharisäer und ein Zöllner gingen in den Tempel, um zu beten. Der Pharisäer das ist ein Bibelgelehrter und religiöser Lehrer, der in der Gesellschaft hoch angesehen war. Der Zöllner das ist einer, der für die Römer Geld eintrieb, gerne auch mehr in die eigene Tasche, und darum als betrügerisch und korrupt galt. Hier stehen sich also nun der Typ des Gerechten und des Sünders gegenüber.

Und sie beten auf unterschiedliche Weise:
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!


Dazu sagt Jesus dies:
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Denn jener Gerechte, der Pharisäer, dessen gute Taten und religiöse Leistungen an sich hier ja nicht infrage gestellt werden, macht sich mit seiner geringschätzigen und ausgrenzenden Haltung dem Zöllner gegenüber zum Selbstgerechten, verliert jenen Glaubensgrund der Gnade und Liebe Gottes aus den Augen, während der Zöllner, der manches Böse getan haben mag, sich selbst als Sünder erkennt und um Gnade und Vergebung bittet.

Und könnte es dabei so sein, dass Jesus mir selbst hier einen Spiegel vorhält, in dem ich mich an manchen Tagen als jener Phärisäer erkenne, der den Glaubensgrund verliert, an anderen Tagen als der Zöllner, der zum Glaubensgrund zurückfindet?

Im Epheserbrief wird dieser Glaubensgrund in einem eher lehrhaften Stil beschrieben – nämlich so:
Eure Rettung ist wirklich reine Gnade, und ihr empfangt sie allein durch den Glauben. Ihr selbst habt nichts dazu getan, sie ist Gottes Geschenk. Ihr habt sie nicht durch irgendein Tun verdient; denn niemand soll sich mit irgendetwas Rühmen können.

Das erinnert uns an Worte des Paulus, die er in anderen Briefen geschrieben hat, und die auch seit Martin Luther zum Ruf und Programm der Reformation geworden sind – in einem Satz gesagt:  „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Römer 1,17 + Habakuk 2,4)

Eben jene Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben, wie sie unser Zöllner erfährt, jenen Glaubensgrund, der nicht in unseren Leistungen und Werken begründet liegt, die wir aus uns selbst heraus erschaffen und vollbringen müssten. Sondern gegründet in der Liebe und Gnade Gottes, die uns aus jener Selbstgerechtigkeit und Trennung herauszuführen und zu verbinden vermag. Im Bezugssystem der Leistungsgerechtigkeit könnten wir unseren Wert und unsere Würde ja nur finden auf dem Grund unserer Leistungen, wo am Ende das Recht des Stärkeren herrscht und manche auf der Strecke bleiben. Aber im Bezugssystem der Gnade Gottes ist ein anderer Grund gelegt. Wir werden in den Herrschaftsbereich der Liebe Gottes hineingenommen. Wir können unser Leben erneuern, weil wir es als Geschenk und Gnade erfahren. Das wird uns dankbar machen. Und es wird uns erkennen lassen, das wir als Gottes Werke mit gleichem Wert und gleicher Würde geschaffen sind, wie alle anderen. Mögen wir uns auch mal als Gerechte, mal als Sünder im Spiegel sehen, so sind wir doch immer verbunden als Geliebte in Christus, als Werke Gottes, und als die guten Taten Gottes, noch vor all unseren eigenen Werken und Taten. Und weil wir aus der Gnade heraus leben können wir unsererseits verschenken, was Gott uns geschenkt hat.

Martin Luther fasste es einmal so treffend zusammen – und mit seinen Worten möchte ich meine Gedanken beenden:
„ … So fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott. Und aus der Liebe ein freies, fröhliches, williges Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn so, wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben ja auch wir Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum sollen wir so, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat durch seinen Leib und seine Werke, nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.“
(Martin Luther, Weimarer Ausgabe, WA 7, 45, 28-36, 4).      

Pastor Rüdiger Kunstmann

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