Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 9. Aug. 2021 12:00 Uhr

Predigt vom Israelsonntag, 8.8. 2021

Liebe Gemeinde,

Berge sind in der Bibel besondere Orte. An ihnen kommen Menschen dem Himmel besonders nah. Auf dem Berg Sinai bekam Mose von Gott die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten. Von Moses Ankunft mit dem Volk Israel am Sinai erzählt unser heutiger Predigttext. Ich lese aus 2 Mose 19, 1-6:

 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.  Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.  Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:  Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.  Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.  Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Liebe Gemeinde,

unsere Bibel überliefert uns hier eine besondere Gotteserfahrung: Auf dem Gipfel des Sinai verkündet Gott Mose: Israel ist das auserwählte Volk Gottes vor allen Völkern. Und tatsächlich war es historisch auch so: Israel war das erste Volk der altorientalischen Umwelt, das den Vielgötterglauben ablegte und sich zu einem einzigen Gott bekannte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Israel war das erste Volk vor allen Völkern. Und Gott hat mit Israel einen ewigen Bund geschlossen. Doch was heißt das für uns als Christ:innen? Dieser Frage will ich mich in dieser Predigt annähern. Wir Christ:innen sind später zu dem Glauben an den einen Gott hinzugekommen. Auch Jesus war Jude. Mit seiner Lehre hatte er eigentlich keine neue, vom Judentum andere Religion gründen wollen. Erst nach seinen Lebzeiten entstand das Christentum als Religion derer, die in Jesus den Sohn Gottes sahen. Das tun die jüdisch Gläubigen nicht. Sie warten weiter auf den Messias. Das ist der wesentliche Unterschied zum Christentum. Und doch gibt es viele Gemeinsamkeiten: Wir glauben an den gleichen Gott, teilen die Vätergeschichten, haben die gleichen zehn Gebote, hören die gleiche alte Geschichte der Bergerfahrung des Mose.

Berge sind besondere Ort. Eine gemeinsame Bergwanderung kann Menschen einander näherbringen. Als ich 16 Jahre alt war, bin ich mit meiner französischen Brieffreundin auf einen Weinberg gestiegen. Ich verbrachte meine Sommerferien bei ihr in Frankreich. Morgens brachen wir auf. Weinreben, wohin das Auge reichte. Ab und zu huschte eine Eidechse über den staubigen Weg. Die Sonne schien heiß auf uns herab. Oben angekommen, zogen plötzlich dunkle Wolken auf und ein Gewitter brach über uns herein. Wir fanden Zuflucht in einer winzigen, alten Kapelle, die einsam den Gipfel zierte. Wir warteten, redeten über dies und das, über Gott und die Welt. Meine Brieffreundin war Jüdin, ich Christin. Das war spannend für uns beide. Wir konnten einander fragen, was wir schon immer einmal wissen wollten über die andere Religion. Natürlich sprachen wir auch manchmal über die traurige Geschichte des Holocaust. Das fiel uns schwer. Zum Glück wusste meine Freundin, dass ich mit Faschismus persönlich rein gar nichts zu tun haben wollte und es selbst erschütternd fand, was Jüd:innen in Deutschland widerfahren war. Unsere Freundschaft hielt diese Themen gut aus. Es war eine intensive Zeit, als wir Teenies waren, wir vertrauten uns fast alles an, in wen wir verliebt waren, was uns Sorge bereitete, worauf wir stolz waren. Wie gut, dass wir einander hatten, dachte ich, als wir oben auf dem Weinberg in der Kapelle saßen. Plötzlich riss der Regenschleier auf und die Sonne ließ das nasse Land unter uns glänzen. Aus der Kapellentür schien es fast, als blickten wir durch ein Himmelstor auf die Erde. Diesen besonderen Moment werde ich nicht vergessen. Er hat mich geprägt, wie unsere Freundschaft überhaupt und die große Gastfreundschaft, die ich in mehreren Sommern von der jüdischen Familie erfahren habe.

Als ich in Bethel mein Theologiestudium begann, musste ich leider erfahren, dass die christliche Kirche früher antijüdische Tendenzen in unserem Land mitverursacht hatte. Auch Bibelstellen wie die heutige hatten wohl Anlass dazu gegeben. Dass Israel Gottes Eigentum vor allen Völkern sein sollte, rief vermutlich so etwas wie Eifersucht hervor, die bei manchen Pastoren in Ablehnung dem Judentum gegenüber umschlug. Bis in die 60 er Jahre hinein war die Zerstörung des Tempels als Gericht über das jüdische Volk gedeutet worden, das Jesus nicht als seinen Messias erkannt habe. So wurde gerade auch am Israelsonntag von vielen Kanzeln dazu aufgerufen, die jüdischen Mitbürger zum Glauben an Jesus als den Sohn Gottes zu bekehren. Doch wer den anderen bekehren will, spricht der anderen Religion indirekt ihre Existenzberechtigung ab.

Dieses problematische Denken hat sich nach 1945 nur langsam geändert. Seit der Shoah hat sich die evangelische Kirche zunehmend kritisch mit ihrer eigenen Schuldgeschichte auseinandergesetzt. Dies war auch meinem Betheler Professor Frank Crüsemann ein großes Anliegen. Manchen in unserer Gemeinde ist sein Name ein Begriff, denn er hat auch bei der Übersetzung der Bibel in Gerechter Sprache mitgewirkt. Die Theologie bemüht sich heute darum, ein Verständnis des Judentums zu gewinnen, das frei von Antijudaismus ist. Frank Crüsemann, einer der Mitstreiter dieser Bewegung, hat mich persönlich sehr geprägt. In seiner Bibelauslegung bemühte er sich stets das Alte Testament erst einmal für sich zu betrachten, als Schrift der Juden UND der Christen, d.h. nicht jede Aussage über den Messias gleich auf Jesus hin zu deuten, sondern den Text in seinem jüdischen Entstehungskontext zu betrachten. Zugleich zeigte Frank Crüsemann, dass die Schriften des Alten und Neuen Testaments davon ausgehen: Gottes Bund mit Israel besteht weiter. Zwar kriselt es zuweilen in der Bundesbeziehung, wenn sich Menschen von Gott abwenden, aber am Ende vergibt ihnen Gott. Seine Erwählung Israels gilt weiter. Jüd:innen sind also für uns Christ:innen wie die älteren Geschwister im Glauben an den einen Gott.

Früher war in den Kirchen gepredigt worden, Gott habe sich vom zuerst erwählten Israel abgewendet, um sich dann den Christusgläubigen zuzuwenden. Von dieser Sicht hat sich die Theologie in den letzten Jahrzehnten distanziert. Denn was für ein Gott wäre dies? Könnten wir ihn weiterhin Mutter oder Vater nennen, wenn er Israel, sein ältestes Kind, einfach losgelassen hätte, um alle Liebe nur noch seinem zweiten Kind zu schenken? Wenn er sich schon vom ersten Kind abgewendet hätte, wie könnten wir sicher sein, dass er sich nicht irgendwann auch von seinem zweiten Kind, also von uns trennen würde? Ich glaube nicht, dass Gott so hart ist. Ich denke ihn mir als gute, liebevolle Mutter oder als liebevollen Vater. So wird er seinen Kindern gleichermaßen Liebe schenken, auch wenn sie etwas unterschiedlichen Glaubens sind. Auch die Worte in unserem Predigttext beinhalten nicht, dass Gott Israel mehr oder weniger lieben würde als die anderen Völker. Es besteht kein Grund zur Eifersucht. Es heißt:

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Israel war historisch das erste Volk, dass mit dem Einen Gott in eine Beziehung trat. Insofern hat diese Beziehung etwas Einzigartiges. Was oft als Privileg gedeutet wird, ist aber zugleich mit einer Bürde verbunden. Die besondere Stellung Israels ist an eine Bedingung geknüpft: Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten…  Wie schwer das ist, zeigt schon die biblische Erzählung: Noch bevor Mose mit den steinernen Gesetzestafeln den Sinaiberg hinabsteigen kann, hat sich das Volk einen anderen Gott selbstgebaut und tanzt um das goldene Kalb. Auch wenn wir auf das umkämpfte heutige Jerusalem blicken, lässt sich fragen: Wird der Bund in Gänze erfüllt? Bis zum Frieden unter den Menschen gemäß der Gebote Gottes ist es noch ein weiter Weg. Als Ziel für Israel besagt der Predigttext: Ihr sollt (…) ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. In unserem christlichen Glauben, sind wir nachträglich mit in die Erwählung und auch in diesen Anspruch hineingenommen. Im Neuen Testament lesen wir in 1 Petr. 2,19 sehr ähnliche Worte, die hier auf uns Christ:innen bezogen sind:  Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.

So sollten auch wir uns fragen, ob wir es denn schaffen, dieser Rolle gerecht zu werden. Können wir uns als Christ:innen heilig und ein königliches Priestertum nennen, solange vor Europas Grenzen verzweifelte Menschen sterben, denen wir keinen Einlass gewähren? Nein. Können wir von unserem Land behaupten, dass von Deutschland der Frieden gelebt wird, solange wir zu den großen Rüstungsexportnationen gehören? Nein. Die Waffen werden neben zahlreichen anderen Ländern übrigens auch nach Israel geliefert.

Neulich beim Gottesdienstnachgespräch erzählten einige von uns, die früher in der Friedensbewegung gewesen sind: Sie hatten damals geglaubt, die Spirale der Gewalt in unserer Welt durchbrechen zu können. Sie hatten sich zum gewaltfreien Widerstand entschlossen und waren der Überzeugung: Wenn alle mitmachen, dann müsste doch der wahre Friede möglich sein. Es schmerzt, dass das nicht geglückt ist. Und doch bin ich sicher, es war nicht umsonst. Überall in der Welt gibt es Menschen, die sich für das friedvolle Zusammenleben nach Gottes Geboten einsetzen, die sich für Gottes Stimme öffnen und die Welt ein Stück menschlicher und gerechter machen. Es gibt sie in Israel, in Deutschland, in Europa, unter Juden, Christen und natürlich auch in anderen Religionen. Leider stehen diese friedensschaffenden Menschen zu wenig in den Schlagzeilen der Nachrichten. Oft kennen wir ihre Namen nicht.

Mich haben Worte eines Rabbiners Namens Jehoshua Ahrens bewegt. Er schreibt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Werte wie Wert und Heiligkeit jeden Lebens, Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Würde des Menschen, soziale Verantwortung, Nächstenliebe, das Friedensideal etc. eben kein Erbe der griechisch-römischen Philosophie und Kultur sind, sondern explizit und exklusiv aus der Bibel kommen. Das sind grundlegende Werte, die uns Juden und Christen miteinander verbinden und die es gilt, in der Welt zu verbreiten.“

Lasst auch uns auf diesem Weg des Friedens mitgehen, auch wenn er weit, anstrengend und herausfordernd ist! Und lasst uns trotz allem nie die biblische Vision von der Völlkerwallfahrt auf den Zionsberg vergessen, bei dem Israel und alle Völker gemeinsam ein für alle Mal den Frieden lernen!

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

Kategorien Neues aus der Gemeinde