Veröffentlicht am Mo., 26. Jul. 2021 09:50 Uhr

 – der 8. Sonntag nach dem Trinitatisfest 

Aus dem 2. Kapitel des Propheten Jesaja, die Verse 1-5 nach der Übersetzung der „Basis-Bibel“


Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Der Predigttext für heute ist ein Wort des Propheten Jesaja. Gelebt, gewirkt, hat er vor zweieinhalb Jahrtausenden. Lange her, doch ein Mensch wie wir. Wie wir von Gott gesehen und angesprochen.

„In einer Vision sah Jesaja, der Sohn des Amoz,

wie es Juda und Jerusalem ergehen wird:

Es werden Tage kommen,

da steht der Berg mit dem Haus des Herrn felsenfest.

Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.

Dann werden alle Völker zu ihm strömen.

Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:

»Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,

zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!

Er soll uns seine Wege lehren.

Dann können wir seinen Pfaden folgen.«

Denn von Zion her kommt Weisung,

das Wort des Herrn geht von Jerusalem aus.

Er sorgt für Recht unter den Völkern.

Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten.

Dann werden sie Pflugscharen schmieden

aus den Klingen ihrer Schwerter.

Und sie werden Winzermesser herstellen

aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.

Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,

das sein Schwert gegen ein anderes richtet.

Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.

Auf, ihr Nachkommen Jakobs,

lasst uns schon jetzt im Licht des Herrn leben!“

 

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Wo von Visionen geredet wird, ist dieses Wort des nüchtern-pragmatischen Helmut Schmidt nicht weit. Der Kanzler meiner Jugend hielt wenig von solchen Träumereien. Visionen haben in einer guten Politik nichts zu suchen. Dort geht es um konkrete Ziele, Krisenmanagement, die Umsetzung des Machbaren, den Kompromiss.

Und Jesaja? Er wurde mindestens mit Kopfschütteln bedacht, wahrscheinlich verhöhnt. Denn er bekam eine Vision geschenkt. Er sprach sie in starken Wortbildern aus. Doch sein Blick in die Zukunft sah so ganz ganz anders aus. Anders als das wirkliche Leben der Menschen damals.

Denn das Leben vieler Israeliten war meist bedroht. Bedroht von innen durch die Bonzen, die sich bereicherten auf Kosten der anderen. Mehr noch bedroht von kriegerischen Großmächten, regiert von skrupellosen Königen. Die wollten immer mehr Land, das Großreich sollte wachsen. Wenn das kleine Israel nicht bedroht war, dann war es besetzt, zerstört. Es galt das Recht des Stärkeren. Wie ohnmächtig Menschen waren – und sind.

Doch dann Jesaja: „Es werden Tage kommen …“ - so fängt er an.

Tage, an denen keine Krieger nach Jerusalem ziehen, sondern Pilger.

Tage, an denen nicht Israeliten zum Tempel strömen, sondern Heiden.

Tage, an denen Völker nicht plündern, sondern nach Gottes Wegen fragen.

Tage, an denen sie im Streit kommen und versöhnt durch Gott zurückkehren.

So wird es in Zion, in Jerusalem sein: keine kämpfenden Völker mehr, sondern im Frieden Pilgernde.

Jerusalem heute: ja, es kommen Menschen jüdischen, christlichen, muslimischen Glaubens nach Jerusalem. Aus vielen Ländern. Doch einigermaßen ruhig ist es nur, weil die Polizei als Macht so stark ist. Sie hält die Radikalen, so gut es geht, im Zaum.

Jerusalem: zu viele wollen die Stadt für sich allein, „Jerusalem gehört uns!“ Keine Stadt ist religiös so bedeutend und zugleich so bedroht - von innen und von außen.

Jesajas Vision? „Es werden Tage kommen …“ - sie scheinen weit weit weg. So weit, dass viele nicht mehr daran glauben - glauben können.

Sollen wir Jesaja und alle, die Visionen haben und nicht davon lassen, zur Psychiaterin schicken? Diagnose: vermutlich wahnhafte Leugnung der Wirklichkeit.

Wirklich? Nein, wir brauchen Visionen, unbedingt. Es muss keine Eigene sein, doch wir brauchen sie!

Eine gute Vision - sie blickt in eine bessere Zukunft. Eine gute Vision - sie spricht tiefe Gefühle in uns an. Eine gute Vision - sie ist einfach, wir verstehen sie sofort. Eine gute Vision - wir teilen sie, sie gibt uns Kraft. Eine gute Vision - sie hat Bestand und fällt nicht um bei Gegenwind.

 

„Schwerter zu Pflugscharen - Lanzen zu Winzermessern“ - was für eine Vision! Was für ein großartiges Bild, wie knapp, wie einleuchtend, wie erstrebenswert.

„Schwerter zu Pflugscharen“ - lange verschollen, vergessen, bekannt nur Wenigen. Dann wurde das Wort wieder entdeckt durch die Friedensbewegung der DDR. Sie wurde zum Leitwort, gedruckt auf Sticker, aufgenäht auf Jacken. Eine Vision als Bekenntnis.

Dann vom Regime verboten - zu gefährlich, denn „Schwerter zu Pflugscharen“ gilt ja an jedem Ort und jederzeit.

Dann eine geniale DDR-Idee: sie schnitten den Sticker aus Ihrer Kleidung. Unübersehbar ein großes Loch - und alle wussten, was da stand: „Schwerter zu Pflugscharen“ – sie sahen es, weil sie nichts sahen.

Die Vision des Jesaja kam nach Westen. Zur Generation der bundesdeutschen Friedensbewegung, damals jung und laut, heute älter und leiser. Doch Visionen haben Bestand, sie lassen sich nicht unterkriegen.

Erst wenn wir ganz aufhören daran zu glauben, dass Gott es uns Menschen möglich macht, Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden. Erst dann stirbt eine Vision und mit ihr die Hoffnung. Doch solange einen Menschen gibt, der an „Schwerter zu Pflugscharen“ glaubt, so lange wird es Menschen geben, die sich im Kleinen und Großen für den Frieden einsetzen.

 

Ja, die Staaten der Welt rüsten wieder auf. Die Rüstungsausgaben steigen, die Atomarsenale werden erneuert. Der Cyberkrieg rückt näher, neue Tötungsmaschinen werden entwickelt.

Das endgültige Aus für Jesajas friedliche Völkerwallfahrt nach Jerusalem? Doch wieder „Pflugscharen zu Schwertern“?

 

Wann wird „Schwerter zu Pflugscharen“ erfüllt? Vielleicht dauert es noch Jahrzehnte, Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende. Bisher sind 25 Jahrhunderte vergangen, seit Jesaja rief „Schwerter zu Pflugscharen“. Wir hier werden es leider nicht mehr erleben, bis es ganz wahr ist. Doch, die besten Visionen sind zäh, sie finden immer wieder Menschen, die an sie glauben. Am Ende seiner Vision ruft Jesaja seine Mitmenschen auf, heute ruft er uns wieder auf:

„Auf, ihr Nachkommen Jakobs, lasst uns schon jetzt im Licht des Herrn leben.“

Lebendig wird die Vision, wenn wir versuchen, einander wirklich zu verstehen - immer wieder; Lebendig wird die Vision, wenn wir in guten Worten miteinander sprechen - immer wieder; Lebendig wird die Vision, wenn wir friedlich miteinander sind und uns unsere Fehler verzeihen - immer wieder; Lebendig wird die Vision, wenn wir unseren Kindern in Glaube und Leben ein Vorbild sind - immer wieder; Lebendig wird die Vision, wenn wir beten und gehen und einstehen für Frieden und Gerechtigkeit - immer wieder.

Liebe Geschwister,

Reicht das, damit sich die Vision erfüllt, irgendwann erfüllt? Wohl kaum. Doch wenn wir es nicht immer wieder mit unserer kleinen Kraft versuchen, dann ist eines sicher: wir kommen dem Frieden nicht näher.

Für uns Glaubende und Hoffende gibt es einen starken Grund, beides nicht zu verlieren: wir haben einen großen Verbündeten.

Gott selbst will Frieden, will Gerechtigkeit, will wahre Freiheit, will Geschwisterlichkeit und tiefe Menschlichkeit.

So haben wir es durch Propheten und Seherinnen, so haben wir es von Jesus gelernt. Da, wo wir nach Gottes Weisung handeln, da segnet Gott unser Tun und Lassen. Am Ende, ganz am Ende wird Gottes Friede da sein – ganz, in Gottes Reich des Friedens.

Wir Menschen, davon bin ich überzeugt, werden uns im Tiefsten immer nach Frieden, Geborgenheit, Gerechtigkeit, nach Liebe sehnen.

Dieses Sehnen hat Gott in uns gelegt. Aus diesem Sehnen kommt eine Kraft, die Visionen und die Weisungen Gottes zu leben. Dieses Sehnen gibt Menschen Energie, obwohl so viel gegen die Erfüllung der Visionen spricht.

Mein eigenes Sehnen nach tiefem Frieden zeigt sich in diesem Bild. Starke Sehnsuchtsbilder, gute Visionen sprechen für sich …


AMEN

                                 Pastor Claus Nungesser

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