Veröffentlicht von Rüdiger Kunstmann am Mo., 12. Jul. 2021 11:34 Uhr

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis am 11. Juli 2021

Predigttext: Matthäusevangelium, Kapitel 28, 16-20


16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
19 Darum gehet hin und a lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde, wenn ich Jesu Auftrag zur Taufe und zur Mission höre, werde ich an meine eigene Taufe erinnert. Denn zu jeder Taufe wird dieser Text gelesen. Und außerdem enthält der am heutigen Sonntag vorhin gelesene 139. Psalm auch noch meinen eigenen Taufspruch:
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“
(Psalm 139,14)

Dabei erinnere ich mich nicht mehr an den besonderen Tag der Taufe selbst. Denn da war ich im zarten Alter von 3 Monaten. Das mag manchen von euch auch so gehen, die schon als Kind getauft wurden. Aber unsere Taufsprüche erinnern daran, dass wir getauft sind und was das bedeutet:

Mein Leben ist das wunderbare Geschenk Gottes, einzigartig und wertvoll. Ich stehe unter seinem Schutz. Ich bin aufgenommen in die Gemeinschaft derer, die daran glauben dass Gott in Jesus Christus lebendig unter uns ist. Von ihm lernen wir und folgen ihm nach darin, Liebe zu üben und das Leben miteinander zu teilen. So gehört zur Taufe das Geschenk des Glaubens und der Weg eines christliches Leben. Und sie steht unter der Zusage Gottes an uns: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Dieser Weg beginnt bei den einen schon mit der Taufe im Kindesalter: Begleitet gewöhnlich durch Eltern und Paten, und durch die Gemeinde, mit dem Glauben heranwachsend und ihn ausbildend. Andere machen sich im erwachsenen Alter auf diesen Weg und entscheiden sich taufen zu lassen. Aber in welchem Alter auch immer: Die Taufe bringt mich als Kind Gottes in das Kraftfeld seiner Liebe, der Macht, von der mein Leben bestimmt ist und genährt wird.

Ich möchte dazu einladen, sich an die eigene Taufe zu erinnern und daran, auf welche Wegen der Glauben uns gebracht hat.

Die Wege des Glaubens verlaufen selten geradlinig. Sie sind kurvenreich und haben viele Abzweigungen. Sie führen uns über Berge und durch Täler. Das erfuhren auch schon die ersten christlichen Gemeinden. Wir sehen es daran, wie uns von der Begegnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern im Matthäusevangelium erzählt wird, als er sie zur Taufe und Mission aussendet.

Jesus begegnet den Jüngern ja in einer Situation, in der ihr Glaube erschüttert ist. Jesus wurde gekreuzigt. Die Jünger leben in Angst vor Verfolgung und Tod. Wie soll es weitergehen? Und wohin können wir gehen? Als der Auferstandene ihnen erscheint, können sie erkennen, dass das Leben über den Tod siegt, dass es Grund zur Hoffnung gibt. Ein neuer Weg wird sichtbar. Er führt zu den Menschen aus allen Völkern. Er bringt an viele Orte, wo Gemeinschaften der Glaubenden entstehen, wo getauft wird und die Botschaft Gottes weitergegeben und gelebt wird.

Doch dabei wird uns auch erzählt, dass es die Jünger kaum glauben konnten – auch wenn sie den Auferstanden direkt vor Augen hatten – und auch zweifelten. Erfahren wir das nicht auch? Dass der Glaube in manchen Zeiten vom Zweifel begleitet ist? Denn als Getaufte gehören wir zur Gemeinde als solche Menschen, die doch auch verletzlich und fehlbar sind. Wir müssen mitunter auf gefährlichen Wegen gehen. Wir können dabei vom Weg abkommen. Dann müssen wir unseren Kompass neu justieren. Es ist nicht immer sichtbar, wo Gott uns auf solchen Wegen begleitet und leitet: Am Anfang des Weges des Glaubens noch gewiss, bei der nächsten Kreuzung vielleicht schon im Zweifel wie weiter, stehen bleibend und um den rechten Glauben ringend, welche Richtung einzuschlagen ist, und schließlich zu neuem Mut und Glauben finden, diesen Weg hier nun weiterzugehen, mag er auch kurvenreich, steil und steinig sein.  

Die frühen Christen und Christinnen haben jedenfalls zu neuem Mut und Glauben gefunden und sich auf den Weg der Mission gemacht, Gottes Botschaft weitergegeben und gelebt, Gemeinden gegründet und getauft. Sonst wären auch wir heute nicht hier, in unserer Gemeinde in der Neuen Vahr. So leben und wachsen wir als Gemeinde, als genau solche Menschen, wie die Jünger Jesu, die glauben und zweifeln, mit diesen beiden Seiten, als die zweifelnd Glaubenden und die glaubend Zweifelnden.

Das war schon zur Zeit des Matthäus und seiner Gemeinde nicht anders. Sie entstand im Gebiet des heutigen Syrien und erlebte die Zeit des römisch-jüdischen Krieges und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 nach Christus. Zu ihr gehörten viele Menschen jüdischer Herkunft und auch aus anderen Völkern. Manche flüchteten aus ihrer Heimat vor Verfolgung oder Versklavung. Die christliche Gemeinde wurde zu einer neuen Heimat für Menschen aus vielen Völkern. Das machte die christliche Glaubensgemeinschaft gerade ja mit aus. Ihre Wurzel war die jüdische Religion. Ihr Lehrer war der Jude Jesus von Nazareth. Aber das Haus Gottes stand offen allen Menschen, jüdischer Herkunft wie auch aus den umliegenden Völkern.

Darin ist unsere Gemeinde in der Neuen Vahr den frühen christlichen Gemeinden ähnlich. Auch zu unserer Gemeinde und zum Stadtteil gehören Menschen aus aller Welt und verschiedenen Völkern. Manche mussten die alte Heimat verlassen. Sie fanden hier eine neue und sind mittlerweile heimisch. Manche sind noch dabei, sie zu finden, erst ankommend, sich hier einrichtend, notgedrungen. Noch ist offen wohin der Weg weitergeht.

Sie alle aber gehören zu den Kindern Gottes, gleich welcher Volkszugehörigkeit oder Klasse. Sie können zur christlichen Gemeinde dazugehören, sich taufen lassen, und ihr Leben im Kraftfeld der Liebe Gottes teilen. Die Gemeinde ist kein exklusiver Club der Auserwählten, auch kein Club der Glaubensgewissen. Hier ist Platz für die Zweifelnden und Suchenden, die in ihrem Glauben verletzlichen. Bei ihnen wird der Zweifel nicht als Unglaube abgetan, sondern als etwas, was den Glauben in Bewegung bringt, gerade dort, wo er zu erstarren oder verloren zu gehen droht. Denn mit dem Zweifeln, Suchen und Fragen gerät Glaube neu in Bewegung. Dort wo wir und um den rechten Glauben ringen, bringen wir die guten Seiten des Zweifelns zum Vorschein:  Wir beginnen uns zu besinnen und nachzudenken. Wir sehen unsere eigene Verletzlichkeit und Fehlbarkeit und können so auch ein Mitgefühl und Respekt   gegenüber unseren verletzlichen Mitmenschen haben, auch den anders Denkenden und den anders Glaubenden gegenüber. Als eine solche Gemeinschaft eben der glaubend Zweifelnden und der zweifelnd Glaubenden ist die Gemeinde offen für Menschen aus allen Völkern. Und das entspricht dem Programm, was Jesus seine Jünger gelehrt hat, und was er sie beauftragt, unter die Menschen zu tragen.

Uns wird erzählt, dass Jesus den Jüngern auf einem Berg begegnet. Das soll uns an dieses Programm Jesu erinnern. Gemeint ist nämlich, was Jesus auf jenem Berg in Galiläa seinen Jüngern lehrte, bekannt geworden als „Bergpredigt“ und nachzulesen im 5. bis 7. Kapitel des Matthäusevangeliums. In der „Bergpredigt“ legt Jesus die zehn Gebote aus. Er malt uns aus, was Nächstenliebe und Feindesliebe bedeutet, wie wir ein Leben mit Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit teilen können und im Machtbereich der Liebe Gottes leben können.

In diesem Sinne gibt der Auferstandene seinen Jüngern den Auftrag zur Taufe und sendet sie unter die Menschen: Darum gehet hin und lehret alle Völker, taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Und die Jünger erscheinen dabei – mit ihrem Zweifeln - ganz klar nicht als der Typ von Missionar, der das tut mit einer unverletzlichen Selbstgewissheit seines Glaubens, im Besitz der reinen Wahrheit und mit einem religiösem Missionseifer, mit dem nun alle Welt bekehrt und getauft werden muss.

Es ist wichtig, sich das klarzumachen. Denn leider wurde dieser „Missionsbefehl“ - wie Jesu Auftrag zur Taufe und Mission in manchen Bibelübersetzungen überschrieben ist – immer wieder so ausgeführt, dass Menschen und Völker unter den christlichen Glauben gezwungen wurden, oder bevormundet und untergeordnet wurden in einer hierarchischen Institution Kirche oder in sektenartigen Gemeinden mit autoritären Glaubenslehren und Führern.

Jesus befiehlt hier aber seinen Jüngern nicht wie Soldaten neue Gläubige für die Kirche zu erobern. Sondern er beauftragt sie zu lehren und zu taufen, so wie sie selbst bei ihm in die Lehre gegangen sind, und so wie es in der Bergpredigt gelernt werden kann, Jesus nachzufolgen. Und so ist Jesu Auftrag zur Mission und Taufe ein Lern- und Lehrauftrag. Als Getaufte sind wir in eine Lernbewegung des Glaubens aufgenommen. Mit der Taufe begeben wir uns auf einen Weg, auf dem wir ein Leben lang lernen, die Liebe Gottes zu entdecken und sie weiterzugeben.   Ich wünsche uns allen, dass wir uns auf diesem Weg von Gott begleitet finden und in der Liebe gestärkt werden.

Pastor Rüdiger Kunstmann

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