Veröffentlicht am Di., 22. Jun. 2021 07:07 Uhr

Predigttext: Lukasevangelium, Kapitel 15, 1 – 10; Das verlorene Schaf, der verlorene Groschen

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.

6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?

9Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.

10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

 

Noch einmal ergießt sich der Handtascheninhalt auf den Küchentisch. Das gibt es doch nicht! Wo ist dieser Abholschein bloß… Wenn Uta sich nicht bald auf den Weg macht, wird es zu spät sein. Die Filiale hat dann schon geschlossen. Und morgen und übermorgen kann es ja gar nicht klappen. Wie soll sie das schaffen, bei ihrem vollen Terminkalender? Ob die das Päck-chen dann wohl zurückschicken?

Der Hirte denkt: Wo ist bloß dieses Schaf? Gerade eben war es noch da. Und jetzt?

Der Groschen… 10 Cent… Nein, es ist nicht egal, dass das Geldstück weg ist. Denn es waren zehn Münzen. Die Frau besteht darauf. Lässt nicht neun gerade sein. Schon aus Prinzip fängt sie an, zu suchen. Kehrt das Unterste nach Oben, zündet Licht an, fegt das ganze Haus.

Geschichten vom Verlieren und Finden. Erzählungen vom Gefunden-Werden – sie scheinen zu Jesu Lieblingsgeschichten zu gehören.

Mit großer Liebe zum Detail werden diese Geschichten erzählt. Nicht ausgeschmückt, aber so bildlich, dass ich mir alles gut vorstellen kann. Ich sehe förmlich, wie der Hirten schweren Herzens 99 Schafe schutzlos in der Wüste zurücklässt, nur um eines wiederzufinden. Es heißt nicht einmal, dass es hier jetzt um das klügste, beste und an Wolle reichste Schaf geht. Und als der Hirte es findet, legt er es sich behutsam auf die Schultern, um es zurückzutragen. Von Kilometer zu Kilometer ist diese Last sicher immer schwerer geworden.

Und die Frau: Ihr Eifer und ihre Unruhe, bis das Geldstück endlich gefunden ist – sie übertragen sich auf mich.

Dabei hatte auch diese Münze nicht einen überragenden Wert. Sie war allen anderen gleich. Gebraucht, zerkratzt und angelaufen. Nur in einem unterschied sie sich: Sie fehlte.

Es baut mich innerlich auf, wenn jemand sich daran erinnert, dass ich nicht da war. Aha, ich wurde vermisst! Ich werde darauf angesprochen. Das tut gut. Diesem Menschen ist meine Ab-wesenheit aufgefallen. Vielleicht kann er nicht einmal sagen, was er mit meiner Gegenwart verbindet. Trotzdem: Ich habe einem Menschen gefehlt.

Gesucht –und Gefunden-Werden.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Dass ich gerade auf der Suche bin. Als hätte ich meinen Weg verloren. Meinem inneren Kompass, der mir sagt: „Das zu tun, ist rich-tig.“, traue ich dann nicht mehr. Bin verunsichert. Und vielleicht kommt sogar noch dazu, dass ich mich gar nicht mehr richtig leiden kann. Mein Schlaf ist unruhig. Das Aufstehen fällt schwer. Jeder Blick in den Spiegel ist eine Qual. Sind das etwas meine Haare? Meine Nase? Meine Umwelt fällt mir zu Last – und ich meiner Umwelt sicher auch.

Die Geschichte vom verlorenen Schaf und dem verlorenen Groschen ergänzen einander nicht. Sie sind eine Wiederholung. Sie verstärken eine Aussage. Als müsste sich uns eine Wahrheit durch Verdopplung einprägen.

Es ist die Sicht, wie Gott auf uns Menschen blickt. Das wird hier beschrieben, so scheint es. Rast- und ruhelos ist er, bis er uns findet. Unermüdlich und unerschrocken, damit er uns auf seinen Schultern behutsam nach Hause tragen kann. Wir können uns noch so gut verstecken, uns vor ihm verbergen: Er gibt uns nicht auf. Läuft uns hinterher. Befreit von altem Staub, damit wir ein Glanzstück seiner Sammlung werden.

Vielleicht haben die anderen gar nicht gemerkt, dass wir fehlen. Möglicherweise ist es ihnen auch egal. Vielleicht stechen wir durch unsere Gaben und Talente auch grundsätzlich nicht besonders hervor. Sind durchschnittlich. Einfach normal. Keine eins und keine sechs. Ziehen uns deshalb zurück, weil uns niemand beachtet. Gott braucht uns alle zum glücklich sein. Jeden und jede wie er oder sie ist. Ihm fehlt etwas, wenn wir nicht da sind.

Er geht Menschen hinterher und bringt sie zurück. Dahin, wo sie dazugehören. Er wünscht sich eine Gemeinschaft für uns. Wenn wir nicht da sind, dann macht das einen Unterschied für ihn.

Gott ist fröhlich, mitteilsam und in Feierstimmung, wenn ihm das Finden gelingt. Es ist ein Grund zu feiern, wenn eine Gemeinschaft keine Lücken aufweist. Das heißt ja nicht, dass es trotzdem keine Spannungen mehr gibt. Aber, alle sind da, die dazugehören. Das ist groß und ein Stück Heil.

Am Ende der Geschichte vom verlorenen Schaf und dem verlorenen Groschen drängen sich uns neben Spannung und Freude noch zwei alte Wörter auf: Sünde und Buße. 

Das Wort „Sünde“ geht auf das deutsche Wort „Sund“ zurück. Ein „Sund“ ist ein Graben. Mit „Sünde“ wird etwas Trennendes beschrieben. Gott will mich und sucht mich – aber ich verstecke mich. Gott sieht mich an und findet mich richtig – und ich kann nicht einmal in den Spiegel schauen, ohne mich hässlich zu finden.

Ich beurteile den Wert meines Lebens und lasse außer Acht, dass es geliebt und gewollt ist von Anfang an.

Auch das Wort „Buße“ hat seine Wurzeln in der deutschen Sprache. Es bedeutet „Besserung“. „Büßen“ wäre dann so etwas wie gutmachen, bessern, heilen.

Bei „Sünde“ und „Buße“ geht es nicht so sehr darum, was wir im Einzelnen tun, wobei das allein manchmal schon das Schlimmste sein kann, sondern es geht um eine Haltung – unsere innere Einstellung.

Lasse ich zu, dass ich geliebt werde? Kann ich mich so annehmen, wie ich bin?

„So wird auch Freude im Himmel - vor den Engeln Gottes - sein über einen Sünder, der Buße tut.“

Ich lasse zu, dass mir jemand ein Kompliment macht. Verjage die Schatten aus meinem Leben. Lerne, mein Bild im Spiegel liebzuhaben. Öffne mich für die Menschen um mich herum. Lasse mich in Gottes Hände fallen.

Sicher kein schlechter Weg, das Leben mit solch einer Haltung zu leben. Und damit kann ich jeden Tag neu beginnen.

Und Uta? Am Ende hat sie den Beleg für ihr Päckchen doch noch gefunden und war rechtzeitig in der Filiale, um es abzuholen. Sie nimmt sich vor, diese Abholscheine ab jetzt immer in das Handtaschenfach mit dem Reißverschluss zu legen, dahin, wo auch der Führerschein ist.

Wenn das nächste Päckchen kommt, wird die Abholung stressfrei sein. Gute Aussichten!

Amen.

          Pastorin Heike Jakubeit

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