Veröffentlicht am Di., 15. Jun. 2021 11:45 Uhr

Liebe Gemeinde,

die hohen Feste des 1. Halbjahres im Kirchenjahr sind gefeiert. Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt – wir sind den Weg Jesu mitgegangen, nachgegangen. Der Erdenweg Jesu hat uns geführt. Im Spiegel seiner Stationen konnten wir uns selbst finden.

Am Himmelfahrtsfest z. B. können wir ablesen, wie Jesu Leben aufgehoben wird in den Himmel, wie Jesus in dieser so anderen Dimension des Lebens Zuhause ist; und uns selbst darin spiegeln. Diese andere Dimension, das Himmlische ist auch unser Zuhause – auch in unserem Erdenleben.

Und dann –liebe Gemeinde- haben wir Pfingsten gefeiert. Und die 2. Hälfte des Kirchenjahres beginnt. Der Schwerpunkt liegt nun auf einer anderen Herausforderung: Wie lebt es sich im alltäglichen Leben mit dem Geist Jesu und der Propheten? Wie macht sich der Geist Jesu in uns bemerkbar? – In mir?   -  In Dir? -

Was tut er in uns? – Ist er überhaupt da? – Oder wie ein geflügeltes Wort auch sagt: Sind wir von allen guten Geistern verlassen? – Oder gar: hat Jesu Geist uns verlassen?

 Das 2. Halbjahr des Kirchenjahres ist davon geprägt zu fragen: wie ist der Geist Jesu in mir – und in unserer Gemeinschaft der Kirche gegenwärtig? Es geht weniger um den Glauben in uns einzelnen, sondern wie nun gestalten wir unseren Glauben in der Gemeinde, unserer Kirche im Geist Jesu? Und diese Frage ist so alt, wie die Kirche selbst.

 In die Anfänge dieser Überlegungen führt uns der Brief des Paulus an die Gemeinde im Korintherbrief. Das berühmte 13. Kapitel geht diesem 14. Kapitel voran. Das Lied, wie die Liebe wirkt, und dass die Liebe die Mitte allen Zusammenlebens im Geist Jesu und der Propheten ist. Und dann schließt im 14. Kapitel unser Predigttext an. –

Da beschreibt Paulus eine konkrete Situation: die Gemeinde kommt zum Gottesdienst zusammen. Wie läuft der Gottesdienst ab in Korinth? Und wie stellt sich Paulus vor, wie er gestaltet werden sollte? Lassen wir uns mitnehmen in die für uns fremde Welt vor fast 2000 Jahren in die Gemeinde von Korinth.

  • Korinther 14, 1-6: 1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. 5 Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. 6 Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?

Liebe Gemeinde, das gibt es in unserer Gegenwart auch: pfingstlich orientierte und sogenannte charismatische Gemeinden, in denen unverständliche Töne ausgestoßen werden, gestöhnt wird, geschrien und sich bewegt wird – Das ist unsere Weise nicht -.

Was könnte unser Predigttext uns trotzdem sagen? Einen Gedanken möchte ich zur Verfügung stellen: Paulus sagt: in der Ekstase wendet ihr euch an Gott. Es geht – so sagt er – nur um eure eigene Beziehung zu Gott.

 Gibt es in unserer Gemeinde ähnliches? Wohl nicht in Ekstase. Aber: Reden wir genug miteinander über unseren Glauben? Oder sagen wir Vergleichbares, finde ich, wenn wir sagen: jede/jeder hat seinen/ihren Glauben. Es kommt doch auf das innere Erleben an. Das ist doch ganz was Persönliches. Das kann man auch gar nicht in Worte fassen. Da will ich mir auch gar nicht reinreden lassen. Ich habe meinen Glauben.

 Wie gesagt, das ist ein Einfall, den ich zu diesem Text hatte. Ekstase ist nicht unsere Ausdrucksform – aber eher ist es Rückzug ins Innere, ins Private, ins Schweigen. Das - sagt Paulus -  ist nicht verkehrt. Das Eins-Werden mit Gott ist eine gute geistliche Gabe. Aber daneben muss das Gespräch, der Austausch über den Glauben kommen.

 Ich persönlich finde den 1. + 6. Vers in unserem Text am wichtigsten. Vers 1: Müht euch darum, liebende Menschen zu werden. Vers 6: Es ist wichtig, das will ich euch in klaren Worten sagen, etwas über die Zukunft der Welt und eure eigene Zukunft oder über die Geheimnisse des Gottesreiches oder über euren Weg auf dieser Erde mit all seinen praktischen Problemen oder auch über das Bekenntnis eures Glaubens den Menschen in eurer Stadt gegenüber.

 Paulus ermahnt uns, er fleht uns geradezu an: redet miteinander über euren Glauben und über eure Zweifel, über euren Mut und eure Hoffnungslosigkeit, über eure Angst und eure Zuversicht. Redet über euren Glauben – in der Gemeinde – und Zuhause – in der Familie – zwischen den Generationen.

 Im Judentum gibt es zum Passahfest das feste Ritual zuhause am festlich gedeckten Tisch: das jüngste Kind fragt: warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte. Und es bekommt Antwort von den Eltern und Großeltern. Kinder, Jugendliche – so höre ich Paulus sagen – stellt Fragen; Erwachsene – gebt Antworten, gebt Rechenschaft über Denken und Tun, und über euren christlichen Glauben.

Gemeinde – Christinnen und Christen, Gläubige, gebt klare Antworten für die Menschen rings um euch herum.

Wie kommen wir zu klaren Antworten? Es gibt keinen anderen Weg, als miteinander zu sprechen, uns auszutauschen – wir tauschen unsere Gedanken (ist das nicht ein wunderbares Wort für einen wunderbaren Gedanken?) – die einen probieren einmal die Gedanken der anderen an. Dabei klärt sich etwas, wir kommen zu Antworten, die sich auch im Laufe der Zeit wieder verändern können. Wir kommen zu Antworten, indem wir miteinander – auch mühsam manchmal – ringen um die Antworten im Geist Jesu und der Propheten des Volkes Israel. Müht euch darum, liebende Menschen zu werden.

Liebe – wie Paulus sie versteht – fällt uns nicht in den Schoß, ist kein Gefühl. Liebe ist ein mühsames Erlernen, sich hineinzuversetzen in die Situation und das Innenleben des Gegenübers, der anderen Menschen, - und daraus eine Begegnung entstehen zu lassen, ein Verstehen, eine Verständigung, ein Weg.

Liebe ist auch ein mühsames Erlernen, sich selbst zu verstehen, die Beweggründe des eigenen Handelns, Fühlens und Denkens. Liebe ist ein mühsames Erlernen, aus diesen Begegnungen und Gesprächen ein gemeinsames Haus des Lebens zu bauen – auch in der Gemeinde, darum geht es im Predigttext – wo wir miteinander lieben lernen können im Geist Jesu und der Propheten. Wo wir im gegenseitigen Vertrauen und im Gespräch uns Raum geben.  Und so miteinander sprechen lernen, dass die Menschen draußen vor der Tür hören und verstehen wie wir von Gottes Liebe, Güte und Gerechtigkeit reden, so soll es sein. Amen.

 

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