Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 7. Jun. 2021 12:00 Uhr

Geistliches Wort zum Mitnehmen aus dem Gottesdienst vom 6.6.2021

 Ich lese die Jonageschichte, die später auch Predigttext sein wird, aus dem Buch des Propheten Jona in Auszügen aus Kapitel 1-3(a): (Basisbibel)

 Das Wort des Herrn kam zu Jona, dem Sohn des Amittai:2»Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt, und rede ihr ins Gewissen! Ihr böses Tun ist mir zu Ohren gekommen.«3Da machte sich Jona auf den Weg, aber genau in die andere Richtung. Er wollte vor dem Herrn nach Tarschisch fliehen. Als er in die Hafenstadt Jafo kam, lag dort ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Er zahlte den Fahrpreis und stieg ein, um mit den Seeleuten nach Tarschisch zu gelangen. So glaubte er, dem Herrn aus den Augen zu kommen.

4Doch der Herr ließ einen starken Wind losbrechen, der über das Meer fegte. Der Sturm wurde immer stärker, und das Schiff drohte auseinanderzubrechen.5Die Matrosen fürchteten sich und schrien um Hilfe, jeder betete zu seinem eigenen Gott. Dann begannen sie, die Ladung über Bord zu werfen, um das Schiff zu entlasten. Jona aber war nach unten in den Frachtraum gestiegen. Er hatte sich hingelegt und war eingeschlafen.6Da ging der Kapitän zu ihm hinunter und sagte: »Wie kannst du nur schlafen? Auf! Bete zu deinem Gott! Vielleicht ist er der Gott, der uns retten kann. Dann müssen wir nicht untergehen!«

7Die Matrosen sagten zueinander: »Auf! Lasst uns Lose werfen! Sie werden uns sagen, wer schuld daran ist, dass dieses Unglück uns trifft!« Also ließen sie das Los entscheiden, und es traf Jona.8Da fragten sie ihn: »Sag uns doch: Wer ist schuld an diesem Unglück? Bist du es? Was ist dein Beruf? Woher kommst du? Wo bist du zu Hause? Aus welchem Volk stammst du?«9Er antwortete ihnen: »Ich bin ein Hebräer. Ich verehre den Herrn, den Gott des Himmels. Er hat das Meer und das Festland geschaffen.«10Da ergriff die Männer große Furcht, und sie sagten zu ihm: »Was hast du nur getan!« Denn die Männer hatten von seiner Flucht erfahren. Er hatte ihnen erzählt, dass er vor dem Herrn floh.11Sie fragten ihn: »Was sollen wir mit dir tun, damit sich das Meer beruhigt und uns verschont?« Denn die See tobte immer wilder.12Da sagte er zu ihnen: »Nehmt mich und werft mich ins Meer! Dann wird es sich beruhigen und euch verschonen. Denn ich weiß, dass es allein meine Schuld ist, dass ihr in dieses Unwetter geraten seid.«

13Die Männer aber versuchten, mithilfe der Ruder das Festland zu erreichen. Doch sie schafften es nicht, denn die See tobte immer wilder gegen sie.14Da schrien sie zum Herrn und beteten: »Ach, Herr, lass uns nicht untergehen, wenn wir diesen Mann jetzt ins Meer werfen! Gib uns nicht die Schuld an seinem Tod! Denn du bist der Herr! Wie es dein Wille war, so hast du es getan.«15Dann packten sie Jona und warfen ihn ins Meer. Sofort beruhigte sich die See und hörte auf zu toben.16Da ergriff die Männer große Furcht vor dem Herrn. Sie brachten dem Herrn ein Schlachtopfer dar und legten Gelübde ab.

21Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang. Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches.

2Im Bauch des Fisches betete Jona zum Herrn, seinem Gott (…)

Da befahl der Herr dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus.

31Das Wort des Herrn kam zum zweiten Mal zu Jona:2»Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt, und rede ihr ins Gewissen! Ich werde dir sagen, was du ihr verkünden sollst.«3Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive. Diesmal folgte er dem Wort des Herrn.

 

Liebe Gemeinde, es ist eine eindrückliche Geschichte, die wir gerade gehört haben. Manche Szenen kann ich mir bildlich vorstellen. Welche haben Sie besonders vor Augen? Vielleicht mögen Sie Ihre Augen schließen, um dieses innere Bild Ihrer Gedanken etwas genauer zu betrachten? 

kurze Instrumentalmusik von der Orgel

Liebe Gemeinde,

schließlich geht Jona doch nach Ninive. Dabei wollte er dort doch eigentlich nicht hin.  Auf keinen Fall. Weglaufen wollte er: Nichts wie hin zum Hafen und rauf auf das erstbeste Schiff, das in die entgegengesetzte Richtung fuhr.

Einige Fragen würde ich ihm gern stellen. Warum, Jona? Wie kommst du auf die Idee, vor Gott fliehen zu können? Gott ist schließlich überall.

Gott hat auch das Meer geschaffen. Glaubst du denn, dass er nicht auch dort, auf dem Wasser unsichtbar zu finden sein sollte? Welche Gedanken mögen dir durch den Kopf gegangen sein, als du damals vor Gott davongerannt bist?

Okay, du meinst also, ich stelle zu viele bohrende Fragen. Dann sagst du noch: Wie Menschen reagieren, ist nicht immer logisch. Wie oft handeln wir aus einem ersten Impuls heraus, aus einer Emotion. Nicht immer nehmen wir uns die Zeit, erstmal die Gedanken zu sortieren.

Du magst Recht haben, Jona. Ich krame mal in meinen Gedanken. Als Kind hab ich das oft gemacht. Da bin ich auch manchmal weggelaufen. Wenn sich mir auf dem Schulhof die großen Jungs näherten, hatte ich vor denen Angst. Ob sie mich wieder ärgern wollten?

Vielleicht hattest ja auch du Angst, Jona, vor den Menschen in Ninive. Wenn selbst Gott von ihnen sagt, dass sie so böse seien, dann hattest du sicher Grund dazu. Das verstehe ich. Zu denen hätte ich auch nicht gehen mögen. Ihnen ins Gewissen reden? Vielleicht würden sie dann so richtig wütend werden. Ist es so, Jona, dass du Angst hattest?

Eine Antwort bleibt Jona mir schuldig. Die Bibel auch. An dieser Stelle der Erzählung wird mit keinem Wort erwähnt, was Jonas Beweggrund war, wegzulaufen. Im Folgenden gehe ich einfach von der naheliegenden Annahme aus, dass Jona der unangenehmen und gefährlichen Aufgabe entfliehen wollte. Es ist menschlich, dass wir brenzlige Situationen am liebsten vermeiden möchten. Doch wer Verantwortung trägt, darf das eigentlich nicht.

In meinem persönlichen Umfeld habe ich mal herumgefragt: Gab es in eurem Leben schon mal einen Moment, in dem ihr weggelaufen wäret, wenn ihr gekonnt hättet? Dies hat mir jemand geantwortet:

„In meinem früheren Beruf als Rechtspflegerin bei der Staatsanwaltschaft gab es einmal eine Situation, in der ich richtig Angst hatte. Normalerweise werden Verurteilte, gegen die ein Haftbefehl vorliegt, von der Polizei festgenommen. Der Rechtspfleger ist bei diesem Akt nicht persönlich beteiligt.

Doch nun hatte es an meiner Tür geklopft. Plötzlich stand ein Verurteilter vor meinem Schreibtisch, in Begleitung eines Verwandten. Er hatte irgendeine Frage. Was der Mann noch nicht wusste: Ich hatte bereits einen Haftbefehl gegen ihn erlassen zur Vollstreckung seiner Freiheitsstrafe. Das bedeutete, dass ich ihn jetzt festnehmen musste. Ich war sehr aufgeregt und hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Beide Männer wirkten bullig und gewaltbereit. Mit klopfendem Herzen rief ich die Wachtmeister zur Unterstützung. Ich musste dem Verurteilten jetzt verkünden, dass er nun festgenommen werde. Dann passierte, was ich befürchtet hatte: Beide Männer wurden laut, gerieten in Wut, schlugen um sich. Das Ganze liegt jetzt 40 Jahre zurück, doch wenn ich daran denke, wird mir immer noch mulmig zumute. Schließlich konnte der Verurteilte überwältigt und festgenommen werden. Und ich hatte einen Schutzengel. Mir war nichts passiert.“

Auch Jona soll sich in Ninive bösen Menschen gegenüberstellen. Vielleicht hat auch er Angst. Auch er spürt den Impuls, der Situation zu entfliehen und er probiert es sogar aus. Doch die Flucht misslingt. Schnell holt ihn sein Auftrag wieder ein, sein Schiff gerät in Seenot und Jona sitzt in der Klemme. Auch er kann vor seiner Aufgabe nicht weglaufen. Aber er braucht  Zeit, um sich ihr zu stellen. Es braucht eine Entwicklung, die ihn so weit bringt. Diese Entwicklung, die Jona nun durchläuft, beginnt schon auf dem Schiff. Mitten im Sturm scheint er keine Angst mehr zu haben. Er schläft, während alle anderen um ihr Leben fürchten.  Dann wird ihm klar, dass nur er der Grund für den Sturm sein kann. Er sieht ein, dass ihn Gott aufhalten will. Um die restliche Besatzung zu schützen, rät er den anderen: „Werft mich ins Meer.“ Welcher Mut ist ihm gewachsen! Erst später wird Jona die Situation im Rückblick auf folgende Weise deuten:  „Deshalb wollte ich nach Tarschisch fliehen. Ich wusste ja, du bist reich an Gnade und Barmherzigkeit, unendlich geduldig und voller Güte.“ (Jona 4,2)  Jona flieht offensichtlich in dem Wissen, dass Gott ihm diese Flucht verzeihen und ihn nicht ganz untergehen lassen werde. Und tatsächlich! Als die Matrosen Jona nach großem Hadern schließlich doch über Bord in die tosenden Meereswogen werfen, naht die Rettung durch den großen Wal. Dieser verschlingt Jona, um ihn später ans sichere Land zu bringen. Im Bauch des Wals, so erzählt uns die bildhafte Geschichte, habe er drei Tage lang Bedenkzeit gehabt.

Manchmal braucht es wohl eine solche Zeit vor einer schweren Aufgabe. Zeit der Stärkung und Zeit, sich auf Gott zu besinnen. Zeit zu beten. Jona erlebt eine Rüstzeit im Bauch des Wales. Die braucht es, damit er sich neu besinnen kann, um sich schließlich seiner schweren Aufgabe zu stellen. Auch wenn es nicht gleich um Leben und Tod geht, wie bei Jona, auch wenn die Aufgabe, die einem bevorsteht, viel weniger groß und gefährlich ist als seine, braucht es manchmal vorher so eine „Auszeit“, ein Innehalten.

„Hast du schon einmal eine Situation erlebt, so schwierig, dass du am liebsten weggelaufen wärest?“ habe ich Menschen in meinem privaten Umfeld gefragt. „Ja, das gab es,“ hat mir jemand geantwortet. Er erzählt: „Schlaflose Nächte hatte ich früher, wenn ich beruflich Personalentscheidungen zu treffen hatte. Manchmal war es so: Eine einzige Person konnte ich befördern, aber gleich fünf freuten sich darauf. Es fiel mir schwer, die vier anderen zu enttäuschen, zumal oft auch sie gute Arbeit geleistet hatten. Aus Erfahrung wusste ich, ich würde mit ihrem Unmut konfrontiert werden und das würde mir einmal mehr schwer fallen. Im Vorfeld dachte ich viel über die Situation nach. Doch das Grübeln brachte mich innerlich weiter. Ich stellte mich auf das ein, was kommen könnte. Geholfen hat mir meistens, dass ich mir in diesen Situationen sagte: Wenn ich am liebsten weglaufen möchte, darf ich mich künftig nicht mehr auf eine Führungsposition bewerben. Dann habe ich mich meiner Verantwortung trotzdem gestellt und bin in das schwierige Personalgespräch gegangen. Irgendwie habe ich es immer hinbekommen.“

Jona hat sich seinen Auftrag nicht selbst ausgesucht, sondern von Gott bekommen. Am Ende stellt er sich aber seiner  Aufgabe. Er geht nach Ninive und redet den bösen Menschen ins Gewissen.

Ich frage mich, wo ist es an mir, anderen etwas zu sagen, das mir unangenehm ist? Das Wörtchen „Nein“ geht doch so schwer über die Lippen. Da ist es leichter, einfach keine Position zu beziehen. Aber wenn jemand mir gegenüber abfällig über andere Menschen spricht, wenn jemand diskriminierende Worte benutzt oder andere aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung abwertet, dann ist es als Christin eigentlich meine Aufgabe, eine andere Meinung, nämlich die meinige dagegen zu stellen.

Doch wenn ich mich das nicht getraut habe? Dann macht  Jonas Geschichte Mut, es einfach das nächste Mal zu probieren. Auch Jona bekam eine zweite Chance. Bis dahin war sein Mut gewachsen und er traute sich mit den Niniviten zu sprechen, so überzeugend, dass sie auf seine Worte hörten. Manchmal überträgt Gott uns Aufgaben, die zu groß und kompliziert erscheinen. Er legt uns Verantwortung auf, die vielleicht zu unangenehm oder zu schwer erscheint. Doch wie gut, wir müssen es auch nicht alles allein bewältigen. Gott schenkt uns die Kraft, die wir brauchen. Oft hilft er uns unsichtbar dabei, unserer Verantwortung, die wir für andere haben, nachzukommen. Gott zeigt uns dabei die starken Seiten an uns, die wir vielleicht selbst noch nicht kannten. Und wenn wir zwischendurch doch einmal nicht weiterwissen, können wir uns im Gebet immer an Gott wenden. Amen.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

 

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