Veröffentlicht am Mo., 31. Mai. 2021 14:41 Uhr

Predigt zum Sonntag „Trinitatis“ am 30. Mai 2021 von Pastorin Heike Jakubeit

Predigttext: Johannesevangelium, Kapitel 3, 1 – 8; Jesus und Nikodemus

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

„Blatt im Wind“. Klingt nach Herbstgedicht - oder vielleicht doch eher nach Frühlingserwachen. Das frische Mai-Grün draußen leuchtet, überzeugt mit seiner Lebenskraft. Den Sommer zeigt es an. Verheißt Freiheit im Gehalten-Sein. So unfassbar viele grüne Blätter an den Bäumen. Das Leben siegt.

Nikodemus kann sich ein Schweben im gleichzeitigen Festhalten nicht vorstellen. Wer kann das schon… Neu geboren, Jesus, bist du sicher? Von oben her? Auch ich, ein Kind des Geistes? Das zu verstehen geht nicht. Es scheint, dass Jesus will, dass er vertraut und es glaubt.

Manchmal führen die bohrenden Wissensfragen nicht weiter. Dann, wenn es gar nicht um das Verstehen geht. Wir müssen aushalten, dass es keine befriedigenden Antworten auf manches gibt, dass wir so gerne ganz und gar begreifen wollen. Unsere Wege führen auch ohne unser Wissen und unseren Verstand - ohne dass wir etwas dazu beitragen könnten - in die Zukunft. Zukunft gestalten, das klingt gut, richtig und wichtig. Und dennoch bleibt sie ungewiss.

Das macht das Leben schwankend wie ein Blatt im Wind, ungewiss und reich zugleich. Es wird weitergehen. Wir wissen nur nicht immer wie. Der Wind bewegt das Blatt am Baum zuweilen sanft und manchmal sehr heftig. Ohne diese Bewegung würde es vielleicht nur schlaff herunterhängen. Und es bleibt: Das Blatt zieht seine Kraft aus dem Baumstamm, der es trägt. Über die großen und kleinen Äste, den Stamm, bleibt das Blatt mit den Wurzeln des Baumes verbunden. Da kann der Wind noch so sehr stürmen.

Dass er das zulassen kann, sich bewegen und sich anrühren lassen vom Geist Gottes, der wie der Wind weht und sich darin geborgen fühlt: Das möglicherweise wünscht sich Jesus für Nikodemus. Und nicht nur für ihn.

Wir brauchen Auftrieb von außen. Die Liebe, weil sie nicht aus uns selbst ist. Ideen, die von irgendwoher kommen. Melodien, die ewig klingen. Die Kraft, die wir uns nicht selbst schenken können. Gerade jetzt – in diesen Zeiten. Nach all den Monaten des Rückzugs, in denen wir aus Rücksicht auf viel Lebensbejahendes verzichtet haben.

Jesus beschreibt Nikodemus den Weg in Gottes Reich. Sagt ihm, wie die Tür dorthin zu öffnen ist. Vielleicht kein leichter Weg, neu geboren zu werden. Der Übergang in das neue Leben bedeutet das Verlassen eines vertrauten, geschützten und geschlossenen Raumes. Für einen neugeborenen Säugling herrscht beim Auf-die-Welt-Kommen ein Temperaturunterschied von 12 Grad weniger. Statt Mutterleib umfassen plötzlich künstliche Latexhandschuhe den Körper. Da ist schlagartig grelles Licht. Reizüberflutung herrscht. Was ist das alles? Und zum allerersten Mal heißt es selbst atmen müssen; das Leben in die Hand nehmen. Neugeboren-Werden: Was für eine große Lebensveränderung. Vielleicht auch ein Schrecken ohne gleichen. Raus aus der Komfortzone hinein in die Welt. Freiheit und Verantwortung - das fühlt sich nicht unbedingt nur gut an.

Christ- oder Christin-Sein hat mit Romantik wenig zu tun, möchte Jesus dem Nikodemus wohl sagen. Es ist viel mehr als an Wunder zu glauben, sich von wegweisenden Worten orientieren zu lassen und bestimmten Formen zu folgen. Der Glaube an Gott, Sohn und Heiligen Geist bedeutet eine radikale Veränderung. Ein Sich-Loslassen hinein in eine kalte, lärmende und grelle Welt. Sich auseinander setzen mit Problemen und Fragestellungen, die wir uns nicht selbst aussuchen. Sich treiben lassen vom Geist Gottes, der uns vielleicht auch gerade dahin führt, wohin wir nicht wollen. Dabei verbunden bleiben mit Wurzeln, die uns nähren und Kraft schenken. Und sich dennoch manchmal unendlich einsam fühlen.

Wer weiß, wie viel die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die hier heute in der Christuskirche im Verlauf dieses Sonntags konfirmiert werden, davon in ihrem Leben schon erfahren haben…

Jesus spricht von einer Geburt aus Wasser und Geist, die ein neues Leben, DAS neue Leben, ausmachen. Eines, das sich zu leben lohnt. So einfach ist das. Und vielleicht so radikal und revolutionär, dass Nikodemus heimlich nachts aus dem Haus schleichen muss, um es in Erfahrung zu bringen. Eigentlich hätte er es wissen können. Denn das, was Jesus hier sagt, findet sich in ähnlicher Weise schon im Buch des Propheten Ezechiel, im Alten Testament, geschrieben. Worte, an die er Nikodemus vielleicht erinnern will. So ist das mit den Lehrerinnen und Lehrern die glauben, alles zu wissen: Auch sie vergessen, sind eingefahren, haben nicht immer alles im Blick. Wir alle müssen uns unseren Erinnerungen stellen, auch wenn sie schmerzhaft sind. Wir brauchen Menschen, die Erinnerungen wachhalten. Wer neu beginnt, muss die alten Fehler nicht wiederholen.

In Kapitel 36 heißt es im Buch Ezechiel als Verheißung an das Volk Israel: „25Dort besprenge ich euch mit reinem Wasser, damit ihr rein werdet. Ich wasche die Schuld von euch ab, die ihr durch eure Götzen auf euch geladen habt. 26Dann gebe ich euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Das tote Herz aus Stein nehme ich aus eurem Leib. An seiner Stelle gebe ich euch ein lebendiges Herz aus Fleisch. 27Meinen Geist gebe ich euch.“

Im Liebesgedicht „Blatt im Wind“ von Mascha Kaleko lauten die ersten Zeilen: „Lass mich das Pochen deines Herzens spüren, dass ich nicht höre, wie das meine schlägt. Tu vor mir auf all die geheimen Türen, da sich ein Riegel vor die meinen legt.“

Ja, manchmal sind unsere Herzenstüren verschlossen. Wenn das Herz gefangen ist, findet die Liebe keinen Weg hinein und auch keinen hinaus. Die Liebe stirbt. Eine neue Geburt bleibt ausgeschlossen. Neuanfänge sind unmöglich.

Aber, wir sehnen uns nach dem, was sich verheißungsvoll hinter den geheimen Türen verbirgt.

Den Nikodemus treibt seine Sehnsucht nach Leben zu Jesus. Er will nicht nur auf seinen eigenen Herzschlag hören. Es geht ihm um mehr. Leben ist mehr als Ichbezogenheit. Leben ist Erwartung auf das Reich Gottes. Es ist uns noch nicht alles erschienen, was wir sein werden.

Da sind noch viele geheime Türen, die es zu öffnen gilt. Der dreieinige Gott versteht es, uns mit seiner Liebe dazu zu locken, wie niemand sonst.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

       

 

 

 

 

 

 

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