Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 3. Mai. 2021 14:05 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

als ich Sie und Euch am Beginn begrüßte, klang es schon an. Vor zwei Jahren hätten wir an diesem Sonntag „Kantate“, der uns auffordert „Singt!“ vor allem eines: gesungen! Der Frauenchor hätte uns gesungen, wir hätte alle gemeinsam gesungen, so wie wir das vorher kannten. Ja, nicht alle, die „damals“ zum Gottesdienst kamen haben klar und hörbar mitgesungen. Doch wir waren zu hören!

Und heute? Was ist schon seit einem Jahr anders? Selbst, wenn wir wollten, wir dürften nicht singen. Nicht im Gottesdienst, nicht mit allen, nicht gemeinsam. Mir fehlt das sehr. Euch und Ihnen auch?

Der Gottesdienst, wie ich ihn kenne und brauche, mir fehlt etwas Wesentliches, unser Singen. Ich sehne den Tag herbei, an dem wir wieder singen dürfen. Ich bin sehr dankbar, dass wir heute wenigstens gesungen bekommen, das ist ein Geschenk. Nur, mein Sehnen, selbst zu singen, macht das eher größer.

Wenn wir schon nicht singen, dann möchte ich heute wenigstens über das Singen mit Euch nachdenken. Mein Ziel ist es am Ende, Euch und Sie zu ermuntern. Zu ermuntern, zu Hause zu singen oder draußen. Dafür werbe ich heute! Weshalb solltet ihr das probieren? Dazu fordert uns „Kantate - singt“ auf. Der heutige Predigttext regt uns auch an.

Ich lese den Beginn des 92. Psalms, die Verse 1-5

Ein Psalm. Ein Lied für den Sabbattag.

Das ist ein köstlich Ding,

dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster,

des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen

auf dem Psalter mit zehn Saiten, auf der Harfe und zum Klang der Zither.

Denn, Herr, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken,

und ich rühme die Taten deiner Hände.

 

Liebe Geschwister,

Psalmen sind alte Lieder, Gebetslieder, die Gott ansprechen. Sie sind Klagelieder, Loblieder. In einigen Psalmen wird im Liedtext selbst aufgefordert „Singt!“.

Der 92. Psalm ist überschrieben: „Ein Lied, ein Psalmlied für den Sabbattag“ Am jüdischen Ruhetag, der für uns der Sonntag ist, wird das Lied gesungen. Wie hörte er sich wohl an, Dieses hebräische Gottesdienstlied? Auf Hebräisch. Das wissen wir nicht, wir können die Melodien von damals nicht wiedergeben.

Unser Psalm lädt uns ein Gott zu loben. Gott loben für die „Taten seiner Hände“, für „seine Werke“. Dahinter steht die alte Einsicht: die Welt hat sich nicht selbst geschaffen. Wir sind Geschöpfe Gottes, wir entspringen seiner Liebe. Schon das ist für die Israeliten Grund zum Lob Gottes durch unser Singen. „Schöpferlob klingt“ - heißt es in einem Morgenlied. Gott loben und danken für die „Taten seiner Hände“ - am besten zweckfrei.

Zweckfrei? In vielen Religionen ist es wichtig, Gott oder die Götter wohlgefällig und gnädig zu stimmen. Häufig geschieht das durch Opfergaben oder andere Riten. Auch im Alten Testament finden wir solche Vorstellungen. Kurz gesagt: ich bringe Gott etwas, damit ich etwas bekomme, im Grunde ein Geschäft mit Leistung und Gegenleistung.

Zweckfrei dagegen ist es, wenn ich nicht auf etwas aus bin, etwas bei Gott erreichen will. Sondern im besten Sinne „einfach dankbar“, dass ich bin und lebendig bin, atmen darf.

Nur: Wir alle sind moderne Menschen dieses Jahrtausends. Wir fragen viel stärker nach dem Nutzen für uns.

Wir stellen uns die Frage, bewusst oder nicht, gewollt oder ungewollt: was könnte es mir nützen, Gott zu loben? Wenn wir als Glaubende dann ermuntert werden, „einfach so“ dankbar zu sein, finde ich das gar nicht so einfach.

Unser Psalm macht sich dazu keine Gedanken. Ignoriert unsere Fragen, widersetzt sich, singt fröhlich vor sich hin. Da lobt jemand drauflos, singt vor sich hin. Sich morgens und am Abend zum Lob aufmachen. Singen erreicht etwas anderes als Worte allein. Im Gesang verbinden sich Musik und Sprache, sie gehen eine innige Verbindung ein. Unsere Stimme ist das natürlichste Instrument. Singen wirkt tiefer auf uns als reden.

Ich kenne das so, ich denke, so geht es Vielen: Ich stimme ein Loblied an, auswendig oder aus einem Liederbuch. Höre meine eigene Stimme, komme vom Grübeln weg, es geht mir zu Herzen. Tut mir gut, erfreut Gott. Kantate - singt! - hat mich angeregt, in der vergangenen Woche, regelmäßig am Morgen und Abend zu singen. Nicht, um dank zu „leisten“. Es hat mich dankbarer gemacht. Es ist etwas anderes Lieder zu hören oder sie selbst zu singen. Es wirkt anders. Wie sehr freue ich mich auf den Tag, in dem wir im Gottesdienst wieder hören: „wir singen jetzt gemeinsam das Lied ...“

Liebe Geschwister,

Ich kann noch so viel reden über Singen, über das Lob Gottes. Im Tun liegt die Kraft, die Gott erfreut und unsere Seele stärkt. Evangelisch sein heißt auch, Lieder singen, alleine, vor allem aber in Gemeinschaft, im Chor, im Gottesdienst. Gottesdienst geht noch nicht, alleine oder im Haushalt geht es. Lasst Euch von den Psalmen ermuntern, greift daheim zu einem Gesangbuch oder Liederbuch, singt, was Euch anspricht. Singt, so gut ihr könnt. Ein Lied kann - sehr grob gesagt – auf zweierlei Weise wirken. Ich suche ein Lied, das meine Stimmung ausdrückt. Ein Loblied, ein fröhliches Lied, ein melancholisches Lied. Oder ich suche ein Lied, von dem ich mir erhoffe, dass es mich in etwas führt, was noch nicht in mir ist – Freude zum Beispiel. Wie auch immer: Gott hört es mit Wohlwollen, es gibt keine Bewertung, etwas schief singen ist besser als sich nicht trauen.

In diesen oft trüben Zeiten kann singen uns stärken. In einem Lied von Paul Gerhardt aus unserem Gesangbuch heißt es: „Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ Das sollten wir, zu seinem Lob und zu unserem Wohlergehen.

AMEN

                                  Pastor Claus Nungesser

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