Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 12. Apr. 2021 07:34 Uhr

Aus dem 21. Kapitel des Johannesevangeliums, die Verse 1-14 nach der Übersetzung der „Basis-Bibel“


Später zeigte sich Jesus seinen Jüngern noch einmal.

Das war am See von Tiberias und geschah so:

Es waren dort beieinander: Simon Petrus, Thomas, der Didymus genannt wird,

Natanael aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger.

Simon Petrus sagte zu den anderen: »Ich gehe fischen!«

Sie antworteten: »Wir kommen mit.« Sie gingen zum See und stiegen ins Boot.

Aber in jener Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.

Die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war.

Jesus fragte sie: »Meine Kinder, habt ihr nicht etwas Fisch zu essen?«

Sie antworteten: »Nein!«

Da sagte er zu ihnen: »Werft das Netz an der rechten Bootsseite aus.

Dann werdet ihr etwas fangen!« Sie warfen das Netz aus.

Aber dann konnten sie es nicht wieder einholen, so voll war es mit Fischen.

Der Jünger, den Jesus besonders liebte, sagte zu Petrus: »Es ist der Herr!«

Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, zog er sich seinen Mantel über und band ihn hoch. Er war nämlich nackt. Dann warf er sich ins Wasser.

Die anderen Jünger folgten im Boot und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

Sie waren nicht mehr weit vom Ufer entfernt, nur etwa 100 Meter.

Als sie an Land kamen, sahen sie dort ein Kohlenfeuer brennen.

Darauf brieten Fische, und Brot lag dabei.

Jesus sagte zu ihnen: »Bringt ein paar von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.«

Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land.

Es war voll mit großen Fischen – genau 153 Stück.

Und das Netz zerriss nicht, obwohl es so viele waren.

Da sagte Jesus zu ihnen: »Kommt und esst!«

Keiner der Jünger wagte es, ihn zu fragen: »Wer bist du?«

Sie wussten doch, dass es der Herr war.

Jesus trat zu ihnen, nahm das Brot und gab ihnen davon.

Genauso machte er es mit dem Fisch.

Das war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern zeigte,

nachdem er von den Toten auferstanden war.


 

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Damals war es schon unglaublich und ist es bis heute geblieben. Die Osterbotschaft, sie ist umstritten, sie wird abgelehnt und angenommen. Mal mehr, mal weniger und die Spannung, die in Ostern steckt, sie liegt nicht nur zwischen Menschen. Wir spüren doch die Spannung auch in uns, oder? Was sollen wir von etwas halten, was sich so völlig unserer Lebenserfahrung entzieht?

Nicht nur unserer persönlichen Erfahrung, sondern auch unserer Lebenserfahrung als Menschheit? Wenn doch etwas sicher ist dann diese: tot ist tot, jedes Leben endet, Ende und aus. Wie soll das also gehen mit der Auferweckung eines Menschen vom Tod? Diese Frage stellt sich nicht nur  wegen des großen zeitlichen Abstands von damals zu heute. Und nicht nur, weil wir im 21. Jahrhundert in einer wirklich sehr anderen Welt leben.

Von Anfang an war es für die sehr viele Menschen zur Zeit Jesu mindestens fragwürdig, meist völlig unglaubwürdig, was Frauen und Männer aus dem Kreis um Jesus behaupteten. Der „Normalfall“, wie wir auf so eine Geschichte, wie die Auferstehungsgeschichte, reagieren ist großer Zweifel. Denn, was da passiert sein soll, ist eben gerade alles andere als „normal“. Es scheint absolut ausgeschlossen.

Was war passiert? Menschen wie Maria von Magdala, Salome, Petrus, Thomas, Jakobus und wie sie alle hießen, sie machten zwei ganz gegensätzliche Erfahrungen:

Die erste ist: Jesus ist am Kreuz gestorben, hat den Tod erlitten. Wie wir alle sterblich sind.

Die zweite ist: Jesus ist uns danach erschienen, wir haben ihn gesehen, gesprochen, berührt. Jesus ist tot - Jesus lebt, in dieser Reihenfolge. Was nun?

Was für ein Widerspruch, lässt er sich aufheben und wenn ja, wie? Auch hier, von Anfang an bis heute, gibt es drei grundlegende Möglichkeiten, damit umzugehen.

Die erste ist zu sagen, dass Jesus gar nicht gestorben ist, nur scheintot war, jedenfalls irgendwie überlebt hat und dann Menschen erschienen ist. Das sagen Menschen bis heute. Die zweite ist, dass die Menschen, die Jesus begegnet sind, sich das alles nur eingebildet haben. Sie wollten einfach nicht wahrhaben, dass Jesus tot ist. So sagen es noch viel mehr Menschen – bis heute.

Die dritte Möglichkeit ist, dass Beides zutrifft: Jesus ist gestorben, Jesus ist lebendig. Wie lässt sich das zusammen bringen? Für die ersten Zeuginnen und Zeugen konnte es nur so sein, auch wenn sie nicht direkt dabei waren: „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“.

Liebe Geschwister, dieser Satz ist das erste christliche Bekenntnis. Maria von Magdala, Petrus, Paulus, viele bezeugen und bekennen: „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“. Wie so vieles in der Welt ist auch das nicht zu beweisen. Es wird von Menschen bezeugt. Damals von den Ersten bis heute. Darin hat der christliche Glaube seinen Ursprung, da kommt er her: aus dem heraus, was wir bis heute „Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ nennen. Von damals bis heute ist es „un-glaublich“ geblieben. Wir bekennen es mit: „Auferstanden von den Toten“. Dabei vertrauen wir darauf, dass die vielen Zeuginnen und Zeugen, beginnend mit Maria von Magdala, nicht gelogen haben. Doch dieses Vertrauen in unsere ersten Geschwister damals: letztlich ist es uns von Gott geschenkt, es kommt nicht aus uns heraus.

Das „Urereignis“ der Auferstehung hinterlässt Spuren im Neuen Testament an vielen Stellen. Auch im Johannesevangelium. Im Nachwort des Evangeliums, im letzten Kapitel wird eine Geschichte erzählt. Ob sie sich so zugetragen hat, wie es dort steht? Schwer zu sagen, jedenfalls ist es so oder so eine, wie ich finde, seltsame Geschichte. Sie ist keine der ältesten Erscheinungsgeschichten. Wie das Evangelium insgesamt ist sie etwas jünger als die anderen drei Evangelien des Neuen Testaments.

Was war den Schreibern des Evangeliums wichtig? Weshalb haben sie sie so erzählt? Was will sie allen, die sie hören, weitergeben? Uns an diesem Morgen weitergeben?

Es ist nach der Osternacht, der von Gott auferweckte Christus erscheint Menschen, die meisten brauchen Zeit, ihn zu erkennen. Typisch Jesus: er nimmt sich Zeit, wie schon vor seinem Tod. Der Lebendige begegnet seinen Jüngerinnen und Jüngern so, wie sie es brauchen. So, dass sie es verkraften können, wenn sie ihn sehen, den sie doch tot wähnten.

In unserer Erzählung geht Jesus zum Anfang zurück, zum See Tiberias, wir kennen ihn besser unter dem Namen See Genezareth.

Dieser große, schöne See im Land Galiläa, der viele Menschen nährt. Dort kommen Petrus und viele andere Jünger her. Dort sind sie Jesus zum ersten Mal begegnet. Dort hat Jesus sie gerufen, dort haben sie sich ihm angeschlossen. Dort wurden sie seine Jünger. Vielleicht kennen sie die Geschichte vom Fischfang des Petrus, damals, am Anfang, als Jesus loszog, Jahre vor seinem tragischen Ende.

Damals schon fischt Petrus mit anderen in der Nacht. Ohne Erfolg. Mit leeren Händen kehren sie zurück. Jesus fordert sie damals am Morgen auf: werft euer Netz noch einmal aus. Diesmal drohen die Netze zu reißen, so voll sind sie. Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus, sie sind überwältigt. Sie lassen Fische und Familie zurück, sie folgen Jesus. Der Anfang.

Nun, etwa drei Jahre später: Nach Ostern kehren sie zunächst in ihre Heimat zurück. Zum See, zu dem, was sie können, gelernt haben. Sie sind Fischer. Wieder ist es Nacht, wieder kein Fang. Wieder vergeblich. War ihr Weg mit Jesus auch so vergeblich? Sie sind ihm doch gefolgt, ihm, dem Meister, bis Jerusalem. Mit so viel Aufbruchstimmung, so viel Hoffnung, dass eine neue Zeit anbricht, das Reich Gottes des Friedens. Und jetzt? Verlassen haben sie ihn, als es bedrohlich wurde. Verlassen hatte er sie. Jetzt sind sie wieder da, wo sie herkamen. Was hat sich getan? War nicht alles vergeblich, sie sitzen wieder im Boot ohne Fische? Solche Fragen kennen auch wir nach großen Rückschlägen. War nicht alles vergeblich?

Da ruft eine Stimme vom Ufer: „Habt ihr nicht etwas Fisch zu essen?“ Eine Stimme am Ende der Nacht, sie ruft hinaus auf den See, die Stimme erreicht das Boot. „Habt ihr nicht etwas Fisch?“ Jetzt werden sie auch noch auf ihren Misserfolg angesprochen. Die knappe Antwort vom Boot „Nein“. „Werft das Netz noch einmal aus. Ihr werdet etwas fangen.“

Dann geschieht es damals, am Anfang: ein großer Fang. Da erkennen sie allmählich den, der sie gefragt hat. „Es ist der Herr!“

Petrus kann es kaum abwarten, springt ins flache Wasser, das Boot mit den anderen hinterher. Alles ist vorbereitet. Das Feuer, das Brot, die Fische. Wie so oft, wenn sie miteinander aßen. Was für ein Wiedersehen am Feuer! Jesus teilt aus Brot und Fisch.

Wie so oft in den letzten Jahren, Jesus und einige von denen, die ihm gefolgt sind.

Doch etwas ist anders, entscheidend anders, unglaublich anders. Die Jünger sind bei aller Freude noch so unsicher „Wer bist Du?“ würden sie ihn gerne fragen. Ist er es oder doch nicht? Sie wissen es und doch bleibt es so unwirklich. Sollte das der Gleiche sein, den wir so lange kennen. Wie kann er dann hier sein?

Wie tröstlich, liebe Geschwister: in dieser Erzählung haben die Jünger den Auferstandenen neben sich sitzen und doch bleibt ein Rest unsicher: kann das sein, dass er es ist?

Wie sind wir dann erst dran mit unserem Glauben? Soviel später, Jahrtausende.

Kein Messias, kein Auferstandener, der neben uns sitzt.

Wie können wir an etwas und an jemanden glauben, das doch so „unglaublich“ ist? Gott erweckt jemanden von den Toten, ganz außer-halb dessen, was wir in unserer nüchternen „Tatsachenwelt“ erleben.

Was lässt mich an dieser Geschichte berührt sein und Vertrauen schöpfen, dass da schon was dran sein wird? Da ist zunächst die Unsicherheit der Jüngerinnen und Jünger. Niemand versucht es sich zu erklären, sie haben zu Beginn ihrer Christusbegegnungen große Mühe - diesen Menschen fühle ich mich in meinen eigenen Unsicherheiten nahe, sie sind wie ich, Menschen, einfach Menschen. Überwältigt von dem, was sie erleben und zugleich unsicher, erst Schritt für Schritt gewinnen sie Vertrauen in den, der ihnen wieder begegnet.

Das macht sie für mich glaubwürdig als erste Zeuginnen und Zeugen. Wieso soll das alles erfunden sein? Sicher, im Lauf der Zeit wird manches ausgeschmückt, dazu erfunden, typisch Mensch. Doch der Kern dessen, was sie sagen, die ihm begegnet sind, darauf lasse ich mich ein: „Gott hat Jesus als Ersten von den Toten auferweckt zu neuem Leben.“

 

Liebe Geschwister,

hier sind nicht Menschen am Werk, sondern Gott hat die Finger im Spiel. Jesus hat immer wieder den Gott der Liebe und der Barmherzigkeit gepredigt. Den Gott des Lebens, der für seine Schöpfung, für alles Lebendige eintritt, weil es von ihm kommt. Das macht es für mich glaubhafter, weil ich Gott mehr zutraue als uns Menschen.

Der Gott der Liebe, die Liebe, die nicht den Tod, sondern das Leben will. Nicht allein für Jesus, nein, für uns alle. Wie Jesus müssen wir durch den Tod, er hat noch Macht, ohne Frage. Doch die Kraft der Liebe Gottes, sie wird stärker sein. Wie Jesus es sagte: Das Reich Gottes, es wächst wie ein Senfkorn, wird groß und größer.

Der Gott, der Jesus von den Toten erweckt hat, hat er damit nicht eine ganz neue Hoffnung in diese, in unsere Welt gebracht? Eine, die nicht endet, sich nicht aufbraucht, nicht am Tor des Todes Halt machen muss?

Was mich an unserer Erzählung am meisten berührt ist dies: die sieben Jünger, so völlig unverhofft sehen sie ihren Freund, Bruder, Meister wieder. Niemals hätten sie das erwartet. Ein Wiedersehen nach dem großen Schmerz des Kreuzestodes, wo ihnen alles genommen schien.

Am Grab beweinen und betrauern Menschen überall bis heute die, die sie loslassen müssen, die sie gekannt, geliebt haben. Da spielt es keine Rolle, ob glaubend oder nicht, ob religiös oder nicht. Wir vermissen Verstorbene, unsere Geliebten, unsere Eltern, die, mit denen wir verbunden waren. Der Tod beendet nicht allein das Leben, er scheidet alle unsere Beziehungen auf Erden.

Die Jüngerinnen und Jünger der ersten Wochen nach der Auferweckung Jesu: sie dürfen ihren geliebten Jesus sehen, wieder sehen,  bevor er ihnen vorausging in Gottes Welt. Daraus nährte sich für sie die Hoffnung: Kein Abschied für immer, keine Trennung, die ewig währt. Das ist vielleicht die  größte Hoffnung für uns persönlich:

Die wir so schmerzlich loslassen mussten, müssen, immer wieder müssen: in Gottes neuer Welt ist der uns trennende Tod tot - das Leben ist stärker, weil - wie Jesus gesagt hat: „Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten“ Gott macht das Tote lebendig.

AMEN 

                                 Pastor Claus Nungesser

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