Veröffentlicht von Angela Walther am So., 4. Apr. 2021 15:16 Uhr

Vom Suchen und Finden“

Osterpredigt 2021 zum Mitnehmen (10:00 Uhr-Gottesdienst)

Liebe Gemeinde,

wussten Sie eigentlich, dass in der Bibel auch Liebeslieder überliefert sind? Mit Romantik, Herzschmerz und inbrünstigen Liebesbeteuerungen, kurz: allem was dazu gehört.  Im Alten Testament im Hohelied finden wir eine ganze Sammlung solcher Liebeslieder. Für diesen Ostergottesdienst habe ich eines davon ausgesucht. Ein Liebeslied? mögen Sie sich wundern. Was mag das mit Ostern zu tun haben? Lassen Sie sich überraschen. Ich werde den Text gleich vorlesen. Sie sind eingeladen, ihn in der Mitte der Bildkarte mitzulesen.

Ich lese aus dem Hohelied aus Kapitel 3 die Verse 1-5:

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte, in die Kammer derer, die mich geboren hat. Bei den Gazellen und Hinden der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt!

Liebe Gemeinde,

nachts auf dem Lager liegen und nicht schlafen zu können, das geht mir zum Glück nicht oft so. Aber ich kenne es. Besonders in Zeiten, in denen ich gestresst oder traurig bin. Tagsüber habe ich die Sorge von mir weggeschoben. Plötzlich im Traum poppt sie wieder auf. Ich werde wach. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. Die Gedanken kreisen, finden kein Ende. Wenn es doch endlich wieder Tag wäre! Wenn erstmal die bleierne Müdigkeit der Nacht von mir abgefallen ist, werde ich wieder klare Gedanken schöpfen können. Bei Tageslicht betrachtet wiegen viele Probleme weniger schwer. Das weiß ich. Doch in diesem Moment hilft es mir nicht viel weiter. Denn noch ist es Nacht, die Zeit, in der tiefverborgene Gefühle in mir an die Oberfläche kommen. Nicht nur die schlechten. Auch Freude, Wünsche und Sehnsüchte werden an der Grenze zur Traumwelt lebendig.

Wer verliebt ist, mag nachts wachliegen und an den Liebsten denken. Ihn herbeisehnen. Ja, ins eigene Bett! Die Frau im Hohelied vermisst ihren Freund. Dass er nicht neben ihr liegt, hält sie nicht länger aus. Es treibt sie aus dem Bett und aus dem Haus. Sie macht sich auf die Suche. Sie muss ihn finden.

Auch in der Lesung des Osterevangeliums (Johannes 20,11-18) haben wir von einer Frau auf der Suche gehört. Auch Maria Magdalena hat sich nachts auf den Weg gemacht, getrieben von ihrem Schmerz und der Sehnsucht, Jesus noch einmal zu sehen. Sie war ihm eng verbunden. Nun ist er nicht mehr bei ihnen. Er ist gestorben. Jesus hinterlässt eine Lücke. Er fehlt. Und dann fehlt auch noch sein Leichnam.

Auf der Bildkarte sehen Sie eine junge Frau auf einer Schaukel am Meer. Auch sie hat sich schon in der Dunkelheit auf den Weg gemacht. Über dem Wasser geht die Sonne auf. Einsam sitzt sie da. Ihren Arm streckt sie aus zu der leeren Schaukel neben ihr. Wen sehnt sie sich herbei? Ihren Partner? Einen Freund oder eine Freundin? Hat er oder sie vielleicht bis gerade eben dort gesessen und ist weggegangen? Denkt sie an jemanden, der schon gestorben ist? Fast sieht es so aus, als würde der Lichtglanz der aufgehenden Sonne den Platz neben ihr auf der Schaukel einnehmen. Das Licht wird zum Platzhalter für die fehlende Person. So ist dieser Mensch in der Szenerie am Meer irgendwie spürbar. Und zugleich ist er nicht da. Er fehlt.

Ostermorgen. Maria Magdalena blickt auf die Stelle, an der der Körper von Jesus gelegen hat. Die Leere dort schmerzt sie. Aber die Leere ist gar nicht leer. Weiße Gewänder leuchten  Maria entgegen. Zwei Engel als Grabwächter. Maria vertraut sich ihnen in ihrer Suche an: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Auf Wächter trifft auch die liebende Frau aus dem Hohelied, die suchend in der Stadt umherirrt. „Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?“ ruft sie ihnen entgegen. Grabwächter oder Stadtwächter. Es ist, als würden diese Wächter eine Grenze markieren zwischen Dunkel und Hellsehen, Himmel und Erde, Suchen und Finden. Die Nacht mit all ihren Geheimnissen ist ihre Zeit. Als die liebende Frau an den Wächtern vorbei ist, findet sie den Geliebten. Ihre unruhige Seele hat Ruhe.

 Auch Maria findet den, den sie sucht. Unmittelbar, nachdem Maria mit den Engelswächtern gesprochen hat, steht Jesus hinter ihr. Zunächst begreift sie nicht, wen sie sieht. Dann spricht er sie an: „Maria!“. So ist sie schon oft zuvor angeredet worden. Sie erkennt den Klang der Stimme. Es ist Jesus! Die weiteren Umstände des Auferstehungswunders bleiben im Geheimnis der verronnenen Nacht verborgen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist überschritten. Die Ostersonne ist inzwischen aufgegangen.

 Auch die junge Frau auf der Schaukel sieht die aufgehende Sonne. In dieses Licht getaucht wirkt ihre Sehnsucht auf mich hoffnungsvoll. Wie ein österlicher Moment. Anders als den anderen beiden Frauen, der Verliebten im Hohelied und der Maria Magdalena, begegnet ihr keine dritte Person, kein Engel, kein Wächter. Zugleich fällt mir auf: Die linke Bildhälfte ist heller als die rechte.* Dies wirkt auf mich wie eine unsichtbare Grenze, die überschritten werden muss. Und zu dieser Grenze hin streckt die Frau ihre Hand aus.

*Dies lässt sich nur an den Bildklappkarten beobachten, auf dem im Internet veröffentlichten Bild ist dies leider nicht erkennbar.

 Ob auch Maria Magdalena die Hand ausgestreckt hat? „Rühr mich nicht an,“ warnt Jesus, „denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.“ Vielleicht ist es gefährlich, ihn jetzt zu berühren. Vielleicht ist der Moment, den Maria erlebt, auch so sensibel und lichtreich, dass er mit großer Achtsamkeit bewahrt werden muss. Kostbare Augenblicke lassen sich nicht einfach mit Händen festhalten.

Auch die Frau aus dem Hohelied weiß das. Genauso wenig lässt sich die Liebe festhalten. Liebe entsteht, wenn Himmel und Erde sich küssen. Sie ist kostbar und zerbrechlich. Darum warnt die Frau: „Bei den Gazellen und Hinden der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt!“ Die Frau hat ihren Liebsten gefunden. Sie streckt die Arme nach ihm aus. Anders als in Marias Geschichte, wird die Berührung zugelassen. Der Geliebte ist ja lebendig.  Die Geschichte einer glücklichen Liebe lässt sich nicht auf einer Ebene mit dem Wunder der Auferstehung vergleichen! Und doch: Eines verbindet die zwei Frauen: Beide erleben etwas Überwältigendes, das über sie selbst hinausweist, etwas Unverfügbares. Sie sind in hohem Maße Beschenkte. Die Verliebte fällt ihrem Schatz um den Hals: „Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los.“

Das klingt besitzergreifend. Liebe lässt sich doch nicht festhalten! Hat denn der arme Mann überhaupt ein Mitspracherecht? mögen sich einige von Ihnen fragen. Wer den Text aus dem Hohelied weiterliest, erfährt aber, dass der Mann nicht gegen seinen Willen verführt wird. Er gesteht seiner Freundin: Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen, mit einer einzigen Kette an deinem Hals. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, liebe Braut! (Hohelied 4,9-10a) Mann und Frau geben sich ihrer Liebe gleichermaßen hin. Keine Selbstverständlichkeit für eine Frau in der damaligen männerdominierten Gesellschaft : eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe! Und die Frau spielt sogar den dominanten Part! Die Texte des Hoheliedes lassen darauf schließen. Die Liebe der Frau wird erwidert. Ihre Suche ist ans Ziel gekommen. Die Frau hat ihren Freund gefunden!

 Auch Maria Magdalenas Suche nach Jesus ist beendet. Ihre Unruhe ist von ihr abgefallen. Jesus steht vor ihr. Österliche Freude macht sich in ihr breit. Plötzlich kommt ihr als Frau eine besondere, feierliche Rolle zu. Sie ist die erste, die in das Osterwunder eingeweiht ist. Später geht sie und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen.“

An dieser Stelle möchte ich nicht darüber spekulieren, in welchem Verhältnis Maria zu Jesus gestanden hatte. Manche spät-nachbiblische Tradition behauptet, Maria Magdalena sei die Geliebte von Jesus gewesen. Die Bibel selbst gibt uns dahingehend keinen Anhaltspunkt. Doch eng auf Jesus bezogen wird Maria gewesen sein, vor allem im Glauben. Auch in apokryphen Evangelientexten, also solchen Schriften, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, wird Maria Magdalena als wichtigste Jüngerin genannt. Am Ostermorgen am Grab findet Maria im Auferstandenen ihr Gegenüber wieder. Ihre Suche ist ans Ziel geführt. Jesus ist auferstanden. Hallelujah!

Und die Frau auf dem Bild? Ist sie noch auf der Suche? Oder hat sie innerlich schon gefunden, wonach sie sich gesehnt hat? Sie könnte auch ich sein. In meinem Leben bin ich immer wieder einmal in der Rolle der Suchenden… Dann kann ich manchmal nachts nicht schlafen, es treibt mich um auf meinem Lager. Manchmal bete ich dann zu Gott. Manchmal fügt sich später alles glücklich, vielleicht im Licht eines anbrechenden Tages. Wird meine Sehnsucht gestillt, spüre ich Erleichterung und Befreiung – ein Geschenk! Gott ist für mich da! Dann erlebe ich einen österlichen Moment. Oft leuchtet das Osterlicht auch nur flüchtig in meinem Leben auf. Es lässt sich nicht festhalten. So geht meine Lebenssuche weiter. Meine Sehnsucht bleibt auch nach Ostern, nach mehr Normalität in meinem Leben, nach Menschen, die ich wegen Corona nicht sehe, nach meinen Eltern, der weiteren Familie, engen Freunden. Ich kann nicht einfach meine Hand nach ihnen ausstrecken und sie in den Arm nehmen. Und doch: Ich weiß, sie denken an mich. Auch über die Distanz bleiben wir verbunden. In der Liebe und Zuneigung zu einem anderen Menschen spüre ich auch etwas von Gottes Liebe. Gerade in Zeiten, in denen wir Dunkelheit und Sorge erleben, wünsche ich uns allen, dass Gott uns berühren möge, auf seine Weise. Dass jemand liebevoll unseren Namen nennt. Dass nach einer sorgenvollen Nacht wieder die Zuversicht wächst. Dass die Strahlen der Frühlingssonne uns aufatmen und Mut schöpfen lassen.  Möge Gottes Licht auch an diesem Osterfest in unser Leben hineinleuchten und es hell machen. Amen.

Gesegnete Ostern und bleiben Sie behütet!

 Ihre Pastorin Angela Walther

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