Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 22. Mär. 2021 12:00 Uhr

Am 21.3. feierten wir einen Gottesdienst mit den Ev. Frauen in Bremen e.V. Er hat den Titel: Licht im Dunkel. Frauen im Widerstand der NS-Diktatur. Als ein Beispiel stellten wir Elisabeth Schmitz vor. Eine „klassische Sonntagspredigt“ gab es dafür nicht. Einige Gottesdiensttexte können Sie hier nachlesen:

 

Biografisches zum Leben von Elisabeth Schmitz. (Im Gottesdienst wird es mit verteilten Rollen von mehreren Frauen vorgetragen. Kursiv gedruckt sind Zitate von Elisabeth Schmitz.)

Elisabeth Schmitz ist 1893 in Hanau geboren und wächst in einem bildungsbürgerlichen, kirchenverbundenen reformierter Prägung Elternhaus mit zwei Schwestern auf. Sie studiert Deutsch, Geschichte und Religion zunächst in Bonn und wechselt dann nach Berlin. Dort gehört sie zu den ausgewählten Kreisen ihrer Professoren und ist vermutlich dort auch die erste Frau. Nach Studium, Promotion und Staatsexamen wird sie festangestellte Studienrätin und zieht im Januar 1933 in ihre eigene Wohnung. Im gleichen Haus wohnt auch ihre Freundin  Martha Kassel, evangelische Ärztin mit jüdischer Herkunft. Sie führt Elisabeth Schmitz in den Kreis jüdischer Intellektueller ein.

Im April 1933 beginnt die erste Welle staatlicher Gewalt gegen die Juden mit einer Boykottaktion der SA gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Kanzleien. Am 7.4.33 wird das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Dadurch werden „Nichtarier“ vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen, was vielen Jüdinnen und Juden die Existenzgrundlage entzieht.

Elisabeth Schmitz ist tief betroffen von dem, was den Juden und Christen jüdischer Herkunft aus ihrem Kollegen- und Freundeskreis passiert. Sie denkt nicht daran den Umgang mit ihnen aufzugeben sondern mehr wie ihnen geholfen werden kann.

Aufgrund der Gesetze verliert auch ihre Freundin Dr. Martha Kassel ihre Praxis und damit ihre Existenzgrundlage. Elisabeth Schmitz nimmt sie für mehr als vier Jahre in ihrer Wohnung auf. So erlebt sie unmittelbar, was „Nichtariern“ passiert. Sie schreibt in einem Brief an ihren Vater:

Gestern Abend war Frau Dr. wieder ganz verzweifelt. Sie sagte immerfort vor sich hin: ´Warum hassen sie uns denn nur so? Ich kann es gar nicht verstehen…. Und dann erzählte von der Kinderklinik, von all den Kindern, die sie operiert hat u. wie sie oft 6 x in der Nacht aufgestanden sei, um nach dem frisch operierten Kind zu sehen……Sie fühlt sich gar nicht als Jüdin, hat es nie getan u. ist so fassungslos, dass man sie trennen will vom Deutschtum, so sie doch deutsche Literatur u. Kunst u. Landschaft u. alles so liebt.

Im Sept. 33 wird der „Arierparagraf“ dann auch in den Landeskirchen eingeführt. Mehrheitlich haben dort die Deutschen Christen inzwischen die Leitung. Als innerkirchlicher Widerstand formiert sich der Pfarrernotbund.

Um Kirchenpolitisch wirken zu können wendet sie sich persönlich und brieflich an verschiedenen Pfarrer und Theologen. Es entsteht ein langer Briefwesel zwischen Karl Barth. Auch  bittet sie  Pastor Friedrich von Bodelschwingh um Unterstützung für die Juden und Jüdinnen.

Auf der Barmer Synode im Mai 1934 lehnen die Delegierten in der Barmer Erklärung die Irrlehren

der Deutschen Christen ab. Die Ablehnung der Irrlehre des Antisemitismus ist allerdings nicht dabei.

Schon hier zeigt sich, Bekennende Kirche ist keine Widerstandsbewegung gegen die Judenverfolgung und damit das nationalsozialistische Unrechtsregime. Der "Kirchenkampf"  ist eine rein innerkirchliche Auseinandersetzung.

Elisabeth Schmitz wird Mitglied in der Bekennenden Gemeinde in Dahlem. Dort engagiert sie sich u.a. im Mittwochskreis der sich neben den Bibelstunden auch um Hilfen für untergetauchte Juden bemühte.

Im September 1935 wird durch die Nürnberger Rassengesetze  die Entrechtung der Juden gesetzlich festgeschrieben.

Ende September tagt die Synode der Bekennenden Kirche in Berlin-Steglitz. Zur Vorbereitung hatte der Bruderrat um Stellungnahmen gebeten.

Elisabeth Schmitz verfasst für die Synode die Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ die sie ordnungsgemäß abgibt.

Darin macht sie die Unterscheidung von „Deutschen“ und „Juden“  nicht mit. Es geht ihr nicht nur um die Christen jüdischer Herkunft sondern um alle rassistisch verfolgten Juden. Sie bezeichnet die Ariergesetzgebung als Verletzung der Gebote Gottes und widerspricht der gängigen lutherischen Auffassung, die die gesetzlichen Reglungen dem Staat überlässt werden müssten, ohne sich zu widersetzen.

Elisabeth Schmitz erkennt in den staatlichen Repressalien gegen die Jüdinnen und Juden den Versuch der Ausrottung des Judentums in Deutschland. Und sie prophezeit:

Was sollen wir antworten einst auf die Frage: Wo ist dein Bruder Abel? Es wird auch uns, auch der Bekennenden Kirche keine andere Antwort übrigbleiben als die Kainsantwort.

Die Denkschrift wurde auf der Synode nicht beraten.

Am 9. November 1938 beginnt mit der Reichsprogromnacht die dritte Phase der Judenverfolgung.

Am 10. November erscheint Elisabeth Schmitz nicht mehr in der Schule

Ich beschloss, den Schuldienst aufzugeben und nicht länger Beamtin einer Regierung zu sein, die die Synagogen anstecken lässt.

Elisabeth Schmitz stellt den Antrag auf Frühpensionierung. Im Antrag schreibt sie

Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern – Religion, Geschichte, Deutsch – so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet und fordert. Nach immer wiederholter Prüfung bin ich schließlich zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht der Fall ist.

Dank eines verständnisvollen Beamten der Schulbehörde wird der Antrag genehmigt und sie erhält eine Pension

Sie nimmt Kontakt zu Pfarrern der bekennenden Kirche, insbesondere zu Helmut Gollwitzer auf

Sie mahnt, die Kirche müsse Stellung nehmen und sich mit den Juden solidarisieren.

Außerdem hilft sie Menschen mit jüdischem Status/jüdischer Herkunft(?)

Im Juni 1941 Überfall auf die Sowjetunion. Die Endphase der Judenvernichtung in den Massenvernichtungslagern im Osten beginnt.

Sowohl in ihrer Wohnung als auch in ihrem Gartenhaus in Wandlitz nimmt Elisabeth Schmitz  untergetauchte Menschen auf

Liselotte Pereles erklärt nach dem Krieg:

Dass Schmitz ihr während ihrer Illegalität als jüdischer Flüchtling des Öfteren Zuflucht gewährt habe und das sie durch Schmitz Hilfe vor der Verhaftung durch die Gestapo bewahrt wurde. Sie erzählt, als im November 43 die Wohnung von Frl. Dr. Schmitz durch Bomben zerstört wurde, hatte sie mir weiter geholfen und zwar mit Geld und Lebensmittelmarken…..

Nach dem ihre Wohnung durch den Luftangriff zerstört war, wohnt sie überwiegend im ihrem Elternhaus in Hanau. Auch dort bleibt sie ihrer Überzeugung und ihrem Engagement treu.

Margarete Koch-Levy erklärt rückwirkend:

Sobald sie meinen Aufenthaltsort erfahren hatte, reiste sie im Februar ungeachtet der andauernden schweren Luftangriffe von Hanau nach Heidelberg und besuchte mich trotz der Gestapo-Bespitzelung im Gefängnis. Sie setzte in Heidelberg alles in Bewegung, um mich vor dem unmittelbar drohenden Abtransport in ein Vernichtungslager zu retten…..

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg und damit die NS Diktatur.

Elisabeth Schmitz bleibt in Hanau und kehrt dort in den Schuldienst zurück. Sie stirbt 1977. Lange bleiben ihre Verdienste vergessen. Erstmals 1982 werden Briefe von ihr in der Dahlemer Ausstellung zur Bekennenden Kirche ausgestellt.

2011 wird Elisabeth Schmitz vom Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem posthum als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Für Elisabeth Schmitz war das Liebesgebot, was keinen Menschen ausgrenzt, Maßstab für ihr Handeln. Bleibend sind ihre Worte:

Seht den Menschen! Lernt den Menschen kennen, den Einzelnen, auch den Fremden.

 -Musik-


Gespräch über Elisabeth Schmitz

Angela Walther: Einige Worte aus der Lesung, die wir von Annette Niebuhr gehört haben, sind mir noch im Sinn. Im Epheserbrief ist uns gesagt: „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 

Diese Worte kommen mir wieder in den Sinn beim Nachdenken über Elisabeth Schmitz. Sie versuchte Licht ins Dunkel zu bringen. Sie hat schon früh klare Worte gefunden. Sie hat benannt, wohin der Antisemitismus in der NS-Zeit führen würde. Sie hat im Vorfeld vor den Verbrechen gewarnt, als viele noch gar nicht begangen worden waren, bereits1935. Dazu hat sie ihre Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ veröffentlicht…

Ulrike Kothe: Elisabeth Schmitz hat  bereits bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten deren Un-Geist erkannt. Sie hat genau beobachtet was geschah. Elisabeth Schmitz verstand sich ihr Leben lang als Historikerin. Vielleicht hat ihr das ihr analytisches Denken geholfen. Aber ich glaube, dass es auch besonders die Erfahrungen ihrer Freunde mit „jüdischen Hintergrund“ waren. Dieses Erleben hat Elisabeth Schmitz bereits am Beginn der NS-Diktatur kritisch aufmerken werden lassen. Auf das erlebte Unrecht hat sie klar und konsequent reagiert. Wollte aufrütteln. Wollte ihre Kirche gewinnen für die Solidarität für die Menschen mit jüdischem Hintergrund.

Angela Walther: Elisabeth Schmitz war eine von wenigen. Ich frage mich, warum ausgerechnet sie sich so für die verfolgten Menschen einsetzte, die der NS-Staat als Juden deklarierte. Sicher, sie war mit Menschen jüdischer Herkunft befreundet. Ihre Freundin Martha Kassel hat sie sogar bei sich wohnen lassen. Elisabeth Schmitz hat aus nächster Nähe miterlebt, was sie erleiden musste. Das hat sie geschmerzt. Das konnte sie nicht länger mitansehen.

Doch es werden auch viele andere Menschen Freunde mit jüdischen Wurzeln gehabt haben. Die meisten haben sich nicht getraut, für sie einzutreten. Elisabeth Schmitz hat Ihre Meinung gesagt. Das war gefährlich. Ich frage mich: Was für eine Persönlichkeit mag sie gewesen sein? Und wie hat sie es geschafft, unbehelligt zu bleiben?

Ulrike Kothe: Ich weiß es nicht. Margarete Koch-Levy, der sie 1940 geholfen hat, sagt dazu „…nur ihre außerordentliche Verschwiegenheit und Klugheit haben sie…bewahrt.“ Andere beschreiben sie als unauffällig, auch etwas altmodisch, so dass sie vielleicht nicht gleich aufgefallen ist. Obwohl ihre Schülerinnen sie als eine sehr beeindruckende Persönlichkeit beschreiben. Bestimmt ist sie auch hier und da auf unterstützende Mitmenschen getroffen.

Angela Walther: Elisabeth Schmitz ging es um die Menschlichkeit. Jedes einzelne Menschenleben ist schützenswert. Diese Überzeugung nahm sie aus ihrem christlichen Glauben. Andere Christen ihrer Zeit hatten vor allem die Christen mit jüdischen Wurzeln im Blick. Ihr ging es um ALLE, die unter den Nazis zu leiden hatten, unabhängig davon, welchen Glauben sie hatten.

Ich persönlich finde es sehr sympathisch an Elisabeth Schmitz, dass sie sich der jüdischen Wurzeln auch unserer christlichen Religion bewusst war, wie eher wenige Theologen ihrer Zeit. Jesus war auch Jude. Vieles im Christentum entspringt ursprünglich jüdischen Traditionen, auch wenn es sich über die Zeiten sehr verändert hat. Elisabeth Schmitz sah die Juden als Geschwister im Glauben. Darin stimme ich ihr voll und ganz zu.

Ulrike Kothe: „…die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“, heißt es in unserem Predigttext. Spontan -  es könnte der Leitgedanke von Elisabeth Schmitz sein. Leider können wir sie nicht mehr dazu befragen. Aber ihre Taten erzählen davon. Sie hat Licht ins Dunkel gebracht. In ihrer Denkschrift hat sie genau beschrieben, wie die Menschen mit jüdischen Status verfolgt und erniedrigt worden. Sie hat das Unrecht ans Licht gebracht, als davon noch viel verborgen war. Sie hat versucht ihre Kirche aufzurütteln und sie hat selber getan was ihr möglich war um den Verfolgten zu helfen. Jedenfalls hat sie getan, was der Text aus dem Brief an die Epheser fordert.

Angela Walther: Ich bewundere ihren Mut. Sie hat richtig gehandelt, ganz im Sinne der Nächstenliebe. Ich frage mich: Wie wäre es mir an ihrer Stelle gegangen? Wäre ich ähnlich mutig gewesen wie sie? ... Heute ist es in unserem Land nicht mehr so gefährlich, Stellung zu beziehen und sich für Gerechtigkeit und Wahrheit stark zu machen. Unsere Zeit ist nicht vergleichbar mit der damaligen. Dafür bin ich dankbar. Wie gut, dass wir unsere Meinung frei äußern können! Hierin können wir Elisabeth Schmitz nacheifern, ohne dass wir so viel riskieren müssen wie sie.

Ulrike Kothe: Ich glaube, die Verfolgung und Verachtung der Menschen mit jüdischen Status in der NS-Diktatur hat das Herz von Elisabeth Schmitz so berührt, dass sie gar nicht mehr tatenlos bleiben konnte. Sie hat sich berühren lassen. Das hat ihr Leben verändert. Es hat es so verändert, dass sie ihre Arbeit aufgeben musste. Sie konnte es nicht mehr vereinbaren mit dem, was ihr ihr Herz und Verstand sagten.

Es wurde zu Elisabeth Schmitz „Herzensangelegenheit“ sich für die Entrechteten einzusetzen.

Ich frage mich, Wovon lasse ich mich berühren?

 Amen.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pastorin Angela Walther und Diakonin Ulrike Kothe, Referentin der Ev. Frauen in Bremen Ev. und zugleich Mitglied unserer Gemeindevertretung

 

 

 

 

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