Veröffentlicht am Mo., 15. Mär. 2021 11:28 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

der heutige Predigttext ist ein Wort aus dem Johannnesevangelium. Auch dieses Evangelium beschreibt ausführlich die letzten Tage Jesu, seine Leiden, sein Sterben. Unser Wort kommt direkt nach dem Einzug Jesu in Jerusalem. In wenigen Tagen steht das Passahfest bevor.

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren,

um anzubeten auf dem Fest.

Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war,

und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.

Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.

Jesus aber antwortete ihnen und sprach:

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt,

bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 „Jesus sehen wollen“ - das wollten damals Viele.

Nicht am Anfang, als Jesus z. B. Petrus und Andreas und Philippus aus der kleinen Stadt Betsaida am See Genezareth traf, sie rief und sie ihm folgten.

Auf seinem langen Weg nach Jerusalem wurde er immer bekannter, weil er Menschen heilte, von Gottes Liebe sprach und sie vor allem selbst lebte. Beim Einzug in Jerusalem dann, der Hauptstadt, jubeln ihm Menschen zu. Viele hatten jetzt von ihm gehört, von seinen Worten und Taten. Damals ohne die ganzen Medien sprach es sich doch herum, auf Märkten, von Ort zu Ort. Klar, dass Jesus viel nachgesagt wurde, manches richtig, manches falsch. Und natürlich neugierig auf ihn machte.

Jetzt kam er vom Land in die Hauptstadt, die voller Menschen war. Das höchste Fest des Jahres soll gefeiert werden. Die Stadt vibriert, aus dem ganzen Land, sogar aus der Fremde kommen sie. Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern mittendrin. Nicht als normaler Pilger, sondern als Star, den man sehen und hören will. Sogar „Griechen“ wollten das, wie es bei Johannes heißt. Das waren griechischsprachige Menschen, die dem jüdischen Glauben verbunden waren oder sogar selbst jüdisch waren, nur eben mit einer anderen Muttersprache. Auch sie waren neugierig, vielleicht als gebildete Griechen von Ferne sogar skeptisch. „Diesen Jesus möchten wir doch gerne mal selbst sehen. Ob das alles sein kann, was man so von ihm hört? Ist da nicht viel Legende dabei? Wird er zu Recht bejubelt? Kann er Wunder vollbringen? Wir wollen Jesus selbst sehen und sein Kräfte kennen lernen.“ So etwas könnte hinter ihrem Wunsch stehen.

Sie wenden sich jedenfalls an die Jünger Philippus und Andreas. Die beiden wiederum laufen zu Jesus, um sich mit ihm zu beraten. Die Antwort von Jesus ist zunächst vielversprechend: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“

Jesus scheint sich auf die Griechen einzulassen. Wie so eine Verherrlichung wohl aussieht? Viel Licht und Glanz, der alles überstrahlt? Jesus als Messias, der sich gleich allen zeigen wird. Den so Viele schon so lange erwarten. Das kann spannend werden.

Nur wie enttäuschend es dann weitergeht: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Hm, Was heißt das jetzt? Ein sterbendes Weizenkorn verschwindet in der Erde. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Verherrlichung. Nur wenn es mit Erde bedeckt ist, wenn es begraben wird, kann es Frucht bringen. Sehen tut man da erst einmal gar nichts. Im Gegenteil: man sieht noch weniger als vorher. Hat man das Weizenkorn erst noch in der Hand, ist es dann im Nirgendwo des Ackers verschwunden. Bis zur Frucht muss man sich schon eine ganze Weile gedulden! Nicht Herrlichkeit wir, sondern Erde. Nicht sehen, sondern warten.

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Das ist unsere Situation, schon lange, bis heute. Die Griechen damals haben keine Herrlichkeit und Macht zu sehen bekommen, wir auch nicht. Jahr um Jahr vergeht und wann sehen wir Jesus, Gottes neue Welt?

Da kann man sich schon fragen: Trägt das denn alles? Ist er wirklich der Messias auf den alle gewartet haben? Ist er tatsächlich auferstanden – oder war das nur eine große Lüge, weil so Viele Jesus und ihre Hoffnungen eben nicht begraben wollten? Auferweckung? Herrlichkeit? Die Welt hat sich nicht wirklich verändert seit damals. Immer noch Krieg und Leid, Krankheit, Angst und Tod. Für wen oder was steht das Weizenkorn, von dem Jesus hier spricht? Und wer oder was ist die Frucht? Was heißt das für uns, für mich heute?

Im Vorderen Orient war es zur Zeit Jesu Brauch, bei der Aussaat zu weinen. Denn das Aussäen der Getreidekörner war jedes Mal auf’s Neue riskant. Damals gab es keine Wettervorhersage, keinen Dünger, keine Reserve. Es stand immer die ganze Existenz auf dem Spiel. Wer weiß schon bei der Aussaat, ob die Ernte gelingen wird?

Jesus nimmt das Weizenkorn, das gesät wird, als Bild für sich selbst. Auch er riskiert alles, sein Leben. Wie ein Weizenkorn wird auch er begraben werden, nicht mehr sichtbar sein, verborgen.

Er gibt sein Leben, nicht, weil er an seine eigene Macht glaubt. Er gibt sein Leben, weil er glaubt, dass Gott alles möglich ist; er glaubt, dass selbst der Tod vor Gottes Liebe nicht sicher ist.

Jesus konnte sich in die Erde fallen lassen, begraben werden, bedeckt von Erde wie das Weizenkorn. Er zog nicht nach Jerusalem ein, um gefeiert zu werden. Sein Leben sollte Früchte tragen, das war der Sinn seines Lebens und seines Sterbens für andere, für die Liebe.

Sehen wir heute etwas von diesen Früchten? Wächst etwas, das wir auf Jesus, das Weizenkorn, zurückführen können? Was könnte das sein?

In Glaubensdingen leben wir von Bildern, die von Hoffnung sprechen.  

Jesus drückt durch das Bild vom Weizenkorn aus. Er leidet und er stirbt in der Gewissheit, dass Gott ihn nicht im Tod lässt, sondern ihn zu sich ruft. Er gibt sein Leben mit der Überzeugung, dass sein früher Tod nicht vergeblich ist: Menschen werden ihr Leben mehr nach der Liebe zum Nächsten ausrichten und in Ehrfurcht vor Gott leben. Sie handeln als Gemeinschaft im Namen Jesu. Sie bringen gemeinsam ihren Dank und ihre Bitte vor Gott. Sie tragen Gutes in die Welt. Wie Jesus. Viele  werden sich nicht mehr fürchten, selbst der schreckliche Tod jagt ihnen keinen Schrecken ein. Wie Jesus.

Trotzdem: Ich kann die Griechen gut verstehen. Sie wollen es genau wissen. Sie wollen selbst sehen und erleben, es nicht von anderen erzählt bekommen. Waren Sie mit der Antwort Jesu zufrieden? Blieben ihnen Zweifel bei dieser doch seltsamen Rede vom Weizenkorn?

Niemand verurteilt die Griechen dafür, dass sie sehen wollen. Das ist verständlich und menschlich, geht mir auch so. Der zweifelnde Thomas hat es an Ostern gut. Ihm hilft der Auferstandene, indem er ihn auffordert, seine Wunden zu berühren. Doch auch er bekommt gesagt: „Glücklich sind die zu nennen, die nicht sehen und trotzdem glauben.“ (Joh. 20,29). Gott lässt unseren Zweifel gelten, er gehört zum Gottvertrauen. Wir sind eingeladen und aufgefordert, tiefer zu sehen als wir es gewohnt sind. Mit Augen des Vertrauens in die Welt zu sehen, um die vielen Früchte des Weizenkorns zu entdecken. Zu staunen, was die Liebe Jesu, sein Vermächtnis vermag, trotz des ganzen Schlechten, das im Namen Jesu leider bis heute geschieht.

Jesus, das Weizenkorn, trägt Früchte, sogar in uns - bis heute. Erstaunlich, oder? Ein kleines Korn, ein einfacher Mensch vor 2.000 Jahren. Kein Philosoph, kein König, kein Mächtiger. Sohn einfacher Menschen, Kind seiner Zeit.

Doch erfüllt von der Kraft des Glaubens an einen Gott der Liebe. Diese Kraft kann uns bis heute tragen, Leiden erträglich machen, Feinde lieben lernen. Im Gottvertrauen gehen.

AMEN                                                  Pastor Claus Nungesser

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