Veröffentlicht am Mo., 8. Mär. 2021 09:06 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

In allen Briefen des Neuen Testaments gibt es einen zweiten Teil, in dem die Verfasser darauf kommen, wie christliches Verhalten sein soll. Es sind Aufforderungen in der Form „tut dies“, „lasst das“. Ansprüche an uns, die wir uns Christinnen und Christen nennen. Die Ansprüche - und das ist immens wichtig - folgen Zusagen Gottes,  zugewandten Worten über unser Leben.

Diese Reihenfolge zeigt sich auch im heutigen Predigttext aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus. Im 5. Kapitel heißt es [Epheser 5, 1-9 (ohne Verse 3-7): Übersetzung BasisBibel]:

 

»Nehmt euch also Gott zum Vorbild!

Ihr seid doch seine geliebten Kinder.

Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.

Genauso hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben –

als Opfer und als Duft, der Gott gnädig stimmt.

[in den nächsten Versen dann kommen einige konkrete Ermahnungen,

die ich auslasse, weil es sonst zu viel wird…]

Früher habt ihr nämlich selbst zur Finsternis gehört.

Aber jetzt seid ihr Licht, denn ihr gehört zum Herrn.

Führt also euer Leben wie Kinder des Lichts!

Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. –

Prüft also bei allem, was ihr tut, ob es dem Herrn gefällt!»

 

Liebe Geschwister,

Die Gefahr dabei, ermahnt zu werden, ist, dass solche Worte schnell zur Moralpredigt werden. Moralpredigten haben keinen guten Ruf. Wir schalten verständlicherweise schnell ab, wenn wir eindringlich zu et-was aufgefordert werden. Wer wird schon gerne ermahnt oder sogar getadelt? Selbst dann, wenn wir wissen, dass es gut ist, was wir tun sollen.

Und die Ansprüche, die das Neue Testament an uns stellt, sie sind hoch. Schon der erste Satz ist steil: nehmt Euch Gott zum Vorbild! Wow! Keine vorbildlichen Menschen, gleich Gott. Doch sofort wird uns etwas sehr bedeutendes zugesprochen: Ihr seid doch seine geliebten Kinder. Das heißt, aus Gottes liebevoller Zuwendung zu uns soll unser Verhalten geprägt sein. „Es soll ganz von der Liebe bestimmt sein“.

Was für ein Anspruch, in mir stockt es schon beim Lesen. Dann wird der Gegensatz von Licht und Finsternis gebraucht. Zuerst wieder die Zusage: das göttliche Licht ist in Euch, ihr gehört zum Reich des Lichts, weil Gott es Euch geschenkt hat. Es folgt: Führt Euer Leben wie Kinder des Lichts!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen und Euch gerade geht, beim Lesen. „Kinder des Lichts“. Mir wird schwindelig, ich fühle mich oft wie ein winziges Teelicht, dessen Docht so kurz ist, dass es nur noch ganz schwach leuchtet, kaum zu sehen. Kurz vor dem Verlöschen, wenn nur ein leichter Windhauch käme. Nicht als Kind des Lichts.

Trotz aller Zusagen Gottes, seiner Liebe zu uns, mir fällt es schwer, diesen Anspruch zu hören und wirken zu lassen. Das schaffe ich doch nicht. Licht zu sein, wie es sich der Epheserbrief vorstellt. Oder andere Mahnungen der Bibel. Im letzten Vers heißt es: „der Ertrag des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Ich denke: geht es für mich nicht auch etwas kleiner, müssen wir denn als Christenmenschen so hohe Anforderungen erfüllen? Wo wir doch zugleich wissen, dass wir das nie schaffen? Ich bin ratlos?

Liebe Geschwister,

ich springe in unsere heutige Zeit. Vielleicht hilft das weiter. Wir sind alle angehalten in der Pandemie etliche Vorschriften zu befolgen. Gar nicht so viele, Abstand von 1,5m, Maske tragen, kaum Menschen treffen oder gar nach Hause einladen. Dieser Anspruch wird an uns gestellt. Das Versprechen, das dahinter liegt, ist: wenn ihr das einige Wochen wirklich konsequent und ohne Ausnahme macht, dann sind wir ziemlich virenfrei, dann wird unser aller Leben wieder besser.

Klappt das? Offensichtlich nicht, wir bekommen es nicht hin. Jedenfalls nicht so, dass wir genügend streng sind. Das Problem scheint mir, dass wir dafür zu wenig Ausdauer haben und uns nach einigen Wochen die Puste ausgeht. Klar, wir sind unterschiedlich ausdauernd, doch kenne ich niemanden, die oder der es wirklich immer geschafft hat, alles einzuhalten, mich eingeschlossen. So ist das wohl mit uns. Irgendwann und irgendwo lassen wir nach.

Ich frage mich: Helfen denn dann die hohen Ansprüche? Anforderungen, die wir an uns stellen oder die uns gestellt werden, wenn wir aus Erfahrung wissen: es geht so auf Dauer nicht? Müssen wir oft schlechtes Gewissen haben, wenn wir merken: ich schaffe auf Dauer vielleicht höchstens 80%? Oder noch schlimmer: wir stumpfen ab und nehmen es nicht mehr ernst. Beobachten wir das nicht in der Pandemie bei uns selbst und bei anderen?

Ich meine, eine zu hohe Messlatte für unser Handeln tut uns nicht gut. Ansprüche und Anforderungen ja, das brauchen wir, Leitlinien helfen uns zu leben.

Doch es gibt auch ein Zuviel. Im Brieftext steht „Führt Euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist“. Ganz, vollständig, jederzeit, so lese ich das. 100%. Oder ist der Gedanke hinter diesem Satz: Ich fordere 100%, wissend, dass das nicht zu schaffen ist. Dann bekomme ich hoffentlich 80% raus? Ich fände diesen Ansatz unfair, weil ich mit vielen anderen, das merken sie, solche Sätze ernst nehme oder es zumindest versuche. So wird mir zu oft versucht, Menschen zu dauerhaften Höchstleistungen zu bringen, meist auf deren Kosten.

Ich möchte gerne, dass mein Leben Früchte trägt an Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Ich stelle mich dem Anspruch Jesu an mein Leben durchaus. Und sehe genauso, wie es  mich überfordert. Und jetzt? Ist mein Glaube zu klein? Geht es nur mir so, dass ich so über diesen Totalanspruch stolpere?

Ich habe – mal wieder - über diese große Diskrepanz zwischen ethischen Ansprüchen unserer Heiligen Schriften und meiner Lebenswirklichkeit nachgedacht.

Dabei bin ich noch mal am ersten Satz hängen geblieben: „Nehmt Euch also Gott zum Vorbild.“

Ich suche in diesem Wort nach einem Zuspruch, der mir hilft, den Anspruch an mich gelten zu lassen ohne dass er mir übermächtig wird.

Liebe Geschwister,

in meinem Zimmer hängt ein großes Plakat. Es ist ein Bild, darauf steht das Losungswort dieses Tages: „Seid barmherzig, wie Euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Ein Aufruf Jesu aus dem Lukasevangelium. Ein Aufruf, barmherzig zu sein, weil Gott uns barmherzig ist. Barmherzig sein, ein altes, ein schönes Wort. Warmherzig klingt darin an, mir wird warm ums Herz. Und Erbarmen. Mich über jemanden erbarmen heißt zum Beispiel ihm verzeihen, ihm helfen, mich anrühren lassen von der Not des Anderen. Gott lässt sich anrühren, ist barmherzig - auch mit mir.

Dieses Wort Jesu hilft mir sehr, die Worte des Epheserbriefs noch einmal zu hören. Denn darin verbinden sich beide Seiten: Gott ist barmherzig, nachsichtig - ich soll es auch sein. Zugleich steckt darin, dass ich nicht nur mit anderen barmherzig sein soll, sondern auch mit mir.

Wir dürfen mit uns selbst barmherzig sein. Damit lösen sich die Ansprüche Jesu an unsere Lebensführung nicht auf. Sie bleiben bestehen und wir sollen sie ernst nehmen. Doch sie werden getragen von Barmherzigkeit. Der Barmherzigkeit Gottes, die auf uns ausstrahlt. Gott ist barmherzig und erbarmt sich, davon zehren wir alle.

 

AMEN                    

 

                                 Pastor Claus Nungesser

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