Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 1. Mär. 2021 12:00 Uhr

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich an ein Ereignis, als ich ungefähr dreizehn Jahre alt bin. Mit meiner Schulklasse stehe ich mit Spaten bewaffnet auf einem Acker in Dänischburg bei Lübeck. Hier soll mit unserer Hilfe ein Wald entstehen, ein Projekt irgendeiner gemeinnützigen Aktion. Wir Jugendliche sollen nebenbei für den Umweltschutz begeistert werden. Unsere Aufgabe: viele hunderte Stecklinge setzen: Traubenkirsche, Faulbaum, Wildbirne und so weiter. Schon nach einer Stunde schmerzt der Rücken und die ersten Schwielen melden sich an den Händen. Doch erst am Mittag ist die Arbeit geschafft: Ein Feld voll kleiner einen halben Meter hoher Mini-Bäumchen, noch ohne Blätter. „Die Bäume werden wachsen“, malt uns unser Lehrer aus: „In ein paar Jahren könnt ihr hier in eurem Wald spazieren gehen.“

Einige Jahre später mache ich mit einer Freundin eine Radtour. Wir kommen auch an Dänischburg vorbei. Wie groß unsere Bäume wohl schon gewachsen sind? Die Stelle finden wir auf Anhieb wieder. Doch statt eines grünen Kleinods sehen wir nur eine Wiese mit trockenen Gräsern und etwas Unkraut. Dazwischen quälen sich fünf mickrige Bäumchen in die Höhe. Fünf! So eine Enttäuschung!

Eine ähnliche Enttäuschung erlebt auch der Weingärtner aus unserem Predigttext. Ich lese das sogenannte Weinberglied aus Jesaja 5, 1-7:

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

5Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

7Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Liebe Gemeinde, der enttäuschte Gärtner des Weinbergs ist Gott. Enttäuscht ist er über sein Volk Israel, von dem er sich mehr erhofft hatte: Mehr Eintreten für soziale Gerechtigkeit, mehr Einsatz für den Frieden, mehr Ehrlichkeit und auch mehr offene Ohren für Gottes Botschaft. Gott ist enttäuscht und wütend. Jesaja zeichnet Gott hier mit sehr, sehr menschlichen Eigenschaften.

Ich mag das Gefühl der Wut nicht sonderlich. Ich mag auch nicht, wenn ich selbst wütend bin. Trotzdem kenne ich es von mir selbst, im Kleinen zwar nur, aber in letzter Zeit sogar häufiger. Neulich zum Beispiel beim Mittagessen: Da freuen wir Eltern uns auf ein lecker zubereitetes Fischgericht mit unseren 2 ½ jährigen Zwillingen. Die befinden sich gerade mitten in der Trotzphase. Wir hoffen auf eine entspannte Mahlzeit, ein Wunschdenken, wie sich einmal mehr herausstellt: Nach zehn Minuten am Esstisch ziehen wir folgendes Fazit: Reichlich Gebrüll, zwei ausgekippte Kinderbecher, eine zerdrückte Kartoffel in der Wasserlache auf dem Tisch und ein komplett nassgekleckerter Pullover. Kurze klare Worte gesprochen und auf zum Kinderkleiderschrank! Ich stapfe die Treppe hoch und merke mit jedem Schritt, wie ich innerlich wütender werde: „Wir tun doch fast alles für unsere Kinder“, geht es mir durch den Kopf. Heute Morgen haben wir mit ihnen gekuschelt, ihnen vorgelesen, einen Ausflug in den Park unternommen und sie durften beim Kochen helfen. Haben wir Eltern es da nicht verdient, in Frieden Mittag zu essen?“ Als ich mit dem trockenen Pulli wieder nach unten komme, hat sich die Situation in der Küche bereits beruhigt. Ich, noch immer ärgerlich, halte meiner Tochter den Pullover hin. „So, umziehen!“ Plötzlich schlingt sie mir ihre Ärmchen um den Hals und sagt voller Inbrunst: „Mama, ich nehm` dich jetzt in den Arm.“ Da ist es um mich geschehen. Sie bekommt einen Kuss. Der Restärger in mir ist verflogen.

Manchmal frage ich mich, wie sich unsere Eltern-Kind-Beziehung entwickeln wird, wenn die Kinder älter werden. Welche Stürme wir werden aushalten müssen, wenn die Pubertät Einzug hält. Und wie es sein wird, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Ich hoffe sehr, dass wir ein gutes, enges Verhältnis behalten. Manchmal stelle ich mir vor: Wenn ich den Kindern ganz viel Liebe und Geborgenheit gebe, wenn ich sie nach all meinen Möglichkeiten fördere und oft etwas mit ihnen unternehme, dann lege ich einen guten Grundstein. Bestimmt entwickelt sich daraus eine gelingende Beziehung. Aber gibt es dafür eine Garantie? Kann ich mir das gute Verhältnis zu meinen Kindern wirklich „verdienen“? Ich weiß von Menschen, bei denen das nicht funktioniert hat, obwohl sie genau wie ich auch das Beste für ihre Kinder gewollt haben und nach bestem Wissen und Gewissen für sie dagewesen sind. Wenn jemand viel Herzblut, Zeit, Fürsorge und Liebe in eine Beziehung investiert und bekommt wenig zurück, dann schmerzt das. Es schmerzt nicht nur, es kann auch wütend machen.

Gott investiert viel in die Beziehung zu seinem Volk Israel. Wie für einen edlen Weinberg tut er alles Erdenkliche, damit sich das Volk gut entwickelt. Mit perfektionistischer Manier kümmert er sich wie ein fleißiger Gärtner um die Menschen. Es soll ihnen an nichts fehlen. Sein Weinberg bekommt nicht nur eine Holzhütte, wie gewöhnliche Weinberge, sondern einen gemauerten Turm. Die Pflanzen erhalten den besten fruchtbaren Boden und den Schutz einer Dornenhecke. Umso größer seine Enttäuschung, als trotz aller Mühe nur schlechte Trauben reifen. Der Weinberg taugt nichts. Soll er doch veröden. Jeder Gärtner würde dieses Urteil verstehen. Doch auf der Metaebene des Textes geht es nicht um Weinpflanzen, sondern um Menschen. Und die tun mir leid, selbst wenn sie sich vielleicht nicht richtig verhalten haben. Es schmerzt mich, dass Gott sie einfach verlassen will.

Unser Predigttext ist nicht die einzige Passage des Jesajabuchs, in der Gott enttäuscht von seinem Volk ist. Immer mal wieder spricht er davon, dass es so nicht weiter gehen kann und er Konsequenzen ziehen wird. Andere Stellen des Jesajabuchs machen deutlich, dass Gott dann doch nicht so konsequent bleibt. Immer wieder erinnert mich die Beziehung zwischen Gott und Israel bei Jesaja an eine On-Off-Beziehung zwischen Geliebtem und Geliebter. Auf: „Es reicht, ich mach´ jetzt Schluss!“ folgt einige Zeit später dann das Bekenntnis: „Aber ich liebe dich doch. Ich kann nicht ohne dich!“ Wirklich abreißen lässt Gott die Beziehung zu Israel dann doch nicht. Er macht zwar ernst, lässt sein Volk in die Verbannung nach Babylon führen und hält die Distanz dann doch nicht aus. Auch im Exil ist er für seine Menschen da und führt sie schließlich ins gelobte Land zurück. So stehen auch in der Überlieferung des Jesaja den Worten Gottes über das Unheil viele Worte des Heils gegenüber. Auch zu dem Weinberglied mit seinem vernichtenden Urteil am Schluss gibt es in Kapitel 27 ein Pendant: Dieses zweite Weinberglied ist weniger bekannt und kehrt die Aussage unseres Predigttextes ins genaue Gegenteil. In dem zweiten Weinberglied in Jesaja 27, 2-6 heißt es:

2Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet von ihm! 3Ich, der Herr, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten. 4Ich zürne nicht. Sollten aber Disteln und Dornen aufschießen, so wollte ich über sie herfallen und sie alle miteinander anstecken, 5es sei denn, sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir. 6Es wird einst dazu kommen, dass Jakob wurzeln und Israel blühen und grünen wird, dass sie den Erdkreis mit Früchten erfüllen.

Es gibt für Israel also Grund zur Hoffnung. Der Weinberg, in der alten Bildsprache Sinnbild für die geliebte Braut, findet doch wieder Erbarmen. Die komplizierte Beziehung bleibt bestehen. Selbst gelegentliche Untreue oder Wut können die Verbindung nicht dauerhaft erschüttern. Trotz aller Problematik bleibt sie eine Liebesgeschichte. Der verworfene Weinberg wird nun doch wieder Tag und Nacht behütet und begossen, bis er grünt und blüht.

Nun ließe sich Gott vielleicht vorwerfen, er würde sein Ding mit seinem Volk nicht durchziehen, nach dem Motto: So kann sich ja nichts ändern, wenn er mal „hü“ und dann wieder „hott“ sagt. Man weiß doch schon aus der Kindererziehung, wohin solche Inkonsequenz führt. Auf diese Weise werden die Menschen ihr Verhalten nicht ändern.

Sei´s drum. Ich persönlich liebe diese weiche Seite Gottes. Ich würde sie nicht Inkonsequenz nennen, sondern Barmherzigkeit. Barmherzigkeit meint, auch mal Regeln und Prinzipien außer Kraft zu setzen aus purer Nachsicht und Menschenliebe.

Was heißt das übertragen auf menschliche Beziehungen? Komplizierte Beziehungen müssen nicht unbedingt schlechte Beziehungen sein. Manchmal erweisen sich die komplexen sogar als besonders tragfähig und intensiv. Israel ist und bleibt Gottes geliebtes Volk – bis heute. Seine Geschichte mit Gott macht Mut, dass selbst bei einem Bruch in einer Beziehung das letzte Wort vielleicht doch noch nicht gesagt ist.

Gott selbst zeigt, dass sich Liebe nicht aufrechnen lässt, nach dem Motto: „So viel habe ich in die Beziehung reingegeben und so viel nur wiederbekommen“ – diese Gedanken, diese Enttäuschung kennt Gott zwar auch. Er versteht die menschliche Sehnsucht wiedergeliebt zu werden und auch den Schmerz, wenn die Gegenliebe zu klein ausfällt. Und dennoch erweist sich seine Liebe als stärker als die Enttäuschung. Menschen würden hier vielleicht an ihre Grenzen kommen und urteilen: Es ist Zeit für eine Trennung! Doch Gottes Liebe zu uns Menschen geht tiefer. Selbst wo Herzen verhärtet sind, kann er Liebe neu aufkeimen lassen. Und wo Dornen und Disteln wucherten, kann er Blumen und Weinreben zu neuem Leben erwecken. Und manche alte Enttäuschung mag dann von einem grünenden Kleinod überwuchert werden.

Übrigens habe ich neulich mal den Ort „Dänischburg“ gegoogelt, an dem ich als Schülerin Bäume gepflanzt hatte, vergeblich, wie ich bis dato dachte. Doch nun lese ich, dass dort über die Jahrzehnte immer mal wieder Baumpflanzaktionen organsiert wurden. Wir Schüler:innen waren nicht die einzigen fleißigen Gärtner. Manche hatten die Idee schon vor uns, andere haben sie weitergetragen. Es war nicht umsonst! Überrascht erfahre ich nun von den herrlichen Streuobstwiesen mit großen Obstbäumen, die zu Ausflügen in die Natur einladen und zahlreichen Tier- und Pflanzenarten eine Heimat bieten.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

 

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