Veröffentlicht am Mi., 17. Feb. 2021 09:23 Uhr

Eine Vorbemerkung:

Dies ist eine Predigt vom Januar 2020, wenige Wochen vor dem ersten Lockdown im März 2020. Sie beschreibt fiktiv einen Besuch der „Sonntagsruhe“. Als ich sie noch einmal las, fragte ich mich natürlich gleich: haben wir nicht viel zu viel Ruhe gehabt im letzten Jahr? Vermissen wir nicht den Trubel, die Geschäftigkeit, das unruhige Leben? Gute Frage, auf die ich keine Antwort habe.

Ich fürchte aber nach wie vor, dass der Sonntag mehr und mehr unter die Räder unserer gesellschaftlichen Unruhe gerät. Das wäre mehr als schade, wenn das passieren würde, wenn wir nämlich den Sonntag nicht als großes Geschenk Gottes annehmen, behalten und ihn feiern.

Vielleicht lesen Sie die Predigt heute mit anderen Augen als vor einem Jahr, über die Ruhe Gottes für unser Leben nachzudenken lohnt weiterhin.

 

                                 Ihr Pastor Claus Nungesser

                         

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott!

 

das biblische Wort, das dieser Predigt zugrunde liegt, findet sich im Neuen Testament, im Brief an die Hebräer. Dort heißt es im vierten Kapitel:  

„Darum dürfen wir nicht leichtfertig sein, sondern müssen darauf achten, dass nicht womöglich jemand von uns zurückbleibt.

Denn Gottes Zusage,

Menschen in seine Ruhe aufzunehmen, gilt ja weiter.

Folglich steht die versprochene Ruhe,

der große Sabbat, dem Volk Gottes erst noch bevor.

Denn wer in die Ruhe Gottes gelangt ist,

ruht auch selbst aus von seiner Arbeit,

so wie Gott ausruht von der seinen.

Wir wollen also alles daransetzen, zu dieser Ruhe zu gelangen!“

 

Liebe Geschwister,

vor genau einer Woche, am letzten Sonntag, saß ich nachmittags an meinem Schreibtisch und grübelte über unseren Predigttext.

Was bedeutet es für uns, wenn wir hören, dass das Versprechen Gottes, Menschen zur Ruhe zu führen, noch gilt?

Viele, die Gott aus Ägypten ins verheißene Land führen wollte, sind in der Wüste geblieben und haben das Land der Ruhe nicht erreicht.

Wieso fällt es uns offensichtlich bis heute so schwer, die Ruhe des Sabbat, die Ruhe des Sonntag zu halten?

Weshalb immer wieder die große Un-Ruhe in uns und um uns herum?  

An diesen Fragen hing ich fest, als es plötzlich an der Tür klingelte.

Oder hatte ich mich verhört, weil ich so in Gedanken war? Noch einmal. Jetzt war ich sicher. Aber am Sonntag? Wir erwarten keinen Besuch, das wusste ich.

Werden Pakete jetzt schon am Sonntag zugestellt?

Es passte mir gar nicht zur Tür zu gehen. Wer weiß, wer jetzt was von mir will.

Etwas vorsichtig öffnete ich die Tür. Vor mir stand eine kleine Gestalt, hager, die Mantelkapuze über das Gesicht gezogen, so dass ich kein Gesicht sah. Die Hände sahen schon alt aus, die Haltung leicht gebeugt.

Ein bisschen mulmig war mir. Wer ist das? Habe ich diesen Menschen schon mal gesehen? Nein, ich glaube nicht? Vor allem: was will er? Habe ich noch Einkaufsgutscheine in Reserve? Bestimmt will sie sowas, so schmal, wie sie ist.

 

„Guten Tag, darf ich reinkommen?“ Immer noch die Kapuze auf, tief ins Gesicht gezogen. Jetzt war ich wirklich überrascht. Die klare, eher tiefe weibliche Stimme war überhaupt nicht zögerlich.

„Darf ich reinkommen? klang es in mir nach, ich zögerte, doch dann hörte ich mich sagen: „Natürlich kommen sie rein“.

Ich wies mit der Hand in mein Büro, das direkt neben der Haustür liegt. Sie ging hinein, ich schloss die Türen, sie hatte schon Platz genommen, den Mantel geöffnet und endlich die Kapuze abgenommen.

 

Sie war wirklich eine ältere Frau, grauweißes glattes Haar, Bubikopf, ein längliches Gesicht. Sofort fielen mir ihre Augen auf, blau, sehr wach, klar, freundlich. Ich setzte mich. „Was führt Sie zu mir?“

„Ich wollte einfach mal auf einen Besuch vorbeikommen.“

Hm, dachte ich, einfach so? Was heißt das denn jetzt?

„Kennen wir uns denn, ich kann mich nicht daran erinnern?“

Sie sagte: „Nicht direkt, aber wir hatten schon, leider nicht so häufig, miteinander zu tun.“

Ich dachte angestrengt nach, es wurde immer seltsamer, nach einigen Sekunden fragte ich endlich „Wer sind sie denn?“

„Ich bin die Sonntagsruhe!“ „Wie bitte?“

„Ja, ich bin die Sonntagsruhe.“ wiederholte sie völlig unaufgeregt. „Du denkst doch gerade über mich nach, da dachte ich mir: komme ich doch mal selbst vorbei und frage, ob Du Zeit für mich hast.“

Jetzt war es mit meiner inneren Ruhe endgültig vorbei: Ich war zwar sprach- aber nicht gedankenlos: mein Hirn lief innerhalb von Millisekunden auf Hochtouren, Gefühle und Hormone schwappten aufgeregt durch meinen Leib.

Das kann doch nicht sein? Was ist denn hier los? Die Sonntagsruhe kommt als ältere Frau zu mir? Quatsch, das gibt es nicht! Doch woher weiß sie das mit der Sonntagsruhe, meiner Predigt? Ich glaube an Wunder, aber so etwas?

Kann es sein, dass mich Joachim Dau veräppeln will? Er weiß ja, dass ich nächsten Sonntag predige. Hat er eine Frau aus seiner Gemeinde gebeten, sich als Sonntagsruhe bei mir auszugeben? Alles ein Witz?

Nein, so etwas würde er sich nicht trauen? Oder doch, ich kenne ihn ja nicht sehr.

Vor allem, liebe Geschwister, so verrückt es sich anhört: irgendwas sagte mir, dass sie nicht log, sie war völlig überzeugend, ich glaubte ihr.

Vor mir saß die Sonntagsruhe, sie schaute mich gelassen und erwartungsvoll an.

„Möchten Sie etwas trinken?“ Etwas Besseres fiel mir nicht ein, außerdem gewann ich, immer noch reichlich durcheinander, so etwas Zeit.

„Wir können gerne beim Du bleiben, etwas vertraut sind wir doch miteinander, oder?“ „Meinen Sie, äh Du?“

Na, ab und zu hältst Du doch Ruhe, da fühle ich mich von Dir eingeladen und bin gerne in Deiner Nähe.

„Ach so! Das stimmt, doch – jetzt wurde ich langsam etwas zutraulicher ihr gegenüber – nur „ab und zu“ meinst Du?“

„Was hast Du denn gemacht, bevor ich klingelte?“

Treffer! Ich konnte mich zwar nicht sehen, doch bin ich bestimmt ziemlich rot geworden. Da besucht mich die Sonntagsruhe an einem  Sonntag und ich? Ich arbeite und muss es gar nicht – wie peinlich.

Wie komme ich aus dieser Lage wieder raus? dachte ich mir.

Etwas kleinlaut sagte ich: „Na ja, weißt Du, ich bin die ganze Woche über nicht dazu gekommen und da wollte ich heute die Zeit nutzen, um …“

„Ja, ist okay ich kenne das von Euch Geistlichen. Ich frage mich da nur: Du willst doch über den Wert des Sonntag für die Zukunft sprechen. Ist da nicht das Ruhen von der Arbeit aus christlicher Sicht zentral?“

Sie war wirklich gut informiert – ob vielleicht doch Joachim Dau …?

Ich gab zurück: „Ja natürlich!“

Jetzt half nur noch die Flucht nach vorne,

sonst käme ich ja gar nicht mehr aus diesem Gefühl des „Erwischt-worden-Seins“ heraus.

Ich fuhr fort: „Also, so wie ich das sehe, ist es ja kein Zufall, dass Du ausgerechnet heute zu mir zu Besuch kommst. Du bist die Expertin für den Sonntag und dessen Sinnmöglichkeiten. Können wir darüber sprechen, das würde mir helfen?“

„Gerne, was beschäftigt Dich denn?“

„Im Bibelwort heißt es, dass Gottes Versprechen der großen Ruhe für uns noch gilt, dass es noch nicht eingelöst ist. Wann ist es denn so weit, dass Du zu uns allen kommst und bleiben wirst?“

„Nun, Gott hat mir nicht den Auftrag gegeben, einfach aufzutauchen und mich aufzudrängen. Das entspricht nicht meinem Wesen. Du erinnerst Dich, ich habe Dich gefragt, ob ich reinkommen darf. Das war wirklich eine Frage, Du hättest auch „Nein“ sagen können.

Ich komme und bleibe, wenn ich erwünscht bin, wenn ich eingeladen werde. Ich respektiere es immer, wenn Menschen mich nicht in ihr Leben bitten. Dann ist es nicht an der Zeit, ich kann warten.

Ich weiß, es steht auch in Deinem Predigtwort recht widersprüchlich: „setzt alles daran, zu dieser Ruhe zu gelangen.“

Ich nickte: „Ja, allerdings, darüber bin ich auch gestolpert, das wäre meine nächste Frage: wie passt denn zusammen, dass wir – so lese ich das – uns anstrengen sollen, zu Dir, liebe Sonntagsruhe zu kommen?“

Sie meinte: „Für mich passt das schon zusammen, aber ich verstehe, dass Du nachfragst.

Ich sage es mal so: ich bin ein scheues Wesen und fühle mich nur unter bestimmten Bedingungen wohl. Nur dann kann ich etwas geben, nur dann kann ich in Dir und unter Euch wirken.

Stell‘ Dir vor, hier wäre superlaute Party oder Du wärst abgelenkt oder würdest dauernd auf die Uhr sehen. Oder ich spüre, dass jemand lieber nicht mit mir zusammen wäre, weil er oder sie fürchtet, die Ruhe könnte unangenehm werden.

Nein, da komme ich lieber nicht und hoffe, dass Menschen beim nächsten Mal mehr darauf achten, was ich brauche. Viele wissen gar nicht, wie sie mit mir umgehen sollen.

Ich komme wenn, ja, ach, da fällt mir ein, ich frage mal zurück: Was verbindest Du denn mit Ruhe?“

„Ich? Hm, mir fällt zur Ruhe ein: Stille, gelassen sein, Zeit haben, ich entspanne mich, ich muss nichts tun. Ich kann etwas tun, wozu ich sonst nicht komme. Wenn ich zum Beispiel im Urlaub in Ruhe ein Buch lesen kann und ganz die Zeit darüber vergesse.

Ja, und auch unser Austausch, ich finde es gerade eine wundervoll entspannte Atmosphäre, Du strahlst wirklich Ruhe aus, das überträgt sich auf mich. Schön, dass Du da bist!“

Die Sonntagsruhe lächelt mich freudig an: „Merkst Du was: im Grunde weißt Du doch selbst, was ich brauche, um zu Dir zu kommen und Dir gut zu tun, oder? Und zugleich verstehe ich, dass es Dir nicht leicht fällt, dafür zu sorgen, dass ich komme.“

Wir schwiegen, es war schön.

Ich wurde mutiger: „Darf ich Dich noch mal etwas Persönliches fragen?“

Die Sonntagsruhe meinte: „Nur zu, ich habe Zeit, viel Zeit …“

„Du bist ja, wie ich sehe, schon alt, wahrscheinlich uralt. War es früher besser? Also, wurdest Du häufiger eingeladen?“

„Es war anders, natürlich, die Welt verändert sich, mir scheint, sie tut das immer rasanter, ihr Menschen kommt Euch selbst kaum oder gar nicht hinterher.

Doch ich glaube nicht, dass es früher wirklich besser war. Ja, die äußeren Bedingungen waren für mich einfacher, aber Menschen sind heute innerlich nicht ruhiger oder unruhiger.

Aber ihr habt es heute viel schwerer als früher. Ihr habt unglaublich viele Möglichkeiten, Euch abzulenken. Ihr werdet dauernd verführt, etwas Neues zu tun. Euch wird schnell langweilig, Ihr werdet süchtig gemacht nach Abwechslung.

(ich nickte innerlich heftig, mir fielen sofort Szenen aus meinem eigenen Leben ein – und mein Smartphone).

Aber der Wunsch nach mir ist dadurch nur noch größer geworden.

Mich macht es traurig, dass Euch heute in der Gesellschaft so wenig daran liegt, einen gemeinsamen Ruhetag zu haben! Dann wäre es für die Einzelnen einfacher, sich darauf einzulassen. Wenn es nur noch Werktage gibt, müssen alle für sich zusehen, wie sie zur Ruhe finden. Das wird schwer, echt schwer.“ Jetzt sah sie wirklich traurig und einsam aus.

 

„Eine Frage habe ich noch an Dich: Unsere ganze Welt ist in großer Gefahr, junge Menschen kämpfen für Ihre Zukunft. Wir stehen davor, uns selbst zu zerstören. Deshalb „Fridays for Future“.

Ich frage mich: was kann unser Sonntag zu einer guten Zukunft beitragen kann? Wie siehst Du das, liebe Sonntagsruhe?“

 

„Na ja, zu ruhen heißt ja nicht immer „nichts tun“, Du merkst ja, ich tue gerade nicht nichts, sondern bin mit Dir im Gespräch. Ruhen kann ganz viel heißen. Ruhen heißt auch: Abstand nehmen, zur Besinnung kommen.

Vor vielen Jahren hattet Ihr mal einige autofreie Sonntage. Daran erinnere ich mich gerne, ich habe an diesen Tagen viele Menschen besucht oder mit dem Fahrrad begleitet.

Doch wie wollt Ihr denn als Einzelne oder als Gruppen zur Ruhe kommen, wenn die Bedingungen so schwer sind?

Wie wollt ihr Euch verändern und wachsam bleiben, wenn ihr zum Beispiel nicht auch Eurer Schuld weiter gedenkt? Wie könnt ihr im Trubel an das ganze Grauen der Welt gestern und heute gedenken? Ihr braucht mich, damit ihr zur Besinnung kommen könnt.

 

Ich wandte ein: „Was Du sagst, verstehe ich schon, zugleich hört es sich für mich echt anstrengend an, es erinnert mich an unser „alles daransetzen, zu dieser Ruhe zu gelangen“ aus dem Predigttext.“

Wieder schwiegen wir einen Moment, dann wurde die Sonntagsruhe richtig energisch:

„Wenn Ihr gemeinsam als Gesellschaft am Sonntag etwas tut oder auch lasst, dann hilft das  allen.

Verteidigt den Sonntag gegen den Dauerkonsum, wehrt Euch gegen die ständige Geschäftigkeit, gegen die Gleichmacherei mit den Werktagen.

Verteidigt ihn nicht nur für Euch selbst, sondern auch für die, die gegen die Sonntagsruhe sind. Sie wissen oft nicht – wie ihr selbst doch auch – was sie verlieren oder schon verloren haben.

Ich hakte nach: „Wie kann das gelingen? Auch über Ge- oder sogar Verbote?“

„Ja, vor allem aber durch Dein, durch Euer Vorbild als Kirchen. Gemeinsame Gottesdienste, dort zur Ruhe kommen dürfen, gestärkt werden für die Woche, Gott danken für das Geschenk des Sonntags.

Macht nicht mit bei dem ganzen Trubel, bei dem, was alles im Angebot des Sonntags ist. Ladet mich ein. Ich komme gerne, lasst Euch überraschen, was ich Euch zu geben habe – heute und für Eure Zukunft!“

Ich atmete durch: „Mich hast Du jedenfalls überrascht und beschenkt, vielen Dank.“

Wir gingen zur Tür und verabschiedeten uns herzlich mit einem „Auf Wiedersehen.“

Ich stand im Flur, der Sonntag war noch nicht zu Ende, die Predigt noch nicht fertig.

Ich überlegte. Letzte Woche war viel los, ich hatte wenig Gelegenheit, mit meiner Frau näher zu reden. Ich frage sie mal, ob sie jetzt mit mir einen schönen, ruhigen Sonntagsspaziergang macht.

AMEN  

                                 Pastor Claus Nungesser

                                

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