Veröffentlicht am Mo., 1. Feb. 2021 09:37 Uhr
– Letzter Sonntag nach dem Epiphaniasfest am 6. Januar 

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Ich beginne mit einem kleinen Eingeständnis: immer wieder mal werden für unsere Gottesdienste Texte vorgeschlagen, die sogenannte Perikopenordnung, bei denen ich beim ersten lesen denke: O nein, muss das sein?

Damit soll ich mich befassen und dann auch noch etwas daraus machen? Später komme ich - meistens - dazu, mich dem seltsamen Bibelwort dann doch zu stellen, statt auszuweichen und mir selbst einen anderen Predigttext zu suchen.

Der heutige Predigttext ist solch ein „O nein“-Wort - aus verschiedenen Gründen, dazu gleich. Dennoch habe ich die große Hoffnung, dass Gott daraus für Sie, Euch und mich etwas Gutes schaffen kann, was uns für unser Leben stärkt.

Im zweiten Brief des Petrus finden sich im ersten Kapitel diese Worte:

Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.

Denn er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen, als eine Stimme von erhabener Herrlichkeit an ihn erging:

Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.

Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.

Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten, wie ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Liebe Geschwister,

Mein Bauchweh beginnt bereits mit dem Brief selbst, der vorgibt, ein Jünger Jesu, der uns allen bekannte Petrus habe ihn geschrieben. Nach allem was wir aus Text- und Zeitanalysen wissenschaftlich dazu heute sagen können ist: der Brief ist erst Jahrzehnte nach dem Tod des Petrus, entstanden.

Ein fiktionaler Brief, der Schreiber gibt vor, Petrus zu sein. Wieso macht man so etwas? Zunächst ist das in der antiken und auch neutestamentlichen Literatur nicht ungewöhnlich sich für einen anderen Verfasser auszugeben. Dahinter steckte damals selten eine bösartige Täuschungsabsicht. Meist ging es darum, eine anerkannte Autorität - und das war Petrus in der jungen Christenheit natürlich - für sich in Anspruch zu nehmen. Oder eine Lehre, für die diese Autorität steht, unter deren Namen fortzuführen. Oder beides, wie im 2. Petrusbrief. Der ganze Brief ist so geschrieben, dass er wie das „Testament des Petrus“ wirken soll. Ein Vermächtnis von Weisungen und Ermahnungen für die Leserinnen und Leser, weit nach Petrus Tod wohl am Beginn des  2. Jahrhunderts nach Christus entstanden.

Diese Zeit war für viele, die sich zu Jesus bekannten, eine Schreckenszeit. Denn: das römische Weltreich verfolgte damals Christinnen und Christen. Nicht, weil sie die römische Ordnung ganz ablehnten. Aber sie waren bei einem Kernpunkt unseres Glaubens störrisch: Menschen, selbst römische Kaiser, stehen nicht über dem Gott, den Jesus uns nahe gebracht hat. Dafür nahmen viele sogar den Tod in Kauf.

Leider konnte ich Ihnen diese Einleitung nicht ersparen, weil so verständlicher wird, worum es dem 2. Petrusbrief geht. Weshalb er die Autorität des Jüngers Jesu vorgibt.

Unser Briefabschnitt heute Morgen setzt sich mit einem zentralen Problem des damaligen Christentums auseinander. Das Problem haben wir übrigens bis heute.

Damals hieß das Problem, einfach formuliert: „Jesus hat doch so oft verkündet, dass Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit bald kommt. Wo bleibt es denn? Wann bricht es denn an? Wann kommt Jesus denn endlich für alle sichtbar zurück?“

Völlig zu Recht fragten die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, die für ihren Glauben litten: Wann ist es so weit? Und schon damals wurde von Vielen gespottet: das mit dem Reich Gottes oder mit Gott überhaupt, das ist alles ausgedacht und erfunden. Wo ist denn Euer liebender Gott mit seinem Frieden und seiner Gerechtigkeit? Jesus lag daneben, es gibt kein Reich Gottes, keinen Himmel, keinen Ort, wo Gerechtigkeit und Frieden wohnen.

Wem - uns selbst eingeschlossen - könnten wir diese Sichtweise verdenken? Der Autor unseres Briefes versucht es mit der Autorität des Petrus: das sind keine Erfindungen, ich habe es selbst gehört, dass Gott zu Jesus mit erhabener Herrlichkeit sprach: Du bist mein geliebter Sohn. Paradox ist, dass ein fiktiver Text behauptet, keine Geschichte zu sein. Mir schwindelt es im Kopf.

Wäre es nicht viel redlicher, dass wir uns selbst und anderen endlich selbstkritisch eingestehen: Unsere große, große Hoffnung auf eine Welt Gottes der umfassenden Liebe ist mit Jesus gestorben. Sie ist gestorben und tot. Wir müssen anerkennen, dass diese Welt nicht nur, aber vor allem ein finsterer Ort ist. Ein Ort, an dem es nie zu einem himmlischen Frieden für alle kommt, wo kein Leid mehr ist, wo allen Gerechtigkeit widerfährt.

Ja, Jesus erzählte Geschichten, Gleichnisse, in einfachen Worten, ausgedachte Geschichten von verlorenen Söhnen, von Menschen, die blind waren und sehend wurden, von einer Saat, die von selbst wächst, von törichten Reichen, die meinten, Besitz würde sie selig machen. Die, die ihm folgten erzählten dann Geschichten über Jesus und von ihm. Sie waren erfüllt von Hoffnung, weil sie ihn erlebt hatten, ganz nah bei ihm waren und er bei Ihnen. Ist das alles wirklich so passiert? Müssen wir nicht endlich aufhören damit, Geschichten weiter zu erzählen, von Wundern zu reden, sogar von einer Auferweckung Jesu?

Kann eine wissenschaftsgläubige und säkulare Welt mit solchen Geschichten noch etwas anfangen? Sollten wir nicht aufgeben auf etwas zu hoffen, was es nie geben wird – eine Welt Gottes der umfassenden Liebe?

Nein! Nein, das sollten wir ganz und gar nicht! Wir haben unseren eigenen Blick auf diese Welt. Das tun wir, weil immer wieder in unserem Leben erfahren durften, dass Gott uns begegnet. Auf ganz unterschiedliche Weise, nicht so, dass wir es anderen „beweisen“ könnten. Nicht laut und für alle sichtbar. Mir ist sehr eindrücklich letztes Jahr so ergangen. Auch in den Bergen, in der Schöpfung wurde ich tief berührt. Ja, Berge können Orte intensiver Glaubenserfahrungen werden.

Es war eine Bergwanderung in den Alpen mit meinem Sohn im letzten Sommer. Der Tag begann diesig, neblig, kühl. Die Pfade waren zu sehen, viel mehr nicht. Das auf und Ab, die Mühe der Anstiege, den eigenen Körper spüren, wie er arbeitet. Die Vorhersage hieß: am späteren Nachmittag könnte es aufreißen. In dieser Hoffnung gingen wir unsere Wege. Wer die hohen Berge kennt, weiß, wie launisch das Wetter sein kann. Später am Tag, lichtete sich der Nebel, nur im kurz darauf umso dichter zu werden. Es wurde ein Spiel der Kräfte, Sonne und Wärme gegen Nebel und Feuchte. Würde sich unsere Hoffnung erfüllen? Die Frage, die noch hinter der kleinsten Hoffnung steht. Wir waren schon am Abstieg ins Tal, da wurde es immer etwas heller, im Tal Lag noch dichterer Dunst, der immer schneller Aufstieg, über uns bereits mehr und mehr das Himmelsblau. Dann riss es auf - plötzlich. Der Blick ins Tal war frei, die letzten Wolkenfetzen an den Hängen verschwanden. von selbst blieben wir einige Minuten stehen. Es hatte sich aufgeklärt, das Licht der Sonne war stärker. Schweigen, schauen, staunen, ich ließ mich berühren, spürte meinem Inneren nach. Ich wurde dankbar, dachte wenig, einfach schauen. Geschenkte Gottesmomente.

Liebe Geschwister,

Es war keine Verklärungsgeschichte wie bei Jesus auf dem Berg, keine Stimme, die alle hören konnten. Es klärte sich auf, der Blick wurde klarer, unsere Hoffnung auf Klärung erfüllt. Gott zeigt sich auf vielerlei Weise, berührt uns. Solange das Licht Gottes immer wieder unser nebliges, graues Leben aufklärt, unser Dunkel erhellt, brauchen wir unsere Hoffnung nicht aufzugeben, allen Widerständen in und um uns zum Trotz.

Unsere Glaubenshoffnung reicht weiter als die Hoffnung, bald mal wieder zum Friseur zu können, als die Hoffnung, Impfstoffe zu erhalten, als die Hoffnung, Altes möge wiederkommen. Wir dürfen in Jesu Spuren weiter hoffen, hoffen auf die Welt Gottes, die angebrochen ist und irgendwann ganz Licht sein wird.  AMEN     

                                 Pastor Claus Nungesser

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