Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 18. Jan. 2021 09:09 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

wir hören heute als Worte zum Nachdenken eine Erzählung aus dem Evangelium nach Johannes. Es ist die Geschichte von der „Hochzeit zu Kana“. Im zweiten Kapitel des Evangeliums heißt es:

„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister!

Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm:

Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat.

Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.“                      (Übersetzung nach Martin Luther, 2017)

 

Liebe Gemeinde,

Albert Einstein, ein berühmter Mensch des 20. Jahrhundert. Nicht nur ein genialer Physiker, von ihm sind auch viele Worte und Aphorismen überliefert. Einer heißt: „Entweder ist alles ein Wunder - oder nichts.“ An diesen Satz denke ich jedes Mal, wenn ich eine Wundergeschichte im Neuen Testament lese. Ist alles ein Wunder, oder nichts? Wohin tendieren Sie, wenn Sie in die Welt um sich herum sehen? Schwierige Frage, ich weiß. Ich schlage vor, wir kommen am Ende noch einmal darauf. Jetzt zurück zum Johannesevangelium, zur Hochzeit.

Erst einmal der Rahmen: Johannes ist bei seinen Jesusgeschichten wichtig, wie Jesus „rüberkommt“, wenn man sie liest. Bei Johannes ist Jesus fast immer souverän im Auftreten, als von Gott kommend steht er über den Dingen. Er ist so unabhängig, wie wir es auch gerne wären. Göttlich eben, doch vielleicht nicht so sympathisch. Seiner Mutter gegenüber ist er in der Erzählung schroff. Am Ende will Johannes sagen: seht, in Jesus zeigt sich Gottes Kraft, wie in niemandem sonst.

Ich möchte heute nicht darauf schauen, obwohl das für Johannes das Wichtigste ist. Mir ist wichtiger, zu überlegen, was für uns heute drin stecken könnte in dieser Geschichte.  Und zwar vor dem Hintergrund unserer Krise.

Wahrscheinlich stimmen wir alle zu, wir sind in einer Krise. Für Einzelne mag es wenig oder gar nicht krisenhaft sein, für die meisten ist es so, mit allen Unterschieden. Viele hat die Pandemie in eine Lebenskrise geführt, für leider viel zu viele Menschen zu schwerer Krankheit und Tod. Ein Virus hat uns in etwas gestürzt, es kam so plötzlich und bestimmt unser Leben. Das Leben ist schwerer geworden, Krisenzeit.

Nun, Krisen, so übel sie sind, sie stellen uns Fragen. Natürlich die erste: wie kommen wir da wieder raus? Dazu gibt es tausend Meinungen. Eine Frage, die mir am Herzen liegt, die sich in der Krise mir stellt: was ist wirklich wichtig? Was ist elementar? Klingt so einfach, nur, was antworten wir?

Mich regt die Erzählung an, mit Euch und Ihnen darüber zu sinnieren. Ich greife dazu nach Wasser und Wein, zwei wichtigen Elementen. Für mich sind sie heute Lebensmittel und zugleich Symbole.

Wasser. Kaum etwas ist wichtiger als Wasser, selbst wenn wir es so selbstverständlich nutzen. Ohne Wasser gibt es kein Leben auf diesem Planeten. Unser Körper braucht es, wenige Tage ohne Wasser und wir verdursten. Wasser ist nicht nur ein Lebensmittel, es ist ein „Überlebensmittel“.

Wein. Er ist ein Lebensmittel, ein Genussmittel. Wir brauchen ihn streng genommen nicht. Doch „Wein erfreut des Menschen Herz.“ So heißt es in einem Psalm. Wein, guter Wein, tut Leib und Seele gut, wie andere Lebens- und Genussmittel natürlich auch. Guter Wein, Genussmittel gehören zu einem Fest wie eine ausgelassene Hoch-zeit. Zwar kann unser Körper ohne Genussmittel leben, doch können es Leib und Seele für längere Zeit?

In der Krise der Gegenwart brauchen wir Wasser als Überlebensmittel. Das „Wasser“ dieser Monate sind etwa Kontaktarmut, Berührungsarmut, Begegnungarmut. Eben keine ausgelassenen und feierlichen Hochzeiten. Ohne diese Beschränkungen würden noch mehr Menschen die Krise nicht überleben. Wir sollen uns alle einschränken, damit die meisten überleben. Das ist für mich das Wasser - notwendiges Überlebensmittel.

Allerdings, der Preis dafür ist nicht gering, weil wir auf Vieles verzichten. Damit meine ich am allerwenigsten Kreuzfahrten, Fernflüge und Shoppingtouren. Ich meine damit: wir verzichten darauf, uns direkt zu treffen, uns zu berühren, uns nahe zu kommen, mit mehr Menschen zu essen, zu singen, zu feiern, unbeschwert zu sein. Für mich sind das „Lebensmittel“, die Leib und Seele gut tun. Im Bild: das ist der Wein. 

Liebe Geschwister,

Brauchen wir nicht Beides? Das „Wasser“, Abstand, Maske, Schutz für‘ s Überleben? Doch nur das? Das wäre mir zu wenig, denn wir sind keine „Biomaschinen“, die nur Wasser, Nahrung, Schlaf, Bewegung brauchen. Wir sind Menschen, Leib und Seele brauchen „Wein“ als Genussmittel: uns nahe sein, verbunden miteinander, aneinander Anteil nehmen. Haben wir das lange nicht, verkümmern wir und sei unser Körper noch so geschützt und gesund.

Deshalb frage ich Sie und mich: Wie kann bei uns jetzt das Wunder geschehen, dass aus Wasser Wein wird? Aus dem „Überlebensmittel“, das so wichtige „Genussmittel“?

Wenn es stimmt, dass Gott durch die Kraft seines Heiligen Geistes in uns wirkt, dann wirkt diese Kraft zum Wunder auch durch uns. Nicht, weil wir Superheldinnen und -Helden sind, nein, weil Gottes Kraft in Schwachen wirkt. Selbst durch uns kann Gott inmitten der Krise Wasser in Wein verwandeln. Wie können wir selbst den Wein der Nähe, der Verbundenheit, der Fürsorge und Freude ausschenken?

Vielleicht ein Telefonat mit der Person, die jetzt spontan in Ihren Sinn kommt, bei der Frage: wem würde das gut tun? Heute am Nachmittag oder am Abend telefonieren? Vielleicht ein klitzekleines Geschenk für einige Nachbarn, eine Blume, eine Tafel Schokolade, eine Grußkarte? Vor die Tür legen, klingeln, auf Abstand einige Worte wechseln? Vielleicht schon für Vorfreude sorgen und bereits jetzt für den Sommer in den Garten einladen?

Das alles und viel mehr ist möglich, kann Wunder wirken - bei uns und anderen.  Dazu braucht es nicht viel, kleine und große Wunder sind möglich.

Ich komme noch mal auf das Wort von Einstein: „Entweder ist alles ein Wunder oder Nichts.“ Mir ist es zu schroff mit dem „oder“, denn wenn alles ein Wunder ist, dann wird das Wunderbare letztlich unsichtbar. Selbstverständlich neige ich zur Seite der Wunder. All‘ der Wunder, die Gott ohne uns und durch uns wirkt, wenn wir darauf achten. So kann selbst in dieser trüben Zeit Verwandlung von Wasser zu Wein geschehen.

AMEN                    

                                 Pastor Claus Nungesser

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