Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 11. Jan. 2021 12:00 Uhr

Predigt zum Mitnehmen vom 1. Sonntag nach Epihanias, 10.01.2021 zu Römer 12, 1-8 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Unser Predigttext steht im Brief des Paulus an die Römer in Kapitel 12. Ich lese die Verse 1-8: 

1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene. 3Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben. 4Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden: Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen, nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen. 8Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei. Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

Liebe Gemeinde,

neues Jahr, neue Aufgaben. Jahresplanung steht vielerorts auf dem Programm. Kalender werden gezückt, Urlaubszeiten abgestimmt, geklärt, wer welche Aufgaben übernimmt. Jetzt ist eigentlich die Zeit des Pläneschmiedens. Zugleich ist uns die Planbarkeit so abhandengekommen wie nie zuvor.

In der Vergangenheit haben wir auch in unserer Gemeinde immer wieder erlebt, dass wir Wohlgeplantes kurzfristig absagen mussten. So auch eine Veranstaltung, die mir besonders am Herzen gelegen hat: Für eine Feuershow mit vielen Lichtern, Laternen, Fackeln, Gebet, Musik und Segen im Carl-Goerdeler-Park am ersten Advent hatten wir schon die Genehmigung des Ordnungsamts eingeholt, ein Hygienekonzept und einen Ablauf erstellt. Dann kam der Lockdown. Sicherheit musste vorgehen. Trotzdem war ich enttäuscht. Die Show war gebucht, alle Aufgaben verteilt und im Vorbereitungskreis hatten wir uns alles so schön ausgemalt.

Auch in zahlreichen anderen Arbeitsbereichen und Berufen erlebten Menschen, dass sich lange Geplantes nicht in die Tat umsetzen ließ. Im Privaten geht es bei mir schon länger so. Spätestens seit die Kinder geboren wurden, macht das bunte Leben meinen Plänen für die Woche regelmäßig einen Strich durch die Rechnung: Kinder erkältet zu Hause, Notdienst in der Krippe. Eigentlich wollte ich doch die Aufgaben auf meiner To-do-Liste abarbeiten. Sonntagspredigt, E-Mails und die unaufgeräumte Küche müssen dann warten, ohne dass ich weiß, wo ich ein neues Zeitfenster dafür herbekommen soll. Doch obwohl ich nun die gemeinsame Zeit mit den Kindern genieße, fühle ich mich innerlich gestresst.

Das alles sind keine wirklichen Probleme, gemessen an existentiellen Sorgen, die andere umtreiben, sage ich mir. Und doch bin ich auch das nächste Mal wieder frustriert, wenn meine kleinen Pläne nicht aufgehen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Weshalb stresst es mich so, wenn ich spontan umdisponieren muss? Früher liebte ich das Gefühl, die Gestaltung meiner Zeit selbst in der Hand zu haben. Schließlich gilt es in unserer Gesellschaft als eine Tugend, gut vorbereitet zu sein. „Planlos“ ist eine Art Schimpfwort. Übersicht und die Kontrolle zu haben, gibt dagegen ein Gefühl von Sicherheit. Doch was tun, wenn wir gezwungen sind, ständig von der Routine abzuweichen?

Vielleicht hilft ein anderer Denkansatz? Es gibt einen Satz in unserem Predigttext, der mich besonders anspricht: 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. In diesem Sinn frage ich selbstkritisch: Ist denn die gute alle Details bedenkende Planung wirklich immer eine Tugend? Denn wenn ich alles schon festgelegt habe, bleibt kein Raum mehr für Spontaneität. Die braucht es aber, damit sich etwas aus einer Situation heraus entwickeln kann. Wenn ich zulasse, dass etwas anders wird als ich es mir gedacht habe, wenn ich noch nicht alles in ein gedanklich-planerisches Korsett gepresst habe, dann kann sich auch etwas Neues entfalten. Dann lasse ich Raum für Gottes Wirken, der vielleicht ganz andere Gedanken und Pläne hat als ich. Der Predigttext fährt fort: Wenn wir uns von Strukturen und Normen der Zeit frei machen und ein neues Denken wagen, wird deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.

Manche Menschen bekommen durch Klänge der Musik eine Ahnung, was das Vollkommene sein könnte. Harmonien, Tonfolgen und Melodien  rufen Freude hervor. Manche Musiker meinen: Der Musik tut es gut, wenn sie lebendig sein und sich live entwickeln darf. Sie machen sich frei von vorgefassten Plänen für Ihr Spiel. Unser Kirchenmusiker zum Beispiel träumt manchmal ganz ohne Noten an der Orgel oder am Flügel und berührt uns mit seinen Klängen, die sich spontan unter seinen Fingern ergeben.

Musiker, die improvisieren, können ein Vorbild sein für Lebenskunst. Für Lebenskunst, die dem Vorsatz Ade sagt, immerzu alles bedacht und geplant zu haben. Vor kurzem habe ich darüber in der ZEIT einen Artikel gelesen mit dem Titel „Blühende Phantasie“. Dieser Artikel ist ein Plädoyer für mehr Mut im Umgang mit Unwägbarkeiten und das Wagnis der Improvisation. „2020 war das Jahr der Improvisation,“ urteilt die ZEIT und definiert: Improvisation gibt es nicht nur in der Musik. Sie geschieht auch als „Reaktion auf etwas Unvorhergesehenes: Eine Störung, ein Unfall, eine Krise“. Um die Einschränkungen dieser Monate erträglicher zu machen, haben Menschen viele kreative Ideen gehabt.

Mir selbst fiel es schwer, spontan kreativ zu sein. Als wir unsere sorgsam geplante Lichterandacht mit Feuershow am ersten Advent absagen mussten, fragte ich: Und nun? Ließ sich so kurzfristig eine Alternative realisieren? Mein Improvisationstalent stieß an seine Grenzen. Zum Glück gab es noch viele andere Menschen, die nun bereit waren mitzudenken. Einige aus dem Kirchenvorstand hatten gute erste Gedanken, unsere Diakonin stieg mit ins Vorbereitungsteam ein und sprudelte nur so vor Ideen. Bald war klar, am ersten Advent würden wir eine offene Christuskirche anbieten. Schnell wurde unser Team ergänzt durch drei Jugendliche, die bereit waren Cello, Flügel und Geige zu spielen. Zwei junge Erwachsene hatten Lust, die Lichttechnik zu installieren, zwei andere packten Kreativpäckchen für die Besucher zum Mitnehmen, ich suchte Texte zum Mitnehmen und Vorlesen aus, viele Ehrenamtliche übernahmen Ordnerdienste, der Küster bereitete Laternen vor, und mit Sicherheit habe ich noch einige Menschen vergessen, die den ersten Advent zu einem besonders bewegenden Erlebnis machten. Möglich gemacht wurde es von vielen Menschen, die bereit waren, sich mit ihren Fähigkeiten und ihrem Herzblut einzubringen.

Paulus vergleicht unsere christliche Gemeinschaft, in der viele Menschen zusammen etwas schaffen mit unserem Körper. Paulus schreibt: Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:

Und Privat? Statt nur To-do-Listen möchte ich auch einmal eine Liste schreiben mit Dingen die ich gut kann. Ich möchte überlegen: Was sind die Fähigkeiten, die ich von Gott bekommen habe? Ich möchte mir dessen bewusst werden und mich darüber freuen. Sicher gäbe es auch eine Liste mit Dingen, die ich nicht kann. Gerade in dieser Zeit komme ich manchmal an meine Grenzen. Doch Paulus erinnert daran, dass wir auch nicht alles allein können müssen. Er warnt vor Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Auch als Eltern ist unsere Kraft begrenzt. Gut, wenn andere uns unterstützen können: In turbulenten Familienzeiten haben uns Bastelpakete aus dem Kinder- und Jugendbereich manche glückliche Stunde daheim beschert. Es tat gut zu erfahren, mit welch großem Engagement sich die Erzieherinnen für die Kinder eingesetzt haben, und wie viel sie trotz Notdienst oft noch möglich gemacht haben. Die Tanten haben uns aus der Ferne über unsere Familien WhatsApp-Gruppe Mut gemacht und die Großeltern der Kinder hatten am Telefon ein offenes Ohr.

So kann einer dem anderen helfen. „Seid barmherzig“, diese Worte der Jahreslosung werden uns in 2021 begleiten. Solidarität und Nächstenliebe sind wichtige Tugenden, ganz besonders angesichts der Ungewissheiten, die uns weiterhin begleiten werden. Wir sind wie Glieder eines Leibes. Einer kann mit seinen Händen helfen, ein anderer hat einen klugen Kopf und gute Gedanken, die nächste ein einfühlsames Herz, noch eine ein offenes Ohr. Paulus sagt: Unsere Fähigkeiten hat uns Gott geschenkt. Wenn wir sie zusammentun und füreinander einsetzen, dann freut sich auch Gott über uns, dann ist das wie ein Gottesdienst.

Lasst uns unsere Gnadengaben einbringen in unsere Freundeskreise, Familien, Nachbarschaften, in die Gemeinde. Dann wird spürbar: Niemand ist allein. Gemeinsam können wir etwas Gutes erreichen - mit Gottes Hilfe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

Kategorien Neues aus der Gemeinde