Veröffentlicht am So., 3. Jan. 2021 11:19 Uhr

Gottesdienst am 2. Sonntag nach Weihnachten                                                                                                                                                                        

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

Und als er 12 Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jeus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht.

Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

Und als sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

Und es begab sich nach 3 Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich bei denen sein muss, die zu meinem Vater gehören?

Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt all diese Worte in ihrem Herzen.

Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

                                                                                          Lukas 2, 41-52                                                                                                                                                      

Liebe Gemeinde!

Mit dem Predigttext für heute Morgen tauchen wir mit Lukas noch einmal ein in den Anfang des Lebens Jesu. Nun ist Jesus 12 Jahre alt. Und Lukas lässt Jesus hier zum ersten Mal selbst sprechen.

„Muss ich nicht sein bei denen, die meines Vaters sind“. Das nächste Mal, dass wir Jesus zu den Menschen reden hören, wird sein zu Beginn seines öffentlichen Wirkens nach seiner Taufe und seinen Versuchungen in der Wüste. Da wird Jesus als 30-jähriger in Nazareth in der Synagoge am Sabbat die Jesaja Rolle in die Hand nehmen und die Stelle lesen: Der Geist des Herrn ist auf mir und ich bin gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Doch nun wieder zurück zu unserem Predigttext. Lukas lässt Jesus 12 Jahre alt sein. Das Alter, in dem wir Menschen in unserer Entwicklung ins Hinterfragen kommen. Die Kindheit verabschiedet sich. Es kommt die Zeit, da stellen wir infrage, was Eltern und andere Erwachsene sagen, wir befragen die bestehenden Ordnungen auf ihre Sinnhaftigkeit, wir proben den Streit, wir suchen nach eigenen Antworten für unser Leben, wir suchen nach dem eigenen Weg für unser Leben.

So, sagt Lukas, war das auch bei Jesus. Er ist eben ganz Mensch.

Und dann webt Lukas ganz kunstvoll weitere Aspekte seiner Theologie und dessen, was später kommen wird, in diese Geschichte hinein.

Da sind die 3 Tage, in denen Jesus nicht zu finden ist, und wir, die wir den Ausgang der Lebensgeschichte Jesu kennen, hören mit: die 3 Tage von Karfreitag bis Ostern. Hören die zwei Ereignisse ineinander: die Angst und Verzweiflung – das Unverstehen, nachdem Jesus wiedergefunden ist. Maria und Josef verstehen nicht, was ihr Sohn Jesus ihnen sagt -und später an Ostern verstehen die Frauen und Männer am leeren Grab nicht - und die Jünger auf dem Weg nach Emmaus auch nicht.

Schicksalhaft erfährt Jesus sehr früh, dass er nicht verstanden ist.

Schicksalhaft empfindet Jesus aber auch, dass ihn das nicht hindern kann an seinem Weg. Er muss es tun. So sagt er zu seinen Eltern im Tempel: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich unter denen sein muss, die zu meinem Vater gehören? Auch hier ist ausgesprochen, was sich später immer wieder zeigt: Jesus ist eindeutig. Er ist sich sicher in seinem Auftrag.

Und auch Marias Schicksal ist hier vorgezeichnet. Sie haben ihn mit Schmerzen gesucht. Einstweilen haben sie ihn gefunden. Aber Maria wird ihren Sohn im Laufe ihres Lebens immer wieder verlieren – bis hin unter dem Kreuz. Aber in der Apostelgeschichte erzählt Lukas, dass Maria bei den anderen ist, die Jesus – ihren Sohn – im Auferstandenen wiedergefunden haben.

Ja, und dann ist da Joseph, der Mann, der Repräsentant der patriarchalen Ordnung; in ihr hat der Mann das Sagen, er hat das Recht zu bestimmen über Frauen und Kinder.

Lukas sagt – so höre ich es: Joseph, deine Aufgabe ist zu schützen, da zu sein, zur Seite zu stehen. Aber nicht der Bestimmer zu sein. Du hast weder das Recht, über deine Frau noch über deinen Sohn zu bestimmen. So schweigt Joseph. Im Lukas Evangelium sagt Joseph kein einziges Wort.

Und diese Beobachtung führt uns nun in das Zentrum dieser Geschichte:

Jesus sagt: wusstet ihr nicht, dass ich sein muss, - in/zwischen/unter denen, die meines Vaters sind.

Für mich zwei beglückende Aussagen:

Da sitzt er im Tempel in Jerusalem zwischen den jüdischen Lehrern, die die jüdischen Schriften studieren und auslegen und weitergeben. Und Jesus sagt von ihnen: Sie gehören zu meinem göttlichen Vater. Ihnen hört er zu. Ihnen stellt er Fragen. Von ihnen lernt er. So innig beschreibt Lukas Jesu Verhältnis zu seinen Lehrern, zu seinem Volk und worauf er seine Hoffnung setzt. Das ist das große Vorzeichen vor allen Auseinandersetzungen mit einzelnen Strömungen in seiner Zeit.

Und das zweite Beglückende, was eingewoben ist in diese Antwort, ist, dass in Jesus der irdische, patriarchal herrschende Vater seine Macht und Autorität verliert.

In den Bildern seiner Zeit relativiert Jesus jeden menschlichen Machtanspruch. Einzig und allein hat der himmlische Vater die Hoheit, Menschen an sich zu binden.

Wie feinsinnig erzählt Lukas die Botschaft Jesu schon in dieser Geschichte. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden erkennt und vertieft Jesus seine Beziehung zu Gott, nur ihn erkennt Jesus als Autorität an, es zählt für ihn nur sein Wille. Den Willen Gottes für ihn zu hören, zu verstehen und dann auch zu tun, deswegen sitzt er da, tagelang mit den Lehrern. Hört zu und fragt. Und 18 Jahre später erfahren wir, zu welchen Einsichten er gekommen ist. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. Und damit tritt er dann an die Öffentlichkeit.

Zuerst in Nazareth in der Synagoge, wo er aus der Jesaja Rolle liest, und dann wird er zu finden sein bei den Menschen in ihrem Alltag, auf den Feldern, in den Dörfern in Galiläa, am See Genezareth und am Ende wieder in Jerusalem. Und Lukas sagt: er wird in der Gnade Gottes leben und handeln in Weisheit.

Das, liebe Gemeinde, wäre eine neue Predigt: zu entfalten, welche Bedeutung die Weisheit im Glauben Israels hat.

Heute so viel: Grundlegendes Wissen und Handeln in der Weisheit ist, dass immer auch die Folgen eines Handelns mitbedacht werden.

So kennen wir viele Sprüche Jesu:

Bau dein Haus nicht auf Sand, beim ersten starken Regenguss wird es einstürzen – und er meint: achte auf dein Lebenshaus – worauf gründest du dein Leben? Auf das Fundament auf dein Vertrauen zu Gott, deinen Halt in himmlischer Kraft – das ist’s was dich trägt: alles andere ist Sand. Das sind weisheitlich geprägte Bilder und Sprüche, die wir in großer Zahl von Jesus kennen. Er war groß in Weisheit.

Liebe Gemeinde, wir stehen nicht mehr am Anfang unseres Lebens – aber am Anfang eines neuen Jahres. Es liegt offen vor uns. Auch wir können zunehmen nicht nur an Alter, sondern auch an Weisheit und Gnade bei Gott. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre dein Herz und deinen Sinn in Jesus Christus Amen

 

                                                                       Annette Niebuhr

 

 

 

Kategorien Neues aus der Gemeinde