Veröffentlicht von Claus Nungesser am Fr., 1. Jan. 2021 12:03 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Tage wie heute sind Schwellentage. Ein Jahr geht zu Ende, ein neues Jahr beginnt. Dabei ist das Datum willkürlich, Chinesen und Muslime beispielsweise haben zu  anderer Zeit Jahreswenden. Wichtig scheint mir, dass es ein gemeinsames Jahresende und einen Beginn gibt. Bei allem heutigen Streben nach Individualität, niemand hier feiert allein beispielsweise erst in einer Woche Silvester.

Wir brauchen solche gemeinsamen „Haltestellen“ im Jahr und im Leben, wie unterschiedlich wir sie dann begehen.

Von einer anderen gemeinsamen Schwelle erzählt unser heutiger Predigttext. Es ist ein kleiner Abschnitt aus einer großen Erzählung, der Exodusgeschichte. Es ist die Gründungsgeschichte des Volkes Israel, bis heute wird sie erzählt. Von Menschen jüdischen Glaubens, auch von Christinnen und Christen.

Exodus – Auszug! Flucht trifft es eher. Aus der ägyptischen Sklaverei bricht eine große Gruppe von Menschen aus, geführt von Mose. Was ist nicht alles passiert, bis es soweit war. Viele von uns kennen die Plagen, die die Ägypter trafen, bis die Israeliten endlich ziehen durften. Endlich befreit, endlich frei, endlich Aufbruch in ein neues Land, ein neues Leben. Endlich ziehen sie los gen Israel, wo eine neue Heimat auf sie wartet.

Genau hier treffen wir heute auf sie, die Israeliten. Zwischen Aufbruch und Ankommen – auf dem Weg.

Ich lese aus dem biblischen Buch „Exodus“ einige Verse aus dem 13. Kapitel:

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Sukkot ist noch bewohntes Gebiet, doch in Etam endet die damalige Zivilisation. Die Menschen auf der Flucht, sie wissen: „jetzt wird es gefährlich. Wir gehen nicht den sicheren bewohnten Küstenweg. Das geht nicht, dort würden wir von den Ägyptern erwischt.“ Es bleibt nur ein Weg, den niemand kennt. Der Weg ins Unbekannte, wie uns jedes neue Jahr unbekannt ist. Damals wie heute.

So stelle ich es mir vor: Frauen, Männer, Alte, Kinder, Starke, Schwache, Mutige, Ängstliche, Hoffende, Zweifelnde. Ein bunter Haufen ganz unterschiedlicher Menschen.

Was sie eint ist wohl: dort, in einer anderen Heimat werden wir ein besseres Leben haben. Manche sind vielleicht Mitläufer: weil die ganze Sippe loszieht, kommen sie eben mit, gewollt oder ungewollt. Sie kommen alle mit, niemand bleibt zurück.

Da lagern sie nun am Rand der Wüste. Sie blicken nach vorne, es gibt kein Zurück in die Vergangenheit. Vor ihnen breitet sich scheinbar endlos das karge Land aus, Sand, Gestein, kein Grün mehr zu sehen.

Alle schweigen, lassen den Blick schweifen. Tausend Gedanken und Gefühle in Kopf und Herz. Überwältigend und tief beängstigend zugleich. „Hier sollen wir durch?“ „Wo ist hier ein Weg?“ „War es richtig, Mose und seinem Versprechen zu folgen?“ „Wartet hier nicht der Tod auf uns, wie sollen wir das alle schaffen?“

In all diesen Fragen erscheint am Horizont etwas. Die ersten, die mit den besten Augen, erkennen es am sonst blauen Himmel. Es kommt langsam näher. Wird größer. Eine Wolke, kein bedeckter Himmel, eine hohe Wolke. Wie eine Säule. Wunderschön, sie unterbricht die endlose Weite. Sie kommt näher, dann bewegt sie sich langsam wieder weg.

Die ersten sagen, Mose unter ihnen: Lasst uns der Wolke folgen. So leitet uns Gott. Die ersten setzen sich in Bewegung. Sie wagen die ersten Schritte im Wüstensand, der überraschend fest ist, er trägt.

Bald sind alle unterwegs, der Wolke langsam hinterher. Mit Abstand. Das Volk wird geleitet und begleitet.

Am Beginn der Dunkelheit erkennen sie in der Ferne ein Licht, Wüstenfeuer, das aufsteigt. Feuer, das sie in der Nacht leitet.

Sie sind unterwegs im Unbekannten. Sie vertrauen darauf, dass Gott ihnen in Wolken und Feuer den Weg zeigt. Die Gefahr bleibt, es ist riskant, sich in der Wüste zu bewegen. Sicher ist es nicht, doch zuversichtlich gehen sie Schritt für Schritt. Sie sind ja nicht allein. Sie haben einander, wollen niemand zurücklassen. Sie sehen die Wolken- und die Feuersäule, so wissen sie grob den Weg. Menschen damals haben die Zeichen gedeutet. Sie erleben und spüren, dass sie geleitet werden. Das genügt, um beherzt Schritte nach vorne, in die Zukunft zu gehen.

 

Liebe Geschwister,

wir stehen heute an einer gemeinsamen Schwelle. Der Übergang ins neue Jahr. Was sehen wir vor uns? Nicht nichts, wie in der Wüstenwanderung sehen wir die nächsten Stunden vor uns, vielleicht noch etwas von den nächsten Tagen.

Doch dann beginnt der Horizont, die Erdkrümmung begrenzt unseren Blick nach vorne. Wer wüsste nicht gerne mehr, hätte nicht gerne mehr Sicherheit für die Zukunft. Doch im Grunde wissen wir: Diese Sicherheit gibt es nicht. Das Leben lehrt es uns, vielleicht gerade im vergangenen Jahr. Wo ungewöhnlich viel aus scheinbar sicherer Bahn gerutscht ist.

Wäre es da nicht großartig, es gäbe sichtbare Zeichen wie in unserer Erzählung? Zeichen, die uns wenigstens so leiten, dass wir nicht ganz orientierungslos sind? Zeichen, die uns leiten, damit wir uns nicht im Leben verlaufen?

Besonders fragen wir nach Anhaltspunkten, wenn  wir entscheiden müssen, welche Richtung unser Leben einschlagen soll - in aller Unsicherheit. Wohin es nach der Schule geht, welchen Beruf wir anstreben, ob wir jemanden für‘ s gemeinsame Leben finden werden. Wie wir das Alter verbringen wollen.

Schritte wagen - es ist leichter, wenn wir wissen, wohin wir uns wagen.

Liebe Geschwister,

es ist nicht zu erwarten, dass wir nach dem Gottesdienst draußen eine Wolkensäule sehen, die uns leitet. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass wir so eine Erscheinung als Wegweisung deuten.

Was könnten für uns Zeichen der Leitung und Begleitung durch Gott sein?

Keine sichere Antwort möglich? Nein, nicht möglich, zumindest, wenn wir erwarten, dass jeder Schritt geführt wird. So war es bei der Wolken- und Feuersäule auch nicht, doch die Richtung war kenntlich.

Etwas scheint mir stets möglich: im Vertrauen auf Gottes Geist, die Kraft, die in uns wirkt, Schritte wagen.

Orientieren auf unserem Weg können uns grundlegende Weisungen Gottes. Die können wir in kleinen Lebensschritten umsetzen. Für heute habe ich eine Weisung vor Augen. Diese Wegweisung heißt: „Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist.“ Ja, diese Wegweisung ist allgemein.

Zugleich bin ich gewiss, dass wir daraus eigene kleine Lebensschritte ableiten können. Auch als Gemeinschaft können wir daraus etwas gestalten.

Gottes Geist lässt uns barmherzig sein. Vertrauen wir uns dieser Leitung an, wie Israel sich der Wolkensäule anvertraut. Ich gebe zu, das ist nicht so sinnlich und sichtbar wie eine Feuersäule. Dennoch: Gott leitet uns zum guten Leben, wenn wir auf unserem Weg barmherzig handeln.

Neben der Leitung durch Wegweisungen brauchen wir Vertrauen in die Begleitung Gottes, besonders auf Wüstenwegen unseres Lebens.

Vertrauen in Gott lernen wir durch Vertrauen, für mich ist das entscheidend. Wir vertrauen nicht immer, unmöglich. Wir sollten uns deshalb nicht entmutigen lassen. Gott begleitet uns, das ist ein großes göttliches Versprechen - ohne Bedingungen. Gott kommt im Kind in die Welt, begleitet uns - ohne Bedingungen.

Ich ende mit einem Wort von Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte. Er starb mit 28 Jahren im Jahr 1801. Er starb an der bis heute tödlichsten Infektionskrankheit, der Tuberkulose.

Ein tiefes Wort, in mir klingt es seit Tagen. Es schenkt mir Zuversicht, für mich spricht daraus tiefstes Vertrauen in die Begleitung Gottes.

Begleitung und Leitung ein Leben lang.

Novalis Wort lautet: „Wohin gehen wir denn? Immer nach Haus.“

Amen

       Pastor Claus Nungesser

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