Veröffentlicht am Mo., 7. Dez. 2020 12:33 Uhr

Andacht zum Mitnehmen vom 2. Advent (06.12.2020), Pastorin Annette Niebuhr

Lukas 10, 25-37. Der barmherzige Samariter

Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?  Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.  Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.  Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.  Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.  Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?  Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Liebe Gemeinde,

wir blicken auf die (beiliegende) Karte: rotbraune Erde. Die Sonne brennt herunter, Der Boden glüht. Hier ist das Leben schwer. Weit weg am Horizont ein paar Häuser. Gott sei Dank – es gibt einen Horizont – diese Linie, die verheißt, dass das Leben hinter ihr weitergeht. Diese Linie, die Hoffnung und Rettung und Heilung ins Leben einzeichnet.

Dennoch! Trotz erlittener Wunden. Wie in der Geschichte des Menschen, der unter die Räuber gefallen war.  

Jesus erzählt uns dieses Gleichnis, weil der Schriftgelehrte eine Frage gestellt hatte. Aus welchen Motiven auch immer. Die beiden kommen bei der Frage an: wer ist mein Nächster? Und ich merke: das ist eine Menschheitsfrage – durch die Geschichte hindurch – auch bei uns: wer sind die Nächsten von mir? Familie und Freund*innen? Nachbar*innen? Deutsche? Zugewanderte? Geflüchtete? Kinder im Jemen, im Sudan, Philippinen, Haiti, Sierra Leone? Ich könnte die Liste der Beispiele fortsetzen – wer ist mein Nächster, meine Nächste?

Am Ende des Gleichnisses merken wir, dass Jesus die Frage nicht beantwortet. Darauf komme ich später.  

Jesus erzählt: da liegt ein Mensch –geschlagen, niedergeschlagen, der Würde beraubt, am Boden, verletzt, Wunden an Körper und Seele. Ich glaube, wir alle können, wenn wir in uns gehen –die einen mehr, die anderen weiniger-, das Lebensgefühl des Menschen, der unter die Räuber gefallen ist, verstehen.

Wir sind hier ganz unterschiedliche Menschen. In ganz unterschiedlicher Zeit geboren; in ganz unterschiedlichen Ländern, in ganz unterschiedliche Lebensbedingungen hinein.

Die einen von uns in Armut, Bedrohung und Angst, die anderen eher im Wohlstand; die einen behütet, die anderen ausgeliefert –auch in den Familien - ; die einen von uns wund von den Erwartungen der Eltern, ob in der Schule, bei der Arbeit; die anderen, weil sie die Liebe, das liebevolle angeschaut werden, vermissen und andere von uns tragen ganz andere Verwundungen mit sich herum.  

Jesus ermutigt uns zu der Hoffnung, dass da jemand vorbei kommt, der oder die mich sieht und meine Wunden verbindet und mir Herberge gibt, dass sie heilen können – mit Zeit und in Sicherheit. Es kommt nicht nur auf das Sehen an. Das tun die beiden Vorherigen, die des Weges kamen, auch. Es gibt dieses kalte Sehen, das sich nicht mehr berühren lässt.  

Martin Luther übersetzt dieses Sehen, das sich im Innersten berühren lässt, mit: es jammerte ihn. Der Samariter sieht und spürt die Wunden des anderen, als wären es die eigenen. Er sah und es jammerte ihn und er goss reinigenden Wein und beruhigendes Öl auf die Wunden, legte einen Verband um und gab ihm in der Herberge Zeit zur Heilung. Gab ihm Zeit, Wiederkommen, Geld und ein Herz, Erbarmen. Dieser verwundete Mensch hat im Samariter einen  Nächsten gefunden.  

Die theoretische Frage: wer ist denn mein Nächster hat Jesus umgedreht. Ich werde zum Nächsten für jemanden, der oder die auf meinem Lebensweg liegt – in der Nähe oder Ferne. Für den Samariter war der, der da am Boden lag ein sehr ferner Mensch, gehörte nicht zu seiner Familie, Nachbarschaft, Volk.  Es spielt also keine Rolle, wie fern oder nah jemand ist.

Die Frage ist: entschließe ich mich, zur Nächsten, zum Nächsten für jemanden zu werden, -zu sehen, Mitgefühl wachsen zu lassen, zu heilen?  

Liebe Gemeinde, in diesem Gleichnis geht es ja um 2 Perspektiven und diese beiden Perspektiven haben wir in uns. Wir sind es beides. Verwundet und gleichzeitig fähig zu handeln, zu sehen, zu heilen. Es gibt Zeiten, da liegen wir am Boden, und es gibt Zeiten, da sind wir stark und wirkmächtig. Jesus sagt: So geh hin und tu desgleichen. Sei barmherzig wie der Samariter es war. Dann ist Gott in dir lebendig.  

Dieses Gleichnis –liebe Gemeinde– ist für mich in der letzten Woche zu einer Adventsgeschichte geworden – eine Hoffnungsgeschichte, die von einem Wunder der Heilung erzählt. Trotz eines langen Wartens, weil dann doch jemand kommt, sieht und sich zum Handeln berühren lässt. Eine Hoffnungsgeschichte, die uns einlädt, nicht müde zu werden, auf Heilungen zu hoffen – schon in diesem Leben.

Aber auch eine Hoffnungsgeschichte, die auf das Wunder der vollkommenden Heilung hinter dem irdischen Horizont vertraut. Dass Christus, der Retter, der barmherzige Gott kommt zur Heilung aller geschaffenen Welt. Advent – offen sein dafür, dass Hoffnungen wahr werden und Sehnsucht sich erfüllt.  

 

Gebet: Komm Gott, komm in meine Welt – meine Herzenstür dir offen ist.

            Hilf mir zu sehen, wie nahe du mir bist, wie voller Barmherzigkeit du                          mich anschaust.

            Verbinde, heile, wo sich meine Seele wundscheuert.  

            Komm Gott, komm in unsere Welt.

            Hilf uns Nächste und Nächster zu sein – jedem Menschen, der wund ist;

            der unter die Räuber geraten ist.

            Komm, ach komm in die Herzen der Mächtigen dieser Erde,

            dass sie mit dem Zepter der Barmherzigkeit regieren.

 

            Komm, Gott, komm in die Herzen der Trauernden,

            die Abschied haben nehmen müssen.

            Hilf, dass das Licht deiner Ewigkeit in ihnen scheint, leuchtet.

            Hilf, dass alle Sterbenden dein heilendes Licht sehen,

            dass sie im Frieden gehen können.  

            Denn du bist ein Gott, der uns anschaut mit Liebe und Barmherzigkeit.

            Amen

 


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