Veröffentlicht von Claus Nungesser am Fr., 4. Dez. 2020 11:05 Uhr

Liebe Gemeinde,

im heutigen Predigttext aus dem Römerbrief, steht ein Satz, der Namensgeber für ein bekanntes Kirchenlied geworden ist: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Das Lied ist die Grundlage der Predigt. Nun ist eine Liedpredigt als Lesepredigt natürlich so eine Sache, ein Lied besteht ja nicht nur aus seinem Text. Vielleicht kennen Sie das Lied ja und können es für sich selbst singen. Für Notenkundige: Es steht im Gesangbuch unter der Nummer 16. Wenn Sie nicht singen mögen, können Sie es sich vielleicht anhören, etwa im Internet – nur nehmen Sie bitte nicht den ersten Sucheintrag bei youtube, der zweite und der dritte hingegen sind mehr zu empfehlen…

1) Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Es ist Nacht auf der Erde. Dunkelheit in den Leben der Menschen. Oft - zu oft. Wo kennt man keine Not, keine Angst, keine Verzweiflung? Die Menschheit lebt immer wieder in Finsternis. Sie leidet an Krieg, Armut, Unterdrückung. An Trauer, Einsamkeit und Elend. Das ist heute so, und das war vor 2000 Jahren so, beim ersten Weihnachten. Auf Weihnachten warten wir im Advent. Advent, das heißt übersetzt: Ankunft. Wir warten auf die Ankunft Gottes in der Welt, auf seine Geburt als Mensch. Denn das ist Weihnachten geschehen: Mitten in der finsteren Nacht, mitten in aller Schuld und allem Leid, kommt Gott in die Welt. Aber wie er kommt: Nicht als Richter, nicht als Rächer, nicht als machtvoller Donnergott. Er kommt als kleines, hilfloses Kind. Und will uns so retten.

Es heißt, das Kind sei das Licht der Welt, aber, die Dunkelheit ist uns doch geblieben, auch nach mehr als 2000 Jahren? 

3) Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Der Mann, der von solcher Hoffnung schreibt, heißt Jochen Klepper. Klepper lebt in den 1930er Jahren in Berlin. Er ist verheiratet und zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern aus deren erster Ehe, bewohnen sie eine Villa in Berlin. Klepper hatte eine ganze Weile Theologie studiert, das Studium dann aber abgebrochen, um seiner Leidenschaft zu folgen: zu schreiben. 1937 erscheint sein erfolgreichstes Buch. Es heißt „Der Vater“.

Darin geht es um den preußischen Königen Friedrich Wilhelm I. und seinen Sohn Friedrich II.. Das Vater-Sohn-Verhältnis, das Klepper schildert, hat autobiografische Züge. Klepper ist hin und hergerissen zwischen zwei Welten. Die eine Welt ist die seines Vaters, die er von zu Hause kennt und schätzt. Er kommt aus einem traditionsreichen Pfarrhaus, in dem ein konservatives Christentum gelebt wird. Pflichterfüllung war über die Maße wichtig, Nationalismus selbstverständlich. Die andere Welt, zu der Klepper sich hingezogen fühlt, passt nicht dazu. Er möchte als Künstler leben, Gedichte schreiben, den Konventionen nicht entsprechen. Das Verhältnis zu seinem Vater ist dementsprechend nicht einfach. Als Klepper heiratet, kommt es zum Bruch. Die Familie missbilligt seine Beziehung zu seiner dreizehn Jahre älteren jüdischen Frau.

Auch beruflich kriegt Klepper den Antisemitismus seiner Zeit zu spüren. Trotz des großen Erfolgs seines Romans der „Vater“ – er wird sogar zur Pflichtlektüre für Offiziere der Wehrmacht und auch in Nazikreisen gerne gelesen – wird Klepper als „jüdisch versippter“ aus Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen. Das bedeutet faktisch ein Berufsverbot.

Man legt Klepper die Scheidung von seiner Ehefrau nahe – aber Klepper lehnt ab. Er will nun fortan nur noch Dichter sein. 1938 kann er noch einmal mit Sondergenehmigung den Gedichtband Kyrie, das heißt „Erbarme dich“ herausgeben. In diesem Band erscheint auch „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Die Familie leidet immer mehr unter den Einschränkungen, die ihnen auferlegt werden. Der Druck auf jüdische Menschen wird immer größer. Ein Erlass folgt dem nächsten: Verbot des Besuchs von Konzerten, Theatern, Bädern; Pflicht den Zweitnamen Sara bzw. Abraham anzunehmen, Ausschluss von Universitäten, Vermögenserfassung. Dann wird die Lage auch für Leib und Leben immer bedrohlicher. 1938 die Gewaltexzesse der Reichsprogromnacht, erste Verschleppungen in Konzentrationslager. Familie Klepper beschließt, die Emigration der beiden Töchter zu betreiben. Während Brigitte im Frühjahr 1939 nach England ausreisen kann, zur Freude und zum Schmerz der Eltern, zerschlugen sich die Pläne für Renate wieder.

1940 wird Klepper zum Militär einberufen. Das ist ihm wichtig, er ist der Meinung als Soldat seinem Vaterland am besten dienen zu können. Und er hofft wohl auch, seine Frau und Töchter auf diese Weise schützen zu können. Als Klepper 1941 wegen seiner jüdischen Familie als wehrunwürdig aus der Wehrmacht entlassen wurde, wehrte er jedenfalls sich nach Kräften gegen den Ausschluss.

Die Schlinge zieht sich nun immer enger um Familie Klepper. In seinem Tagebuch schreibt Klepper 1941: Heiliger Abend. Wir gingen zur zweiten Christmette um sechs. Als die Glocken läuteten, saßen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renate mit ihrem gelben Stern hinter einer Säule verborgen sein wollte. Dann gelang es doch, so schön wie jedes Jahr den Heiligen Abend zu feiern…

Noch einmal kommt Hoffnung auf, als Tochter Renate überraschend ein Einreisevisum nach Schweden bewilligt bekommt. Eine Ausreisegenehmigung erhält sie von den deutschen Behörden aber nicht mehr. Die Wannseekonferenz hat stattgefunden. Das nationalsozialistische Regime hat die systematische Ermordung aller europäischen Juden beschlossen. Ehepaar Klepper rechnet mit der Deportation von Tochter Renate, und auch Kleppers Ehefrau ist durch ihre Ehe mit einem Nichtjuden nicht länger geschützt: Klepper hat Informationen, dass sog. Mischehen zwangsweise geschieden werden sollten. Seiner Frau droht somit ebenfalls die Deportation. Dass sie in der Zwischenzeit zum protestantischen Glauben konvertiert ist, ändert daran nichts.

Am 10.Oktober 42 schreibt Klepper in sein Tagebuch: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt.“

Es ist der letzte Eintrag. In der folgenden Nacht nimmt sich die Familie durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben.          

4) Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

5) Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. 

Was ist das für eine Hoffnung, die der Advent verspricht?

Eine Hoffnung, wenn die Finsternis am undurchdringlichsten ist. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt, heißt es.

Es ist ein Gott, der als Kind in der Krippe lag. Es ist ein Gott, der das Leben wirklich kennt, mit allen seinen Abgründen. Es ist ein Gott, der als Mensch in Dunkelheit und Einsamkeit am Kreuz den Tod schmeckte. Und gerade von diesem Gott kommt die Rettung für uns Menschen. Ausgerechnet die Geschichte dieses leidenden Gottes ist die Hoffnung, die Weihnachten zu einem solch lichtvollen Fest macht. Wir haben einen Gott, der uns verspricht, gerade im Leiden da zu sein. Keinen, der das Leid der Welt mit einem gewaltigen Machtakt beendet, keinen Herrn der Heerscharen, wie ihn die Psalmen nennen. Sondern einen, der in aller Stille, Machtlosigkeit in die Welt kam und sich hinrichten ließ. Einen Gott, der bei den Entrechteten, den Machtlosen, den Ausgestoßenen, den Armen, den Hilflosen ist. Bei den Sündern, bei denen, die es scheinbar nicht verdient haben. Der sich nicht zu schade ist, ganz weit runterzusteigen in die Welt. Er wird eben nicht als König geboren, der in den besten Kreisen verkehrt, sondern als einfacher Handwerker.

Wer uns Menschen und unser Leid und unsere schlechten Seiten so kennt, wie unser Gott, der kann uns wirklich erlösen. Er wird es. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Es ist Advent. Weihnachten kommt.

AMEN.

                                                                           Vikar Eike Blüthner

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