Veröffentlicht von Claus Nungesser am So., 22. Nov. 2020 15:45 Uhr

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Viele, die heute hier sind, haben in den letzten Monaten, im letzten Jahr jemanden verloren. Ein Abschied, der schwer war und ist, selbst wenn wir bei manchen Verstorbenen dachten „Eine Erlösung“.

Und wenn nicht in der letzten Zeit: wer von uns hat noch nie jemanden verloren und wird heute daran erinnert? Trauer steckt noch in uns.

Manchmal spüren wir sie, wenn wir am Grab stehen. Wenn eine schöne Erinnerung in uns wach wird. Wenn wir an einem Ort sind, der eine gemeinsame Bedeutung hat. Wenn unser Blick an einem Bild von ihr hängenbleibt. Wenn wir etwas essen, was ihm auch schmeckte.

Wie oft es kommt, wie stark es ist - wir haben es nicht in der Hand. Bei manchen ist es immer da, es geht ihnen bis in die Nacht nach. Andere befällt es plötzlich. Ganz weg wird es wohl nie mehr sein: dieses „Es“, das Gefühl von Trauer und Verlust. Es ist der Preis unserer Verbundenheit, unserer Liebe zueinander. Steine trauern nicht, Herzen tun es.

Vor einigen Wochen stand ich an einem Grab. Diesmal auf der anderen Seite, als Trauernder. Ich gedachte einer Frau, die ich länger als mein halbes Leben kannte. Ich hörte dem Pastor beim Gang durch ihr Leben zu. Vieles war mir vertraut. Bilder und Szenen stiegen in mir auf.

Mich berührten die Worte über sie, ihr Glaube. Ich sah auf mich als junger Mensch. Damals, als ich sie kennen lernte. Sie war eine Generation älter als ich.

Liebe Geschwister,

Wie können wir, die zurückbleiben, weiterleben?

Wie können wir unsere Trauer tragen und ertragen, ohne für immer gebeugt zu sein? Was kann uns trösten, wenn wir trauern, leiden, wenn wir selbst ans Sterben kommen?

Wir sind alle trostbedürftig und Gott schenke uns Tröstliches.

Eine tiefe Quelle des Trostes ist der Glaube an unseren Gott.

Wenn ich getröstet werde, verschwindet das Schwere nicht, doch es wird erträglicher. Mich trösten Worte und Bilder, die ich schon lange kenne. Eines dieser Worte ist unser Predigtwort. Im letzten Buch der Bibel, der „Offenbarung des Johannes“ heißt es im 21. Kapitel: 

„Dann sah ich, Johannes, einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da.

Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.

Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein!

Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben.

Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.«

Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch, ich mache alles neu!« Und mich forderte er auf: »Schreib auf, was ich dir sage, alles ist zuverlässig und wahr.«

Und weiter sagte er: »Alles ist in Erfüllung gegangen. Ich bin der Anfang, und ich bin das Ziel, das A und O. Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken. «“

Liebe Geschwister,

Können Worte und Bilder des Glaubens uns Trost schenken? Wirklichen Trost, der die Tiefen unserer Herzen berührt?

Ich erfahre es immer wieder: ja! Nicht weil ich Trost auf Vorrat habe, den ich nur aus dem Schrank zu holen brauche, wie eine Konserve.

Trost empfangen wir stets im Jetzt: ein Wort Gottes für mich, die Geste eines Menschen – zur passenden Zeit. Trost lässt sich nicht einfordern, er wird uns geschenkt. Was wir tun können, ist, uns empfänglich machen für das tröstende Wort. Uns öffnen für wohltuende Worte der Bibel.

Johannes damals, er lebt in dunkler Zeit: Menschen, die Jesus folgen, weil sie an ihn glauben, werden wie Jesus verfolgt, gefoltert, getötet. Sie gehen den Weg Jesu bis in den Tod, weil sie Jesu Botschaft vertrauen. Jesu Botschaft ist bis heute: Gottes Welt der Liebe, sie hat begonnen, Gottes Reich ist da und es kommt uns immer näher.

Johannes sieht dieses Reich Gottes, das Neue, hört Gottes Stimme. In starken Bildern beschreibt er das Ende der Welt.

Für ihn ist es vor allem eine feindliche Welt. Doch nicht Unrecht, Verbrechen, Schmerz, Leid und Tod sind für ihn das Letzte. Das Vorletzte ist das Ende dieser Welt. Irgendwann gibt es uns Menschheit nicht mehr. Irgendwann gibt es das Leben, die Erde, nicht mehr. Das ist alles das Alte. Zum Alten gehört: Es wird alles vergehen. Das ist unabwendbar, wie unser eigenes Sterben. Doch wer an die Möglichkeiten Gottes glaubt, kann ahnen: das Alte ist nicht alles, es ist das Vorletzte. „Sieh’ doch, ich mache alles neu!“

Das Neue ist erst ganz da, wenn das Alte ganz vergangen ist. Erst dann ist alles neu, wenn es keine Tränen, kein Leid, keine Klage, keine Schmerzen, keinen Tod mehr gibt.

Jesus hat gesagt: Gott macht alles neu, sein Reich kommt. Ihr könnt es jetzt schon spüren. Zum Beispiel, wenn Ihr Euch Trauernden verständnisvoll und mit liebevollen Worten zuwendet. Unsere menschliche Liebe füreinander schenkt uns einen Ausblick auf eine bessere Welt, lässt uns ahnen, wie es ist im Reich der Liebe, in Gottes Welt sein wird.

In vielen biblischen Visionen braucht es Zeit für die neue Welt. Wieso geht es nicht schneller frage ich mich? Biblische Bilder beschreiben die neue Schöpfung als Wachsen. Das Reich Gottes entwickelt sich, es wächst wie ein Baum. Langsam, doch stetig. Gott ist die schöpferische Kraft dahinter, die immer stärker wird. Irgendwann am Ende der Zeit wird alles neu sein, nicht mehr vergehen, sondern bleiben. „Sieh doch, ich mache alles neu!“

Zweifel regt sich, natürlich. Woher sollen wir wissen, dass es Gottes Welt der Liebe so vollendet geben wird? Dass unsere Hoffnung einen unerschütterlichen Grund hat? Nun, wir können es gar nicht wissen, weil Gottes Welt noch nicht vollendet ist, sie wächst ja noch. Doch konnten wir uns vor unserer eigenen Geburt schon im Mutterleib vorstellen, wie die Welt, in der wir jetzt leben, aussieht?

Liebe Geschwister, ist das ein Trost? Oder viel zu weit weg von unserer Welt, diese neue Welt Gottes?

Ich wüsste am Grab letztlich nichts Tröstliches zu sagen, ließe Gott mich nicht hoffen auf die neue Welt der Liebe. Die neue Welt, in der wir als Vollendete sein werden - mit denen, die wir so vermissen, die der Tod uns genommen hat. Allein in dieser Hoffnung ist es mir möglich an Gräbern zu stehen, ohne an unserem Elend zu verzweifeln.

Jede Stunde dürsten Menschen in aller Welt nach Heilung, nach Erlösung, nach Trost. Mich dürstet auch. Uns Durstigen ist gesagt: „Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken.“

Amen

Pastor Claus Nungesser


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