Veröffentlicht von Angela Walther am Mi., 18. Nov. 2020 16:30 Uhr

Bibliolog zum Mitnehmen vom Buß- und Bettag

Ein Bibliolog lebt eigentlich davon, dass er live miterlebt wird. Dennoch habe ich mich entschieden, ihn auch zum Nachlesen online zu stellen. Ich weiß von Vielen, die gern dabei gewesen wären, dass sie aus verschiedenen Gründen nicht in den Gottesdienst kommen konnten oder wollten. Der folgende Text soll ihnen einen groben Eindruck davon vermitteln, was sich am Buß- und Bettag in der Christuskirche ereignet hat. 

Der verlorene Sohn

Statt eine gewöhnliche Predigt zu halten, möchte ich mit Ihnen am Buß- und Bettag eine Entdeckungsreise in die Bibel machen. Wenn ich unseren Bibeltext lese, werde ich zwischendrin unterbrechen, innehalten und Fragen stellen. Fragen, mit deren Hilfe Sie sich in Personen in einem biblischen Text hineinversetzen können. Fünf Ehrenamtliche werden in die Rollen der entsprechenden Personen aus der Geschichte schlüpfen und hier vorn als diese Personen antworten. Alle anderen hören zu. In vergangenen Buß- und Bettagsgottesdiensten gab es auch schon Bibliologe. Dabei war es immer schön, wenn sich alle GottesdienstbesucherInnen beteiligen durften, doch heute möchte ich nicht wie sonst mit dem Mikro von Einem zum Nächsten umhergehen, um Niemandem zu nahe zu kommen und das Abstandsgebot zu wahren.

Die fünf Ehrenamtlichen aus der ersten Reihe schlüpfen also nacheinander in die Rolle der biblischen Personen. Wenn sie antworten, tun sie das in der ersten Person, z.B. „Ich als Vater finde, dass…“ Dabei können ganz unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Empfindungen zum Ausdruck kommen. Anschließend wiederhole ich die Beiträge auch nochmal mit meinen eigenen Worten.

Heute will ich ihnen vom verlorenen Sohn erzählen. Die Geschichte stammt von Jesus. Er erzählte sie als Gleichnis. Das ist die Vorgeschichte. Ich lese aus der Basisbibel aus dem Lukasevangelium, Kapitel 15: Alle Zolleinnehmer und andere Menschen, die ein Leben voller Schuld führten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören. 2Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber. Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«3Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:

Nun beginnt die Geschichte:

»Ein Mann hatte zwei Söhne.12Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht.‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf.13Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld und wanderte in ein fernes Land aus.

Du bist der Vater. Dein Sohn hat sich von dir verabschiedet. Gestern ist er aufgebrochen. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? (An dieser Stelle haben die Ehrenamtlichen im Gottesdienst in der Rolle des Vaters geantwortet. Weil ihre Wortbeiträge spontan kamen, können sie hier leider nicht abgedruckt werden. Doch sind Sie auch beim Nachlesen des Bibliologs herzlich eingeladen, sich gedanklich in den Vater hineinzuversetzen. Welches sind Ihre Gedanken als Vater?)

Nun geht die biblische Geschichte weiter:

In dem fernen Land verschleuderte (der Sohn) sein ganzes Vermögen durch ein verschwenderisches Leben.14Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. 15Da bat er einen der Bürger des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.16Er wollte seinen Hunger mit den Futterschoten stillen, die die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon. 17Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater und sie alle haben reichlich Brot zu essen. Aber ich komme hier vor Hunger um.18Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe Schuld auf mich geladen –vor Gott und vor dir.19Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹20So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater.

Du bist der Sohn. Du hast dich also auf den Weg zu deinem Vater gemacht. Bald bist du da. Dann siehst du ihn wieder. Wie fühlst du dich?

Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.21Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich habe Schuld auf mich geladen –vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹22Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße.23Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! 24Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.

Du bist nochmal der Sohn. Du hattest als Tagelöhner bei deinem Vater anheuern wollen. Und nun macht er dir große Geschenke und gibt für dich ein Fest! Wie ist das für dich?

25Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz.26Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹27Der antwortete ihm: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Und dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹

28Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu.29Aber er sagte zu seinem Vater: ›Sieh doch: So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nicht einmal einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte.30Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹31Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir.32Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹«

Du bist der Bruder. Du hast deinem Vater treu gedient und noch nicht einmal einen Ziegenbock von ihm bekommen. Dein Bruder bekommt gleich das gemästete Kalb. Und dein Vater findet das so richtig. Was denkst du über seine Worte?

Wir verlassen nun die Geschichte vom verlorenen Sohn und kehren gedanklich zurück ins Hier und Jetzt.

Kurzer Impuls

Manch einer von Ihnen mag beim Bibliolog gedacht haben: Der Vater wirft dem heimgekehrten, verschwenderischen Sohn zu viel Geld in den Rachen. Manch einer mag auch den Bruder verstanden haben, der ebenso findet, dass der Sohn zu viel vom Vater bekommt. Vielleicht ist es ungewöhnlich, wie sich der Vater in der Geschichte vom verlorenen Sohn verhält. Er ist extrem versöhnungsbereit. Ein anderer Vater hätte wohl kurz abgewartet, ob vom Sohn nicht zumindest eine Entschuldigung kommt. Doch der Vater aus unserer Geschichte breitet sofort die Arme aus, bevor der Sohn überhaupt zu Wort kommen kann. Er nimmt den Heimgekehrten gleich wieder an als seinen Sohn, fast so als wäre nichts gewesen. Das ist schon besonders. Aber unsere Geschichte ist auch ein Gleichnis. Das Gleichnis will erzählen, wie Gott für uns ist: Wie ein guter Vater. So barmherzig, wie es wohl nur die wenigsten menschlichen Väter sein können. Auch wenn wir in unserem Leben viel falsch gemacht haben, nimmt Gott uns trotzdem wieder als seine Kinder an. Wenn wir unsere Fehler bereuen, weiß Gott es schon, bevor wir es ihm sagen. So brauchte auch der Vater in der Geschichte keine Entschuldigung von seinem Sohn abzuwarten. Er wusste sofort, dass es dem Sohn leidtat. Gott nämlich blickt ins Herz.

Menschen fällt es oft schwer, sich in jemand anderes hineinzuversetzen. Manchmal sind menschliche Beziehungen so zerrüttet, dass die Entzweiten es einfach nicht schaffen, dass einer dem anderen vergibt. Doch bei Gott sind alle Dinge möglich. Bei Gott ist mehr Barmherzigkeit und Vergebung als wir es uns vorstellen können. Er ist ein besserer Vater als es ein menschlicher Vater je sein könnte. Er gibt uns mehr, als uns vielleicht nach menschlichem Gerechtigkeitsdenken zusteht. Auch unsere Mitmenschen sind Gottes Kinder. Auch mit ihnen hat er so viel Geduld. Daran zu denken hilft vielleicht, ein wenig gelassener zu werden im Umgang mit den Fehlern und Unzulänglichkeiten der anderen. Und natürlich auch mit den eigenen Schwächen, oft ärgern die sogar am meisten, so jedenfalls geht es mir. Wie gut Gott, dass Gott uns als seine geliebten Kinder ansieht. Bei ihm sind wir angenommen. Bei ihm sind wir willkommen. Amen. 

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

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