Veröffentlicht am Mo., 16. Nov. 2020 09:40 Uhr

Predigttext: Lk 16,1-9  

161Dann sagte Jesus zu den Jüngern: »Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Über den wurde ihm gesagt, dass er sein Vermögen verschwendete.2Deshalb rief der Mann den Verwalter zu sich und sagte zu ihm: ›Was muss ich über dich hören? Lege deine Abrechnung vor! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹



3Da überlegte der Verwalter: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Für schwere Arbeit bin ich nicht geeignet. Und ich schäme mich, betteln zu gehen. 4Jetzt weiß ich, was ich tun muss!Dann werden mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich kein Verwalter mehr bin.‹



Und er rief alle einzeln zu sich, die bei seinem Herrn Schulden hatten. Er fragte den Ersten: ›Wie viel schuldest du meinem Herrn?‹6Der antwortete: ›Hundert Fässchen Olivenöl.‹ Da sagte der Verwalter zu ihm: ›Hier ist dein Schuldschein. Setz dich schnell hin und schreib fünfzig!‹ Dann fragte er einen anderen: ›Und du, wie viel bist du schuldig?‹ Er antwortete: ›Hundert Sack Weizen.‹ Der Verwalter sagte: ›Hier ist dein Schuldschein, schreib achtzig!‹ 8 Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter, weil er so schlau gehandelt hatte.



Denn die Kinder dieser Welt sind schlauer im Umgang mit ihren Mitmenschen als die Kinder des Lichts.9 Und ich sage euch: Nutzt das Geld, das euch von Gott trennt, um euch Freunde zu machen! Dann werden sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn diese Welt zu Ende geht.

 

Das ist mal eine ungewöhnliche Erzählung oder? Sie gibt Auslegern bis heute viele Rätsel auf. Wie kann es sein, dass ein betrügerischer Verwalter von seinem Herrn für sein Verhalten gelobt wird? Das passt nicht so richtig zu unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. Es gibt in der Auslegungsgeschichte viele Versuche, die Erzählung so zu verstehen, dass sie weniger anstößig wird. Manche sagen, der Herr würde nur die Entschlossenheit, die Klugheit loben, mit der der Verwalter vorging, nicht aber den Betrug aber verurteilen. Andere vermuten, dass der Verwalter die ganze Zeit eigenmächtig Zinsen genommen und in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Die Schulden, die er erlässt, wären nur sein eigener Anteil.

Egal, welche Ansicht man vertritt, die Erzählung bleibt sperrig. Die Reaktion des Herren auf die Veruntreuung seines Vermögens wirft viele Fragen auf. Leider wird nicht berichtet, wie der Verwalter, ob er nun klug oder betrügerisch war, auf das Lob seines Herrn reagiert hat. Ich stelle mir vor, dass er die Gelegenheit genutzt, sich straflos aus dem Staub zu machen. Bestimmt hätte auch er sich gewundert, wieso er gelobt wurde. Vielleicht hätte ihn die Frage nicht losgelassen und nach einer Weile hätte er einen Brief geschrieben. Der könnte dann wie folgt gelautet haben:

 

Mein hochgeachteter Herr, Friede sei mit Dir!

Ich dachte, ich kenne dich. Ich hielt dich für einen strengen Mann, der bei Geldangelegenheiten keinen Spaß versteht. Der unbarmherzig ist und niemandem eine Schuld erlässt. Da passte es gut ins Bild, dass du Rechenschaft gefordert hast, als du hörtest, ich würde dein Geld verschwenden. Da dachte ich, nun ist alles egal, nun rette ich, was noch zu retten ist. Bei dir hatte ich nichts mehr zu verlieren. Außerdem wollte ich es dir wenigstens ein bisschen heimzahlen, dass du mich einfach rausschmeißen wolltest. Also habe ich dein Geld benutzt um mir das Wohlwollen deiner Schuldner zu sichern. Als du dann dahintergekommen bist, da habe ich gedacht, dass du richtig wütend wirst und mich hochkant rausschmeißt. Das hätte ich auch verstanden. Es ging ja nicht um wenig: 2000 Olivenöl und 5 Tonnen Weizen habe ich veruntreut. Das ist kein Kavaliersdelikt.

Deine Reaktion ist mir bis heute unerklärlich. Es war unfassbar: Statt zu toben, hast du schallend gelacht. Ehrlich gesagt hat mir das erst richtig Angst gemacht. Dabei musste ich keine Angst haben. Du warst dann ganz weich, und eine Weile in dich gekehrt. Schließlich hast mich sogar gelobt und gesagt: Du hast schlau gehandelt. Das hat mich vollends aus dem Konzept gebracht. Seitdem habe ich keine ruhige Nacht mehr. Ich grüble und grüble: Wieso hast du das gemacht? Wie hast du das gemeint? Was hast du mit mir vor?

Deshalb habe ich mir einen Ruck geben und schreibe dir. Ich grüße dich und hoffe auf Antwort!

 

Hätte der Gutsherr dem Verwalter geantwortet, vielleicht würde der Brief so lauten:

Mein lieber Verwalter, Friede sei mit dir!

ich kann deinen Brief verstehen und deine Verwunderung. Ich war selbst vielleicht am meisten überrascht von mir. Du fragst, warum ich so reagiert habe, wie ich es getan habe und was ich vielleicht noch mit dir vorhabe. Sei beruhigt, ich habe nichts Böses gegen dich im Sinn. Damit du mich verstehst, muss wohl ein bisschen weiter ausholen:

Weißt du, früher dachte ich, wenn ich genug verdiene, dann geht es mit gut. Dann kann ich einer Frau und einer Familie alles bieten, was sie sich wünschen kann und wir können die schönen Seiten des Lebens genießen. Die Leute schauen mich respektvoll an und bewundern, was ich alles geschafft habe. Alle wollen mit mir zu tun haben. So habe ich es mir als junger Mann vorgestellt.

Und ich war erfolgreich, habe viel verdient. Tag und Nacht habe ich gearbeitet, habe mir meinen Gutshof aufgebaut. Ich war hart zu mir und hart zu anderen. So hast du mich kennengelernt, als ich dich eingestellt habe.Was mit dem Erfolg nicht gekommen ist, ist, was ich mir vom Geld erhofft habe. Die Leute zeigen mir keine Anerkennung, sondern, sie mögen mich nicht. Viele hassen mich sogar dafür, dass sie Schulden bei mir haben. Niemand will privat mit mir zu tun haben, wenn ich irgendwo dazukomme, dann werden die Leute still, auch wenn sie gerade noch ganz ungezwungen waren. Meiner Familie kann ich jetzt zwar materiell alles bieten, aber ich habe kaum Zeit für sie. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir sind uns eigentlich fremd geblieben sind.

Du siehst, ich habe gerade Geldsorgen, aber andere, als meine Schuldner. Mein Reichtum macht mich nicht glücklich, vielleicht sogar unglücklich, wenn ich ehrlich bin. Aber das anzuerkennen, ist unglaublich schwer. Das hieße ja, ich hätte viel Lebenszeit glücklicher leben können. Mein Lebenswerk ist nichtig, worauf ich mein Leben ausgerichtet habe, tut nicht nur anderen nicht gut, es schadet sogar mir selbst. Dieser Gedanke hat gearbeitet in mir, aber ihn mir eingestehen, das konnte ich nicht.

Und dann kommst du, und machst so etwas: Nimmst mein Geld, verschleuderst es und tust den Leuten etwas Gutes damit. Das hat etwas in mir ausgelöst, der Gedanke wurde auf einmal ganz stark: Das hätte ich schon viel früher selbst machen sollen! Deswegen musste ich so lachen. Ich hätte Dir böse sein sollen, aber es war befreiend. Es hat irgendwas in mir gelöst, ich konnte auf einmal klarsehen. Mir ist schon klar, dass du das gemacht hast, um deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Du hast nicht moralisch gehandelt, sondern schlau. Du hast an dich gedacht. Entschlossen hast du getan, was du tun konntest, hast mein Geld genommen, um dich in eine bessere Lage zu bringen. Und trotzdem, auch wenn es nicht dein erstes Ziel war: Du hast etwas Gutes getan. Du hast denen, die es brauchten, Schulden erlassen.

Seitdem habe ich viel nachgedacht. Über mein Leben, über Glück und über Geld. Kann Geld glücklich machen? Wenn man zu wenig hat, kann es unglücklich machen, das sehe ich ja an meinen Schuldnern. Auf der anderen Seite hat mich viel Geld auch nicht glücklich gemacht. Ich musste verdrängen, dass ich dafür meine Schuldner ausbeute, ich hatte keine Zeit für andere Dinge und ich war ständig unter Strom. Das muss sich ändern! Ich möchte mein Leben so nicht mehr leben. Ich will Zeit mit meiner Familie verbringen, Freunde finden, jemand sein, den die Menschen mögen. Und vor allem will ich wieder ruhig und mit gutem Gewissen schlafen können. 

Mein lieber Verwalter, wenn du möchtest, dann komm doch zurück. Deine Hilfe könnte ich gut gebrauchen. Wir können glaube ich beide gut eine zweite Chance gebrauchen.

Ich grüße dich und freue mich, von dir zu hören.

 

Liebe Gemeinde, so stelle ich mir einen möglichen Briefwechsel zwischen Verwalter und Gutsherr vor. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Jetzt sind Sie dran, ich möchte Ihnen zwei Fragen mit in die Woche geben:

Die erste: Was glauben Sie, warum hat der Gutsherr so reagiert, wie er es getan hat?

Und die Zweite? Wie ist Ihr Verhältnis zu Geld? Trennt es uns wirklich von uns selbst und von Gott?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN                                                                                                            

Vikar Eike Blüthner

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