Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 9. Nov. 2020 12:00 Uhr

Predigttext am 8.11.2020 zum 1. Thessalonicherbrief 5,1-2+4-6 (Er wurde im Gottesdienst schon vor der Predigt verlesen.)

Manche der frühen Christen hatten Jesus noch persönlich gekannt. Andere, die später geboren worden waren, hatten Menschen gekannt, die mit Jesus zusammen gewesen waren und von ihm erzählten. Sie alle hatten Sehnsucht nach Jesus. Am Ende der Welt käme er wieder zu den Menschen, hatte er zu Lebzeiten vorhergesagt. Ob das Ende der Welt, der „Tag des Herrn“ und damit das frohe Wiedersehen schon bald bevorstehen würde? Die Gedanken der Urchristen über den „Tag des Herrn“ sind uns überliefert im 1. Thessalonicherbrief. Ich lese Auszüge aus Kapitel 5:

Nun zu der Frage nach den Zeiten und Fristen, wann das geschieht: Brüder und Schwestern, eigentlich brauche ich euch dazu nichts zu schreiben. Denn ihr wisst selbst ganz genau: Der Tag des Herrn kommt unerwartet wie ein Dieb in der Nacht.

Brüder und Schwestern! Ihr lebt nicht im Dunkel. Deshalb wird der Tag des Herrn euch nicht überraschen wie ein Dieb. Denn ihr seid alle Kinder des Lichts und Kinder des Tages. Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht oder der Dunkelheit. Wir wollen also nicht schlafen wie die anderen. Wir wollen vielmehr wach und nüchtern sein! Denn wer schläft, schläft in der Nacht. Und wer sich betrinkt, ist nachts betrunken. Aber wir gehören zum Tag. Deshalb wollen wir nüchtern sein –gewappnet mit Glaube und Liebe als Brustpanzer und der Hoffnung auf Rettung als Helm. Denn Gott hat uns nicht dazu erwählt, dass wir seinem Strafgericht verfallen. Sondern dazu, dass wir gerettet werden durch unseren Herrn Jesus Christus. Der ist für uns gestorben, damit wir zusammen mit ihm leben –ganz gleich, ob wir dann noch am Leben sind oder schon entschlafen. Deshalb: Macht euch gegenseitig Mut und baut einander auf, wie ihr es ja schon tut.  

Predigt am 8.11.2020 zum 1. Thessalonicherbrief 5,1-2+4-6

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.  

Liebe Gemeinde,

draußen hat die dunkle Jahreszeit begonnen. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Manchen Menschen macht die Dunkelheit zu schaffen. Sie werden wehmütig. Draußen fallen die Blätter und auch sonst scheint unsere sichere Welt, die wir früher kannten, aus den Fugen geraten zu sein. „Alles fällt,“ schreibt Rainer Maria Rilke sinngemäß in seinem Gedicht. Alles fällt, entgleitet uns, wir können das, was früher war, nicht festhalten. Politiker fragen sich: „Haben wir die Pandemie noch im Griff? Wie soll es weitergehen mit unserem Gesundheitssystem, unserer Wirtschaft, unserem Wohlstand?“ Plötzlich bekommen Menschen wieder Angst vor dem über den Sommer lästig gewordenen Virus. Fast jeder kennt inzwischen jemanden, der erkrankt ist oder in Quarantäne musste. Viele jüngere Menschen erleben zum ersten Mal eine vergleichbare Krise, von der sie selbst betroffen sind. In diesem Herbst wird mit den kürzer werdenden Tagen auch unsere Welt ein Stück weit dunkler.  

„Wie geht es weiter?“ fragten sich auch die frühen Christinnen und Christen. Auch sie hatten Krisenerfahrung: Jesus, der ihnen so viel bedeutet hatte, war nicht mehr bei ihnen. Sie sehnten sich nach ihm, nach seiner Weisheit, nach seinem Mut und der Kraft, die von ihm ausgingen. Ob Ihre Bewegung der Christgläubigen eine Zukunft haben würde, war noch nicht besiegelt. Immer wieder erlebten Christen Verfolgung. Fast jeder kannte Geschichten von denen, die es getroffen hatte. Weltuntergangsstimmung machte sich breit. Wenn das Ende käme, würde Jesus seine Menschen zu sich sammeln und mit in sein Licht nehmen in seinem Reich. So sehnten sie das Weltende sogar herbei, rechneten sogar damit, dass sie es selbst noch miterleben könnten. Das war zu kurz gedacht, wissen wir heute über 2000 Jahre später. Seitdem hat die Erde viele Krisen überstanden und mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich unser Planet auch nach Corona weiterdrehen.  

Wie schön wäre es, wenn Jesus zu uns käme und alle Kranken gesund machen würde. Wenn einfach alles gut wäre, alle Sorgen und Probleme weg, es auch keinen Krieg und keine Gewalt mehr gäbe, sondern Frieden. Das wäre wie „Gottes Reich auf Erden“. In biblischen Zeiten verbrachten manche Menschen ihr ganzes Leben damit, darauf zu warten. Doch das Warten zahlte sich nicht aus. Unsere Lektorin hat die Bibelstelle aus dem Lukasevangelium vorhin vorgelesen: Jesus selbst soll einmal gesagt haben: „Denn seht doch: Das Reich Gottes ist schon da –mitten unter euch.“ Es lohnt sich also nicht, bis zum Sankt Nimmerleinstag darauf zu warten.  

Doch wie genau entdecken wir das Reich Gottes mitten unter uns? Der Predigttext gibt einige Hinweise: Wir sind Kinder des Lichts und des Tages. Wir gehören nicht zur Dunkelheit, wo Menschen schlafen oder sich betrinken. Unser Lebensgefühl soll anders sein: nüchtern und wach. Ich würde das so umschreiben: Wach und aufnahmefähig, das Licht Gottes wahrzunehmen, das in unsere Welt hineinscheint. Denn dieses Licht gibt es auch jetzt oder gerade jetzt. An Herbstabenden, wenn ich eine Kerze ins Fenster stelle, kann ich beobachten: Je dunkler es wird, umso heller leuchtet das Licht. Mit Gottes Licht, das in unsere dunklen Tage scheint, ist es ähnlich. Wenn die Sorgen zunehmen, setzt Gottes Licht ein umso größeres Gegengewicht. Das glaube ich fest.  

Wie ist es, wenn Gottes Licht in mein Leben scheint? Wo habe ich das schon einmal erlebt? Da waren die Einkehrtage auf Langeoog, die ich früher einmal im Jahr geleitet habe. Dreimal am Tag Gebetszeit in der Kapelle. Mittags fiel es mir zunächst am schwersten. Fast eine halbe Stunde lang im Schweigen sitzen. Meine Gedanken schweiften immer ab. Erst nach reichlicher Einübung gelang es mir loszulassen. Meinen Blick auf die Kerze in der Mitte der Kapelle zu richten oder nach oben durch die Dachfenster in den Himmel. Still zu sein, ohne viel zu denken. Einfach da zu sein im Angesicht des unsichtbaren Gottes. Auf den Atem zu lauschen und mich Gott nahe zu fühlen.  

Diese schöne Erfahrung in meinen Alltag zu übertragen, ist mir schwer gefallen. Kurze Andachten ja, aber eine halbe Stunde in all meinem Tun zu pausieren, bei so vielen drängenden Aufgaben, dazu fand ich nicht die Ruhe. Schade eigentlich. Und während ich darüber nachdenke piept schon wieder mein Smartphone. Eine Nachricht von einer erkrankten Freundin, endlich! Die Freundin hat eine schwere OP hinter sich und es ist das erste Mal, dass sie die Kraft hat, sich selbst per Sprachnachricht zu melden. Endlich höre ich wieder ihre Stimme! Sie klingt schon fast wieder wie die alte. Den Eingriff hat sie gut überstanden. Ich bin so glücklich, hatte so gebetet, hier in der Kapelle eine Kerze für sie angezündet. In diesem Moment spüre ich: Gott ist da. Er hört Gebete. Er hilft und rührt uns an. Sein Licht scheint in unsere Welt, umso heller, wenn es dunkel ist.  

Manchmal denke ich, ein Teil der Dunkelheiten dieser Welt würden sich verhindern lassen, denn sie sind von Menschen gemacht. Krankheiten und Naturkatastrophen können Menschen oft nur bedingt beeinflussen. Wie viel heller würde die Welt, wenn Menschen auf Kriege und Gewalt verzichten würden, wenn sie Egoismus ablegen und das Wohl aller im Blick behalten würden, Werte, die auch Jesus so wichtig waren. Die USA haben diese Woche gewählt. Ich finde es erschreckend, wie viele Stimmen Präsident Trump bekam, der sich für die Waffenlobby stark macht, wenig gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze unternimmt, der die Parole hat „Mein Land zuerst“ und dem es darüber hinaus nicht sehr zu kümmern scheint, wie viele Menschen in diesem seinen Land an der Pandemie sterben. Trotzdem wäre Donald Trump fast wiedergewählt worden. Doch es macht wenig Sinn, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen, wo auch in unserem Land national-patriotische Kräfte des rechten Randes immer mehr Zulauf finden. Es ist an jedem Einzelnen von uns, sich abzugrenzen. Wenn Viele dazu den Mut finden, wird unsere Welt ein Stück heller. „Denn ihr seid alle Kinder des Lichts und Kinder des Tages“, heißt es im 1. Thessalonicherbrief.  

Doch selbst als Kinder des Lichtes vermögen wir die Dunkelheiten und Sorgen unserer Tage nicht auszulöschen. Unser Predigttext weiß darum und gibt einen Rat: uns zu wappnen mit „Glaube und Liebe als Brustpanzer und der Hoffnung auf Rettung als Helm“. Gerade in dunklen Zeiten ist es wichtig, auf die eigene Seele zu achten, dass sie nicht Schaden nimmt. Wo wir einander beistehen und auf Gott vertrauen, wird spürbar, wie Gottes Licht für uns leuchtet. Sein Reich ist schon jetzt mitten unter uns und scheint immer wieder in unsere Welt hinein. Mögen wir uns daran in diesen Tagen immer wieder erinnern, vielleicht auf einem Spaziergang bei strahlender Herbstsonne, oder wenn wir abends daheim in der Dämmerung ein Licht entzünden. Denn Licht ist Balsam für die Seele.  

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen. 

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther 

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