Veröffentlicht am Mo., 2. Nov. 2020 14:06 Uhr

Gottesdienst am Reformationstag, 31.10.2020  

„Erinnern für die Zukunft“ 

(Erinnern an den Reformationsgottesdienst in St. Stephani, Bremen 1941)

 


Seligpreisungen (Mt 5,1-12)

Als Jesus die Menschenmengen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jüngerinnen und Jünger kamen zu ihm. Er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:  Glückselig sind die bis ins Innerste Armen, denn ihnen gehört die gerechte Welt Gottes.  Glückselig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.  Glückselig sind, die Mut zur Gewaltlosigkeit zeigen, denn sie werden das Land erben. Glückselig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden. Glückselig sind, die barmherzig handeln, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Glückselig sind, deren Herzen rein sind, denn sie werden Gott schauen. Glückselig sind, die Frieden schaffen, denn sie werden Gottes Töchter und Söhne heißen. Glückselig sind die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihnen gehört die gerechte Welt Gottes. Glückselig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen ausgrenzen, verfolgen und verleumderisch alles Böse nachsagen.  Freut euch und jubelt, dass eure Belohnung groß ist bei Gott. Denn genauso verfolgten sie die Prophetinnen und Propheten vor euch.

 

Psalm 126

Ein Wallfahrtslied.

Als der Ewige Zions Geschick wendete, war es, als träumten wir. Da füllte Lachen unseren Mund und Jubel unsere Zunge. Da sagten sie unter den Nicht-Juden:„ Großes hat der Ewige an ihnen getan. “Großes hat der Ewige an uns getan, wir sind es, die sich freuen. Wende, Ewiger, unser Geschick, wie du Bachbetten im Negev mit Wasser füllst. Die mit Tränen säen –mit Jubel werden sie ernten. Da gehen sie, gehen und weinen und tragen den Saatbeutel. Da kommen sie, kommen mit Jubel und tragen ihre Garben.


Liebe Gemeinde,

waren die mutigen Frauen und das Ehepaar Greifenhagen glücklich, glückselig, wie es die Seligpreisungen formulieren?

Was verspricht Jesus, als er in Galiläa auf den Berg steigt, so wie Mose auf den Berg gestiegen ist und mit den 10 Weisungen zurückgekommen ist, so wie Elia, der in der Höhle des Berges die Botschaft vom sanften Gott in die Ebene des Lebens brachte.

Jesus preist auf dem Berg –Symbol, ganz nahe an Gott zu sein - die Trauernden, die Barmherzigen, die Friedenstifter*innen als glückliche Menschen. Wir kennen eher, dass wir Gott preisen für all das Gute, dass wir von der Gottheit erfahren.

Wir erkennen die Ewige als Höchste an, ehren den Ewigen, achten ihn, erkennen die Ewige als die höchste Autorität an. In den Seligpreisungen werden die Menschen gepriesen. Die, die fähig sind, zu trauern über das Unrecht,-  die, die barmherzig sind, - die, die den Durst und den Hunger nach Gerechtigkeit aushalten zu spüren. Sie werden gepriesen. – Sind sie deswegen auch glücklich, glückselig? War Jesus glücklich?

Ja, das kann ich mir vorstellen; dass er in seinem Leben das ganz tiefe Lebensglück gefunden hat. Dass es ihn glücklich gemacht hat, Menschen auf seine Weise von Gott zu erzählen; dass es ihn glücklich gemacht hat, Menschen zu berühren, zu heilen; dass es ihn glücklich gemacht hat, sich eins zu erleben mit der großen Transzendenz, mit Gott, der verspricht: „Ich bin da für Dich“.

Dass er glücklich war in diesem Einssein, und er deswegen trauern konnte, leiden und mitleiden, barmherzig sein konnte, hungern und dürsten konnte nach Frieden und Gerechtigkeit, und er auf seine Weise Frieden stiften konnte.

 

Und die Seligpreisungen sind seine große Einladung an uns, ihm zu folgen. Er lockt uns gewissermaßen mit dem Versprechen: ihr werdet dadurch euer Lebensglück finden, das über den Tod hinausreicht. Die Seligpreisungen sind die große Einladung an uns, die großen Visionen für unser Menschheitsleben nicht aus den Augen zu verlieren, nicht ungläubig zu werden. Glaube und Resignation vertragen sich nicht. Glaube –und trauern und Leid tragen und Frieden stiften sind Geschwister – und wenn sie sich zusammentun, können Träume wahr werden, können Lebensverhältnisse verändert werden.

Auch die großen Worte des Psalms 26 erzählen davon. Haltet die Visionen wach, sät –auch unter Tränen, es wird die Zeit des Erntens geben. – Möglicherweise Jahre, Jahrhunderte später. Doch dann wird Jubel sein über das, was in Gottes Namen gesät worden ist.

 

Heute erinnern wir uns gemeinsam an den Reformationsgottesdienst 1941. An die Wachen, Trauernden, Mitleid Tragenden im Gottesdienst von St. Stephani. Sie haben den Abtransport ihrer jüdischen Schwestern und Brüder nicht verhindern können. Sie haben es auch nicht versucht. – Aber vielleicht  - vielleicht – haben die Mitglieder der Familie Abraham, die deportiert worden sind – die Wärme der Worte, die Wärme der Umarmung, die Zusage des `Für sie Betens´ und an sie Denkens – vielleicht haben sie diese Wärme in der Kälte des Winters und des Todes in Minsk gespürt.

Es waren wenige damals in Stephani und einzelne aus anderen Gemeinden in Bremen – aber die wenigen haben sich zusammengefunden,, sie haben gesät – und wir ernten. Wir können uns nähren von ihrem Mut, ihrem täglichen und nächtlichen miteinander Ringen um das richtige Tun. Wir können essen von ihrem Glauben und von ihrem Weg, wie sie miteinander ihren Glauben gestärkt haben. Ich glaube, das hat sie glücklich gemacht.

 

Und was kann uns heute in diesem Sinne glücklich machen?

Ich will es persönlich sagen. Mich macht glücklich, mich mit Euch und Ihnen zu erinnern, was andere vor uns gesät haben – wahrzunehmen, was andere heute säen. Mich macht glücklich, wenn ich mich einbringe in eine Bewegung zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Mitzuspinnen an dem großen Netzt des Lebens für alle. – Glücklich/Selig sind sie, sagt Jesus. Es wird die Zeit des Jubelns kommen, sagt der Psalm 126. Reformationsfest . feiern wir unsere Erneuerung und unsere Hoffnung.

 

Pastorin Annette Niebuhr

 


 

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