Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 2. Nov. 2020 08:25 Uhr

Predigt zum Brief des Propheten Jeremia an die nach Babylon Verschleppten (Jeremia 29)

Liebe Geschwister,

Wann haben Sie zuletzt einen „echten“ Brief geschrieben? Ich meine, einen auf Papier, mit der Hand? Vor kurzem oder lange her? Solche Briefe schreiben scheint mir vom Aussterben bedroht - schade.

Wenn ich jemandem etwas Wichtiges sagen möchte, greife ich gerne zu Papier und Stift. Kommt bei mir inzwischen seltener vor.

Natürlich, als es noch kein Internet und e-mail, Kurz-, Sprach- und Videonachrichten gab, wurden eben mehr Briefe geschrieben. Sie waren damals nicht alle von großer Bedeutung. Doch was für ein Schatz, wenn man in einer alten Kiste die Liebesbriefe der Großeltern findet.

In der Zeit der Bibel waren Briefe  etwas ganz Besonderes. Wir kennen die Briefe, die Paulus und andere zur Zeit nach Jesus geschrieben haben. Es sind nur wenige, doch sie geben uns einen tiefen Einblick in Leben und Hoffnungen der ersten Christinnen und Christen.

Im Alten Testament gibt es noch weniger Briefe. Einen von ihnen hat Jeremia, der Prophet, von Jerusalem nach Babylon geschickt. Ein weiter Weg für einen Brief. Wie heute brachte ihn ein Bote. Der Brief ist für die bestimmt, die einige Jahre zuvor nach Babylon ins Exil verschleppt wurden. Das ist ein Ausschnitt aus dem Brief, Jeremia schreibt als Prophet im Namen Gottes:

 „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten,

die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;

nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl

Denn so spricht der HERR:

Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“

 

Briefe schreiben kann gefährlich sein. Ich stelle mir vor, dass Jeremia gezögert hat, bevor er schrieb, ich kenne das, auch jetzt. Er schreibt im Namen Gottes, durch das Schreiben legt er sich fest, wir können seine Worte bis heute nachlesen und prüfen. Ich schreibe nicht im Namen Gottes, dennoch berufe ich mich auf das Evangelium von Jesus.

Jeremia wollte seinem Volk, das in der Verbannung lebte, eine Perspektive geben. Zugleich mutet er Ihnen eine furchtbare Nachricht zu. Am Anfang steht die unausgesprochene Frage, die wir selbst zu gut kennen: wie lange noch? Damals war das die Frage der Vertriebenen: wie lange müssen wir hier noch in der Fremde bleiben, wir vermissen unsere Heimat so sehr?

Heute fragen wir uns: wie lange werden wir noch mit dem Virus in der Welt zu schaffen haben? Wie lange noch wird es dauern, bis wir uns wieder in den Arm nehmen dürfen? Wie lange noch wird es brauchen, bis es Impfstoffe gibt? Wie lange noch und wir werden die Folgen der Klimaveränderungen hart zu spüren bekommen?

Damals und heute: in schlechten Zeiten, in Krisen - wir fragen „Wie lange noch?“, hoffend, dass bessere Zeiten kommen oder die schlechten Prognosen nicht eintreffen. Manchmal hält uns das regelrecht am Leben, zu hoffen ist eine große Stärke des Menschen, doch unsterblich ist Hoffen nicht. Unser Hoffen wird vielfach belastet, enttäuscht, verhindert, nieder gedrückt.

Was Jeremia in seinem Brief den Verbannten nimmt, ist die ihre Hoffnung auf eine rasche Rückkehr nach Israel, die ihnen andere Propheten versprechen. So schnell wird es nicht gehen, im Gegenteil, Euer Traum wird für Euch ein Traum bleiben. Wie enttäuscht wäre ich, wenn mir jemand mit so etwas kommt. Da bin ich doch versucht, denen zu glauben, die sagen, dass es so schlimm nicht kommt. Das kenne ich: meine Hoffnungen und meine Träume möchte ich nicht aufgeben, zugleich können sie hinderlich sein, der Realität ins Auge zu sehen. Ich merke, wie ich selbst in diesen Monaten in meinem Leben hin und hergerissen bin. Ich bin hin- und hergerissen zwischen zu wenig Hoffnung und zu viel Zuversicht. Das macht mir zu schaffen und dabei bin ich nicht einmal in großer Gefahr.

Ich stelle mir vor, wie zerrissen die Menschen, an die Jeremia schreibt, waren. Sie werden in der Fremde bleiben, Rückkehr gibt es für sie nicht, erst ihre Enkel werden es erleben. Jeremias Botschaft: Richtet Euch auf eine lange Zeit ein, es bringt nichts, das Falsche zu hoffen. Das hindert Euch am Leben hier in der Gegenwart. Ihr lebt heute, also macht jetzt das Beste daraus. Gründet Familien, geht als Fremde auf die Fremden zu. „Suchet der Stadt Bestes!“ Das meint zum Beispiel: tragt mit dazu bei, dass es in Eurem Stadtteil weniger Einsame gibt. Grenzt Euch nicht ab, geht auf Fremde zu. Fühlt Euch nicht allein für Euer Wohl zuständig, sondern befolgt die allgemeinen Regeln, die allen helfen.

Heute ist es nicht anders: wir leben nicht in einer perfekten Welt, doch in einem guten Land, regiert von Menschen, die Fehler machen und doch uns Regierte im Blick haben. Dafür bin ich sehr dankbar, es gibt genügend Beispiele, wo statt Verantwortung die Egomanie regiert.

Liebe Geschwister, ich schreibe Euch mit der Bitte, dass wir uns ebenso um das Wohl unserer Stadt und unseres Stadtteils kümmern. Das beginnt für mich mit dem Gebet, zu Hause oder im Gottesdienst. Wir verstehen uns als Gemeinde im Stadtteil, wir suchen der Stadt Bestes und fragen immer wieder: Was könnte das noch sein? Jetzt ist es das Beste für die Stadt, wenn wir Verzicht üben, wenn wir das, wozu wir einladen, reduzieren, damit unsere Kontakte weniger werden. Wir tragen dafür Mitverantwortung.

In Jeremias Brief staune ich sehr darüber, wie er die Exilanten tief enttäuscht und das sogleich mit Gottes Heil verbindet. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ihm gefallen ist, den Verschleppten auf ihre Frage „Wie lange noch?“ zu antworten: sehr lange, so lange, dass ihr und Eure Kinder in der Fremde sterben werdet. Ihr kommt nicht mehr nach Israel zurück. Hart, sehr hart. Ich denke an unsere „Wie lange noch?“-Fragen. Da stellen wir uns eher  Wochen, Monaten oder wenigen Jahren. Einige Wochen stärkere Einschränkungen, einige Monate bis zu den ersten Impfstoffen, wenige Jahre, bis der Coronakampf wohl gewonnen ist.

70 Jahre! Alle, die in Babylon waren, müssen schockiert gewesen sein. Gefordert ist dann in Generationen zu denken. Jeremia umschreibt es mit „Eure Töchter und Söhne sollen sich Partner suchen und Kinder bekommen, die kehren dann zurück“ - erst Eure Enkel. Sind wir dazu in der Lage, so weit zu denken? Ich fürchte, das fällt uns schwer, denn das hieße zum Beispiel heute: wir verzichten auf Komfort, Reisen und Konsum, damit unsere Enkel oder die Enkel unserer Kinder nicht zu sehr von der Klimakrise getroffen werden. Doch es wäre gut, wenn wir so weitsichtig wären und uns um das Wohl unserer Kindeskinder Gedanken machen. Über unser eigenes Leben und seine Dauer hinausblicken könnten.

Ist das möglich? Oder leben wir nicht einfach zu kurz, um die Folgen unserer Taten selbst noch zu erleben? Leider traue ich mir und uns Menschheit wenig Weitblick zu. Wir sind kurzsichtig, das gehört zu unseren großen Mängeln. Manche setzen deshalb auf die Technik, auf sogenannte künstliche Intelligenz, die viel bessere Entscheidungen als wir treffen könne oder zumindest irgendwann mal. Für mich sind das falsche Heilsversprechen von falschen Propheten.

Viel näher liegt für mich, was Jeremia sieht: Gott schafft uns künftig Heil, in der Nähe und in ferner Zeit. Gott und sein Reich wachsen, darum haben wir „Zukunft und Hoffnung“. Durch die ganze Bibel hindurch, bei Jeremia, bei Jesus, bei Paulus, hören wir eine Botschaft. Eine Botschaft mit ganz unterschiedlichen Bildern: sucht der Stadt Bestes, arbeitet in Liebe für das Reich Gottes, seid für einander da, haltet die Gebote, überwindet das Böse. Und wisst zugleich: vollenden werdet ihr es nicht, könnt ihr Menschen es nicht. Gott ist bei Euch in seiner Kraft und einst wird Gott selbst es vollenden. Das gibt uns Zukunft und Hoffnung.

Liebe Geschwister, wir sollen und dürfen von Herzen Gott suchen, er wird sich von uns finden lassen, das glaube ich gewiss. Wo Gott suchen? Jesus hat uns Wege gezeigt, zwei von Ihnen sind: die Stille, die Meditation, das Gebet als Sprache unseres Herzens. Ein zweiter Weg, Gott zu finden, ist, seine Ebenbilder zu lieben, sich anderen Geschöpfen zuzuwenden.

Stille und Zuwendung - so verheißt uns Gott, sich finden zu lassen. Gott suchen und sich von Gott finden lassen bleibt nicht ohne Wirkung: wir werden verändert, weitsichtiger.

Ich wünsche Ihnen und Euch viel Segen und Heil.

AMEN 

                                 Pastor Claus Nungesser

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