Veröffentlicht am Mo., 26. Okt. 2020 11:21 Uhr

10. Sonntag nach dem Trinitatisfest

hängt auch in gedruckter Form in den 3 Gemeindezentren.

Predigttext: Mk 2,23-27

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, der uns das Leben schenkt!

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,  

Gebote gibt es überall. Im Moment besonders. Es wird uns geboten eine Maske zu tragen, Abstand zu halten. Es wird vorgeschrieben, wieviele Menschen wir wo treffen dürfen und dass wir uns die Hände desinfizieren. Das ist ja bei uns hier in der Kirche gerade nicht anders.

Solche Vorschriften gibt es aber auch ohne Corona eine Menge. Es fängt an im Straßenverkehr, geht weiter bei der Steuererklärung und endet im Strafgesetzbuch.

Das sind alles Vorschriften, die rechtlich bindend sind. Das heißt, Nichtbefolgung wird geahndet.

Dann gibt es Regeln wie: Lüge nicht! Oder: Betrüge nicht deinen Partner! Das ist eine andere Art von Vorschriften: Sie sind rechtlich nicht unbedingt bindend, aber moralisch geboten. Ob man sie befolgt, ist letztlich eine Frage des Gewissens.

Und dann gibt es die religiösen Gebote. Die sind in der Regel nicht rechtlich bindend, aber auch nicht nur moralisch gemeint. Sie berufen sich meist in irgendeiner Weise auf Gott, als Ausdruck seines Willens und beanspruchen von daher einen besonderen Stellenwert. Auch in der Bibel finden sich viele solcher Gebote. Wie wir mit ihnen umgehen sollen, dazu gibt es durchaus verschiedene Ansichten. Manch ein Gebot hat Konfliktpotential. Es herrscht Uneinigkeit, wie man solche Gebote bewerten soll, innerhalb der Kirche, aber auch zwischen Kirche und Gesellschaft.

 

Auch in der Bremischen Kirche herrscht gerade solche Uneinigkeit.

Es gibt Stimmen in Bremen, die Homosexualität als Sünde beurteilen und sich dabei auf entsprechende Gebote in der Bibel berufen. Die Frage, die dabei entsteht, ist wie verbindlich biblische Gebote sind: Muss man alles befolgen, was sich in der Bibel an Geboten so angesammelt hat? Oder dürfen wir ihnen als Gläubige auch widersprechen? Das war schon zu Jesu Zeiten eine Frage, die zu Konflikten führte. Der Predigttext für diesen Sonntag berichtet davon.

 

3An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen.

24Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Sieh nur, was sie tun. Das ist am Sabbat verboten.«25 Er antwortete ihnen: »Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Männer in Not waren und Hunger hatten?26 Der Oberste Priester war damals Abjatar. David ging in das Haus Gottes und aß von den Broten auf dem Altar. Dabei durften eigentlich nur die Priester davon essen. Aber David gab sogar seinen Männern von den Broten.« 27Und Jesus sagte zu den Pharisäern: »Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat.

Die Pharisäer waren eine Gruppe innerhalb des Judentums, die besonders konsequent die Gebote der Bibel in ihrem Leben befolgte. In ihren Augen war ein gutes gottgefälliges Leben, wenn man möglichst alle biblischen Gebote möglichst konsequent befolgt.Für sie ist der Fall klar: Jesu Jünger verstoßen gegen das biblische Gebot, am Sabbat nicht zu arbeiten. Sie ernten Getreide, und das ist ja strenggenommen Feldarbeit. Die Pharisäer stellen also Jesus für das Verhalten seiner Jünger zur Rede: „Sieh nur was sie tun! Das ist am Sabbat verboten.“ 

Jesus nun reagiert auf den Vorwurf mit einer Geschichte, die auch aus der Bibel stammt. Er erzählt von König David und wie er, als er und seine Leute Hunger hatten Brote vom Altar im Tempel aßen - und das war ihnen eigentlich verboten. Nun ist König David nicht irgendwer, sondern eine zentrale Gestalt im Judentum zur Zeit Jesu. Mit ihm, so die Vorstellung, war Gott einen ewigen Bund eingegangen. Ja mehr noch: An David war die Hoffnung geknüpft, dass Gott eines Tages sein ewiges Friedensreich auf der Erde aufrichten würde. Diesen David nun führt Jesus als Vorbild an. Für ein grundlegendes menschliches Bedürfnis – nach Essen – missachtet er ein religiöses Gebot.

Jesus sagt dann einen ganz entscheidenden Satz: Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht und nicht den Menschen für den Sabbat.

Er scheint ein anderes Verständnis von den biblischen Geboten gehabt zu haben als die Pharisäer: Der richtige Umgang mit Geboten scheint für ihn nicht zu sein, sie in absolutem Gehorsam zu erfüllen, sozusagen ein Leben für die Gebote zu leben. Er dreht es um: Gebote ihrerseits sollen gutes, ein gelingendes Leben ermöglichen, sie sollen eine Hilfe für uns Menschen sein. Und er geht sogar noch weiter: Wenn Gebote nicht hilfreich sind, wenn sie zum Selbstzweck werden, dann ist es legitim, sie nicht zu befolgen, so wie seine Jünger es getan haben. Er nimmt sie in Schutz.

Aber wie soll das gehen? Wenn der Mensch entscheiden darf, ob ihm ein Gebot passt oder nicht, dann wird es doch wie bei Pipi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt. Der Willkür ist doch Haus und Hof geöffnet? Wir sind ja nicht Jesus, im Zweifel nicht einmal besonders weise und kompetent, solche Dinge zu entscheiden. Auf der anderen Seite: Wenn der Gedanke stimmt, dass Gebote für den Menschen sind, und ihm im Leben helfen sollen, dann muss man einige Gebote kritisch sehen. Es wäre hilfreich, wenn Jesus noch dazusagen würde, wann wir das Recht haben, kritisch mit einem Gebot umzugehen. Es bräuchte einen Maßstab, nach dem wir uns richten können. Eine Begrenzung der Willkür. Eine Hilfestellung.

Tatsächlich gibt Jesus sie an einer anderen Stelle. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet er:  »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«.Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Das heißt für mich: Alle Gebote müssen sich letztlich an diesem höchsten Gebot der Liebe messen lassen. Alle Gebote können daran geprüft werden, ob sie helfen, Liebe zu leben. Bei vielen Geboten der Bibel leuchtet das nach wie vor unmittelbar ein: Zum Beispiel bei den 10 Geboten. Du sollst nicht töten etwa, du sollst nicht stehlen, nicht ehebrechen, vor Gericht nicht falsch aussagen - das sind allesamt Gebote, bei denen ich überzeugt bin, dass sie im Sinne der Nächstenliebe hilfreich sind. Andere Gebote sind dann aber kritisch zu hinterfragen. Ich will versuchen, es mal am Beispiel der Homosexualität zu probieren, das ja schon angeklungen ist. Mag ja sein, dass es mal der Nächstenliebe diente, Homosexualität zu verbieten. Zu Zeit der Entstehung des Alten Testaments sah die Welt anders aus als heute. Man lebte in großen Familienverbünden, in Sippen. Das war auch notwendig, denn die Familie war eine Überlebensgemeinschaft. Es gab keinen Supermarkt, keine Rente, keine Sozialversicherung. Durchkommen konnte man nur als Großfamilie. Der Anführer der Sippe war der Patriarch, das Familienoberhaupt. Seine Aufgabe war es auch, Kinder zu zeugen, um das Überleben der Familie zu ermöglichen. Ein Gebot gegen Homosexualität könnte in so einer Situation als Ausdruck von Nächstenliebe plausibler sein als heute: Keine Nachkommen zu haben bedrohte die Existenz des ganzen Familienverbundes. So könnte man versuchen, das Gebot gegen Homosexualität in seiner Entstehungszeit zu verstehen.Vielleicht muss man sich an dieser Stelle aber auch eingestehen, dass das Gebot damals schon einfach nur diskriminierend war, weil man in der Sippe mit Homosexualität nicht umgehen konnte oder wollte.

Heute ist es auf jeden Fall eine andere Situation. Liebesbeziehungen und Sexualität sind nicht mehr zwingend auf die Fortpflanzung ausgerichtet – in unserer Zeit gibt es Familienplanung und Verhütung etc. Homosexualität ist auch nicht mehr existenzbedrohend für ganze Großfamilien. Ein Gebot gegen Homosexualität ist in unserer Gesellschaft nicht mehr wesentliche Voraussetzung für gelingendes Leben, sondern erschwert es im Gegenteil bei homosexuellen Menschen. Insofern, müsste man es wohl mit Jesus kritisch, ob das Gebot für uns heute noch gilt. Es ist in unserer Lebenswelt nicht mehr plausibel, wie es zu gelingendem Leben und gutem Miteinander beitragen soll, wenn wir homosexuelle Beziehungen kirchlich verbieten wollen.

Ich glaube: Wo immer die Liebe als Maßstab aus dem Blick gerät, drohen Gebote zum Selbstzweck zu werden. Andere Menschen werden dann abgewertet, Gebote werden zum Nährboden für Dogmatismus und Fanatismus. Statt zu helfen bewirken sie in dann Unheil. Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat.

Damit ist eine große Freiheit verbunden, aber auch eine große Verantwortung. Es ist einfacher, wenn man es wie die Pharisäer macht: Das sind die Gebote, an die kann ich mich halten, dann handel ich gut. Das gibt Sicherheit. Aber ich glaube, wenn wir Jesus nachfolgen, dann ist das nicht unser Weg. Jesus nachzufolgen bedeutet für mich an dieser Stelle, nicht einfach die Bibel wörtlich zu nehmen. Sondern zu überlegen, wie das Liebesgebot in unserer Zeit zu leben ist. Und eigentlich haben wir Menschen auch ein Gespür dafür, was liebevoll und lebensförderlich ist. Dem nachzugehen ist die Herausforderung. Der Kirchenvater Augustin formulierte es einmal so: Liebe und tu, was du willst.

Amen.

                                 Vikar Eike Blüthner

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