Veröffentlicht von Claus Nungesser am Mo., 19. Okt. 2020 08:08 Uhr

... und in gedruckter Version vor den drei Gemeindezentren. Sagen Sie es gern weiter!

Predigt zum Mitnehmen vom 18.Oktober 2020

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, der uns das Leben schenkt!

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister,

Ich habe Euch und Ihnen etwas mitgebracht, ich habe es aus meinem vollen Kleiderschrank geholt. Da ist einmal eine schon ziemlich alte Strickjacke, an manchen Stellen fadenscheinig, grau, nicht sehr ansehnlich. Außer Haus trage ich sie nicht, doch ich hänge an ihr. Zum andern ein recht neues Hemd, eine schöne Farbe, nicht zu üppig, doch strahlend. Auch dieses Kleidungsstück trage ich gerne. Alt und neu nebeneinander, in meinem Schrank, in meinem Leben. Soviel zu mir, jetzt komme ich zu „uns“.

„Uns“ sind die etwa 82 Millionen Menschen, die in Deutschland leben. 60 Stücke. Jedes Jahr kaufen alle 82 Millionen Menschen, Kinder, Erwachsene, in Deutschland so viele Kleidungsstücke, Unterwäsche, Strümpfe, Oberbekleidung in allen Variationen. Ein Viertel unserer Kleidung im Schrank tragen wir fast nie.

Natürlich, das sind alles Durchschnittswerte. Meine Vermutung ist, dass „wir“ hier davon weit entfernt sind. Doch Kleidung hat für uns alle eine Bedeutung. Wir sind die einzigen Lebewesen, die so etwas machen, sich etwas anziehen. Kleidung ist nützlich, sie schützt uns. Kleidung gefällt uns, wir wählen sie nach unserem Geschmack aus.

Kleidung zeigt etwas von uns, wir zeigen Anderen ein Bild von uns.

Wir schauen einander praktisch nie nackt an, sondern haben immer eine Hülle um uns. Im Frühling und Sommer leichter und luftiger, im Herbst und Winter schwerer und wärmer.

Manche legen sehr viel Wert auf das, was sie anziehen, wählen sorgsam aus. Manche gehen immer mit der Mode und wechseln häufiger Kleidung im Schrank aus. Wenige tragen ihre Sachen bis zum Verfall, die einen weil sie es müssen, die anderen, weil sie es wollen.

 

Liebe Geschwister,

das Wort „Kleidung“ kommt in unserem heutigen Bibeltext gar nicht vor, dennoch steht das Bild der Kleidung dahinter.

Ich lese uns einen Abschnitt aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus. Vor 2.000 Jahren war sie eine sehr bedeutende Handelsstadt des römischen Reichs in Kleinasien, der heutigen Türkei. Also so etwas wie Bremen heute ... Die christliche Gemeinde ist eine der ersten Gemeinden überhaupt, sie entstand etwa 15 Jahre nach Jesu Tod. Im Brief an die Gemeinde heißt es im vierten Kapitel:

„Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. …

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

(Brief an die Gemeinde in Ephesus, Kapitel 4, Verse 22-28 + 31-32, Übersetzung nach M. Luther, 2017)

Liebe Geschwister,

am Beginn unseres Bibelwortes wird gleich aufgefordert: legt den alten Menschen ab, zieht den neuen Menschen an. Ihr Menschen in der Gemeinde in Ephesus: Legt den alten Menschen wie ein Kleidungsstück ab und zieht den neuen Menschen wie ein frisches Gewand an. Es ist ein biblisches Bild der Heilung.

Das Bild vom Ausziehen und Anziehen atmet den Geist der Erneuerung von Menschen aus ihrem Glauben an die Liebe Gottes.

Gottes Geist bringt Menschen dazu, ihr Leben genauer und tiefer anzusehen, Daraus kann die Einsicht erwachsen: So geht es nicht weiter mit mir. Ich brauche etwas anderes, damit ich heiler werde. Ich tue mir und anderen mit Manchem nicht gut. Ich bin zum Beispiel verstrickt in „falsche Begierden“, das könnte heute sein, dass ich unter einem Zwang leide, mir ständig neue Klamotten zu kaufen, die ich gar nicht brauche. Oder ich belüge andere und damit auch mich selbst. Ich mache mir vor, dass doch alles ganz okay ist, dabei leide ich an mir.

So oder ähnlich ließen wir uns als „alte“ Menschen beschreiben, die nicht weiter kommen und fest stecken - obwohl sie sich nach einem erfüllten Leben sehnen.

Jesus selbst hat Menschen herausgefordert, ihr Leben im Lichte des Reiches Gottes zu ändern. Die Evangelien nennen das in alter Sprache: Buße tun und zu Gott umkehren, weil Gott die Fülle und das Gute für uns will. Und immer wieder erleben Menschen Wunder, wenn sie sich auf Jesu Botschaft einlassen - Frauen und Männer, sie folgen Jesus auf seinem Weg der Liebe, sie legen alte schwere Kleider ab, sie legen neue schöne Lebenskleider an

Jesu Ruf zur Umkehr und seine Botschaft der Liebe sind nicht mit seinem Tod verstummt. Sie drang bis nach Ephesus, sie rührt bis heute Menschen an, verändert sie zum Guten. Lässt sie einen alten Menschen ablegen und einen Neuen anziehen.

Liebe Geschwister,

Kein Mensch, der sich nur ein wenig kennt, ist so blauäugig zu denken: das ist ja ganz einfach: ich ziehe das Schlechte aus und das Gute an, so wie ich die Kleider wechsle. So naiv war Jesus nicht, so naiv ist der Epheserbrief nicht. Dennoch finde das Bild vom Kleiderwechsel stark.

Es ist stark, weil es ermutigt: Du brauchst nicht ein ganz anderer zu werden. Sonst wärst Du nicht mehr der Mensch, der Du bist. Nicht mehr genaue dieser von Gott geschaffene Mensch. Doch Kleidung kannst Du wechseln - Du kannst etwas ändern, Du bist nicht festgelegt, immer das gleiche zu tragen! Das Bild ist großartig, weil es zeigt: Ich bin nicht als ganzer Mensch schlecht, hässlich und böse. Ich muss nicht ganz anders werden, in mir ist auch Gutes, das im Moment durch das alte Kleid nicht erkennbar ist.

Das Bild vom Kleiderwechsel ist stark, weil es in eine gute Zukunft weist: Das neue Gewand ist passt besser zu mir, es macht mich schöner - auch für andere. Rufe zur Buße, so sagt es der weise Fulbert Steffensky, sind Verlockungen zu einem neuen Leben. Umkehr nimmt die Zukunft in den Blick.

Liebe Geschwister,

Was es mir oft schwer macht, Altes abzulegen und Neues zu leben sind natürlich in meinen Augen falsche Gewohnheiten. Die leben ja davon, dass sie sich so eingeschliffen haben, so hartnäckig sind. Mit gutem Willen allein kommen ihnen nicht bei. Dem Predigtwort geht es auch um Gewohnheiten, die mir nicht gut tun. Doch das wäre zu wenig. Es sind vielmehr sehr handfeste Ermahnungen zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit. Wir wissen, dass es uns und unserem Miteinander schadet, wenn wir nicht wahrhaftig sind. Das kann beispielsweise sein: Wir gehen uns aus dem Weg gehen und lassen die Sonne eben doch über unserem Zorn untergehen; das kann sein: wir reden hinter dem Rücken der anderen über sie; das kann sein: wir bestehlen andere, indem wir Kleidung kaufen, die so billig ist, dass wir damit den Näherinnen einen gerechten Lohn vorenthalten.

Das ist eine größere Dimension, das hat mit Kleidung zu tun. Da sind wir alle gefragt.

Denn liebe Geschwister, ich bin mal wieder erschrocken, als ich das las:

Im 21. Jahrhundert ist die Menge der weltweit produzierten Kleidung stark gestiegen, hat sich in 15 Jahren verdoppelt und wird wohl weiter steigen. Zugleich tragen wir unsere Kleidung deutlich kürzer. Die Welt erstickt in Kleidung - die reiche Welt. Kleidung ist zur Wegwerfware geworden, ständig gibt es neuen modischen Nachschub. Es gibt kaum wirkliches Recycling.

Die Produktion, der Transport, die Lagerung und das Entsorgen von Kleidung verursacht mehr CO2 als der weltweite Flug- und Schiffsverkehr zusammen!

Wir sehen das auch auf unserem eigenen Marktplatz in Heilig-Geist: die Kleidercontainer und die Kirche platzen aus allen Nähten. Wir ziehen dem „Alten Menschen“ ständig neue Kleider über, weil wir meinen, unsere Begierde nach frischem Aussehen stillen zu sollen.

Ich merke selbst, wie schwer es mir fällt, mich dem Reiz der neuen Schuhe, der neuen Hose, dem neuen Schal zu entziehen. Wie verführbar ich bin, wie schwer ich den Verlockungen widerstehen kann. Wie gelingt mir Veränderung?

Ich befrage dazu noch einmal das Bild vom Alten und Neuen Menschen, vom Kleiderwechsel. Ja, unser Leben ist ein dauerndes Hin- und Her zwischen unserem Alten und unserem Neuen Menschen, beides ist in uns:

Schönheit und Reinheit neuer Anfänge, der Umkehr zu Gott, zu uns selbst, zueinander. Die Einsicht, dass wir von Gott haben, was wir wirklich zum Leben brauchen. Und das Falsche, Verderbliche, Trennende, was eine zerstörerische Kräfte hat.

Was mich tröstet und stärkt, mich und diese Welt nicht aufzugeben, steht am Ende unseres heutigen Wortes: Gott vergibt und ist gnädig.

Das ist ein wunderbarer Startpunkt für den täglichen Kleiderwechsel von Alt zu Neu. Nicht um den Konsumkreislauf am Leben zu halten, sondern damit wir als Einzelne und als Gemeinschaft zu dem finden, was uns wirklich trägt. Denn in Gottes Augen tragen wir schon, was uns wie angegossen passt, worin wir am Schönsten sind, worin wir am meisten strahlen, was nie aus der Mode kommt.

AMEN

                 Pastor Claus Nungesser

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