Veröffentlicht von Angela Walther am Mo., 5. Okt. 2020 12:00 Uhr

... und in gedruckter Version vor den drei Gemeindezentren. Sagen Sie es gern weiter!

Predigt zum Mitnehmen zum Erntedankfest, 4.10.2020

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde am Erntedankfest, haben Sie heute gut gefrühstückt? Sind Sie satt und fühlen sich wohl? Ja? Mit knurrendem Magen wäre es schwer, einer Predigt zu folgen. Das merkten auch die Menschen, die Jesus in eine einsame Gegend hinterhergezogen waren. Sie waren schon lange unterwegs und hatten Hunger bekommen. Unser Predigttext steht im Markusevangelium in Kapitel 8, 1-9:

Als sich in jenen Tagen wiederum viel Volk eingefunden hatte und sie nichts zu essen hatten, rief er die Jüngerinnen und Jünger zu sich und sagte ihnen: »Ich werde durch das Volk angerührt, denn sie bleiben schon seit drei Tagen bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie ohne Essen nach Hause gehen lasse, werden sie unterwegs entkräftet zusammenbrechen; einige von ihnen sind von weit her gekommen.« Da antworteten ihm seine Jüngerinnen und Jünger: »Wie könnte hier in der Einöde irgendeine Person diese große Menschenmenge mit Broten sättigen?« Er fragte sie: »Wie viele Brote habt ihr bei euch?« Sie sagten: »Sieben«. Da gebot er dem Volk, sich wie zum Essen auf die Erde niederzulegen. Und er nahm die sieben Brote, sprach den Brotsegen, brach sie und gab sie seinen Jüngerinnen und Jüngern, damit sie die Speise austeilten. Sie teilten sie an das Volk aus. Außerdem hatten sie einige kleine Fische. Er sprach das Segensgebet und gebot, auch diese auszuteilen. Und sie aßen und wurden satt. Sie hoben auf, was an Resten übrig blieb: sieben Körbe. Sie waren aber ungefähr 4000 Menschen. Und er schickte sie fort. (Die Bibel in gerechter Sprache)  

Liebe Gemeinde, waren Sie schon einmal in unserer Heilig-Geist-Kirche, die den Marktplatz der Begegnung beherbergt? Dann kennen Sie bestimmt die Eingangstür aus Bronze, die der Künstler Gerhart Schreiter geschaffen hat. Vorn auf dem Gottesdienstblatt können Sie sie sehen. Darauf ist unser Predigttext bildlich dargestellt. Auf der Tür gibt es viel zu entdecken: Eine große Menschenmenge. Die meisten Personen stehen, andere sitzen. Wie viele es sind? Mit dem bloßen Auge ist die Zahl schwer zu schätzen. Der Evangelist Markus berichtet, es seien 4000 Leute gewesen. So wird die Erzählung auch die „Speisung der 4000“ genannt. Ob damals jemand nachgezählt hat? Vermutlich nicht. Es waren zu viele Menschen. Markus schrieb einfach 4000. 4000 wurde in biblischen Zeiten als Bezeichnung für eine unübersichtlich große Zahl gebraucht, ähnlich wie wir heute die Begriffe „massenhaft“ oder „scharenweise“ verwenden. Und all diese unzähligen Menschen waren hungrig.

Einige Kinder laufen außen an der Heilig-Geist-Kirche vorbei und bleiben an den Bronzetüren stehen. Sie fragen: „Was tun die Leute da?“ Ein kleines Mädchen zeigt auf den Inhalt eines der Körbe und sagt: „Sieht aus wie Popcorn“. Brote und Fische sollen es laut biblischer Geschichte gewesen sein, die Grundnahrungsmittel am See Genezareth. Wenn Sie das Gottesdienstblatt aufschlagen, können Sie die Szene auf dem oberen Bild sehen. Einer der Männer, ganz links, segnet den, der neben ihm steht und richtet dabei seinen Blick zum Himmel. Das ist Jesus, kaum größer als die anderen Menschen und doch fällt der Blick sogleich auf ihn. Jesus hat Brot und Fische gebrochen und sie den Jüngern gegeben. In der Bibelübersetzung in gerechter Sprache werden auch Jüngerinnen erwähnt. Bibelforscher nehmen an, dass auch Frauen unter den Jüngern waren und dass sie später sogar einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der ersten Gemeinden geleistet haben. Leider hat Gerhart Schreiter die Jüngerinnen in seiner Darstellung vergessen. Aber bestimmt sind sie mit dabei gewesen. Gemeinsam mit den Jüngern laufen sie los und verteilen den Inhalt der Körbe. Die Menschen drängen sich um sie. So hungrig sind sie. Hinterher sind alle satt. Offensichtlich, so nimmt der Bibelleser an, haben sich die Stücke vermehrt, denn am Ende sind ja mehrere Körbe übrig. Oder hatten die vielen Leute vielleicht doch noch mehr zu essen in ihren Taschen, als zunächst gedacht und haben diese Reserven dann auch geteilt? Zu den Zeiten, in denen Jesus lebte, war die Grenze zwischen Wunder und Alltag in der Wahrnehmung der Menschen noch viel fließender. Sie fragten weniger kritisch nach, wie etwas nach den Naturgesetzen logisch funktionieren konnte. Vielleicht trauten sie Gottes Handeln auch mehr zu als wir es heute tun. Ich glaube, es ist für das Verständnis der Erzählung nicht wichtig zu wissen, ob übernatürliche Kräfte am Werk waren oder nicht. Die entscheidende Botschaft ist: Gott sorgt für uns Menschen, dass wir satt werden.


So ist es auch auf unseren Türen der Heilig-Geist-Kirche dargestellt, mit vielen Details. Auf dem unteren Bild des Gottesdienstblattes wird ein Jünger mit seinem Korb von der Menschenmenge umringt. „Ob mein Brot für all die Vielen reicht?“ mag er sich fragen. Was wird er denen sagen, die vielleicht nichts mehr bekommen, wenn der Korb leer ist?“ Hoffentlich muss er niemanden hungrig wegschicken. Er braucht Gottvertrauen. Und tatsächlich. Die Ersten sind schon satt. Sie sind auf dem oberen Bild auf der Rückseite des Gottesdienstblattes zu sehen. Nach dem Essen haben sie sich einen Platz am Rand gesucht. Dort sitzen sie zufrieden und unterhalten sich.


Sympathisch finde ich, dass der Künstler Gerhard Schreiter auch Mütter mit Kindern dargestellt hat. Sie werden im Bibeltext nicht erwähnt, waren aber sicher auch unter dem Volk! (Bild zeigen) Auch sie haben sich an den Rand der Menge gesetzt. Eine hält Ihr Baby auf dem Schoß, die andere hält Ihr Kleinkind an den Händen, das gerade seine ersten Schritte tut. Sie erinnern mich an Mütter, wie sie auch in unserem Stadtteil unterwegs sind und den Marktplatz der Begegnung besuchen. Vielleicht fragt sich auch so manche von ihnen: „Wird das Geld bis zum Monatsende reichen? Kann ich zu Hause gutes Essen auf den Tisch bringen, vielleicht auch ein paar Stücke Obst? Und kann ich meinem Kind auch sonst alles bieten, was es braucht?“ Manches davon finden die Mütter hinter der Tür der Heilig-Geist-Kirche. Auf dem Marktplatz der Begegnung werden günstig gebrauchte Kinderkleidung, Babyausstattung und Spielsachen angeboten.

Damit es uns gut geht, braucht es noch mehr als nur das Essen. Aber auch dafür ist nach der Interpretation von Gerhard Schreiter gesorgt: Auf dem Bild unten links sehen Sie ein besonderes Detail der Bronzetür: Ein Fahrrad! Hier in der Vahr ist es das Hauptverkehrsmittel, auf das die Menschen in ihrem Alltag angewiesen sind. Doch was hat das Fahrrad in der biblischen Geschichte verloren? Das erste Rad, ein Laufrad von Karl Drais, wurde erst im Jahre 1817 patentiert! Der Künstler Gerhart Schreiter hat die biblische Erzählung durch dieses Detail in die Gegenwart gerückt: Es ist auch jemand mit dem Fahrrad angeradelt gekommen, um Jesus zuzuhören. So, als wäre er geradewegs aus der Fahrradwerkstatt unseres Sozialdiakons Christoph Buße gekommen, wie jemand von uns! Als Betrachter des Portals sind wir eingeladen, uns gedanklich zu den Menschen dazu zu gesellen. Das tue ich gern. Ich denke mich hinein in eine Zeit vor Corona, als es noch ungefährlich war, Menschenansammlungen zu besuchen und wir beim geselligen Essen noch an keine Hygieneregeln denken mussten. Ich stelle mir einmal vor, ich bin eine von den Personen auf der Tür. Mit wem kann ich mich am ehesten identifizieren? Stehe ich hungrig in der Menge? Oder bin ich schon satt und sitze am Rand? Bin ich eine der sorgsamen Mütter, der Mann, der noch schnell mit dem Fahrrad dazu gekommen ist, oder gar einer der fleißigen Jünger? Vielleicht bin ich aber auch eine von den Sorgsamen, die nach dem Essen die Brocken aufgesammelt haben, die zu Boden gefallen waren. Auch die sind ja in einer Gemeinschaft wichtig, die zupacken, mit aufräumen helfen und darauf achten, dass nichts umkommt. Oft werden gerade sie zu wenig wahrgenommen.

Hinter der Tür versammeln sich Menschen aus der Gemeinde und aus dem Stadtteil. Sie treffen sich zur Andacht oder um auf dem Marktplatz zu stöbern. Sie suchen sich gebrauchte Dinge aus, die viel zu schade für den Müll sind, leisten dadurch einen Beitrag für die Umwelt und unterstützen mit einem Unkostenbeitrag einen guten Zweck. Ähnlich wie auf der Bronzetür bekommen sie, was sie brauchen, erfahren dabei Gemeinschaft und oft ist auch auf dem Marktplatz am Ende noch etwas übrig, das niemand mitgenommen hat.

Heute am Erntedanktag feiern wir, dass Gott uns sattmacht, mit dem was wir zum Leben brauchen. Dafür stehen die Erntegaben auf dem Altar. In der biblischen Erzählung verteilen die Jüngerinnen und Jünger Brote und Fische, denn die Menschen aus der Menge haben Hunger. Auch von uns sind viele hungrig, hungrig im übertragenen Sinne. Viele von uns haben Sehnsucht, dass unser Leben endlich wieder so wird wie früher vor Corona. Wir sehnen uns nach menschlicher direkter Nähe, ohne Abstand. Wie viel doch früher manchmal ein kleiner Händedruck ausmachen konnte, von einer Umarmung ganz zu schweigen! Wir sorgen uns, wegen der steigenden Fallzahlen bald vielleicht wieder mehr Einschränkungen angeordnet werden. Trotzdem stehen wir nicht mehr so da wie am Beginn der Pandemie. Ich denke ein halbes Jahr zurück an den Beginn der ersten Welle. Im Rückblick schmunzele ich, wenn ich mich an die Hamsterkäufe erinnere. Dabei hatte auch ich mich gesorgt, die Nahrung könne knapp werden oder das Toilettenpapier, ich gebe es zu! Wie gut, dass diese Sorge unbegründet gewesen ist. Heute können wir Gott danken, dass wir alle genug zu essen hatten und die Supermarktregale weiterhin gut gefüllt sind. Doch die Ungewissheit bleibt. Menschen spüren: Es braucht mehr als nur das tägliche Brot, damit es uns gut geht, damit wir uns wie „satt“ fühlen. Ich glaube, dieses Jahr zu Erntedank ist uns in besonderer Weise bewusst: Das, was wir früher für selbstverständlich hielten, ist gar nicht selbstverständlich: In der Pandemie Gottesdienst feiern, geöffnete Kitas und Schulen, Besuche im Altenheim, Treffen im Freundeskreis, Menschen in der Gemeinde sehen, auf dem Marktplatz der Begegnung stöbern, ein Gitarrenkonzert anhören und noch manches mehr. All dies mussten wir im Lockdown entbehren. Dass es unter Wahrung besonderer Regeln wieder möglich ist, dafür können wir Gott danken! Auch, wenn wir und unsere Nächsten bislang vom Coronavirus verschont geblieben sind, ist das ein Grund, „Danke“ zu sagen.

„Wie sollen wir alle sattbekommen?“, fragten sich damals die Jünger und Jüngerinnen bei Jesus. „Wie können WIR alle „satt“ werden, auch im übertragenen Sinne,“ fragen wir uns,“ bei all den Einschränkungen, die wir ertragen müssen und denen, die wieder auf uns zukommen könnten?“ Die Geschichte von der Speisung der 4000 macht uns Hoffnung, auf Gott zu vertrauen wie die Jünger. Lasst uns das, was wir haben und was möglich ist, miteinander teilen, so gut es geht! Lasst uns dabei an die vielen hungrigen Menschen denken, die Jesus folgten und die dann doch noch satt geworden sind!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

Kategorien Neues aus der Gemeinde