Veröffentlicht am So., 30. Aug. 2020 10:00 Uhr

Hängt in Papierform auch in den 3 Gemeindezentren - das letzte Mal!

Bibeltext: 1. Korinther 3,9-15

Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.

Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.

Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden.  

Predigt 1. Korinther 3,9-15

Ein Fach, das man als angehende Pastorin lernen muss, ist Gemeindeaufbau. Der Profi, von dem man dazu etwas in der Bibel lernen kann, ist Paulus. Er hat Gemeinden aufgebaut, und was für welche: Reiche und Arme hat er in Korinth zusammengeführt, halbatheistische Hipster in Athen hat er für Jesus begeistert und, und, und. Wieder ist Paulus bei den Korinthern. Sie sind auf der einen Seite seine Lieblingsgemeinde und andererseits seine Sorgenkinder.

Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“, schreibt Paulus. Ein reiches, weites Feld liegt vor der Gemeinde, ein großer Bauplatz, auf dem ein glänzender Neubau entstehen kann. Phantasien entstehen, wie der Bau aussehen kann: Schön und liebevoll. Nachhaltig und zukunftsfähig. Als Heimat für viele und Zuflucht für Fremde.

Paulus kennt aber seine Pappenheimer und mahnt auch schon zur Vorsicht:  „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut!“ Er weiß schon: Sicher, knallt da mal eine Tür. Bestimmt lässt mal einer was liegen. Darum, den Rasen zu mähen, wird sich keiner reißen.

Gemeindeaufbau ist eine schwierige Kunst. Viele Bauleute sind unter einen Hut zu bekommen. Das Ziel ist meist schnell klar: die Räume sollen voller Leben sein. Die Umsetzung ist eine Herausforderung.

Gemeinden sind wie Häuser. Das Fundament ist gelegt. „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut (1 Kor 3,10)!“ Es braucht jede Hand beim Hausbau. Jeder und jede nach seinen und ihren Gaben. Pflastern und Streichen. Chorsingen und Gitarre am Lagerfeuer. Zimmern und Montieren. Kuchenbacken und Geschichten erzählen. Bohren und Schleifen. Eine Hand halten und Sehnsucht wecken. Sägen und Fräsen. Glauben stärken und Tränen trocknen. Alles ist nötig. Gemeinden baut man wie Häuser. Alle werden gebraucht. Der eine legt den Grund, die andere baut weiter. Der eine gießt Beton, die andere schmückt die Wand. Der eine organisiert ein Fest, die andere besucht die Kranken. Jeder und jede nach seinen Gaben. Nur gemeinsam kann es gelingen, Hand in Hand mit Herz und Verstand.

Ich wünsche mir eine Gemeinde als Team. Ich wünsche mir, dass alle gebraucht werden, und dass die Arbeit von allen geschätzt und bewundert wird. Tellerwaschen und Lobreden halten sind gleich wichtig und schön. Musizieren und Briefefalten dienen gleichermaßen der Gemeinde und verdienen Dank und Anerkennung. So wünsche ich mir Gemeinde. Alle tun, was sie können und freuen sich an den Gaben, die die anderen einbringen, weil ich sie selbst nicht beherrsche.

Ein Team wird gebraucht. Doch ganz schnell ist da die Konkurrenz. Das war in Korinth so, das ist in Bremen nicht anders. Wer ist hier die tragende Säule? Wer der Fußabtreter? Wer hat das Sagen auf der Baustelle, wer schleppt die Steine und wessen Pläne werden umgesetzt? Manchmal scheiden sich auch die Geschmäcker und manchmal widersprechen sich die Kompetenzen. Dann wird gestritten. Sanieren wir das Dach von innen oder von außen? Welche Akzente setzen wir in der Inneneinrichtung?

Die Diskussion um diese Fragen ist manchmal notwendig und das Ergebnis ist gewinnbringend. Meistens erlebe ich aber, dass hier die Eitelkeiten einiger zu Markte getragen werden. Es geht dann nicht mehr um das Ziel der Sache. Es geht darum, dass nur meine Idee zählt. Dann ist das Team am Ende. Dann verabschieden sich klammheimlich Menschen, die sich übergangen fühlen, die keiner sieht.

Gemeindeaufbau muss man lernen. Gerade die Pastorinnen und Pastoren sind in der Gefahr, gute Teams zu verhindern. Das erlebe ich nicht selten, manchmal auch an mir. Wir versuchen, gute Teamplayer zu sein, allen zuzuhören und abzuwägen. Aber allzu oft erlebe ich, dass dann hintenrum oder ganz offen die pastorale Autorität ausgepackt wird. Dann wird halt doch gemacht, was der Herr Pastor sagt. Ich habe in diesem Zusammenhang mal den Satz gelernt: »Jede Gemeinde hat die Pastorin / den Pastor, die sie sich ausgesucht hat.« Das stimmt. Es stimmt aber manchmal auch: »Jeder Pastor, jede Pastorin hat die Gemeinde, die er oder sie sich gemacht hat.«

Wir brauchen Teams, in denen ich als Pastorin ein Teil bin wie der Küster, die Organistin, der Mann für den Blumenschmuck und die Frau, die die Finanzen im Griff hat. Solange wir einander vertrauen und wertschätzen läuft der Laden. Wenn sich ein Mitglied aber für besser, anders, klüger hält als andere, dann ist das Team am Ende. Das ist das Ende christlicher Gemeinden. Das wusste schon Paulus.

„Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Gemeinden sind wie Häuser. Dass die einzelnen Häuser verschieden sind, macht den Charme einer Stadt oder eines Dorfes aus. Nur Villen, nur Plattenbauten, nur die ewig gleichen Geschäftsgebäude – wie langweilig! Sowohl für die Stadtentwicklung als auch für die kirchliche Landschaft. Luxusloft, Fachwerkhaus mit Jägerzaun, Jugendstilvilla, der Bauwagenplatz – alle bunt und vereint auf einem Fundament. Das wäre eine Stadt Gottes, das wäre eine Kirche ganz nach meinem Geschmack! Das Fundament ist gelegt. „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut (1 Kor 3,10)!“

Gemeinden sind wie Häuser. Sie sind nie fertig. Immer geht etwas kaputt und muss repariert werden. Ein undichtes Fenster ist einfacher heil zu machen als eine verletzte Seele. In Gemeinden und Häusern muss immer wieder alles gepflegt und angepasst werden. Und das möglichst ohne Leichen im Keller zu hinterlassen oder dass jemand den Notausgang nimmt. Häuser und Gemeinden leben und wandeln sich. Immer ist etwas im Bau. Und Baustellen können gefährlich sein. Man kann sich selbst oder andere verletzen, man kann die Kraft, die Lust und in all dem Kleinklein auch den Blick fürs Ganze verlieren. Dann muss man sich fragen, was und warum man es tut.

Es gibt eine schöne Geschichte. „Drei Steinmetze arbeiten auf einer Baustelle. Ein Passant fragt sie danach, was sie tun. Der erste Steinmetz räumt mürrisch Steine zusammen und sagt: ‚Ich verdiene meinen Lebensunterhalt.‘ Der zweite Steinmetz klopft mit wichtiger Miene weiter auf seinen Stein, während er antwortet: ‚Ich liefere die beste Steinmetzarbeit weit und breit.‘ Der dritte Steinmetz aber schaut den Fragenden ruhig und mit glänzenden Augen an und sagt: ‚Ich baue eine Kathedrale.‘ “ Warum und wofür bauen wir? Für Brot und Geld? Fürs eigene Ego? Für eine Sehnsucht, einen Traum…

Ich möchte, dass wir alle einen Traum bauen. Zum Traum gehören Wasser, Brot und Auskommen für alle. Zum Traum gehört, dass ich gesehen werde. Zum Traum gehört, dass wir gemeinsam arbeiten, in Solidarität und Geschwisterlichkeit. Wir arbeiten an einem Traum. Aber es ist nicht mein Traum und auch nicht der anderer Menschen. Wir bauen an Gottes Traum, an Gottes Reich, an Gottes Zukunft.

Der Traum ist ein großes offenes Haus. „Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Wir selbst halten das Haus offen. Mein Herz für andere ist eine offene Tür für alle Menschen, seien sie mir ähnlich oder völlig fremd. Meine helfende Hand ist ein sicherer Boden für die, die Hilfe suchen. Mein wacher Geist ist ein offenes Fenster für Gedanken, die die Welt verändern. Mein lachender Mund ist eine Spielwiese für Narren und Clowns. Meine offenen Arme sind stabile Wände für alle, die Trost und Schutz brauchen. Das ist der Traum, den Gott träumt. Wir halten seine Welt aufrecht und bauen sie Stein für Stein.

Aber wie merke ich, dass es nicht einfach mein Traum ist, meine Illusion, mein Wille, sondern Gottes Zukunft? Ich schaue auf Jesus, das Kind Gottes. Er hat sein Herz offen gehalten, mit seiner Hand Hilfe angeboten. Sein Mund konnte lachen und sein Geist denken. Er breitete die Arme aus und sagte: »Kommt zu mir!« Er ist der Anfang von Gottes Reich, der erste Baustein, auf dem Paulus weitergebaut hat, in Korinth bis nach Bremen, bis an die Enden der Welt.  Denn wir haben einen Grund, der uns alle trägt, unerschütterlich und ewig, „der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (1 Kor 3,11).“ Amen

Pastorin Yvonne Ziaja

 

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