Veröffentlicht von Angela Walther am So., 16. Aug. 2020 13:37 Uhr

Liebe Gemeinde, versetzen wir uns gedanklich in die Zeit des entstehenden Urchristentums zurück:

60 n. Chr. Samuel und Andreas, zwei junge Männer, laufen durch die Gassen ihrer Stadt. Niko Krause schlüpft in die Rolle des Andreas, Samuel wird von Martina Goll gesprochen.

Samuel: Schön, dass wir heute mal wieder gemeinsam in der Synagoge gewesen sind. Wie früher, Andreas! Kommst du nachher auch wieder mit zum Essen zu uns?

Andreas: Oh, Samuel, dass schaffe ich heute nicht. Ich möchte heute Abend noch in die Ekklesia. Du weißt ja, so heißt die neue Gemeinschaft der Christen. Wir treffen uns heute wieder bei einem aus der Gruppe zu Hause.

Samuel: Ach ja die Ekklesia, deine neue Gemeinschaft! Aquila, Stephanus und Simon gehen da ja jetzt auch alle hin. Hey, seit ihr euch dort immer noch trefft, hast du nur noch wenig Zeit.

Andreas:

Weißt du, Samuel, ich bin auf der Suche. Der alte griechische Glaube an die vielen Götter überzeugt mich schon lange nicht mehr. Daher hatte ich begonnen, zu euch in die Synagoge zu kommen. Auch wenn ich eigentlich kein Jude bin. Ihr glaubt an einen einzigen Gott, der die Welt geschaffen hat und alles in seinen Händen hält. Da kann ich innerlich mitgehen. Dann hörte ich von der Ekklesia und war neugierig. Auch in der Ekklesia finde ich Antworten auf manche Fragen. Dort sprechen sie immer von der frohen Botschaft, die sie Evangelium nennen, und von Jesus. Das gefällt mir. Außerdem mag ich die Treffen. Wir sitzen zusammen, reden und essen. Die Leute dort sind sehr nett.

Samuel (augenzwinkernd): Ist nicht auch Salome dort, mit der du neulich auf dem Fest zusammengesessen hast? Bestimmt gehst du auch wegen ihr dorthin…

Andreas (dreht den Kopf verlegen zur Seite): Ach!

Samuel: Komm, gib´s zu!

Andreas: Jetzt mal im Ernst, was mir wirklich gefällt: In der Ekklesia, bei den Christen, gehöre ich mehr dazu als bei Euch in der Synagoge, weißt du? Dabei bin ich noch gar nicht getauft! Bei euch in der Synagoge bin ich als Nichtjude irgendwie immer nur zu Gast. In der Ekklesia, sagen sie, unser alleiniger Gott, der ist für alle Menschen da, egal ob sie nun aus dem Volk der Juden oder einem anderen Volk stammen.

Samuel: Ich kann verstehen, dass du dich bei denen in der Ekklesia wohlfühlst.

Sag mal, glaubst du eigentlich wie die anderen Christen auch, dass der Messias schon gekommen ist?

Andreas: Ja, das glaube ich immer mehr. Unser Messias heißt Jesus Christus.

Samuel: Könnte ja jeder daherkommen und behaupten, er sei der Messias.

Andreas: Da schaltest du deine Ohren auf Durchzug. Von Jesus ging eine große Kraft aus. Irgendwas muss an den Berichten von ihm dran sein. Ich würde dir noch viel mehr von ihm erzählen, aber nur, wenn du es hören willst.

Samuel: Ach, lass mal. Ich bin Jude, meine Familie ist jüdisch. Wir halten an unseren Traditionen fest, brauchen keine neue Lehre. In der Thora steht doch von der besonderen Beziehung Gottes mit unserem jüdischen Volk. Glaubt ihr in eurer Ekklesia denn nicht mehr daran?

Andreas: Doch klar, Ihr Juden bleibt das auserwählte Volk Gottes. Aber wir glauben, dass Gott alle anderen Menschen in die Glaubensgemeinschaft mit hineinnimmt. Neulich haben wir in der Gemeinde einen Brief bekommen, eine Kopie eines Textes von unserem Lehrer Paulus, und da geht es genau um dieses Thema. Ich habe mir ein paar Verse notiert. Willst du sie hören?

Samuel: Nun bin ich neugierig:

Andreas zieht ein kleine Rolle „Pergament“ mit handschriftlichen Notizen aus seiner Tasche und liest:

Brief des Paulus an die christliche Gemeinde in Rom, Kapitel 11, 25-29:

Ich möchte, dass ihr die verborgene Wirklichkeit kennt, Geschwister, damit ihr die Dinge nicht nur nach euren Maßstäben beurteilt: Über einen Teil Israels erging eine Verhärtung. Sie wird so lange anhalten, bis die Völker vollzählig hinzugekommen sind. Auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden, wie es aufgeschrieben ist: Aus Zion wird die Rettung kommen, sie wird Jakobs Trennung von Gott aufheben. Und dieses ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehme. Im Blick auf die Freudenbotschaft sind sie feindlich gesinnt – um euretwillen. Im Blick auf die Auserwählung sind sie Geliebte, auf Grund ihrer Mütter und Väter. Denn Gott bereut es nicht, in freier Zuwendung Geschenke gemacht und Menschen gerufen zu haben. Das gilt unwiderruflich.

Samuel: Na, immerhin bleiben wir Juden die geliebten Kinder Gottes. Aber ich störe mich an manchen Formulierungen in diesem Text von eurem Paulus, so heißt er doch? Er schreibt, wir sollen verhärtet sein. Weil wir Jesus Christus nicht glauben?

Andreas: Naja, tut ihr ja auch nicht. Aus unserer Sicht schließt ihr eure Ohren ja zu.

Samuel: Seh´ ich natürlich anders, aber ich habe ja auch eine andere Sichtweise. Und euer Paulus meint, eurem Evangelium sind wir vom Volk Israel feindlich gesonnen, ja?

Andreas: Ihr lehnt unsere Botschaft ja ab, ist doch so! Ihr seid gegen unsere Botschaft. Insofern seid ihr der Botschaft feindlich gesonnen, aber nicht Feinde für uns. Da gibt es doch einen großen Unterschied.

Samuel: Na, dann bin ich beruhigt. Aus uns zweien werden sowieso niemals Feinde.

Andreas: Nein, unsere Freundschaft bleibt! Und wir verabreden uns weiterhin, um gemeinsam in die Synagoge zu gehen, auch wenn ich nun etwas anders an unseren Gott glaube als du.

An dieser Stelle verlassen wir die beide Freunde Samuel und Andreas und blicken noch einmal auf das fiktive Gespräch zurück. Weil die Urchristen noch keine eigenen Gotteshäuser gebaut hatten, besuchten sie wie Andreas erstmal weiter die Synagogen. Schließlich hatte das auch Jesus getan. Doch in den Synagogen fragen nun immer mehr Menschen nach, was es mit den Christgläubigen unter ihnen auf sich habe. Auch Samuel fragt, Andreas muss sich erklären. Indem er Besonderheiten seiner Ekklesia gegenüber den nicht christusgläubigen Juden herausstellt, muss er sich automatisch von ihnen abgrenzen. In diese Situation hinein spricht der Predigttext, den „Andreas“ vorgelesen hat.

Einige Formulierungen im Text des Paulus haben Samuel gestört: Dass die Juden verhärtet, dass sie dem Evangelium feindlich gesinnt seien. Andreas hat ihm erklärt, wie die Worte eigentlich gemeint waren. Doch diese und ähnliche Formulierungen wurden später in der Geschichte des Christentums zum Problem. Sie waren leicht misszuverstehen. So kam es immer wieder zu Fehlinterpretationen. Selbst ein Theologe wie Martin Luther verstand sich in Feindschaft zu den Juden. Von heutigem Bibelverständnis her ist das scharf zu verurteilen.

Unser Predigttext stellt klar: Ganz Israel wird errettet werden. Die Juden sind Geliebte Gottes um der Mütter und Väter willen. So ist es an uns, dem Volk Gottes mit besonderem Respekt zu begegnen. Und Respekt gebührt allen Menschen, unabhängig von Herkunft und Glauben. Diesen Gedanken gibt es auch im jüdischen Glauben. Eine jüdische Geschichte erzählt:

Ein Rabbi fragte seine Schüler, wann der Tag beginnen würde. Der erste fragte: „Beginnt der Tag, wenn ich von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ – „Nein“, sagte der Rabbi. „Dann beginnt der Tag, wenn ich von weitem einen Dattelbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann“, sagte der zweite Schüler. Der erntete wieder ein Nein. „Aber wann beginnt der Tag?“, fragten die Schüler. Der Rabbi antwortete: „Der Tag beginnt, wenn du in das Gesicht eines Menschen blickst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Jüdinnen und Juden sind unsere älteren Schwestern und Brüder im Glauben. So beschreibt es die Bibel. Doch leider gibt es in der gemeinsamen Geschichte von Juden und Christen viele dunkle Stellen, die davon zeugten: Es war viel Nacht unter ihnen. Gerade Christen sahen in den Juden oft keine Geschwister, sondern Feinde. Durch die Jahrhunderte hindurch gab es immer wieder Antisemitismus. Wenn eine Seuche ausbrach, hieß es, die Juden seien schuld, sie hätten die Brunnen vergiftet. Als wenn es in unsicheren Zeiten mehr Sicherheit schaffen würde, sich einen Sündenbock zu erfinden.

Es ist erschütternd, dass sich solche Lügen heute wiederholen: In verschiedenen Städten wurde in den vergangenen Monaten gegen die Corona-Verordnungen protestiert. Rechte, Linke, besorgte Bürger, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker haben sich bunt zusammengemischt. Manche Menschen fallen auf, denn sie tragen gelbe Davidsterne, ähnlich denen der Juden im Dritten Reich. Einige Verschwörungstheoretiker verbreiten Falschnachrichten: Das Coronavirus sei von den Juden in die Welt gesetzt worden, um daraus wirtschaftlichen oder politischen Profit zu ziehen. Manche Davidsterne auf den Coronademos haben durch einen Schriftzug noch eine andere Bedeutung. „Ungeimpft“ steht auf ihnen. Impfgegner vergleichen die Corona-Verordnungen mit den Maßnahmen des Holocaust. Das ist ein schiefer, in höchstem Maße unangemessener Vergleich. Er verkennt das unendliche Leid derjenigen, die den Holocaust erlebt haben.

Aus christlicher Sicht ist das scharf zu verurteilen. Unsere Jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger verdienen Respekt, auch bezüglich dessen, was sie in ihrer Geschichte erlitten haben. Ich wünsche uns ein Miteinander mit ihnen ähnlich wie zwischen Samuel und Andreas: Jeder hat etwas andere Glaubens- und Weltvorstellungen und doch bleiben sie im Gespräch, pflegen darüber hinaus eine freundschaftliche Beziehung. Kommen wir noch einmal kurz zurück zu ihnen und ihrem Gespräch um das Jahr 60 n. Chr. Samuel darf den Schluss dieser Predigt einleiten. Samuel, du hast das Wort:

Samuel: Lieber Andreas, bevor du zu deiner Ekklesia gehst, lass uns noch einmal anstoßen auf unsere Freundschaft. Ich hoffe sehr, dass es zwischen uns so bleibt, auch wenn du auf andere Weise als ich an unseren gemeinsamen Gott glaubst. Vielleicht kommen Zeiten, dass ihr eigene Gotteshäuser baut und unsere Synagogen nicht mehr zum Beten braucht. Wie schön wäre es, wenn trotzdem immer wieder gutes Miteinander entstehen könnte zwischen uns Juden und euch Christgläubigen.

Andreas: Das finde ich auch!

Liebe Gemeinde, ja, schön wäre es, wenn wir heute an einem guten Miteinander zwischen Christen und Juden mit bauen würden! Der Anfang ist, die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu achten als unsere älteren Geschwister im Glauben. Amen.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pastorin Angela Walther

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