Veröffentlicht von Angela Walther am So., 26. Jul. 2020 13:51 Uhr

Liebe Gemeinde,

Herbst 2005. Kaum einen Menschen kenne ich hier. Ich habe gerade den Studienort gewechselt, bin neu nach Göttingen gezogen. Aber noch nicht richtig angekommen. Das erste Wochenende. Was mache ich bloß? In Göttingen gibt es eine Unikirche. Die probiere ich am Sonntag gleich aus. Eine junge Gottesdienstgemeinde, die meisten Studierende, alle in meinem Alter. Die anderen scheinen sich hier alle zu kennen, sitzen in Grüppchen zusammen. Insgeheim bin ich neidisch, denke an meine Freunde, doch die sind weit weg in anderen Städten. Ich finde einen Platz am Gang, sitze allein. Nach dem Gottesdienst kommt eine junge Frau mit wuscheligen Locken auf mich zu und sagt: „Hey, kennen wir uns nicht von der Posaunenchorprobe am Montag? Ich glaube, wir waren beide zum ersten Mal da.“ Richtig, ich erkenne sie wieder. „Ich bin übrigens Marlene, spiel´ Trompete.“ Wie gut tut es mir in diesem Augenblick, dass mich jemand anspricht! Ich erzähle kurz, was ich so mache. Neben der Kirche ist ein Café, da setzen wir uns an einen Tisch. Schnell finden wir eine Gemeinsamkeit: Wir beide besuchen gern Gottesdienste. Gleich verabreden wir uns für nächste Woche. Nach der Kirche bleiben wir noch zusammen. Ich weiß nicht mehr, wer zuerst die andere zu sich eingeladen hat. Mal sind wir in den kommenden Wochen bei ihr in der WG, mal bei mir im Studentenwohnheim und kochen. Es gibt Quiche, Kürbisreis oder Gemüsepfanne mit Bambus. Wir decken den Tisch schön und verwöhnen wir uns gegenseitig. Ich erinnere mich sehr gern an diese Besuche zurück: Uns austauschen, wie wir den Gottesdienst fanden, reden, essen, herumalbern, unbeschwert sein oder aber Sorgen teilen.

Unser Predigttext ist heute nur ganz kurz, ein Vers aus dem Hebräerbrief 13,1-2.: „Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Marlene ist sicher kein Engel, genauso wenig wie ich. Und doch war es beim Kochen, als wenn sich etwas zwischen Himmel und Erde ereignete. Nichts Großartiges, aber doch Freude über die gemeinsame schöne Stunde, die sich aus unserem Lernalltag heraushob, Fröhlichkeit, der anderen etwas Gutes zu tun. „Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe“, hat einmal der Philosoph Ralph Waldo Emerson gesagt. Martin Luther umschreibt gastfreundlich mit „gastfrei“. Das griechische Wort heißt „Filoxenia“: Liebe zum Gastgebersein aber auch zum Fremden, kann das wörtlich übersetzt heißen. Also auch Offenheit gegenüber jemandem, den man noch nicht kennt, der vielleicht neu irgendwo dazu kommt. Aus Gastfreundschaft kann sich auch mehr entwickeln, zum Beispiel eine Freundschaft, muss aber nicht.

Die ersten christlichen Gemeinden waren auf Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort angewiesen. Ohne gegenseitige Besuche wäre es kaum möglich gewesen, sich auszutauschen, abzusprechen und innerhalb der neuen Glaubensgemeinschaft den Kontakt miteinander zu halten. Telefon oder digitale Kommunikation es gab ja damals noch nicht, und Briefe zu schreiben allein reichte nicht aus. So schickten die Gemeinden Abgesandte zu den Christinnen und Christen in anderen Städten. Diese mussten irgendwo unterkommen. „Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt, “ ruft auch der Verfasser des um 90 n.Chr. niedergeschriebenen Hebräerbriefs seinen Glaubensbrüdern und – schwestern in Erinnerung.

Wie schön, wenn solch ein gastfreundschaftlicher Kontakt zwischen Gemeinden länger hält. Ich denke an die Partnerschaft unserer Gemeinde mit unserem Straßenkinderprojekt Nenyo Harborbor in Ghana und dem Besuch von Olivia Akuaku und Reverend Eric Gle vor drei Jahren. Sehr berührt hat mich persönlich noch ein anderer Besuch im Frühjahr 2018, als nämlich der Göttinger Posaunenchor mich und uns hier in der Christuskirche besucht hat. Meine Freundin Marlene ist in Göttingen wohnen geblieben und spielt immer noch Trompete in unserem alten Posaunenchor. So ergab es sich, dass wir den Chor zu uns nach Bremen eingeladen haben. Ein Wochenende lang waren hier in unserem Gemeindezentrum Gastgeber und wurden dafür am Sonntag im Gottesdienst mit wunderschöner Bläsermusik beschenkt. Einige erinnern sich vielleicht daran. Damals hatte ich nicht selbst mitspielen können, ich war zu dem Zeitpunkt hochschwanger. Als ich in der Bankreihe hier in der Kirche saß und den Klängen der Musik lauschte, bekam ich eine Gänsehaut. Ich war tief ergriffen. Für mich war es so, als wäre da irgendetwas zwischen Himmel und Erde angestoßen worden, in Schwung gekommen. „Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“. Hier vorn saßen ganz normale Menschen, keine Engel und bliesen in ihre Instrumente. Und doch transportierten sie etwas in unsere Kirche, das wie ein Windhauch Gottes hier hereinkam. So habe ich es empfunden. Und vielleicht stimmt es ja doch und wir hatten für einen kurzen Moment himmlischen Besuch. Vielleicht werden normale Menschen für einen ganz kleinen Moment zu Engeln, nämlich gerade dann, wenn Gott uns durch sie anrührt. Dann ist unsichtbar der Heilige Geist am Werk. Wann das passiert, ist nicht messbar oder nachweisbar. Ich kann für mich sagen, ich habe das Gefühl, er war da, etwas in mir wurde angerührt. Aber genauso kann der Moment für meinen Banknachbarn ganz anders gewesen sein. Mag sein, dass der gedacht hat: „Bläsermusik war noch nie so mein Fall,“ und dann ist er mit den Gedanken abgeschweift. Mag sein, dass dieser Banknachbar aber bei einer ganz anderen Begebenheit auch schon einmal das Gefühl hatte, wie von Gottes Windhauch berührt worden zu sein. Selten lässt sich das, was sich da ereignet, genau greifen und mit Sicherheit behaupten. Es bleibt beim subjektiven, diffusen Erleben, dem Gefühl, dass Gottes Nähe einen Augenblick spürbar gewesen sei.

Auch bei Abraham damals waren einfach drei Männer zu Besuch, wir haben es vorhin in der alttestamentlichen Lesung gehört (1 Mose 18, 1-8). Abraham bot ihnen seine Gastfreundschaft an und sie aßen. In der Kunst werden die drei Männer oft als Engel mit Flügeln dargestellt, doch in der Bibel werden Flügel nicht erwähnt. Ob Abraham gleich erkannt hat, dass es Gott war, der in Gestalt dieser drei Männer zu ihm gekommen ist, wissen wir nicht. Doch spätestens im Nachhinein wird Abraham klar, dass es Gott gewesen sein muss: Es tritt ein, was die drei Männer vorhergesagt haben. Eine Gottesbegegnung, so intensiv wie sie wohl selten geschieht, wie wir sie vermutlich nicht selbst mit Abraham teilen können. Was die meisten aber mit ihm teilen können, ist die Erfahrung, Gastgeber sein zu dürfen.

Vielen macht es Freude, andere einzuladen: Lecker kochen, dann den Tisch schön decken, vielleicht noch eine Blume und eine Kerze dazustellen, sich schon in der Küche ausmalen, wie sich die Gäste freuen werden. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire hat einmal gesagt: „Es gibt kein schöneres Vergnügen als einen Menschen dadurch zu überraschen, dass man ihm mehr gibt, als er erwartet hat.“ Doch die Gastfreundschaft ist in Coronazeiten komplizierter geworden, trotz der Lockerungen. Manche haben Ihre Kontakte reduziert, wollen möglichst wenige Risiken eingehen. Familien mit kleinen Kindern, die noch keinen Abstand einhalten können, treffen lieber nur wenige andere Familien. Die Vorsichtigen, suchen sich andere aus, die auch vorsichtig sind und verabreden sich am liebsten draußen, jeder mit seiner eigenen Brotdose. Andere sagen, „Wir müssen mit dem Risiko Corona leben und können uns nicht ewig einschränken“, und machen sich weniger Gedanken. Doch wenn diese Mutigen gerade von einer größeren Familienfeier zurückkommen, gibt es wieder vorsichtige Freunde, die dann lieber kein Treffen mit ihnen möchten. So bilden sich neue Konstellationen heraus, in denen soziale Kontakte gepflegt werden.

„Gastfrei zu sein, vergesst nicht“, heißt es in unserem Predigttext. Wir gut, dass Besuche mittlerweile wieder erlaubt sind. Trotzdem entscheiden sich Menschen in manchen Situationen dagegen. Auch wir werden Marlenes für diesen Sommer geplanten Besuch bei mir verschieben. Im Frühjahr ist sie Mutter geworden. Ihr wenige Monate altes Baby mit unseren Zweijährigen zusammenzubringen, wäre uns noch zu heikel. Manchmal gibt es Gründe, die dagegen sprechen, seine Gastfreundschaft anzubieten. Menschen sind in der sogenannten „Risikogruppe“, andere leben in Einrichtungen mit strengen Besuchsregelungen, wie dem Seniorenheim. Vielleicht braucht es in diesen Zeiten aber ein erweitertes Verständnis des Begriffs Gastfreundschaft. Kann es nicht auch wie Gastfreundschaft sein, wenn ich Menschen auf andere Weise beschenke, sie in meinem Leben willkommen heiße? Ich glaube schon. Dann lasse ich sie an dem, was mein Leben ausmacht, Anteil haben.Mit Marlene tausche ich ab und an eine zwar kurze aber umso herzlichere Nachricht per WhatsApp mit Fotos aus. Zweimal haben wir in der für uns Familien turbulenten Coronazeit sogar geschafft zu telefonieren, das war ganz besonders kostbare, schöne Zeit! Mit der Familie von außerhalb halte ich es ähnlich. Durch WhatsApp-Fotos und Sprachnachrichten sind die Beziehungen zu manchen Angehörigen sogar intensiver geworden als vorher. Vieles ist möglich, doch wünsche ich uns, dass wir auch diejenigen nicht aus dem Blick verlieren, die in diesen Zeiten vielleicht weniger auffallen: Zum Beispiel die, die allein sind und sich wünschen, neue Kontakte zu knüpfen, die, die vielleicht neu zugezogen sind, die, die sich wegen einer starken Erkältung in diesen Zeiten nicht unter Menschen trauen, die, die nicht rauskommen, weil sie nicht mehr gut zu Fuß sind, genauso wie die, die im Altenheim leben.

Vielleicht fallen Ihnen gleich konkrete Menschen ein, die sich über die geschwisterliche Liebe freuen würden, die uns der Predigttext aus dem Hebräerbrief ans Herz legt. Ganz am Ende der Predigt lese ich ihn noch einmal vor: „Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Bleiben Sie behütet, Ihre Pastorin Angela Walther

 

Kategorien Neues aus der Gemeinde