Veröffentlicht am Mo., 20. Jul. 2020 12:34 Uhr

5. Mose 7, 6-12

Der heutige Predigttext hat mich in folgende Fragestellungen gestellt und vielleicht mögen Sie/mögt Ihr mir folgen und sich das selbst fragen: welchen Platz nehme ich in meiner Familie ein? Was empfinde ich, welche Aufgabe habe ich da? Bin ich eine Kümmerin? Halte ich mich abseits? Halte ich die Familie zusammen? Dasselbe kann ich fragen im Freundes- und Freundinnenkreis, bei der Arbeit, Schule, Verein, Gemeinde? Was empfinde ich – gibt es einen eigenen Beweggrund, warum ich etwas Bestimmtes tue oder auch nicht oder gibt es auch so etwas wie einen äußeren Kompass, nach dem ich mich ausrichte bei meinen Entscheidungen? Frage ich mich, welche Gaben habe ich?

 

 Und immer geht es dabei um Gemeinschaft und Zusammenleben – und die Frage: was ist mein Platz, meine Aufgabe, wie und womit will ich mich einbringen, damit die Gemeinschaft gelingt und gut wird.

Dieselbe Frage stellen sich auch Staaten. Welche Rolle spielt Europa in der Welt, ist heute eine vieldiskutierte  Frage. Oder welche Rolle soll Deutschland spielen? Und auf welche Weise – wirtschaftlich, militärisch, umweltpolitisch?

 

Auch in diesem Frageraum: Es geht um die Gemeinschaft des Menschen auf der Erde – und wie versteht sich ein Land in diesem Zusammenspiel! Was kann es einbringen, welche demokratischen Lehren zieht es aus der Vergangenheit? Was ist vielleicht eine besondere Gabe. Wenn wir in die Völker- und Staatengeschichte auf dieser Erde schauen, steht diese Frage immer im Raum.  

Und lade ich nun ein, mit mir in die Gedanken- und Glaubenswelt des alten Israels einzutauchen.  

Es ist die Zeit nach einer großen Katastrophe. Nebukadnezar hatte das Land überfallen, verwüstet und Jerusalem zerstört. Viele wurden deportiert nach Babylon. Und dann nach 70 Jahren durften auch viele zurück in das Land ihrer Vorfahren und einen neuen Staat aufbauen: die alles entscheidende Frage war: wie wollen wir zusammenleben, nach welchen Regeln wollen wir leben und welche Rolle spielen? – wir in der Nachbarschaft zu den anderen großen, mächtigen Staaten – Ägypten, Assyrien. So haben sich die Priester, die Propheten, die Rabbinien zusammengesetzt und haben eine Schrift verfasst: das 5. Buch Mose, und sie haben ihre Einsichten, ihren Glauben, das Wissen und die Schriften der Vorfahren zusammengefasst und sie Mose in den Mund gelegt. Sie haben sich vorgestellt: so hätte Mose es gesagt als seine letzte große Abschiedsrede, sein Vermächtnis an das Volk Istrael.  

Und was sind nun die wesentlichen Glaubensbekenntnisse von ihnen?: dass Gott Menschen nicht in der Katastrophe lassen will, sondern dass Gott nicht aufhört, nach Auswegen zu suchen, Neuanfänge wagt. Gott will, dass es gut wird.

  • Nachdem das Paradies verloren war, hat Gott Adam und Eva Kleidung geschenkt zum Überleben.
  • Nach der großen Flut –durch die Bosheit der Menschen verursacht- hat Gott mit Noah und seiner Familie einen neuen Anfang gemacht.
  • Nach dem Turmbau zu Babel, den die Menschen in ihrem Größenwahn erbaut, bindet sich Gott wieder an ein Menschenpaar – an Abraham und Sarah – und dann an ihre Nachkommen, um den Traum von Recht und Gerechtigkeit, den Gott für die Menschheit träumt neu in die Welt zu bringen.
  • Und aus der Katastrophe der Sklaverei in Ägypten lässt Gott das Volk einen Ausweg fiinden. Und nun hat Israel die Aufgabe, Recht und Gerechtigkeit in dem geschenkten Land zu leben.

So verstehen es die Propheten, die Rabbinen, die Priester: Gott liebt das Kleine, Schwache – und dieses kleine Israel ist dazu ausgesucht, erwählt, eine Gemeinschaft zu bauen, in der die Gebote gehalten werden, in der Recht und Gerechtigkeit gelebt werden, in der die Schwachen geschützt werden, in der alle 7 Jahre die Schulden erlassen werden, in der die Bindung an Gott das höchste Gebot ist.  

Und diese Bindung, dieser Bund ist durch gegenseitige Liebe geprägt. Und die gegenwärtige Liebe ist nicht nur ein Wort, sondern ein Tun. Diese Aufgabe auszuführen, schärfen die Propheten und Priester und Rabbinen dem Volk Israel immer wieder ein.

Israels Aufgabe und Ziel seiner Erwählung ist, den Völkern zu zeigen, wie Gottes Liebe sich ausdrückt – und einzuladen, dass dieser Liebesweg von Recht und Gerechtigkeit der Weg Gottes ist mit seiner gesamten Menschheit. 

Das Buch Jona ist ein sprechendes Beispiel für diese Aufgabe und Rolle Israels für die Menschen.

Und was fangen Christen und Christinnen mit diesem Text an? Es sind doch die Worte für Israel.  

Nun: wir Christen und Christinnen glauben und vertrauen darauf, dass wir durch Jesus mit in diesen bund Gottes mit Israel hineingenommen sind.  

Wenn es im Taufauftrag heißt: - „tauft sie und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“, dann ist das die Hineinnahme in diesen Bund Gottes mit Israel – und das ist: Recht und Gerechtigkeit, Gottes Liebe und Nächstenliebe, Achtsamkeit für die im Moment  Schwachen – zu leben. Der Taufauftrag heißt: - dass auch wir in die Aufgabe mit hineingenommen sind,  mit Jesus und seinem Volk zu glauben, dass Gott treu ist, und nicht fahren lässt das Werk seiner Hände – dass Gott bei uns sein will und mit uns, - wenn wir seine Liebe und Treue in die Welt bringen. So spricht Gott durch Jesus zu uns – „siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“!  

Pastorin Annette Niebuhr

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