Veröffentlicht am Mo., 6. Jul. 2020 09:19 Uhr

Aus dem Gottesdienst vom 05. Juli -  für Sie zum Lesen.

Endlich Ferien! Das Semester ist vorbei und ich freue mich auf den Urlaub. Eine herrliche Woche steht uns bevor. Wir wollen nach Mecklenburg fahren, ein bisschen an Seen zelten, Städte angucken und in der Ostsee baden, Samuel, Robin und ich. Wir kennen uns aus dem Studium. Samuel kommt ursprünglich aus Mecklenburg, aus einem kleinen, verschlafenen Nest. Er hat 12 Geschwister und seine Eltern sind zu großen Teilen Selbstversorger. Sie haben Schafe, Geflügel und einen großen Gemüse- und Obstgarten. Geheizt wird mit Holz. Dort wird heute Abend unsere erste Station sein. Wir packen also unser Zelt, unsere Reisetaschen, Proviant und Picknick in den alten geliehenen Kombi. Und dann geht’s los.

Hinter Hamburg fahren von der Autobahn ab. Nach und nach werden die Straßen leerer und die Dörfer seltener. Alleen durchziehen endlose Felder. Hin und wieder kommen wir an einem See vorbei. Die Mittagssonne scheint. Man sieht kaum Menschen. Jetzt ist es nicht mehr weit bis in Samuels Dorf. Dann geht eine Straße ab, ein Schild gibt an, dass sie nach Jamel führt. Jamel.  Samuel erzählt uns: „1992 feierten hier 120 Neonazis zu Ostern den Geburtstag Adolf Hitlers und hissten die Reichskriegsflagge. Im Ort gibt es einen Wegweiser, der die Richtungen nach Braunau, dem Geburtsort Hitlers, Königsberg und in die Ostmark zeigt. Man wünscht sich hier offensichtlich ein „Großdeutsches Reich“ zurück. In der Mitte des Dorfes gibt es einen Findling, auf dem ist zu lesen: Dorfgemeinschaft Jamel, frei – sozial –national. Bewohner des Dorfes, die nicht in das Weltbild der Rechten passten, wurden durch Brandstiftungen vertrieben. Der Bürgermeister der Gemeinde, zu der Jamel gehört, gibt ganz offen zu: Jamel sei ein Dorf, dass man aufgegeben habe. Es gibt aber auch Widerstand gegen die Rechten: Ein aus Hamburg zugezogenes Ehepaar lässt sich nicht einschüchtern und veranstaltet jedes Jahr ein Rockfestival gegen rechts. Bei denen ist auch schon die Scheune abgebrannt.“

Mir kommt ein Satz von Paulus: Vergeltet niemanden Böses mit Bösem, schreibt Paulus. Gilt das in so einem Fall? Müsste man die Brandstiftung der Nazis mit Guten vergelten? Ein ziemlich komischer Gedanke. Der Satz steht im heutigen Predigttext, der ganze Text lautet so:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ists möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes, denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Wir fahren weiter durch die schöne Landschaft und kommen schließlich in dem Dorf an, aus dem Samuel kommt. Die einzige Straße heißt Dorfstraße. Einige Bauernhöfe und Wohnhäuser säumen sie. Ungefähr in der Mitte des Dorfes eine steht eine alte Backsteinkirche. Von Bäumen umgeben und umrankt von Efeu trotzt sie dort den Jahrhunderten. Samuel erzählt, dass es keinen Pastor mehr im Ort gibt. Auch sonntags kommt keiner mehr um den Gottesdienst zu halten. Also muss die kleine Gemeinde Gottesdienst ohne Pastor feiern. Samuels Vater ist im Kirchenvorstand und predigt auch alle paar Sonntage.

Dann sind wir bei Samuel zu Hause angekommen. Wir werden herzlich empfangen, der Grill ist schon an, die Getränke stehen kalt. Schnell kommen wir ins Gespräch und schnell sind wir beim Thema Kirche – wie könnte es bei drei Theologiestudenten und einem Kirchenvorsteher anders sein. Ich frage Samuels Vater, wie die Situation mit den Neonazis so sei. Was unternehmt ihr gegen sie? Und er erzählt: „Garnichts unternehmen wir gegen sie.  Die Nazis sind sowieso schon sehr isoliert. Wenn wir als Gemeinde klare Kante gegen sie zeigen, dann würden die sich nur zurückziehen. Wir würden sie aus der Kirche ausschließen. Und sie würden denken: Kirche, das ist ja auch nur linksgrüne Politik. Daher sind sie, genauso wie Flüchtlinge bei uns willkommen. Wir predigen nicht gegen sie. Die frohe Botschaft des Evangeliums lädt auch sie ein.  Damit erreichen wir nicht, dass sie keine Nazis mehr sind. Politisch bleiben tiefe Gräben zwischen uns. Aber der Umgang miteinander ist gut. Wir grüßen uns. Wir wissen um unsere Differenzen, aber wir können trotzdem vernünftig über Vieles miteinander reden. Vor ein paar Wochen haben sie unseren Sohn gefunden und zu uns zurückgebracht, als er sich verlaufen hatte.“

Erneut kommt mir der Paulus-Satz in den Sinn. Könnte, was Paulus fordert, so aussehen, wie Samuels Vater es beschreibt?

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ists möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes, denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das, was Samuels Vater gesagt hat, macht mich nachdenklich. Wenn ich die Rechten einfach von der Kanzel aburteile, wenn ich ihnen das Leben so schwer wie möglich mache, dann eskaliert die Situation bloß.  Ich erreiche sie mit meiner Botschaft nicht, indem ich sie verurteile. Geholfen ist niemandem. Die Rechten bleiben rechts. Bloß der Umgang miteinander würde sich zum Schlechten verändern.

 

Aber dennoch. Etwas in mir sträubt sich massiv. Nicht nur, dass es ein ziemlicher Euphemismus ist, von „politischen Differenzen“ zu sprechen. Ich glaube auch nicht, dass man wirklich vernünftig mit Menschen reden kann, die ideologisch verblendet sind. Da muss man aber ziemlich viele Gesprächsthemen ausklammern. Man kann doch menschenverachtende Ansichten nicht einfach tolerieren? Leute grüßen, die Menschen, die ihnen nicht passen, mit Gewalt vertreiben wollen. Es ist ein Gewissenskonflikt, wenn ich Rechtsradikalen nur Gutes tun will – unterstütze ich damit nicht auch ihr Gedankengut? Muss man Nazis nicht entschieden entgegentreten? Eigentlich sollten unserer deutschen Geschichte doch wissen, was passiert, wenn man es nicht tut: Wenn man nichts unternimmt gegen rechtsextremes Gedankengut, dann endet es in der Katastrophe. Wehret den Anfängen.

Vielleicht muss man unterscheiden, so denke ich weiter. Zwischen den Menschen und ihren Ansichten. Zwischen den Menschen und ihren Taten. Die böse Ansicht und die böse Tat kann ich dann verurteilen, nicht aber den Menschen. Er bleibt wie ich liebenswertes Geschöpf Gottes. Aber wie soll das in der Praxis gehen? Jeder Mensch ist doch für seine Taten verantwortlich und die Tat nicht vom Täter zu trennen. Ich kann ja nicht sagen: Naja, der Nationalsozialismus war eine schlimme Sache. Aber die Nazis, nun ja, als Menschen waren sie bestimmt ganz ok. Nein, so funktioniert es nicht für mich.

Zugleich frage ich mich: Funktioniert es für Gott so? Wie könnte Paulus es gemeint haben, wenn er aus der hebräischen Bibel zitiert: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.  Meint er es so, dass Gott am Ende im jüngsten Gericht den Menschen für seine Taten zur Verantwortung zieht Müsste es nicht schon deshalb so sein, weil hier auf der Erde so viel himmelschreiendes Unrecht ohne Konsequenzen für die Täter bleibt? Am Ende aller Tage würde Gott, wenn er gerecht ist, die Gerechtigkeit schaffen, die es hier auf der Erde so oft nicht gibt.

Dass Gott am Ende der Zeit Gerechtigkeit schafft, dass hoffe ich. Aber, ich hoffe auch, dass es kein Gericht der Rache sein wird. Gott braucht keine Rache. Er wird bestimmt das Unrecht benennen und für Gerechtigkeit sorgen. Nur vielleicht ganz anders, als wir uns das vorstellen können. Gott ist nicht nur gerecht, er hat sich in Jesus Christus als liebender Vater gezeigt. Das heißt für mich, dass er zu uns steht, ganz unabhängig davon, was wir tun. Das was uns am Ende nicht gelingt - er wird es bestimmt schaffen: Unsere bösen Taten zu verurteilen ohne uns zu verdammen. Ich hoffe darauf, dass er einen Weg weiß, Gerechtigkeit herzustellen, ohne Böses mit Bösem zu vergelten. Gott wird das Böse mit Gutem überwinden. Wenn es einer kann, dann er.

Vikar Eike Blüthner 

Kategorien Neues aus der Gemeinde